Giuliani pop

GITARRE & LAUTE ONLINE: Beiträge zu Neuerscheinungen (Notenausgaben, Bücher, CDs) auf den Gebieten Gitarre und/oder Laute, Berichte über Konzerte, Festivals und Wettbewerbe, Essays und Kommentare. Verschiedene Autoren, Chefredakteur (Verantwortlich im Sinne des Pressegesetzes): Dr. Peter Päffgen.

Buchtitel 203x300Buzzy Martin, Live aus San Quentin: Bericht aus einem der härtesten Gefängnisse der Welt, München 2011, Irisiana, 817-2635-4453-6271, € 17,99

Am 24. Februar 1969 hat Johnny Cash im San Quentin State Prison ein legendäres Konzert gegeben, das später auf Schallplatte veröffentlicht wurde. Die Platte war ein Riesenerfolg. Weder das Konzert noch die Platte erwähnt Buzzy Martin in seinem Buch „Live aus San Quentin“ – nur der Autor des Klappentexts weist darauf hin, wie auch auf die Konzerte von B.B. King und Metallica.

Buzzy Martin, ein ganz normaler Gitarrist und Gitarrenlehrer aus Grand Rapids in Michigan, hat dort, in dem berüchtigten Knast mit der größten Death Row der westlichen Welt, Gitarrenunterricht gegeben. Und wie es ihm dabei ergangen ist, darüber hat er ein Tagebuch geführt … das jetzt bei Irisiana vorliegt.

Buzzy Martin beginnt mit mehr als drei Seiten Danksagungen – Habilitanden, die üblicherweise akademische Lehrer dankend erwähnen, sind selten mehr Gönnern verpflichtet, als er. Danach erzählt er, wie er an den Job in San Quentin gekommen ist. Buzzy hatte ein Programm entwickelt, das unter dem Namen „Music for Kids at Risk“ an Jugendstrafanstalten und Erziehungsheimen erfolgreich eingeführt war: „Was ich diesen Kindern und Jugendlichen biete, ist die einzigartige Gelegenheit, Neuland zu betreten, ein Risiko einzugehen und durch die Magie der Musik zu erfahren, welche Kraft in konstruktivem, schöpferischem Handeln liegt. […] Meine Hoffnung war, durch die Ausweitung meiner Musikkurse auf San Quentin nicht nur den Insassen dort zu helfen, sondern darüber hinaus den Horror des Gefängnisalltags hautnah zu erleben und diese Erfahrung an die gefährdeten Jugendlichen weiterzugeben, um sie so zu otivieren, ihr Leben zu ändern, bevor es zu spät ist.“

Dann erzählt er etwas über „Q“, wie San Quentin genannt wird. Gebaut worden ist der Knast zwischen 1852 und 1854 – ursprünglich für 3317 Häftlinge. Heute sind rund 6000 Gefangene dort plus 500 im Todestrakt … San Quentin ist die offizielle Hinrichtungsstätte des Staates Kalifornien. „Manchmal dauert der Aufenthalt [im Todestrakt] Jahre, bedingt durch das System der Gnadengesuche.“ 422 Menschen sind hier hingerichtet worden, davon vier Frauen.

Lieske Spindler BottomsLieske Spindler Guitars: Bottom’s Dream
Guitar Duos by Lieske, Mingus & Piazzolla
Aufgenommen im September 2010, erschienen 2011
Challenge Classics CC72511, im Vertrieb von Sunny Moon, Köln

Isaac Albéniz: Evocación
Lieske Spindler Guitars
Aufgenommen im Juni 2008, erschienen 2010
BONUS-CD Wulfin Lieske, solo: Werke von Isaac Albéniz
Aufgenommen im August 1994
Challenge Classics CC72374, im Vertrieb von Sunny Moon, Köln
… haarscharf an der Grenze zum Banalen …

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Lieske Spindler Albeniz
Wulfin Lieske und Fabian Spindler sind seit 2008 ein Paar … musikalisch gesehen, natürlich! Die Albéniz-CD war ihre erste gemeinsame Platte.

Dass die beiden Musiker Werke von Isaac Albéniz (1860—1909) für ihre Debüt-CD ausgewählt haben, verwundert nicht, hat doch Wulfin Lieske, der „Seniorpartner“ des Duos, vor rund fünfzehn Jahren schon einmal seine Wertschätzung für diesen Komponisten und seine Werke auf einer Solo-CD kundgetan. Diese Aufnahme bekommt man als Käufer der Duo-CD obendrauf.

Die Klavierstücke von Isaac Albéniz gehören seit Jahren zu den Schlachtrössern des Gitarrenrepertoires – und sie wirken so blutsverwandt mit ihren Adoptivinstrumenten, dass immer wieder aufs Neue erklärt wird, Albéniz habe, als er sie zum ersten Mal auf der Gitarre (oder auf zwei Gitarren) gehört hatte, dem Klavier (für diese Stücke) abgeschworen. Auch hier wird wieder in diese Richtung suggeriert: „Das ist es, was ich entworfen hatte! Ich schwöre, dass ich dieses Stück nie wieder auf dem Klavier spielen werde“ soll Albéniz gesagt haben [so „zitiert“ im Booklet] … aber wann und wo, wird nicht belegt. Es ist zwar bekannt, dass Albéniz (1860—1909) seinen Freund Miguel Lobet (1878—1938) mit Transkriptionen seiner Werke gehört hat … aber mehr nicht! [Walter Aaron Clark: Isaac Albéniz – Portrait of a Romantic, Oxford 1999].

Vivaldi Konzert

Ronn McFarlane ♦ Oleg Timofeyev und Ensemble SARMATICA ♦ Céline Scheen, Eduardo Egüez (Luth & Théorbe), Philippe Pierlot (Basse de Viol) ♦ Paul Beier ♦ A Garden of Eloquence ♦ Lutz Kirchhof ♦ Bernhard Hofstötter ♦ Nigel North ♦ More Hispano: Vicente Parilla, direction, Raquel Andueza, soprano ♦ Constantinople & Françoise Atlan

Vivaldi LuteThe Art of Vivaldi’s Lute
Ronn McFarlane, Lute
The Bach Sinfonia, Daniel Abraham
Aufgenommen im Mai 2010, erschienen 2011
SONO LUMINUS DSL-92132, Im Vertrieb von NAXOS
… der auf Wirkung zielende Musiker …

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Die „Lautenkonzerte“ von Antonio Vivaldi (1678—1741) kennt hier jeder. Speziell das Konzert D-Dur RV (Ryom-Verzeichnis 93) ist von vielen namhaften Gitarristen (natürlich auf der Gitarre) gespielt und eingespielt worden … auch von weniger namhaften, denn vor unüberwindbare spieltechnische Probleme stellt der Solopart dieses Konzertes nicht.

Aber ganz abgesehen von der Frage, ob das Konzert auf der Laute oder der Gitarre gespielt werden soll, ist es keineswegs geklärt, für welches Instrument es von Antonio Vivaldi überhaupt konzipiert war. In den handschriftlichen Partituren, die uns als Quellen dienen, ist ausschließlich die Rede von einem „Leuto“. Das kann ein Synonym von „Liuto“ oder „Lauto“ sein, den italienischen Bezeichnungen für die Laute, es kann aber auch als Hinweis auf ein anders geartetes oder anders dimensioniertes Instrument zu verstehen sein.

Diese Neuerscheinungen sind am 19. Dezember 2011 zur Besprechung eingegangen. Rezensionen werden nach Veröffentlichung mit der folgenden Liste verlinkt.

Alexei Agibalov: Sonata Nº 1 for the 7-string guitar, Columbus 2010, PWYS-95, US-$ 9,95

Mark Delpriora: Variations on a Theme by Sor. Variazioni Attraverso l’Ottocento for guitar, Columbus 2011, PWYS-101, US-$ 18,95

François de Fossa: Première Fantaisie op. 5 for solo guitar, edited by Matanya Ophee, Columbus 2010, PWYS-15B, $ 8.95
— Ouverture de l’Opéra „Le Calif de Bagdad, Musique de Boildieu arranged for guitar solo, edited by Matanya Ophee, Columbus 2010, PWYS-15E, US-$ 8,95
— La Tyrolienne Variée op. 1 for solo guitar, edited by Matanya Ophee, Columbus 2010, PWYS-15a, US-$ 6,95
— Cinquième Fantaisie sur L’air des Folies d’Espagne op. 12, edited by Matanya Ophee, Columbus 2010, US-$ 6,95
— Quatre Divertissements extraits fait des Oeuvre de J. Haydn op 13 for solo guitar, edited by Matanya Ophee, PWYS-15d, US-$ 12,95

Stephen Goss: Under Milk Wood Variations for guitar quartet and narrator, Partitur und Stimmen, Columbus 2009, EICM-21, US-$ 29,95

Joseph Haydn: The „Creation“-Fugue for solo guitar, Transcribed, in the style of Fernando Sor by Mark Delpriora, Columbus 2010, PWYS-98, US-$ 6,95

Richard Pick: School of Guitar. The Guitar in Pedagogy, Practice, Performance, Columbus 1992 [NA 2011], RTFT-16. US-$ 39,95

Máximo Diego Pujol: Tango Errante for Guitar, Columbus 2011, PWYS-102, US-$ 8,95

Ilya Shatrov: On the Hills of Manchuri. Waltz for guitar solo (version for both the 6 and 7-string guitars), edited by Matanya Ophee, Columbus 2010, PWYS-99, US-$ 4,95

Fernando Sor: Ariettina dedicated to the Princess Zinaida Volkonskaya for Voice and Piano or Guitar, Guitar transcription by Matanya Ophee, Columbus 2011, DTMO-11, US-$ 9,95

Narciso Yepes: The Beginning of a Legend
Werke von Rodrigo, de Visée, Rameau, Scarlatti, Bach, Sor, Milan und Sanz
Aufgenommen zwischen 1953 und 1957, erschienen 2011
IDIS 6620 (Istituto Discografico Italiano) im Vertrieb von Klassik-Center, Kassel
… erfrischend unperfekt …
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YepesNarciso Yepes (1927—1997) hat das „Concierto de Aranjuez“ am 16. Dezember 1947 öffentlich im Teatro Nacional in Madrid gespielt – bei seinem ersten Konzert in der spanischen Hauptstadt. Wenig später, noch im Jahr 1947, spielte er die Schweizer Uraufführung des Werks mit dem Orchestre de la Suisse Romande in Genf unter Ataúlfo Argenta. Yepes war zwanzig Jahre alt! Am 9. November 1940 war das Konzert in Barcelona uraufgeführt worden – mit Regino Saínz de la Maza und dem Orquesta Filarmónica de Barcelona unter César de Mendoza Lassalle.

1950 fuhren das Spanische Nationalorchester und Narciso Yepes nach Paris, um dort das Concierto aufzuführen. Das Konzert im Théâtre des Champs Elysées besiegelte den Welterfolg des Stücks … und schließlich interessierte sich die Plattenindustrie für das Werk. 1956 oder 1957 nahm Yepes das Konzert mit dem Orquesta de Camera de Madrid unter Ataúlfo Argenta auf (London International TW 91019), wenig später mit dem Spanischen Nationalorchester unter dem gleichen Dirigenten (DECCA SXL 7000).

Die ältere der beiden Aufnahmen des Konzerts durch Narciso Yepes ist auf der vorliegenden CD veröffentlicht … und zwar mit allen Unzulänglichkeiten, die sein Spiel damals enthüllte und die die noch junge Plattenindustrie noch nicht gemeistert hatte. Wenn Yepes später als der präziseste Gitarrist galt – und das meine ich eher ironisch im Sinne von pingelig –, dann hat er hier geschlurt und gehuddelt, wie ich es von ihm nie erwartet hätte – auch nicht in seiner Jugendzeit. Aber dass ein jugendlicher Wettbewerbsteilnehmer problemlos durch die flotten Passagen des Konzerts eilt ohne mit der Wimper zu zucken, wie das heute der Fall ist, davon war die Gitarristenkaste vor über fünfzig Jahren noch weit entfernt. Das Spiel von Yepes auf dieser Aufnahme jedenfalls klingt erfrischend unperfekt.

Barrios ErniTarrega ErniItal Konzerte Erni
Barrios Passion: Agustín Barrios Mangoré

Aufgenommen und erschienen 2010
GUILD GMCD 7356
… Virtuose Leichtigkeit liegt Michael Erni nicht…

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Francisco Tárrega, Jota
Aufgenommen 2008, erschienen 2009
GUILD GMCD 7332

Italienische Gitarrenkonzerte von Mauro Giuliani und Antonio Vivaldi
Michael Erni, Orchester “Il Divertimento”
Erschienen 2006
Eigenproduktion

Die neueste Produktion von Michael Erni, der hier schon einmal ob einer CD mit Werken von Albéniz und Granados besprochen worden ist (in Ausgabe XVII/1995/Nº 2), enthält Stücke von Agustín Barrios. Zwei weitere, eine mit Tárrega und eine mit italienischen Konzerten für Gitarre und Orchester, sind auch noch neu genug, dass sie hier mindestens Erwähnung finden sollten.

Das Tárrega-Programm beginnt Erni mit einem Stück von Julián Arcas (1832—1882). Dessen „Gran Jota“ hat Francisco Tárrega (1852—1909) unter seinem Namen herausgegeben und, um ganz ehrlich zu sein, ich selbst habe das Stück in meiner Tárrega-Ausgabe (Budapest 1995) kommentarlos als eines von Tárrega veröffentlicht. Schwamm drüber … aber auch der große Emilio Pujol hat das Stück im Werkverzeichnis seines Buchs über Tárrega gelistet.

Am 16. September 2011 haben wir von einer Auktion berichtet, die bei Christie's in New York am 14. Oktober stattfinden sollte. Wir haben über verschiedene Zupfinstrumente berichtet, die versteigert werden sollten. Speziell erwähnt wurden dabei eine elektrische Gitarre von James L. D'Aquisto mit einem Schätzpreis von US-$ 20.000. Sie kam für 32.500 unter dem Hammer. Die elektrische Gitarre von John D'Angelico (Schätzpreis US-$ 20.000) ging für US-$ 27.500. Die Gibson-Mandoline, die mit US-$ 70.000 bis 90.000 geschätzt war, wurde für US-$ 104.000 verkauft.

Eine Flamenco-Gitarre von Daniel Friedrich von ca. 1962 (Schätzpreis 6.000—8.000) wurde für US-$ 7.500 versteigert, die Gitarre von M. Fernandez (geschätzt 3.000—5.000) ging für 10.265, die Gitarre von Antonio Emilio Pascual Viudes (7.000—9.000) für 8.750 und die von Francisco Simplicio (15.000—25.000) für 15.000 US-$.

Bungarten Pressefoto 246x300Frank Bungarten hat als Instrumentalist des Jahres im Fach Gitarre den Echo-Klassik-Preis erhalten und zwar für seine Villa-Lobos-Einspielung, die hier besprochen worden ist. Der Kommentar von Echo-Klassik lautet:

Ein Ausnahmegitarrist erweist dem bedeutendsten Komponisten Lateinamerikas seine Referenz:
Frank Bungarten präsentiert uns die Gitarrenwerke von Heitor Villa-Lobos und dokumentiert damit drei wesentliche Schaffensphasen des Tonschöpfers, der als Cellist begann, die Gitarre als Autodidakt erlernte und der Musikwelt als „klingende Seele Brasiliens“ mehr als 1.000 Werke für alle denkbaren Besetzungen hinterließ.

Die folgende Vita und das Foto stammen von der Homapege des Künstlers unter http://www.FrankBungarten.de:

Frank Bungarten spielt seit frühester Jugend Gitarre, begann sein Studium an der Musikhochschule Köln im Alter von 17 Jahren und unterrichtete mit 24 Jahren bereits seine eigene Klasse an der Musikhochschule in Hannover. Mit dem ersten Preis im Gitarrenwettbewerb von Granada, verliehen von Andrés Segovia, begann seine internationale Karriere.

Er spielte als Solist sein außerordentlich umfangreiches Repertoire in über 40 Ländern der Erde und gab über 100 internationale Meisterkurse.

Seine zahlreichen CD - Einspielungen, unter anderem die Erstaufnahme aller Violinsolowerke J.S. Bach's in eigenen Transkriptionen gelten als Maßstab in der Fachwelt.

Er wurde dafür mit dem "Preis der Deutschen Schallplattenkritik", dem "Audio Reference", und zuletzt dem wichtigsten Deutschen Musikpreis "Echo Klassik" als "Instrumentalist des Jahres" ausgezeichnet.

Frank Bungarten ist Professor an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Eine zweite Professur in Luzern gab er in diesem Jahr zugunsten seiner künstlerischen Aktivitäten auf.
Er spielt regelmäßig auf den wichtigsten Musikfestivals, zunehmend auch mit hochrangigen Kammermusikpartnern.

Gitarre & Laute ONLINE gratuliert herzlich!

Titel Album.NEUJulian Bream: My Favorite Albums
10 CD/in dieser Zusammenstellung erschienen 2011
RCA/SONY CLASSICAL 88697316212

Natürlich, der große Inspirator des letzten Jahrhunderts, was die klassische Gitarre angeht, war Andrés Segovia (1893—1987). Er hat Komponisten angeregt, für sein Instrument zu schreiben, er hat Hochschulen für die Gitarre geöffnet und weltweit in den großen Konzertsälen gespielt und seine Zuhörer für die Gitarre eingenommen.

Die Generation Gitarristen, die nach 1945 gelernt und studiert hat, wählte schon andere Vorbilder. Julian Bream war eines der einflussreichsten und wichtigsten. Auch er hat viel für das Repertoire getan, auch er hat sein Instrument in den großen Konzertsälen der Welt vorgestellt und, jetzt wird es speziell, er hat neben der Gitarre auch noch die Laute in das Gedächtnis der Menschen zurückgerufen. Die Renaissance-Laute, muss man präzisierend sagen, und auch nicht die Renaissance-Laute, die später von den historisch orientierten Lautenisten gespielt wurde. Julian Bream hat seine Lauten so bauen lassen, dass er sie mit seiner Gitarren-Spieltechnik spielen konnte. Das heißt, er hat relativ schwere und dickwandige Instrumente gebraucht, welche die wesentlich höhere Saitenspannung aushielten, und er hat, was die Chörigkeit der Laute angeht, Modifikationen vorgenommen. Julian Breams Lauten hatten mindestens die beiden obersten Chöre einzeln besaitet – nur so konnte er mit seinem Fingernagelanschlag auf der Laute zurechtkommen.

Nun bitte ich inständig darum, mich nicht falsch zu stehen! Ich will Julian Bream keineswegs wegen seines Lautenspiels zusammenfalten. Etwa, weil er „historisch inkorrekt“ gespielt oder weil er das Instrument seiner Spieltechnik angepasst hat und nicht umgekehrt? Julian Bream hat viel für das englische Lautenlied getan und viel für die englische Lautenmusik des frühen 17. Jahrhunderts. Und er hat das musikalisch so überzeugend getan, dass er viele Besucher seiner Konzerte erst an diese Musik herangeführt hat. Und er hat in Soloabenden gern beides gespielt: in der ersten Hälfte Laute und in der zweiten Gitarre.1955 hat Bream seine erste Platte aufgenommen, und zwar für DECCA, dann folgten vier Platten für das Label WESTMINSTER, zwei 1956 und zwei weitere 1957. Bevor schließlich die lange Zusammenarbeit mit RCA begann, erschien eine weitere Platte bei DECCA, das war 1958. Von den sechs LPs der Zeit vor der RCA enthielten zwei englische Lautenlieder, aufgenommen zusammen mit Peter Pears, eine Lautenmusik und drei Gitarrenmusik.

SDS 11SDS 12François Couperin, Les Barricades Mistérieuses, Transcription for Baroque Lute by Miguel Yisrael, Bologna 2010, UT ORPHEUS EDIZIONI SDS 10. ISMN 979-0-2153-1842-7, € 10,95

Silvius Leopold Weiss, Sonata Nº 11 in A-major (S-C 16), Sonata Nº 15 in F-minor (S-C 21) for Baroque Lute, Edited by Michel Cardin, Bologna 2010, UT ORPHEUS EDIZIONI, SDS 11. ISMN 979-0-2153-1843-4, € 16,95

Georg Adalbert Kalivoda, Partita in F-major from the Buenos Aires Ms for Baroque Lute, Edited by Michael Treder, Bologna 2011, UT ORPHEUS EDIZIONI, SDS 12. ISMN 979-0-2153-1844-1, € 11,95

Das Besondere an diesen Ausgaben ist, dass sie nur die originalen Tabulaturen bereithalten und keinerlei Übertragungen. Da Tabulaturen strikt instrumentenspezifisch sind – weil sie bekanntlich nicht den Ton notieren, den man erzeugen soll, sondern die Griffstelle auf dem Griffbrett des jeweiligen Instruments – sind diese Ausgaben nur für Barocklautenspieler gedacht und nur von Barocklautenspielern benutzbar. In einem Fall, der Komposition „Les Barricades Mistérieuses“ von François Copuperin, liegt sogar die Transkription eines Stücks vor, das für Cembalo überliefert ist. Hier haben wir es also mit Musik zu tun, die für die moderne Ausgabe nicht aus der Tabulatur, sondern in die Tabulatur übertragen worden ist.

Rizzo Ausgabe 218x300Mueller Pering Ausgabe 218x300Die C-Dur-Sonate op. 15 von Mauro Giuliani gehört zu den eher seltener öffentlich gespielten Werken für Gitarre … in den „bevorzugten Konzertprogrammen“ jedenfalls, wie Thomas Müller-Pering im Vorwort seiner neuen Ausgabe des Werks bedauert. Wenn man bedenkt, dass die Wiener Universal Edition als Verlegerin mit dieser Neuausgabe bereits die dritte Edition der Sonate vorlegt, kann die Nachfrage nach den Ausgaben allerdings so schlecht nicht gewesen sein. Außerdem ist die UE-Ausgabe nicht die einzige auf dem internationalen Musikalien-Markt. 1985 standen bei Moser[1] außerdem die von Ruggero Chiesa, Daniel Benkö, Bruno Tonazzi, Frank Nagel/Philippe Meunier und von anderen. Dazu kommen solche, die nur den ersten Satz der Sonate enthalten – mal einfach als „Allegro“, auch „Allegro spirito“ oder „Allegro spiritoso“ und, so soll Karl Scheit den Satz in seiner kompletten Ausgabe der Sonate überschrieben haben, als „Allegro spirituoso“[2]. Bei letzterer Bezeichnung kann es sich freilich nur um einen Lapsus linguae seitens des Katalogkompilators handeln.

Der zitierter Katalog ist nun über 25 Jahre alt und sicher sind weitere Neuausgaben von op. 15 hinzugekommen. Schon 1988 schrieb Matanya Ophee: „Beim letzten Zählen fand ich rund zwanzig Ausgaben der Sonate op. 15 in Umlauf“[3]. Diese Zahl zeigt nicht nur, dass der Moser-Katalog schon drei Jahren nach seinem Erscheinen dringend revisionsbedürftig war, er bekräftigt mich auch in meiner Einschätzung, dass die Sonate von Mauro Giuliani alles andere als ein Ladenhüter war und ist. Tatsächlich sind seitdem weitere neue Ausgaben hinzugekommen – zwei davon liegen mir gerade vor:

Mauro Giuliani, Sonate op. 15, hrsg. V. Fabio Rizza, Bologna 2011, UT ORPHEUS EDIZIONI CH 127, € 9,95

Mauro Giuliani, Sonate C-Dur op. 15, hrsg. v. Thomas Müller-Pering, Wien u.a. 2010, UE 34482, € 12,50

Es ist im Zusammenhang mit den Neuerscheinungen über die Quellenlage im „Fall Giuliani op. 15“ zu reden, auf die auch Matanya Ophee schon eingegangen ist und die auch von Fabio Rizza im Vowort seiner neuen Ausgabe behandelt wird.

Minkoff Logo

Seit dem Oktober 2009 befindet sich der Genfer Verlag Editions Minkoff in Insolvenz, seitdem sind die wichtigen Ausgaben, die der Verlag herausgebracht hat, nicht mehr erhältlich. Mit großem Bedauern hören wir jetzt, dass Sylvie Minkoff, die Gründerin und Besitzerin des Verlags am 9. Dezember 2010 in Genf infolge eines Herzinfarkts verstorben ist.

In den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts gründete Sylvie (*1932) zusammen mit ihrem Ehemann, dem Drucker Jouval Minkoff, den Reprint-Verlag, der der steigenden Nachfrage nach originalen Aufführungsmaterialien Alter Musik gerecht wurde. Die aufblühende Alte-Musik-Bewegung lenkte die Aufmerksamkeit vieler Musiker auf Repertoire, das bis zu diesem Zeitpunkt nicht in modernen Ausgaben vorlag. Außerdem wurden zunehmend historische Notationsformen direkt für Aufführungen verwendet. So bevorzugten Musiker Tabulaturen für Laute, Cister und Gitarre, wo früher Übertragungen gespielt worden waren. Der Verlag Editions-Minkoff wurde schnell größer. Mit Minkoff-France wurde eine Dépendance in Paris gegründet, wo unter anderem eine groß angelegte kritische Gesamtausgabe der Werke von Marc-Antoine Charpentier (1643—1704) in 28 Bänden herauskam.

Der Verlag ist seit Ende 2010 telefonisch nicht mehr erreichbar, Ausgaben können nicht mehr bestellt werden, es sei denn bei Händlern, die noch Lagerbestände vorhalten. Was mit den Vorräten des Verlags selbst geschehen ist und geschieht und mit den Verlagsrechten und Druckvorlagen, ist nicht bekannt.

Rattle Aranjuez DVDEuropa Konzert from Madrid 2011: Cañizares
Berliner Philharmoniker, Sir Simon Rattle
Programm: Chabrier: España; Rodrigo: Concierto de Aranjuez; Rachmaninov: Symphony Nº 2 E minor
Aufgenommen am 1. Mai 2011 im Teatro Real in Madrid
DVD EuroArts 2058398, im Vertrieb von Naxos
… Wer sie nicht kauft, kann als Entschuldigung höchstens vorbringen, dass er keinen DVD-Player besitzt

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Die Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle und das „Concierto de Aranjuez“? In den sechziger Jahren hat ausgerechnet Siegfried Behrend das Konzert einmal mit diesem Orchester eingespielt – nicht unter Herbert von Karajan, der von 1954 bis 1989 Chefdirigent war, sondern unter Reinhard Peters (Deutsche Grammophon 2535 170). Dann war Schluss!. Das meistgespielte Solokonzert wurde nicht wieder aufs Programm gesetzt … bis jetzt eines der traditionellen Europa-Konzerte der Berliner in Madrid stattfinden sollte und man, als Gastgeschenk sozusagen, das Konzert aufführen wollte. Als Solist wurde Juan Manuel Cañizares verpflichtet, ein Flamencogitarrist, der, anders als die meisten seiner Kollegen, Musik nicht durch „learning by doing“ gelernt hat. Er, Cañizares, hat sie studiert … er kann also Noten lesen! Paco de Lucia hat vor vielen Jahren auch einmal das „Concierto de Aranjuez“ gespielt und er ist musikalischer Analphabet. Mit Paco musste ein „Klassiker“ als Korrepetitor das Stück einstudieren, bis er es auswendig spielen konnte.

MuellerRoland Mueller: Guitar Favourites
Werke von Domeniconi, Brouwer, Yuquijiro Yocoh, Granados, Sor, Patiño, Gómez Crespo, Dyens
Aufgenommen 2010, erschienen 2011
OEHMS CLASSICS OC 791, deutscher Vertrieb: Harmonia Mundi, Eppelheim
… Roland Mueller rückt sie ins rechte Licht …

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Der Booklet-Text beginnt mit einer Erklärung: „Eine CD einzuspielen mit „Favourites“ […] ist wohl immer etwas Fragwürdiges.“ Stimmt, zumal es keine Debüt-CD ist, die Roland Mueller hier vorlegt. Vor fünfzehn Jahren hat er bei Quantophon Bach, Schumann und Barrios aufgenommen (s. Gitarre & Laute XXI/1999/Nº 1, S. 27), vorher mehrere LPs und CDs bei Soundstar. Eine Debüt-CD war nicht dabei, die liefert er jetzt nach. Und dabei greift er ins Volle: Koyunbaba, Mozart-Variationen, Tango en skaï … alles, was das Herz begehrt.

Aber weder gegen Sor noch gegen Domeniconi ist etwas einzuwenden! Nur dagegen, dass Kompositionen, wenn sie sich bei Musikern und Publikum durchsetzen, zu „Pflichtwerken“ in Konzerten und Plattenprogrammen werden. Buchstäblich jeder setzt dann auf die Popularität dieser Stücke.

Roland Mueller hat Trendstücke dieser Art zu einem Programm zusammengefasst, beginnend mit „Koyunbaba“, das nach 1985 eine Karriere gemacht hat, wie man sie sehr selten erlebt. Wer als Erster mit diesem Stück durch die Konzertsäle gezogen ist, weiß ich nicht, Fakt ist jedenfalls, dass es in kürzester Zeit überall bekannt und gespielt wurde. „Koyunbaba“ entführt sein Publikum in eine eigene Klangwelt – das wird einer der Gründe für den Erfolg des Stücks sein. Und Roland Mueller ist bemüht, gerade den klanglichen Qualitäten der Musik, die er präsentiert, nachzuspüren. Das gelingt ihm in „Koyunbaba“ sehr gut; weniger überzeugt mich Leo Brouwers Stück „Un dia de Noviembre“, das Roland Mueller stark verzögert … so, dass mir die hinreißend schöne Melodie nicht wirklich gesungen vorkommt. Ein Höhepunkt des Programms sind die „Danzas Españolas“ 5, 4, 10 und 11 von Enrique Granados … aber sie hat der Interpret vermutlich so oft in Konzerten gespielt, dass sie tief im Fundus prozeduralen Wissens abgespeichert sind und jederzeit aktiviert werden können. Wie Fahrradfahren.

Stenstadvold 400x559Erik Stenstadvold, Guitar Methods, 1760—1860, Hillsdale/NY und London 2010, Pendragon Press, ISBN-13 978-1-57647-185-2, US-$ 65,—, Vertrieb in Europa: Eurospan Group

Dass in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts viele Gitarrenschulen erschienen sind, wissen wir, außerdem sind zu diesem Thema bereits Untersuchungen erschienen. Eine umfassende bibliographische Studie, wie sie jetzt von Erik Stenstadvold vorgelegt worden ist, fehlte aber bisher.

Stenstadvold behandelt Gitarrenschulen, die zwischen 1760 und 1860 erschienen sind und provoziert mit dieser zeitlichen Eingrenzung naturgemäß die ersten Fragen: 1. Warum 1760 und 2.: Warum 1860? Die Frage nach dem terminus post quem ist dabei relativ leicht zu beantworten. In der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts hat sich, was die Geschichte der Gitarrenmusik angeht, etwas Wesentliches ereignet. Komponisten, Interpreten und Lehrer begannen nämlich, sie nicht mehr in Tabulatur aufzuschreiben, sondern in Notenschrift, wobei sich sehr bald die Schreibweise auf einem System mit tiefoktaviertem Violinschlüssel durchsetzte, wie wir sie heute noch benutzen.

Tarrega Recuerdos Man 1Ein Autograph des Stücks "Recuerdos de la Alhambra" steht in Madrid zum Verkauf … darauf wies Luis Briso de Montiano vor ein paar Tagen in einer auf Gitarrendinge spezialisierten Mailing List hin [Guitar-Summit].

Hier ist der Link zu dem Antiquariat bzw. Auktionshaus in Madrid: http://www.suitesubastas.com/z017_9julio2011_s25/pl219.html
Der Preis des fünf Seiten unfassenden Manuskripts ist € 80.000,—.

Es hat unmittelbar nach der Ankündigung der Auktion eine Diskussion über das Manuskript gegeben und darüber, wie es hier überschrieben ist. Anders, als bei dem vor etlichen Jahren angebotenen Sor-Manuskript sind bisher allerdings keine Zweifel an der Authentizität des Tárrega-Autographs geäußert worden … aber Moser scheint dieses Manuskript gekannt zu haben, als er sein Tárrega-Buch zusammengestellt hat. Dort jedenfalls hat er den Titel zitiert, der auf dem jetzt angebotenen Manuskript über dem Notentext steht: Improvisacion ¡A Granada! Cantiga Arabe! Zweifel an der Authentizität der Handschrift scheinen jedoch nicht einmal ihm gekommen zu sein.

Im Guitar-Summit wird noch ein interessanter Artikel zu einer neuen Ausgabe von "Recuerdos de la Alhambra" von Stanley Yates erwähnt [Tárrega-Artikel]. Für weitere Informationen empfehlen wir dringend den Besuch der "Mailing List" "Guitar Summit"!