Giuliani pop

Donnerstag, 18 Juni 2015 16:13

Ay Amor!

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Ay Amor CDAy amor … about Love, Desire and Passion
Duo Arcadie: Franziska Markowitsch, Mezzo-Sopran; Ulrike Merk, Gitarre
Sephardische Lieder und Werke von de Falla, Rodrigo, Juan Vásquez, García Lorca, Mompou, Narváez, Ruiz-Pipó
Aufgenommen im Februar 2012, erschienen 2013
CHROMART TXA 13021, im Vertrieb von Note-1
… Vergnügen ganz besonderer Art …




Sephardische LiederUlrike Merk (Hrsg.), Sephardische Lieder für Singstimme und Gitarre. Wien u.a. 2013, Doblinger, (zwei Spielpartituren) D. 20218, € 19,95
Dass bei der Besprechung der CD „Ay Amor“ mehr über die Sephardischen Lieder als über das andere Repertoire gesagt wird, liegt zum einen an der Besonderheit dieser Lieder – zum anderen daran, dass sie gleichzeitig mit der CD bei Doblinger als Notenausgabe herausgekommen sind und sich somit für weitere Aufführungen empfehlen.
Freilich gehören die anderen Werke der CD keineswegs zum Allerweltsrepertoire, aber sie sind bekannt und man ist ihnen schon begegnet. Die stimmungsvollen Lieder von Federico García Lorca (1898—1936) zum Beispiel, sind mittlerweile spanische Klassiker, dabei wären sie für immer verloren gewesen, hätten nicht Musiker und Wissenschaftler sie nicht nach Schellackplatten aus dem Jahr 1931 transkribieren können. Oder die „Siete Canciones Españolas“ von Manuel de Falla 1876—1946). Sie sind von Miguel Lobet für Gitarre arrangiert worden und erst 1957 im Druck erschienen. Alles große Kunstwerke, die lange unbeachtet geblieben sind!
Die Sepharden waren in Spanien lebende Juden, die nach 1492, als die Reconquista abgeschlossen war, das Land verlassen mussten. Die Araber und Berber, die im achten Jahrhundert das Land erobert und dann rund achthundert Jahre fast die ganze iberische Halbinsel beherrscht hatten, waren vertrieben – jetzt ging die „Heilige Inquisition“ gegen Juden vor. Es gab Pogrome und Gesetze und schließlich durften von den Juden nur noch die im Land bleiben, die zum christlichen Glauben übertraten. Alle anderen verließen Spanien. Viele ließen sich im Osmanischen Reich nieder, andere in den Übersee-Handelsstädten der Niederlande, Englands und auch in Deutschland. Eine der größten Gemeinden gründeten die Sepharden in Thessaloniki (Griechenland) – so groß, dass man sie das „Jerusalem des Balkans“ nannte. Dort lebten sie in Frieden bis 1941. Dann kamen die Nazis.


Als die Sepharden die iberische Halbinsel verließen, nahmen sie das mit, was sie tragen konnten: Kulturgüter wie Sprache und Musik. Ihre Lieder haben im Laufe der Jahrhunderte Eigenarten der Länder aufgenommen, in die sie gebracht worden sind … auch die Sprache, die Ladino, Espanyol, Judeo-Español oder auch Judenspanisch genannt wurde und wird.
Ulrike Merk, die übrigens auch die informativen und lesenswerten Texte im Booklet der CD geschrieben hat,
standen für ihre Veröffentlichung der sephardischen Lieder groß angelegte Veröffentlichungen zur Verfügung, die die Ethnomusikologie vor teilweise über hundert Jahren hervorgebracht hat. Die Lieder der Sepharden sind nämlich mit Texten und Melodien nicht nur tradiert, sondern auch dokumentiert worden und stehen uns somit heute zur Verfügung.
Nicht mitgeliefert wurden der Herausgeberin und Gitarristin Ulrike Merk die Begleitungen. Die hat sie geschrieben … und zwar hat sie das äußerst zurückhaltend und sensibel gemacht. Die nicht Dur-Moll-tonale „Sephardische“ Skala, die in vielen Liedern harmonisch vorherrscht, stimmt den Zuhörer dabei unversehens ein auf ungewohnte und doch unverwechselbare Umgebungen.
Was die Besetzung der CD angeht, ist Franziska Markowitsch vom Stimmvolumen her eine mehr als erfreuliche Wahl … man bedenke bitte, dass die vorgetragenen Lieder aus dem volkstümlichen Repertoire stammen – dafür hat die Sängerin wohl dosiert zwischen Kunst und Folklore, zwischen Liebeslied und Oper.
Gelegentlich wünschte man sich, die Texte besser zu verstehen … aber nobody is perfect, nicht mal der Rezensent! Dass Ulrike Merk die optimale Besetzung ist, versteht sich fast von selbst.
Diese CD ist ein Vergnügen ganz besonderer Art, das sich durch die neu vorliegende Ausgabe bei Doblinger zusätzlich entschlüsselt.

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