Giuliani pop

Sonntag, 14 Juni 2015 14:02

Anna Torge spielt Mandolinenkonzerte

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CD MandolinenkonzerteMandolinenkonzerte: Barbella, Giuliani, Hoffmann
Anna Torge, Mandoline; Kölner Akademie, Michael Alexander Willens
Aufgenommen im Februar 2013
Ars Produktion, Reihe: Forgotten Treasures Vol. 11, ARS 38 092, im Vertrieb von Note 1
… mit der gebotenen Eleganz, mit Leichtigkeit und „con grazia …



Die unmittelbare Vorgängerin des Instruments, das wir heute als Mandoline kennen, wurde vor dreihundert Jahren Mandora oder gelegentlich Mandolino genannt. Es war mit Darm besaitet (und nicht mit Metall), wurde mit Fingerkuppen (und nicht mit Plektrum) angeschlagen und war auf Lautenart in Quarten mit einer großen Terz (und nicht in Quinten) gestimmt. Heute wird oft der Begriff Sopranlaute verwendet und tatsächlich hatte der Mandolino mit den größeren Lauteninstrumenten seiner Zeit Vieles gemein: ein kleines, birnenförmiges Korpus mit flacher Decke und Rosette; einen aufgeleimten Saitenhalter mit bis zu sechs Saitenpaare (Chöre).

Die „neue“ Mandoline, wie sie sich im 18. Jahrhundert herausbildete, hatte vier Chöre mit Metallsaiten, die in Quinten gestimmt waren; ein tieferes Korpus mit abgeknickter Decke; einen beweglichen Steg und Saitenhalter.

Anna Torge spielt auf ihrer CD vier Konzerte für „Neapolitanische Mandoline“, wie das neue Instrument heute noch genannt wird, und Orchester. Die Komponisten waren nicht ausnahmslos Neapolitaner – aber doch Italiener. Nur Emanuele Barbella (1718—1777) stammte aus der Stadt, in der die Mandoline so rasch Beliebtheit errang. Sein Concerto zeigt ihn als Komponisten, der jegliche barocke Strenge hinter sich gelassen hat und statt ihrer nach Natürlichkeit und Klarheit strebte … all dies Tendenzen, die wir von der Zeit zwischen „Barock“ und „Klassik“ kennen, ob wir sie nun „galant“ nennen wollen oder „empfindsam“, ob „Sturm und Drang“ oder „vorklassisch“. Vielleicht war es auch gerade die Mandoline, die diesen Bestrebungen entgegenkam und vielleicht waren die radikalen kompositorischen Umorientierungen auch Grund für das schnelle Reüssieren des neuen Instruments. Was wir hier von Anna Torge an Mandolinenmusik hören, passt jedenfalls in das Bild von Ungezwungenheit und Leichtigkeit.

Giovanni Francesco Giuliani (1760—1818) war schon deutlich weiter von barockem Pathos entfernt als Barbella – zeitlich und künstlerisch! Und er hat virtuosem Spiel gefrönt, wie es in postrevolutionärer Zeit Mode wurde. Anna Torge präsentiert auch diese Musik mit der gebotenen Eleganz, mit Leichtigkeit und „con grazia“.

Ein Konzert hören wir auf der CD, das als anonym gilt, insgeheim aber dem Opernkomponisten Giovanni Paisiello (1740—1816) zugeschrieben wird. Dessen Lebensdaten gelten dann auch als terminus post und ante quem, was die Komposition angeht. Ob das Konzert die Eleganz ausstrahlt, die wir von Paisiellos Opern kennen; ob es die leichte Hand verrät, mit der er beispielsweise die erfolgreiche „La molinara“ komponiert hat, darüber ließe sich gewiss streiten. Aber das „Concerto a Mandolino solo con Violini e Basso“ ist eine sehr willkommene Repertoirebereicherung.

Am Schluss gibt es ein Konzert von Johann Hoffmann zu hören … oder von Giovanni Hoffmann? Über einen Jean Hoffmann liest man bei Fétis 1874: „virtuose sur la mandoline, paraît avoir vécu à Vienne, vers la fin du dix-huitième siècle“, danach Angaben über einige Werke, die bei dem Wiener Musikalienverleger Traeg erschienen sein sollen oder mindestens „en manuscrit“ vorgelegen haben. Einige interessante kammermusikalische Werke sind dabei – allerdings kein Konzert.

Herr/Monsieur/Signore Hoffmann hat für 6-chörige Sopranlaute in Terz-Quart-Stimmung komponiert und das war für „la fin du dix-huitième siècle“ anachronistisch … obwohl Instrumente mit dieser Stimmung in Wien damals durchaus noch (oder wieder) in Benutz gewesen sein sollen. Hoffmanns Musik war keineswegs anachronistisch, sondern à jour. Er hat geschrieben, wie man damals in Wien schrieb: immer weiter vom kompositorischen Regelwerk losgelöst, immer melodiebetonter, immer ausdrucksstärker, immer verständlicher … all das mündete in die „Wiener Klassik“, der sich Johann Hoffmann stilistisch mit großen Schritten näherte.

Anna Torges Spiel, ihr unprätentiöses Virtuosentum, ihre Zurückhaltung und Stilsicherheit sollten der Mandoline Anhänger zurückgewinnen können, die das Instrument an tremolierende, volkstümliche Ensembles verloren hat. Zupforchester stellen das Instrument nämlich in einem völlig anderen Zusammenhang dar, als es Anna Torges CD jetzt vormacht: in einem gesellschaftlichen und keinem künstlerischen.

Die Kölner Akademie unter Alexander Willens treibt nicht, aber gibt Impulse. Sie hält sich ebenso zurück, wie sie dominiert, und das zeichnet sie als idealen Partner für ein concertare aus … für ein zwangloses, galantes musikalisches Zusammenkommen.

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