Giuliani pop

GITARRE & LAUTE ONLINE: Beiträge zu Neuerscheinungen (Notenausgaben, Bücher, CDs) auf den Gebieten Gitarre und/oder Laute, Berichte über Konzerte, Festivals und Wettbewerbe, Essays und Kommentare. Verschiedene Autoren, Chefredakteur (Verantwortlich im Sinne des Pressegesetzes): Dr. Peter Päffgen.

Narciso Yepes: The Beginning of a Legend
Werke von Rodrigo, de Visée, Rameau, Scarlatti, Bach, Sor, Milan und Sanz
Aufgenommen zwischen 1953 und 1957, erschienen 2011
IDIS 6620 (Istituto Discografico Italiano) im Vertrieb von Klassik-Center, Kassel
… erfrischend unperfekt …
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YepesNarciso Yepes (1927—1997) hat das „Concierto de Aranjuez“ am 16. Dezember 1947 öffentlich im Teatro Nacional in Madrid gespielt – bei seinem ersten Konzert in der spanischen Hauptstadt. Wenig später, noch im Jahr 1947, spielte er die Schweizer Uraufführung des Werks mit dem Orchestre de la Suisse Romande in Genf unter Ataúlfo Argenta. Yepes war zwanzig Jahre alt! Am 9. November 1940 war das Konzert in Barcelona uraufgeführt worden – mit Regino Saínz de la Maza und dem Orquesta Filarmónica de Barcelona unter César de Mendoza Lassalle.

1950 fuhren das Spanische Nationalorchester und Narciso Yepes nach Paris, um dort das Concierto aufzuführen. Das Konzert im Théâtre des Champs Elysées besiegelte den Welterfolg des Stücks … und schließlich interessierte sich die Plattenindustrie für das Werk. 1956 oder 1957 nahm Yepes das Konzert mit dem Orquesta de Camera de Madrid unter Ataúlfo Argenta auf (London International TW 91019), wenig später mit dem Spanischen Nationalorchester unter dem gleichen Dirigenten (DECCA SXL 7000).

Die ältere der beiden Aufnahmen des Konzerts durch Narciso Yepes ist auf der vorliegenden CD veröffentlicht … und zwar mit allen Unzulänglichkeiten, die sein Spiel damals enthüllte und die die noch junge Plattenindustrie noch nicht gemeistert hatte. Wenn Yepes später als der präziseste Gitarrist galt – und das meine ich eher ironisch im Sinne von pingelig –, dann hat er hier geschlurt und gehuddelt, wie ich es von ihm nie erwartet hätte – auch nicht in seiner Jugendzeit. Aber dass ein jugendlicher Wettbewerbsteilnehmer problemlos durch die flotten Passagen des Konzerts eilt ohne mit der Wimper zu zucken, wie das heute der Fall ist, davon war die Gitarristenkaste vor über fünfzig Jahren noch weit entfernt. Das Spiel von Yepes auf dieser Aufnahme jedenfalls klingt erfrischend unperfekt.

Barrios ErniTarrega ErniItal Konzerte Erni
Barrios Passion: Agustín Barrios Mangoré

Aufgenommen und erschienen 2010
GUILD GMCD 7356
… Virtuose Leichtigkeit liegt Michael Erni nicht…

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Francisco Tárrega, Jota
Aufgenommen 2008, erschienen 2009
GUILD GMCD 7332

Italienische Gitarrenkonzerte von Mauro Giuliani und Antonio Vivaldi
Michael Erni, Orchester “Il Divertimento”
Erschienen 2006
Eigenproduktion

Die neueste Produktion von Michael Erni, der hier schon einmal ob einer CD mit Werken von Albéniz und Granados besprochen worden ist (in Ausgabe XVII/1995/Nº 2), enthält Stücke von Agustín Barrios. Zwei weitere, eine mit Tárrega und eine mit italienischen Konzerten für Gitarre und Orchester, sind auch noch neu genug, dass sie hier mindestens Erwähnung finden sollten.

Das Tárrega-Programm beginnt Erni mit einem Stück von Julián Arcas (1832—1882). Dessen „Gran Jota“ hat Francisco Tárrega (1852—1909) unter seinem Namen herausgegeben und, um ganz ehrlich zu sein, ich selbst habe das Stück in meiner Tárrega-Ausgabe (Budapest 1995) kommentarlos als eines von Tárrega veröffentlicht. Schwamm drüber … aber auch der große Emilio Pujol hat das Stück im Werkverzeichnis seines Buchs über Tárrega gelistet.

Am 16. September 2011 haben wir von einer Auktion berichtet, die bei Christie's in New York am 14. Oktober stattfinden sollte. Wir haben über verschiedene Zupfinstrumente berichtet, die versteigert werden sollten. Speziell erwähnt wurden dabei eine elektrische Gitarre von James L. D'Aquisto mit einem Schätzpreis von US-$ 20.000. Sie kam für 32.500 unter dem Hammer. Die elektrische Gitarre von John D'Angelico (Schätzpreis US-$ 20.000) ging für US-$ 27.500. Die Gibson-Mandoline, die mit US-$ 70.000 bis 90.000 geschätzt war, wurde für US-$ 104.000 verkauft.

Eine Flamenco-Gitarre von Daniel Friedrich von ca. 1962 (Schätzpreis 6.000—8.000) wurde für US-$ 7.500 versteigert, die Gitarre von M. Fernandez (geschätzt 3.000—5.000) ging für 10.265, die Gitarre von Antonio Emilio Pascual Viudes (7.000—9.000) für 8.750 und die von Francisco Simplicio (15.000—25.000) für 15.000 US-$.

Bungarten Pressefoto 246x300Frank Bungarten hat als Instrumentalist des Jahres im Fach Gitarre den Echo-Klassik-Preis erhalten und zwar für seine Villa-Lobos-Einspielung, die hier besprochen worden ist. Der Kommentar von Echo-Klassik lautet:

Ein Ausnahmegitarrist erweist dem bedeutendsten Komponisten Lateinamerikas seine Referenz:
Frank Bungarten präsentiert uns die Gitarrenwerke von Heitor Villa-Lobos und dokumentiert damit drei wesentliche Schaffensphasen des Tonschöpfers, der als Cellist begann, die Gitarre als Autodidakt erlernte und der Musikwelt als „klingende Seele Brasiliens“ mehr als 1.000 Werke für alle denkbaren Besetzungen hinterließ.

Die folgende Vita und das Foto stammen von der Homapege des Künstlers unter http://www.FrankBungarten.de:

Frank Bungarten spielt seit frühester Jugend Gitarre, begann sein Studium an der Musikhochschule Köln im Alter von 17 Jahren und unterrichtete mit 24 Jahren bereits seine eigene Klasse an der Musikhochschule in Hannover. Mit dem ersten Preis im Gitarrenwettbewerb von Granada, verliehen von Andrés Segovia, begann seine internationale Karriere.

Er spielte als Solist sein außerordentlich umfangreiches Repertoire in über 40 Ländern der Erde und gab über 100 internationale Meisterkurse.

Seine zahlreichen CD - Einspielungen, unter anderem die Erstaufnahme aller Violinsolowerke J.S. Bach's in eigenen Transkriptionen gelten als Maßstab in der Fachwelt.

Er wurde dafür mit dem "Preis der Deutschen Schallplattenkritik", dem "Audio Reference", und zuletzt dem wichtigsten Deutschen Musikpreis "Echo Klassik" als "Instrumentalist des Jahres" ausgezeichnet.

Frank Bungarten ist Professor an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Eine zweite Professur in Luzern gab er in diesem Jahr zugunsten seiner künstlerischen Aktivitäten auf.
Er spielt regelmäßig auf den wichtigsten Musikfestivals, zunehmend auch mit hochrangigen Kammermusikpartnern.

Gitarre & Laute ONLINE gratuliert herzlich!

Titel Album.NEUJulian Bream: My Favorite Albums
10 CD/in dieser Zusammenstellung erschienen 2011
RCA/SONY CLASSICAL 88697316212

Natürlich, der große Inspirator des letzten Jahrhunderts, was die klassische Gitarre angeht, war Andrés Segovia (1893—1987). Er hat Komponisten angeregt, für sein Instrument zu schreiben, er hat Hochschulen für die Gitarre geöffnet und weltweit in den großen Konzertsälen gespielt und seine Zuhörer für die Gitarre eingenommen.

Die Generation Gitarristen, die nach 1945 gelernt und studiert hat, wählte schon andere Vorbilder. Julian Bream war eines der einflussreichsten und wichtigsten. Auch er hat viel für das Repertoire getan, auch er hat sein Instrument in den großen Konzertsälen der Welt vorgestellt und, jetzt wird es speziell, er hat neben der Gitarre auch noch die Laute in das Gedächtnis der Menschen zurückgerufen. Die Renaissance-Laute, muss man präzisierend sagen, und auch nicht die Renaissance-Laute, die später von den historisch orientierten Lautenisten gespielt wurde. Julian Bream hat seine Lauten so bauen lassen, dass er sie mit seiner Gitarren-Spieltechnik spielen konnte. Das heißt, er hat relativ schwere und dickwandige Instrumente gebraucht, welche die wesentlich höhere Saitenspannung aushielten, und er hat, was die Chörigkeit der Laute angeht, Modifikationen vorgenommen. Julian Breams Lauten hatten mindestens die beiden obersten Chöre einzeln besaitet – nur so konnte er mit seinem Fingernagelanschlag auf der Laute zurechtkommen.

Nun bitte ich inständig darum, mich nicht falsch zu stehen! Ich will Julian Bream keineswegs wegen seines Lautenspiels zusammenfalten. Etwa, weil er „historisch inkorrekt“ gespielt oder weil er das Instrument seiner Spieltechnik angepasst hat und nicht umgekehrt? Julian Bream hat viel für das englische Lautenlied getan und viel für die englische Lautenmusik des frühen 17. Jahrhunderts. Und er hat das musikalisch so überzeugend getan, dass er viele Besucher seiner Konzerte erst an diese Musik herangeführt hat. Und er hat in Soloabenden gern beides gespielt: in der ersten Hälfte Laute und in der zweiten Gitarre.1955 hat Bream seine erste Platte aufgenommen, und zwar für DECCA, dann folgten vier Platten für das Label WESTMINSTER, zwei 1956 und zwei weitere 1957. Bevor schließlich die lange Zusammenarbeit mit RCA begann, erschien eine weitere Platte bei DECCA, das war 1958. Von den sechs LPs der Zeit vor der RCA enthielten zwei englische Lautenlieder, aufgenommen zusammen mit Peter Pears, eine Lautenmusik und drei Gitarrenmusik.

SDS 11SDS 12François Couperin, Les Barricades Mistérieuses, Transcription for Baroque Lute by Miguel Yisrael, Bologna 2010, UT ORPHEUS EDIZIONI SDS 10. ISMN 979-0-2153-1842-7, € 10,95

Silvius Leopold Weiss, Sonata Nº 11 in A-major (S-C 16), Sonata Nº 15 in F-minor (S-C 21) for Baroque Lute, Edited by Michel Cardin, Bologna 2010, UT ORPHEUS EDIZIONI, SDS 11. ISMN 979-0-2153-1843-4, € 16,95

Georg Adalbert Kalivoda, Partita in F-major from the Buenos Aires Ms for Baroque Lute, Edited by Michael Treder, Bologna 2011, UT ORPHEUS EDIZIONI, SDS 12. ISMN 979-0-2153-1844-1, € 11,95

Das Besondere an diesen Ausgaben ist, dass sie nur die originalen Tabulaturen bereithalten und keinerlei Übertragungen. Da Tabulaturen strikt instrumentenspezifisch sind – weil sie bekanntlich nicht den Ton notieren, den man erzeugen soll, sondern die Griffstelle auf dem Griffbrett des jeweiligen Instruments – sind diese Ausgaben nur für Barocklautenspieler gedacht und nur von Barocklautenspielern benutzbar. In einem Fall, der Komposition „Les Barricades Mistérieuses“ von François Copuperin, liegt sogar die Transkription eines Stücks vor, das für Cembalo überliefert ist. Hier haben wir es also mit Musik zu tun, die für die moderne Ausgabe nicht aus der Tabulatur, sondern in die Tabulatur übertragen worden ist.

Rizzo Ausgabe 218x300Mueller Pering Ausgabe 218x300Die C-Dur-Sonate op. 15 von Mauro Giuliani gehört zu den eher seltener öffentlich gespielten Werken für Gitarre … in den „bevorzugten Konzertprogrammen“ jedenfalls, wie Thomas Müller-Pering im Vorwort seiner neuen Ausgabe des Werks bedauert. Wenn man bedenkt, dass die Wiener Universal Edition als Verlegerin mit dieser Neuausgabe bereits die dritte Edition der Sonate vorlegt, kann die Nachfrage nach den Ausgaben allerdings so schlecht nicht gewesen sein. Außerdem ist die UE-Ausgabe nicht die einzige auf dem internationalen Musikalien-Markt. 1985 standen bei Moser[1] außerdem die von Ruggero Chiesa, Daniel Benkö, Bruno Tonazzi, Frank Nagel/Philippe Meunier und von anderen. Dazu kommen solche, die nur den ersten Satz der Sonate enthalten – mal einfach als „Allegro“, auch „Allegro spirito“ oder „Allegro spiritoso“ und, so soll Karl Scheit den Satz in seiner kompletten Ausgabe der Sonate überschrieben haben, als „Allegro spirituoso“[2]. Bei letzterer Bezeichnung kann es sich freilich nur um einen Lapsus linguae seitens des Katalogkompilators handeln.

Der zitierter Katalog ist nun über 25 Jahre alt und sicher sind weitere Neuausgaben von op. 15 hinzugekommen. Schon 1988 schrieb Matanya Ophee: „Beim letzten Zählen fand ich rund zwanzig Ausgaben der Sonate op. 15 in Umlauf“[3]. Diese Zahl zeigt nicht nur, dass der Moser-Katalog schon drei Jahren nach seinem Erscheinen dringend revisionsbedürftig war, er bekräftigt mich auch in meiner Einschätzung, dass die Sonate von Mauro Giuliani alles andere als ein Ladenhüter war und ist. Tatsächlich sind seitdem weitere neue Ausgaben hinzugekommen – zwei davon liegen mir gerade vor:

Mauro Giuliani, Sonate op. 15, hrsg. V. Fabio Rizza, Bologna 2011, UT ORPHEUS EDIZIONI CH 127, € 9,95

Mauro Giuliani, Sonate C-Dur op. 15, hrsg. v. Thomas Müller-Pering, Wien u.a. 2010, UE 34482, € 12,50

Es ist im Zusammenhang mit den Neuerscheinungen über die Quellenlage im „Fall Giuliani op. 15“ zu reden, auf die auch Matanya Ophee schon eingegangen ist und die auch von Fabio Rizza im Vowort seiner neuen Ausgabe behandelt wird.

Minkoff Logo

Seit dem Oktober 2009 befindet sich der Genfer Verlag Editions Minkoff in Insolvenz, seitdem sind die wichtigen Ausgaben, die der Verlag herausgebracht hat, nicht mehr erhältlich. Mit großem Bedauern hören wir jetzt, dass Sylvie Minkoff, die Gründerin und Besitzerin des Verlags am 9. Dezember 2010 in Genf infolge eines Herzinfarkts verstorben ist.

In den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts gründete Sylvie (*1932) zusammen mit ihrem Ehemann, dem Drucker Jouval Minkoff, den Reprint-Verlag, der der steigenden Nachfrage nach originalen Aufführungsmaterialien Alter Musik gerecht wurde. Die aufblühende Alte-Musik-Bewegung lenkte die Aufmerksamkeit vieler Musiker auf Repertoire, das bis zu diesem Zeitpunkt nicht in modernen Ausgaben vorlag. Außerdem wurden zunehmend historische Notationsformen direkt für Aufführungen verwendet. So bevorzugten Musiker Tabulaturen für Laute, Cister und Gitarre, wo früher Übertragungen gespielt worden waren. Der Verlag Editions-Minkoff wurde schnell größer. Mit Minkoff-France wurde eine Dépendance in Paris gegründet, wo unter anderem eine groß angelegte kritische Gesamtausgabe der Werke von Marc-Antoine Charpentier (1643—1704) in 28 Bänden herauskam.

Der Verlag ist seit Ende 2010 telefonisch nicht mehr erreichbar, Ausgaben können nicht mehr bestellt werden, es sei denn bei Händlern, die noch Lagerbestände vorhalten. Was mit den Vorräten des Verlags selbst geschehen ist und geschieht und mit den Verlagsrechten und Druckvorlagen, ist nicht bekannt.

Rattle Aranjuez DVDEuropa Konzert from Madrid 2011: Cañizares
Berliner Philharmoniker, Sir Simon Rattle
Programm: Chabrier: España; Rodrigo: Concierto de Aranjuez; Rachmaninov: Symphony Nº 2 E minor
Aufgenommen am 1. Mai 2011 im Teatro Real in Madrid
DVD EuroArts 2058398, im Vertrieb von Naxos
… Wer sie nicht kauft, kann als Entschuldigung höchstens vorbringen, dass er keinen DVD-Player besitzt

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Die Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle und das „Concierto de Aranjuez“? In den sechziger Jahren hat ausgerechnet Siegfried Behrend das Konzert einmal mit diesem Orchester eingespielt – nicht unter Herbert von Karajan, der von 1954 bis 1989 Chefdirigent war, sondern unter Reinhard Peters (Deutsche Grammophon 2535 170). Dann war Schluss!. Das meistgespielte Solokonzert wurde nicht wieder aufs Programm gesetzt … bis jetzt eines der traditionellen Europa-Konzerte der Berliner in Madrid stattfinden sollte und man, als Gastgeschenk sozusagen, das Konzert aufführen wollte. Als Solist wurde Juan Manuel Cañizares verpflichtet, ein Flamencogitarrist, der, anders als die meisten seiner Kollegen, Musik nicht durch „learning by doing“ gelernt hat. Er, Cañizares, hat sie studiert … er kann also Noten lesen! Paco de Lucia hat vor vielen Jahren auch einmal das „Concierto de Aranjuez“ gespielt und er ist musikalischer Analphabet. Mit Paco musste ein „Klassiker“ als Korrepetitor das Stück einstudieren, bis er es auswendig spielen konnte.

MuellerRoland Mueller: Guitar Favourites
Werke von Domeniconi, Brouwer, Yuquijiro Yocoh, Granados, Sor, Patiño, Gómez Crespo, Dyens
Aufgenommen 2010, erschienen 2011
OEHMS CLASSICS OC 791, deutscher Vertrieb: Harmonia Mundi, Eppelheim
… Roland Mueller rückt sie ins rechte Licht …

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Der Booklet-Text beginnt mit einer Erklärung: „Eine CD einzuspielen mit „Favourites“ […] ist wohl immer etwas Fragwürdiges.“ Stimmt, zumal es keine Debüt-CD ist, die Roland Mueller hier vorlegt. Vor fünfzehn Jahren hat er bei Quantophon Bach, Schumann und Barrios aufgenommen (s. Gitarre & Laute XXI/1999/Nº 1, S. 27), vorher mehrere LPs und CDs bei Soundstar. Eine Debüt-CD war nicht dabei, die liefert er jetzt nach. Und dabei greift er ins Volle: Koyunbaba, Mozart-Variationen, Tango en skaï … alles, was das Herz begehrt.

Aber weder gegen Sor noch gegen Domeniconi ist etwas einzuwenden! Nur dagegen, dass Kompositionen, wenn sie sich bei Musikern und Publikum durchsetzen, zu „Pflichtwerken“ in Konzerten und Plattenprogrammen werden. Buchstäblich jeder setzt dann auf die Popularität dieser Stücke.

Roland Mueller hat Trendstücke dieser Art zu einem Programm zusammengefasst, beginnend mit „Koyunbaba“, das nach 1985 eine Karriere gemacht hat, wie man sie sehr selten erlebt. Wer als Erster mit diesem Stück durch die Konzertsäle gezogen ist, weiß ich nicht, Fakt ist jedenfalls, dass es in kürzester Zeit überall bekannt und gespielt wurde. „Koyunbaba“ entführt sein Publikum in eine eigene Klangwelt – das wird einer der Gründe für den Erfolg des Stücks sein. Und Roland Mueller ist bemüht, gerade den klanglichen Qualitäten der Musik, die er präsentiert, nachzuspüren. Das gelingt ihm in „Koyunbaba“ sehr gut; weniger überzeugt mich Leo Brouwers Stück „Un dia de Noviembre“, das Roland Mueller stark verzögert … so, dass mir die hinreißend schöne Melodie nicht wirklich gesungen vorkommt. Ein Höhepunkt des Programms sind die „Danzas Españolas“ 5, 4, 10 und 11 von Enrique Granados … aber sie hat der Interpret vermutlich so oft in Konzerten gespielt, dass sie tief im Fundus prozeduralen Wissens abgespeichert sind und jederzeit aktiviert werden können. Wie Fahrradfahren.

Stenstadvold 400x559Erik Stenstadvold, Guitar Methods, 1760—1860, Hillsdale/NY und London 2010, Pendragon Press, ISBN-13 978-1-57647-185-2, US-$ 65,—, Vertrieb in Europa: Eurospan Group

Dass in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts viele Gitarrenschulen erschienen sind, wissen wir, außerdem sind zu diesem Thema bereits Untersuchungen erschienen. Eine umfassende bibliographische Studie, wie sie jetzt von Erik Stenstadvold vorgelegt worden ist, fehlte aber bisher.

Stenstadvold behandelt Gitarrenschulen, die zwischen 1760 und 1860 erschienen sind und provoziert mit dieser zeitlichen Eingrenzung naturgemäß die ersten Fragen: 1. Warum 1760 und 2.: Warum 1860? Die Frage nach dem terminus post quem ist dabei relativ leicht zu beantworten. In der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts hat sich, was die Geschichte der Gitarrenmusik angeht, etwas Wesentliches ereignet. Komponisten, Interpreten und Lehrer begannen nämlich, sie nicht mehr in Tabulatur aufzuschreiben, sondern in Notenschrift, wobei sich sehr bald die Schreibweise auf einem System mit tiefoktaviertem Violinschlüssel durchsetzte, wie wir sie heute noch benutzen.

Tarrega Recuerdos Man 1Ein Autograph des Stücks "Recuerdos de la Alhambra" steht in Madrid zum Verkauf … darauf wies Luis Briso de Montiano vor ein paar Tagen in einer auf Gitarrendinge spezialisierten Mailing List hin [Guitar-Summit].

Hier ist der Link zu dem Antiquariat bzw. Auktionshaus in Madrid: http://www.suitesubastas.com/z017_9julio2011_s25/pl219.html
Der Preis des fünf Seiten unfassenden Manuskripts ist € 80.000,—.

Es hat unmittelbar nach der Ankündigung der Auktion eine Diskussion über das Manuskript gegeben und darüber, wie es hier überschrieben ist. Anders, als bei dem vor etlichen Jahren angebotenen Sor-Manuskript sind bisher allerdings keine Zweifel an der Authentizität des Tárrega-Autographs geäußert worden … aber Moser scheint dieses Manuskript gekannt zu haben, als er sein Tárrega-Buch zusammengestellt hat. Dort jedenfalls hat er den Titel zitiert, der auf dem jetzt angebotenen Manuskript über dem Notentext steht: Improvisacion ¡A Granada! Cantiga Arabe! Zweifel an der Authentizität der Handschrift scheinen jedoch nicht einmal ihm gekommen zu sein.

Im Guitar-Summit wird noch ein interessanter Artikel zu einer neuen Ausgabe von "Recuerdos de la Alhambra" von Stanley Yates erwähnt [Tárrega-Artikel]. Für weitere Informationen empfehlen wir dringend den Besuch der "Mailing List" "Guitar Summit"!

claude debussy ca 1908 foto av felix nadarLe Tombeau de Debussy
Randall Love, Blüthner Piano (1907)
Werke von Dukas, Roussell, Schmitt, Strawinsky, Malipiero, Goosens, de Falla, Bartók, Satie, Ravel und Debussy
Aufgenommen im September 2000, erschienen 2010
CENTAUR [Centaur] CRC 3007, imj Vertrieb von Klassik-Center Kassel [Klassik-Center]
… fast durchgehend überzeugend …

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Fotos: oben Claude Debussy, Fotographie von Félix Nadar (1820—1910); "Revue Musicale" … dies ist nicht das Titelblatt der besonderen Ausgabe, um die es hier geht, sondern die eines regulären Heftes in typischer Gestaltung; das untere Foto zeigt Manuel de Falla, Wanda Landowska, eine unbekannte spanische Dame und Andrés Segovia um 1921 (Mit frdl. Erlaubnis von Schott-Music, Mainz). Das Bild ist gern als Indiz dafür verwendet worden, dass Segovia der Musiker war, für den Manuel de Falla seine "Homenaje" geschrieben und der sie sie auch uraufgeführt hat.

LaRevueMusicale 11Am 25. März 1918 ist in Paris Claude Debussy (*1862) gestorben, der Komponist , dem oft die „Erfindung“ der impressionistischen Tonsprache zugeschrieben worden ist. Sein „Prélude à l'après-midi d'un faune“, uraufgeführt 1894, galt als Wendepunkt in der Geschichte des Komponierens, als Eingang in die musikalische Moderne.

Zwei Jahre nach dem Tod Debussys erschien in Paris das erste Heft einer Zeitschrift mit dem Titel „Revue Musicale“, deren Herausgeber Henry Prunières (1886—1942) war, ein Musiker und Musikwissenschaftler, der sich für die künstlerische Moderne einsetzte, und zwar nicht nur, was Musik angeht, sondern übergreifend auch in Malerei und Literatur. Am 1. Dezember 1920 kam eine Sondernummer dieser Zeitschrift heraus, die Debussy gewidmet war und für die Prunières zehn Komponisten um Beiträge gebeten hatte, zehn Komponisten aus verschiedenen Ländern – deutsche und österreichische Künstler waren nicht gefragt worden, die Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg waren noch zu frisch.

Unter den Kompositionen in der „Revue Musicale“ waren sehr direkte Bezugnahmen auf Claude Debussy, darunter „La plainte, au loin, du faune …“ von Paul Dukas (1865—1935), in dem aus dem „Prélude à l'après-midi d'un faune“ zitiert wird, und natürlich „Homenaje – Pour le Tombeau de Claude Debussy“ von Manuel de Falla“, in dem Debussys „La soirée dans Grenade“, der zweite Satz aus „Estampes“, zitiert wird, in dem der Komponist, wie E. Robert Schmitz in seinem Standardwerk über Debussys Klaviermusik geschrieben hat (New York 1950), bis ins kleinste Detail Spanisches vermittelt, ohne auch nur einen einzigen Takt spanischer Folklore zu zitieren: „There is not one bar of this music borrowed from the Spanish folkolore, and yet the entire composition in its most minute details, coneys admirably Spain“.

Tarrago PortraitTarrago AzsgabeGraciano Tarragó, Obras para Guitarra, hrsg. v. Jaume Torrent, Vol. 1, Barcelona 2009, Editorial de Música Boileau [Boileau], B.3415. Im Vertrieb von Music Sales, Madrid [Musicsales Madrid] UMG 50039, Preis GB-£ 16,95, in Deutschland ca. € 30,—

Dass. Vol. 2, 2009, B.3416/BMG 50050, Preis GB-£ 16,95, in Deutschland ca. € 30,—

Dass. Vol. 3, 2009, B.3417/UMG 50051, Preis GB-£ 16,95, in Deutschland ca. € 30,—

Wer war Graciano Tarragó? Er lebte 1892—1973 und war Gitarrist, Komponist, Geiger und Musiklehrer. Gitarre hat er bei Miguel Llobet studiert. Sein Berufsleben begann er als Orchestermusiker, bis er im Jahr 1933 einen Ruf auf den Lehrstuhl für Gitarre am Conservatorio Superior de Música del Liceu in Barcelona erhielt und sich dort niederließ. Dort wurde er auch Autor einer viel beachteten und erfolgreichen Gitarrenschule unter dem Titel „Método Graduado“. Mit seiner Tochter Renata bildete er ein Duo, das international konzertierte, außerdem arbeitete er mit der Gruppe „Ars Musicae“ zusammen, die sich auf die Aufführung alter (meist spanischer) Musik spezialisiert hatte.

Graciano Tarragó komponierte eine beträchtliche Reihe an Stücken für Gitarre und erscheint als einer der in Spanien einflussreichsten Komponisten für dieses Genre. Sein Werkkatalog enthält ausschließlich originale Kompositionen für Gitarre. In ihnen paaren sich hohe Virtuosität mit einer harmonischen und kontrapunktischen Welt, die sich durch Innovationen auszeichnet und durch fein ausgewogene, sensibel aufeinander abgestimmte Balance. Auch hat er Stücke für zwei Gitarren geschrieben, für Gitarre und Blockflöte und für Gesang und Gitarre [bis hierhin ist vorliegender Texte die mehr oder weniger präzise Übersetzung eines Kapitels der neuen Ausgabe].

Das Ding mit Noten 2Andreas Lutz/Bernhard Bitzel (Hrsg.), das DING mit Noten 2, Kultliederbuch, Manching 2010 (DUX), € 29,90

Was ist das Ding? Ein Buch in Spiralbindung, Querformat, rund 430 Seiten. Das Ding enthält über vierhundert Lieder, Songs, Chansons, Schlager und zwar in dieser Form: Links steht der Text mit einigen wichtigen Zusatzinformationen wie Name von Komponist und Texter, urheberrechtlichen Details wie Verlag und Erscheinungsjahr, dazu Tonart für die Introduktion und (über den Textzeilen) der harmonische Verlauf mit Akkordnamen. So weit war das Ding schon bekannt. Die gängigen, handlichen, leicht und überall zu benutzenden Textsammlungen mit Akkordsymbolen. Jetzt liegt das neue Ding vor: „Das Ding mit Noten“. Unterschied: Rechts neben dem bisher beschriebenen DIN A5-Inhalt ergänzt ein weiterer Inhalt des gleichen Formats das DIN A4-QUER-Buch: Noten der Gesangsmelodie, auch mit Akkordnamen und auch mit Text, hier aber nur die erste Strophe, die weiteren stehen ja auf der linken Seit.

Dies ist nicht die erste Sammlung dieser Art! Meist wird allerdings nur eine der Komponenten (Text und/oder Musik) abgedruckt, und das ist meistens der Text, weil die Melodie ohnehin jeder kennt.

Warum wird nur eine Komponente abgedruckt? Das ist einfach zu beantworten: Weil für beide (Text und Musik) Gebühren an die Inhaber der Urheberrechte bezahlt werden müssen. Das sind meistens die Verlage, manchmal aber auch die Urheber selbst. Die leben davon, dass sie dafür bezahlt werden, wenn man ihre geistigen Erzeugnisse benutzt, sprich: aufführt oder abdruckt. Diese Gebühren können sich sehr schnell zu beträchtlichen Beträgen anhäufen, vor allem dann, wenn wenig gemeinfreies Material verwendet wird – das sind Volkslieder oder ältere Stücke, deren Komponisten und Texter schon länger als siebzig Jahre tot sind, deren Erzeugnisse also nicht mehr urheberrechtlich geschützt sind. Bei Sammlungen von Gitarrenstücken sind oft nur wenige „moderne“ Stücke enthalten und viel Material von Milan bis Sor, die alle kostenlos abgedruckt werden dürfen … sofern nicht ein Herausgeber oder Bearbeiter Rechte aus seiner Arbeit ableitet.

Legendary Classical GuitarJerry Willard (Hrsg.): Legendary Classical Guitar Solos, London u.a., Wise Publications (MusicSales) 2010, ca. € 50—55

Jerry Willard (Hrsg.): The Complete Works of Gaspar Sanz, transcribed and edited by Jerry Willard [jerry willard], 2 Bde in Schuber, 2 Audio-CDs beiliegend, New York u.a., Amsco Publications (MusicSales) 2006, GB-£ 19,95

Ders. (Hrsg.): Early Renaissance Pieces for Classical Guitar, compiled and edited by Jerry Willard: A superb collection of delightful music of the Renaissance, arranged in standard notation and tablature, Audio-CD aller Stücke enthalten. New York u.a., Amsco Publication (MusicSales) 2010, GB-£ 12,95

Referenzausgabe: Gaspar Sanz, Instrucción de musica sobre la Guitarra Española, hrsg. v. Rodrigo de Zayas, Madrid 1985. Reihe: Colección Opera Omnia

Jerry Willard ist ein erfahrener Lautenist, Gitarrist und Herausgeber von Musik für seine Instrumente. Verschiedene Anthologien aus seiner Feder sind weltweit im Umlauf – zwei davon stehen heute auf dem Prüfstand. Aber Jerry hat sich auch als Interpret einen Namen gemacht und als Herausgeber größerer wissenschaftlicher (?) Ausgaben. Ist es jetzt verdächtig, dass ein und derselbe Herausgeber eine "Gesamtausgabe" der Werke von Gaspar Sanz (1640—1710) herausgibt – und gleichzeitig eine Sammlung bekanntester Stücke für Laute und zwar in Notation … und in „moderner“ Tabulatur?

Die Sanz-Ausgabe enthält (englische) Übersetzungen einer Auswahl der Texte des Buches von 1674, daneben alle dort veröffentlichten Stücke in a. der originalen Tabulatur und b. einer Übertragung im Violinschlüssel-System … und zwar beide in synoptischer Darstellung. Die hat sich für Ausgaben dieser Art durchgesetzt, und zwar hauptsächlich für wissenschaftliche Editionen. Das direkte Nebeneinander von Tabulaturen und Übertragungen, die, so präzise und werkgetreu sie auch angefertigt worden sein mögen, immer Interpretationen der überlieferten Quellen darstellen, erlaubt den Vergleich, der besonders in strittigen Fragen hilfreich sein kann.