Giuliani pop

GITARRE & LAUTE ONLINE: Beiträge zu Neuerscheinungen (Notenausgaben, Bücher, CDs) auf den Gebieten Gitarre und/oder Laute, Berichte über Konzerte, Festivals und Wettbewerbe, Essays und Kommentare. Verschiedene Autoren, Chefredakteur (Verantwortlich im Sinne des Pressegesetzes): Dr. Peter Päffgen.

Buchtitel Hackl1 400x592Stefan Hackl, Die Gitarre in Österreich: Von Abate Costa bis Zykan. Innsbruck u.a., Studien Verlag, 2011, ISBN 978—3-7065-4980-6, €34,90

1970 wurde an der Yale University in New Haven/Connecticut ein Kandidat aufgrund seiner Dissertation mit folgendem Titel zum Doctor of Philosophy promoviert: „The Birth of the Classic Guitar and its Cultivation in Vienna, reflected in the Career and Compositions of Mauro Giuliani (d. 1829)“. Diese bahnbrechende Arbeit gab der Forschung rund um Gitarre und Gitarrenmusik des 19. Jahrhunderts wesentliche neue Impulse und sie befasste sich mit so etwas wie dem Beginn nordeuropäischer Akzeptanz, was die Gitarre anging. Die „neue“ Gitarre mit sechs einzelnen Saiten, gerade ein paar Jahre vor der Jahrhundertwende erfunden, gewann um 1800 in Ländern große Popularität, in denen ihre Vorgängerinnen, die fünfchörige „Barockgitarre“ zum Beispiel und deren um einen Chor erweiterte Variante, keine Rolle gespielt hatten … ja, wo sie sogar verpönt waren.

Zum Beispiel in Österreich: Thomas F. Heck, der Autor der genannten Dissertation von 1970, nennt Wien schon im Titel seines Werks als einen Ort, an dem die neue Gitarre entwickelt worden ist. Aber Wien war damals Hauptstadt der „Donaumonarchie“ – bestehend aus Österreich, Ungarn, Tschechien, der Slowakei, Kroatien und anderen Regionen. Dort, im Habsburger-Reich, waren die älteren, chörigen Gitarren auch vor 1800 schon durchaus in Benutz gewesen. Stefan Hackl nennt den Böhmen Johann Anton Losy (ca. 1643—1721), dessen Name man nicht nur durch Karl Scheits Ausgabe einer Partita für Barockgitarre (UE 12102) kennt, sondern durch das „Tombeau sur la mort de M. Comte de Logy“, das Silvius Lopold Weiss ihm gewidmet hat. Und er erwähnt die „Ausseer Tabulatur“, die Josef Klima auszugsweise ediert hat, und ein paar andere Handschriften, auch zwei fünfchörige Gitarren, die sich im Nachlass des Hoflautenisten Bohr von Bohrenfels befunden haben … aber all das sind Marginalien. Die Gitarrengeschichte Österreichs, und schon gar die des heutigen Österreich, begann Anfang des 19. Jahrhunderts!

Stimmt, Miguel Yisrael war hier schon Thema! Er ist der Herausgeber einer Reihe namens „La Rhétorique des Dieux“ bei Ut Orpheus, von der hier einige Einzeleditionen besprochen worden sind. Und er hat dort, bei Ut Orpheus, auch eine umfängliche Lautenschule herausgegeben, die hier noch Thema sein wird.

Jetzt spielt er, und zwar:

AUSTRIA 1676
Lute Music by Lauffensteiner and Weichenberger
Aufgenommen im Oktober 2011, erschienen 2012
BRILLIANT Classics 94331
… weit entfernt von jeglichem Manierismus …

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Miguel Yisrael, soviel vorweg, ist Portugiese … mindestens ist er dort, in Portugal, 1973 geboren. Gitarre und Laute hat er gelernt und studiert – Laute bei Claire Antonini am Conservatoire in Paris. Schließlich hat er – wie kann es anders sein – seine künstlerischen Weihen bei Hopkinson Smith an der Schola Cantorum Basiliensis erhalten.

Miguels neueste CD enthält Werke von Wolff Jacob Lauffensteiner (1676—1754) und Johann Georg Weichenberger (1676—1740). Im gleichen Jahr sind sie geboren … bei Steyr in Oberösterreich der eine – in Graz der andere. Und ihr Geburtsjahr, 1676, steht auch als eine Art Motto über dem Programm, das Miguel Yisrael anbietet.

Das Ding 1Das Ding 3Andreas Lutz/Bernhard Bitzel (Hrsg.), das DING mit Noten (1), Kultliederbuch, Manching 2009 (DUX 6666), € 29,90Dass. Band 3, Manching 2012 (DUX 8888), € 29,90

Das Ding 2 ist hier schon besprochen worden, jetzt werden Band 1 nachgeliefert und der ganz neue Band 3. Dinger 1 und 3 entsprechen dem schon vorgestellten zweiten Band, was Aufbau und Ausrichtung angeht, in beiden stehen wieder über 400 Lieder. Jetzt sind’s also insgesamt schon 1200 Titel.

Über den Inhalt aller Bände gibt die Seite http://www.kultliederbuch.de Auskunft. Dort kann man auch die Bände bestellen und Kommentare abgeben. Die Zusammenstellung der Inhalte folgt nicht dem Prinzip, dass in Band 1 die älteren und in Band 3 die neuen Titel stehen. Es ist auch keineswegs so, dass in einem Band die englischsprachigen Songs stehen und in einem anderen die deutschen. Alles falsch! Der Inhalt der Bände 1 bis 3 scheint überhaupt keinem Prinzip zu folgen. Die Lieder sind so und in der Reihenfolge aufgenommen worden, wie sie die Herausgeber am Lagerfeuer gesungen haben. Oder bei Regen im Pfadfinderzelt. Und genau so sind sie auch aufgeschrieben worden … weder mit drei Standard-Akkorden noch mit komplizierter harmonischer Begleitung, aber so, dass sie ein normal gebildeter Feld- Wald- und Wiesen-Gitarrist spielen kann.

Apropos Feld- Wald- und Wiesen-Gitarrist: Mit je über vierhundert Seiten hat das Ding mittlerweile enzyklopädisches Format angenommen. Jeder Band wiegt rund anderthalb Kilo und das Ganze wird langsam unhandlich. Wer der Notenteil nicht braucht, der ist vermutlich mit dem „Ding ohne Noten“ besser aufgehoben. Da stehen die Texte drin mit entsprechenden Akkordsymbolen. Am Lagerfeuer oder im Pfadfinderzelt reicht das fast immer. Die „Dinger ohne Noten“ sind auch noch handlicher, weil sie nicht im Querformat gehalten werden müssen, sondern ganz normal wie ein Buch. Aber für den, der es genau wissen will, für den gibt es keine Alternative zum „Ding mit Noten“.

Ida Kind Rund 300x300Les Compositions de Ida Presti pour deux Guitares
Olivier Chassain & Stein-Erik Olsen
Aufgenommen im April 2009
SIMAX PSC 1289, im Vertrieb von Klassik Center Kassel
… eine besondere CD …

Dass Ida Presti eine Ausnahmemusikerin war, wissen wir … mindestens haben wir es gelesen. Dass sie – wie viele ihrer Kolleginnen und Kollegen – komponiert hat, ist auch bekannt. Aufnahmen gab es aber bisher nicht. Im Anhang zu Eleftheria Kotzias Artikel bzw. der mit diesem Artikel verbundenen Diskographie, stand ein Verzeichnis von Ida Prestis Kompositionen … allerdings, wie man jetzt sieht, ein mehr als unvollständiges.

An Solowerken hatte Eleftheria gelistet:

Segovia
Etude à ma mère
Prélude (Hommage à Bach)
Prélude pour Alexandre

Ein stark erweitertes Verzeichnis der Stücke für zwei Gitarren wird jetzt durch das Programm der CD Olivier Chassain und Stein-Erik Olsen geliefert:

Presti ChassainLa Hongroise (1959)
Danse d’Avila (1957)*
Danse Gitane (1957)
Espagne (1966)
Prélude (1958)*
Berceuse à ma mère (1957)
Étude Nº 1 (1956)*
Valse de l’An nouveau (1955)
Tarantelle (1959)
Bagatelle (1964)
Sérénade (1955)
Étude fantasque (1966)

Drei dieser Stücke sind bei Ricordi erschienen (*), alle anderen, herausgegeben von Olivier Chassain, bei Bèrben in Ancona.

Erfahrungsgemäß neigen komponierende Instrumentalisten dazu, in Stücken die Vorzüge ihres jeweiligen Instruments oder ihre eigene Virtuosität geschickt zwar, aber unverhohlen und über Gebühr ins rechte Licht zu rücken. Und wenn sie das nicht tun: Instrumentalisten verfangen sich, wenn sie komponieren, gern in idiomatischen Floskeln, die sie vom Üben „in den Fingern haben“. Oder sie begnügen sich damit, ihr Improvisiertes aufzuschreiben und als Kompositionen vorzustellen.

Devine BachJoPerroy Bachhann Sebastian Bach, Transcriptions for Guitar: Partita c-Moll BWV 826; Suite BWV 997; Prelude, Fugue and Allegro BWV 998; Concerto in D-major (after Vivaldi) BWV 972
Judicaël Perroy, Gitarre
Aufgenommen im April 2010, erschienen 2012
NAXOS 8.572427
… fast amorphe Tonkette …
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Johann Sebastian Bach, Guitar Transcriptions: Choral “Nun komm der Heiden Heiland” BWV 659; Cello Suite Nº 4 BWV 1010; Choral “Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ” BWV 639; Choral “Jesus bleibet meine Freude” BWV 147; Violin Partita Nº 2 BWV 1004; Choral “Bist du bei mir” BWV 508
Graham Anthony Devine, Guitar
Aufgenommen im Juli 2010, erschienen 2012
NAXOS 8.572740
… insgesamt überzeugt …
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Werke von Johann Sebastian Bach werden seit jeher für Gitarre bearbeitet. Angefangen hat’s mit Einzelsätzen aus den Lautenwerken, dann kamen Teile aus Werken für andere Instrumente dazu. Als sich bei Gitarristen immer weiterreichend durchsetzte (und als sie auch spieltechnisch dazu in der Lage waren), dass man nicht mehr Einzelsätze sondern komplette Zyklen spielte, wurden auch die Adaptionen aus dem Œeuvre von Bach komplett gespielt: Segovia nebst Epigonen spielten noch die Chaconne – heute wird gemeinhin die ganze Violin-Partita (BWV 1004) vorgeführt wenn nicht gar (für CD-Projekte) alle drei Sonaten und Partiten en suite.

Werner Reif (Hrsg.), Lautenstücke aus der Renaissance, bearbeitet für Gitarre: Deutschland, Manching 2012, Edition Dux 904, € 12,80

Dies ist der fünfte Band mit Lautenstücken, die Werner Reif bei der Edition Dux herausgegeben hat. Nach Sammlungen mit Kompositionen aus Frankreich, England und Italien sowie einer mit Lautenduetten ist jetzt deutsche Lautenmusik an der Reihe, deutsche Lautenmusik, überliefert in deutscher Lautentabulatur.

Reif Deutsche LautenmusikSie, die deutsche Lautentabulatur, war zweifellos die umständlichste der Griffschreibweisen, die seit Ende des 15. Jahrhunderts in Benutz waren und das war auch ein wesentlicher Grund dafür, dass sie bald durch entweder die französische oder die italienische Tabulatur ersetzt wurde. Ein blinder Organist, Conrad Paumann mit Namen, soll es gewesen sein, der sie erfunden hat. Und später, viel später, als das Interesse an Laute und Lautenmusik nachließen, gab man der deutschen Tabulatur sogar die Schuld für den Niedergang des vorher so angesehenen Instruments. „Man darff sich derowegen nicht wundern, wenn man die Beschaffenheit des Lauten-Griffbretes ansiehet, wie das hat zugehen können, dass ein solches Instrument wegen seiner Schwürigkeit so sehr hat in Ruff kommen können.“ [Untersuchung, S. 57] Die deutsche Lautentabulatur war 1727, als Ernst Gottlieb Baron das schrieb, schon über hundert Jahre nicht mehr in Benutz, aber er hatte sich vorgenommen, „von denen Præjudiciis zu gedencken, durch welche dieses sonst Edle Instrument gantz ohne Noth ist verhast gemacht worden.“ [S. 99]

Dabei ist es durchaus vorstellbar, dass es ein Blinder gewesen war, der diese Schreibweise für die Laute erfunden hat. Gemeinsam haben alle Lautentabulaturen, dass sie nicht den jeweiligen Ton aufschreiben, der erklingen soll, sondern den Bund, in dem er zu greifen ist. Es musste also aufgeschrieben werden, auf welcher Saite in welchem Bund gegriffen werden sollte … aber bei der deutschen Lautentabulatur war das anders. Bei der hat ihr Erfinder nämlich jeden Bund der damals fünf Saiten – bzw. Chöre, denn die Laute war mit Doppelsaiten bezogen – mit einem Buchstaben bezeichnet. Da musste man die Bezeichnungen der fünf Chöre auswendig lernen, aber: Man konnte die deutsche Lautentabulatur diktieren und das kann für einen blinden Musiker von großem Vorteil gewesen sein. Die leeren Saiten waren nummeriert (also „1“ bis „5“), ein „a“ stand für „fünfter Chor/erster Bund“, ein „b“ für „vierter Chor/erster Bund“ usw.

Presti CD 6642The Art of Ida Presti
Werke von de Visée, Bach, Paganini, Albéniz, Malats, Fortea, Moreno-Torroba, Villa-Lobos, Sor, Pujol, Lagoya
Aufgenommen 1938 und 1956
IDIS 6642, im Vertrieb von Klassik Center, Kassel

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Ida Presti kennen die meisten unter uns, wenn überhaupt, als Duopartnerin von Alexandre Lagoya. Dass sie aber vorher schon als Wunderkind eine sensationelle Karriere gemacht hat, davon liest man nicht viel … und auch, wenn Eleftheria Kotzia versucht, Idas Namen im Gespräch zu halten, ich fürchte, dass er bald nur noch den „Historikern“ unter den Gitarrenfreunden geläufig sein wird.

Eleftheria Kotzias Artikel über Ida Presti, der 1992 in Gitarre & Laute erschienen ist, finden Sie hier in Gitarre & Laute ONLINE, ansonsten gibt es leider wenig neuere Literatur zum Thema. Die unten folgende Diskographie hat Eleftheria nach Rücksprache aus Beiträgen der Pariser Zeitschrift „Les Cahiers de La Guitare“ übernommen.

Ida Presti hat 1938 ihre ersten Aufnahmen gemacht, da war sie dreizehn oder vierzehn Jahre alt. Die Datierung 1934—1936 in der Diskographie ist offenbar falsch, denn Marco Bazzotti, der Herausgeber der vorliegenden IDIS-CD und auch John W. Duarte, der 1995 eine CD mit ähnlicher Auswahl herausgegeben hat (Ida Presti and Luise Walker: Les grands dames de la guitare, PEARL GEMM CD 9133, Pavilion Records Ltd.), schreiben übereinstimmend, die Aufnahmen seien 1938 entstanden. Duarte hat dazu noch die Matrizen- und Platten-Nummern der Produktionen angegeben. Interessant ist, dass auf beiden CD-Neuproduktionen die Volkslieder von Ponce und auch der spanische Tanz von Enrique Granados fehlen. Was den Rauschpegel angeht, ist unüberhörbar bei der neueren CD von IDIS Hand angelegt worden: weniger Rauschen bei insgesamt gleicher Aufnahmequalität.

Ida PostkarteVor fünfundvierzig Jahren, am 24. April 1967, stand die berühmte Gitarristin und geniale Musikerin Ida Presti im Grand Memorial Hospital in Rochester nicht einem Publikum gegenüber, sondern einem unentrinnbaren Gesetz unseres Lebens. Im Alter von 43 Jahren und auf dem Höhepunkt ihrer Karriere starb sie an ihren inneren Blutungen.

Geboren wurde sie am 31. Mai 1924 in Seresnes, einem Vorort von Paris, und getauft wurde sie auf den Namen Yvette Montagnon. Ihr Vater, Claude Montagnon, war Franzose, ihre Mutter, Olga-Gracia Lo Presti, Sizilianerin. Monsieur Montagnon dachte, Ida Presti klinge besser als Yvette Montagnon, und so nahm sie später den Geburtsnamen der Mutter an. Ihr Vater liebte Musik und spielte oft bei sonntäglichen Festen Akkordeon.

Nach einem Konzert von Segovia am 7. April 1924 kam er höchst beeindruckt nach Hause und erzählte seiner Frau, die im achten Monat schwanger war: „Unser Kind wird einmal ein großer Gitarrist“. Ein paar Wochen später wurde Yvette geboren. Monsieur Montagnon kaufte sich eine Gitarre und spielte darauf herum – um später seiner Tochter die ersten Anfangsgründe beibringen zu können. Übrigens hatte er die gleichen Ambitionen bei seinem zweiten Kind, einem Jungen, aus denen aber nichts wurde.

Auf jeden Fall wurde es zu einer Huptaufgabe von Monsieur Montagnon, Ida zu einer großen Gitarristin zu machen. Als sie sechs Jahre alt war, unterrichtete er sie auf einer Gitarre von normaler Größe – vornehmlich mit Hilfe von Schallplatten von Andrés Segovia – und half ihr, das angeborene Talent auszubilden und die nötige Disziplin. Die Arbeit begann nach der Schule, wenn die kleine Ida zuerst eine Mittagsruhe einhielt, um dann Gitarre und Musiktheorie zu üben. Ihre ungewöhnliche Musikalität und ihr Fleiß zeitigten die erstaunlichsten Ergebnisse. Mit acht Jahren spielte sie zum ersten mal öffentlich uns ihr erstes regelrechtes Konzert gab sie mit zehn, am 28. April 1935 in der Salle Chopin-Pleyel in Paris.

Neu eingegangene Noten, Besprechung vorbehalten | Besprochene Ausgaben sind mit dem Fundort der jeweiligen Rezension verlinkt

Alexey Agibalov, Sonata Nº 1 for the Seven-String Guitar, Columbus, 2010, Editions Orphee, PWYS-95
Johann Sebastian Bach, Adagio & Allegro aus der Sonata Nr. 6 G-Dur BWV 1019 für Violine und Cembalo, herausgegeben von Nikita Koshkin, Berlin, 2011, Edition Margaux, em 2096
Rainer Bischof, Valenciana für Orgel und Gitarre, Wien u.a., 2007, Doblinger, D. 19 795
Thomas Buchholz, drei mondlieder für Blockflöte, Gitarre und Akkordeon, Berlin, 2010, Verlag Neue Musik, NM 1224
Thomas Buchholz, Himmelfarben II für Blockflöte und Gitarre, Berlin, 2011, Verlag Neue Musik, NM1314
Thomas Buchholz, Himmelstage/Heaven Days/Les Journées du ciel für drei Gitarren, Berlin, 2011, Verlag Neue Musik, NM 1315
Thomas Buchholz, sonata a tre (nostradamus I). Fassung für Flöte, Gitarre und Akkordeon, Berlin, 2010, Verlag Neue Musik, NM 7834a
Agustín Castilla-Ávila, Five o’Clock (Eran las Cinco de la tarde) for guitar, Wien, 2011, Doblinger, D.19 992
Agustín Castilla-Ávila, Presentimiento (Habanera), Laura’s Song for Guitar, Wien, 2011, Doblinger, D 35 938
Rafael Catalá Salvá, Toros de Ceniza (Alegrías) für Gitarre, Wien u.a., 2009, Doblinger, D. 19 856
Olivier Mayran de Chamisso, 12 Timeless Préludes intemporels, herausgegeben von Olivier Chassain, Mainz u.a., 2011, Schott Music, SF 1001
José Costa y Hugas, The Complete Works, herausgegeben von Rafael Catalá, Wien, 2010, Doblinger, D.19 657
François Couperin, Les Barricades Mistérieuses. Transcription for Baroque Lute, herausgegeben von Miguel Yisrael, Bologna, 2010, Ut Orpheus, SDS 10

Das Dorotheum ist das größte Auktionshaus für Kunst in Mitteleuropa, gegründet im Jahr 1707 als „Versatz- und Fragamt zu Wien“. Damals wie heute ist ein wesentlicher Teil des täglichen Geschäfts die Pfandleihe und der Handel mit Juwelen und Kunstobjekten. Die 600 im Jahr stattfindenden Versteigerungen erbringen etwa 60% des Gesamtumsatzes. Neben Gemälden, graphischen Arbeiten, Skulpturen, Möbel, Porzellan und Schmuck werden zweimal jährlich Musikinstrumente versteigert, unter anderem heute, am 29. März 2012 um 16:00 Uhr. Wir können leider erst jetzt, wenige Stunden vor der Auktion, über die Versteigerung berichten, werden aber in Zukunft früher Meldungen über Termine und Inhalte der Auktionen liefern. Aber selbst heute: Sie können noch bieten:

Palais Dorotheum
TEL: ++43–1–515 60–0
FAX: ++43–1–515 60–508
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Wie fast immer bei Versteigerungen von Musikinstrumenten sind es hauptsächlich Streichinstrumente, die unter den Hammer kommen. Auch heute sind die Lots 1 bis 73 Geigen und Geigenbögen, 74 bis 85 Bratschen, 86 bis 91 Celli. Das Objekt mit dem höchsten Schätzpreis ist eine „Feine italienische Meistergeige“ von Paolo Antonio Testore (Mailand um 1690—nach 1760) aus dem Jahr 1742 mit Bogen und Etui, geschätzt auf € 60.000—80.000.

Mit Lot 92 beginnen meist neue Holz- und Blechblasinstrumente, danach Zupfinstrumente (ab Lot 114).

Lots 114 bis 117 sind Mandolinen, hervorheben möchten wir die Nummer 115:

„Eine sehr schöne Meistermandoline, um 1900, Neapel oder Rom, leicht rep. bed. € 800—1.000. (Katalog, Dorotheum, s. Foto © 2012, Dorotheum, Wien, mit freundlicher Genehmigung)

Es folgen (118—119) zwei Wiener Schrammelgitarren (Kontragitarren) von Johann Gottfried Scherzer (1843—1870), beide geschätzt auf € 1.400—1.600, eine sechssaitige „Wiener Meistergitarre“ von Nicolaus Georg Rieß (€ 800—1.000) und als Nummer 122

Eine Wiener Kontragitarre von Ludwig Reisinger, 1916, rep. bed. (Katalog, Dorotheum, s. Foto © 2012, Dorotheum, Wien, mit freundlicher Genehmigung)

Der Katalog ist online einzusehen unter http://www.dorotheum.com/auktionen/auktion-9278-musikinstrumente.html, der im Dorotheum zuständige Spezialist für Musikinstrumente ist János Márkus-Barbarossa, erreichbar unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!. Außerdem können die Kataloge auch abonniert werden unter http://www.dorotheum.com/auktionen/kataloge-kaufen.html. Auch kann man sich per Email an Auktionen erinnern lassen: https://www.dorotheum.com/mydorotheum/suche.html?no_cache=1

Wie bei allen Auktionen ist auch im Dorotheum eine Gebühr zu bezahlen, die sich am Hammerpreis orientiert. Sie beträgt: bis € 10.000 25%, bis € 100.000 22% und über € 100.000 15%.

Dorotheum GmbH & Co KG
Dorotheergasse 17, 1010 Wien
Tel.: +43-1-515 60-0, Fax: +43-1-515 60-443
Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Fotos: Oben Katalog Nummer115, unten Katalog Nummer 122. Beide © 2012 Dorotheum Wien.

CD Gees BendGee’s Bend: Gitarrenkonzerte des 20./21. Jahrhunderts
Werke von Elmer Bernstein, Malcolm Arnold, Michael Daugherty
Thorsten Drücker, Gitarre; WDR-Rundfunkorchester, Rasmus Baumann
Aufgenommen zwischen September und Dezember 2010, erschienen 2011
Querstand VKJK 1211, im Vertrieb von CODAEX
… in allen drei Konzerten exzellent …

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Thorsten Drücker spielt Gitarrenkonzerte … keines von Rodrigo oder Castelnuovo-Tedesco, auch nicht von Brouwer und schon gar nicht von Vivaldi. Von den drei Konzerten, die er zusammen mit dem WDR-Rundfunkorchester unter Rasmus Baumann für seine CD eingespielt hat, ist eines halbwegs bekannt, das von Malcolm Arnold (1921—2006) nämlich, das Julian Bream gewidmet ist, die beiden anderen eher nicht. „Gee’s Bend for electric guitar and orchestra“ ist eine Welt-Ersteinspielung und das Konzert von Elmer Bernstein (1922—2004), mit dem das Programm eröffnet wird, hat bisher nur Christopher Parkening auf CD vorgestellt. Er hat den Komponisten zu dem Werk angeregt und ihm ist es gewidmet.

Elmer Bernstein war, als er sein „Concerto for guitar and orchestra“ schrieb, ein vielbeschäftigter Komponist … allerdings weniger von „E-Musik“, was auch immer man darunter verstehen mag. Elmer Bernstein belieferte Hollywood und zwar sehr erfolgreich. „The Magnificent Seven“ (1960) „The Ten Commandments“ (1956) „The Blues Brothers“ (1980) oder „Wild Wild West“ (1999) sind nur ein paar Beispiele für die insgesamt über zweihundert Filme, die er mit Musik versehen hat. Für die Musik zu „Thoroughly Modern Millie“ hat er 1967 gar einen „Oscar“ bekommen.

Siempre Nuevo [Siempre Nuevo]: First Steps
Werke von Scarlatti, Bach, Granados und Piazzolla
Aufgenommen im August 2009, erschienen 2010
ArcoViva Praha [ArcoDiva] UP 0137-2131, im Vertrieb von Klassik Center Kassel [Klassik Center]
… natürlich hat die Konkurrenz nicht geschlafen …
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Die Fuge a-Moll von Johann Sebastian Bach kennen wir als Teil seiner Sonate für Violine solo BWV 1001 und natürlich auch als Fuge BWV 1000 für Laute. Bach hat das Stück dazu um ein Präludium erweitert und beides dann als Präludium und Fuge d-Moll BWV 539 für Orgel bearbeitet. Auf diese Version geht die Transkription von Tilman Hoppstock zurück, die das Duo „Siempre Nuevo“ auf seiner Debüt-CD spielt … und diese Transkription bzw., um genau zu sein, deren Vorlage halten Überraschungen bereit. Natürlich hat Bach, als er eine Bearbeitung für Orgel anfertigte, die Möglichkeiten dieses Instruments genutzt und den Satz erweitert. Entstanden ist eine im Vergleich mit den beiden anderen uns bekannten Versionen große Orgelfuge – und diesen Eindruck vermittelt auch die neuerliche Reduktion der Transkription für zwei Gitarren deutlich. Ich frage mich, warum die Fuge von Gitarrenduos nicht häufiger gespielt wird … deren Transkription von Hoppstock übrigens als Nº 99 031 im Prim-Verlag [Prim Verlag] in Darmstadt erschienen ist!

Das Duo „Siempre Nuevo“ wird dem Stück gerecht, überakzentuiert für meine Begriff hie und dort, bringt aber den Orgelduktus sehr gut rüber, den diese Version des Stücks ausstrahlt … die Gitarristen haben keine Kalkanten dabei und doch hat man gelegentlich Orgelluft in der Nase … nehmen Sie als Beispiel nur die große Schlusskadenz!

Mit einem schroffen Kontrast wechselt das Programm: Von Granados gibt’s anschließend alle „Valses Poeticos“ in einer Transkription von Thomas Müller-Pering, dem Hochschullehrer der beiden agierenden Gitarristen Patrick Vacik und Matìj Freml. Beide kommen aus Tschechien und studieren [!] in Weimar.

Die große romantische Geste der Granados-Walzer liegt den beiden Musikern, aber ihnen gelingen auch die schnelleren Tänze des spanischen Komponisten. Der geistreich-witzige Walzer Nº. 4 zum Beispiel, überschrieben mit „Allegro humorístico“, gefällt mir sehr gut, obgleich ich auch hier ein paar überpointierte Effekte glätten würde. Gleich danach gibt’s schwingende, kreisende Walzerseligkeit Wiener Art … und das können sie, die beiden Musiker aus den ehemaligen Habsburger Ländern … obwohl ich bei genauerer Betrachtung feststelle, dass Patrick Vacik in Kempten (im Allgäu) geboren ist und doch – laut Booklet – „aus Tschechien stammt“ und in München gelebt hat. Na ja!

Am Schluss des Programms noch der Meilenstein des Repertoires des ausgehenden 20. Jahrhunderts, Piazzollas „Tango-Suite“. Jeder, der etwas auf sich hält, hat dieses Stück im Programm und wenn möglich aufgenommen. Dabei ist es im Besitz der Assad-Brüder … (war ein Scherz!) Nein, für Sergio und Odair Assad ist das Stück geschrieben. Die beiden waren die Ersten, die es gespielt und eingespielt haben und für viele Jahre musste sich jedes Duo an den Assads messen lassen. Das hat sich geändert. Selbst Sergio und Odair haben die Suite mittlerweile neu eingespielt, weil sie nicht wirklich zufrieden waren mit der ersten CD.Na ja, das Duo „Siempre Nuevo“ spielt das Kultstück der achtziger und neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Geschrieben hat es Piazzolla 1983, die erste Aufnahme der Assads kam 1985 bei GHA in Brüssel heraus.

Das blinde Verstehen der beiden brasilianischen Gitarristen war es immer, das ihre Aufnahme von allen späteren unterschied – blindes Verstehen, was Sychronizität auch bei hohem Tempo angeht, aber auch bezüglich agogischer Freiheiten. Assad & Assad haben den Duo-Markt beherrscht … aber natürlich hat die Konkurrenz nicht geschlafen, wie das Duo „Siempre Nuevo“ beweist. Es ist anders, was sie da spielen, es ist weniger lasziv, es ist gerader und „geordneter“. Aber es ist eine Sicht der Dinge, eine andere und sehr berechtigte Art der Herangehensweise.

Magdalena Kaltcheva: [Kaltcheva] Elogio de la Guitarra
Werke von Scarlatti, Albéniz, Giuliani und Rodrigo
Aufgenommen im Mai 2010, erschienen 2011
NCA [NCA] 60219, im Vertrieb von Membran [Membran]
… Was kann da noch schiefgehen? …
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Dies ist Magdalena Kaltchevas zweite CD bei der gleichen Gesellschaft. Die junge Frau ist 1987 in Sofia zur Welt gekommen, gehört also zu den Küken der internationalen Gitarrenszene. Sie hat an verschiedenen Wettbewerben teilgenommen und hat auch in mehreren, oft osteuropäischen oder ehemals osteuropäischen, auf dem Treppchen gestanden. Heute studiert sie in Köln bei Hubert Käppel.

Magdalena Kaltcheva ist bemerkenswert versiert in dem, was sie tut. Sie ist virtuos und kostet das auch aus. Sie spielt eloquent und überzeugt … und auch das gern. Und fehlt etwas?

Wie kann es anders sein, bei einer Musikerin in ihrem Alter müssen Wünsche offen bleiben! Ist es das dezidiert Eigene, das ihr fehlt? Der Mut aufzutrumpfen, selbst wenn die eigene Meinung vielleicht unausgegoren oder schlicht falsch ist? Ist es die virile Kraft, die man in ihren Interpretationen doch vermisst – man verzeihe mir diese vielleicht machohaft anmutende Fragte, aber Kraft gehört in solistischer Musik zu den primären Eigenschaften, die ein Interpret mindestens vortäuschen muss. Die eben gestellten Fragen haben nur am Rand mit dem sportiven Virtuosentum zu tun, das sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts herausgebildet hat und mit dem wir Namen wie Franz Liszt, Niccolò Paganini oder auch Giulio Regondi verbinden (ganz zu schweigen von ein paar Musikern unserer Tage, die ihren Job nur noch sportiv sehen). Sie haben zu tun mit den exhibitionistischen Zügen, die solistische Stücke (a priori) haben.

Und Magdalena Kaltcheva? Nun, ich habe es schon geschrieben: Ihr Spiel ist nahezu perfekt, es ist ausgewogen und ausgeglichen – aber fehlt ihm vielleicht trotz allem dieses Jota an Diabolischem; dieses Anmaßen, dass alles, was da präsentiert wird, auf die einzig richtige Art geschieht; Pulverdampf vielleicht, den man in der Luft wähnt, weil irgendetwas nicht mit rechten Dingen zugehen kann?

Am Schluss des Programms von Magdalena Kaltcheva stehen zwei Stücke von Mauro Giuliani: „Grande Ouverture“ op. 61 und „Rossiniana“ Nº 6 op. 124. Als der junge Mauro im Jahr 1806 in Wien ankam, weil er dort bessere Aussichten auf eine einträgliche Karriere vermutete, kannte man die Gitarre durchaus – aber weniger als Konzertinstrument, sondern als „galantes Spielwerk, höchstens als angenehmes Accompagnement kleiner, leichter Gesangstücke“. Giuliani machte Furore, die Wiener und vor allem die Wienerinnen lagen ihm zu Füßen. Die Musikwelt staunte, dass auf einem so erbärmlichen, kleinen Instrument eine so vollstimmige und „große“ Musik hervorzubringen war. Nach Konzerten von Mauro Giuliani in Wien lag der Pulverdampf, vom dem eben die Rede war, in der Luft. Und hier, bei Magdalena, riecht man ihn auch! Vielleicht könnte die Musik noch etwas theatralischer sein, vielleicht könnten die Kontraste schroffer wirken, vielleicht wäre überhaupt etwas mehr große Geste angesagt? Alles ist noch ein wenig brav und unentschlossen, es kommt ein wenig zögerlich und harmlos herüber. Aber Magdalenas Karriere ist gerade in ihrer Entstehungsphase … wenn sie jetzt schon jeden überzeugte, was bliebe noch zu tun?

Magdalena Kaltcheva ist im Begriff, eine veritable Karriere zu starten. Alles, was dazu nötig ist, hat sie im Portefeuille: musikalische Begabung, (ganz offenbar) Arbeitsmoral, Orientierungssinn, was Musikgeschichte und Repertoire angeht, und sie hat den richtigen Lehrer. Was kann da noch schiefgehen?

Guitar4mation [Guitar4mation]: Sonada del alma
Werke von Tomás Gubitsch, Rodrigo, Szymanowski, de Falla, Martin Schwarz, Ginastera, Piazzolla, Consuelo Velásquez
Aufgenommen zwischen 2005 und 2009, erschienen 2010
GRAMOLA [Gramola] 98901, im Vertrieb von Codaex [Codaex]
… purer Spaß! …
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Das Ensemble Guitar4mation hat sich in Wien zusammengetan, dabei stammen die vier Musiker aus drei verschiedenen Ländern: Petr Saidl ist Tscheche, Micha³ Nagy Pole und Martin Wessely und Martin Schwarz sind Österreicher … was die vier Musiker bei genauerer Betrachtung dann aber doch als Angehörige einer zusammenhängenden kulturellen Einheit ausweist. Und so spielen sie auch – das vorwegnehmend!

Auch, wenn Stücke verschiedener Herkunft auf dieser CD vereint sind, Tango und Spanien sind die Stichworte, die das Programm beherrschen. Es geht los mit „La Otra Calesity“ von Tomás Gubitsch, von dem auch „Te accordás de mi?“ zu hören ist, zwei sehr spannende, neue Tangos, die auf der einen Seite an Stücke von Astor Piazzolla erinnern, auf der anderen aber vor allem harmonisch schon weit von ihnen entfernt sind. Der Weg vom Modetanz zur modernen Kammermusik, den Piazzolla mit seinem „Tango Nuevo“ eingeschlagen hat, hier ist er weitergegangen worden. Gubitsch, Jg. 1957 [Gubitsch], stammt aus einer slowakisch-jüdischen Familie und ist in Argentinien geboren. Seit vielen Jahren lebt er in Paris, wo er unter anderem ein Tango-Quintett unterhält, für das die beiden hier vorgeführten Stücke auch geschrieben sind. Die sehr hörenswerten Gubitsch-Arrangements auf dieser CD stammen von dem Quartett-Mitglied Martin Schwarz.

Fünf fragile, zarte und klangsinnliche Préludes von Karol Szymanowski stehen auf dem Programm, Stücke, die beginnen, sich irgendwie in flüchtigen Andeutungen und Ahnungen verlieren und zu keinem konkreten Ende führen. Szymanowski (1882—1937) war sehr von den Impressionisten beeinflusst, von Claude Debussy (1862—1918) vor allem, und man überschrieb sein Werk gern mit „Polnischer Impressionismus“. Als Szymanowski die hier eingespielten Préludes schrieb, war er gerade einmal 18 Jahre alt und studierte an der Akademie in Warschau. Und er horchte nach Paris, wo gerade Musikgeschichte geschrieben wurde: Neben Debussy bereisten dort Erik Satie (1866—1925), Paul Dukas (1865—1935) oder Maurice Ravel (1875—1937) neue musikalische Welten, die Szymanowski auch zu seinem Ziel machte.

Und Guitar4mation spielt Sätze von Manuel de Falla (1876—1946) aus „La Vida Breve“, durchaus in Gitarristenkreisen bekannte Musik – allerdings in neuen, sehr überzeugenden Arrangements für vier Gitarren. Die „Quatro Piezas Españolas“ hat Martin Schwarz in seinen Arrangements nicht künstlich aufgeplustert, und so sind sehr schöne Charakterbilder entstanden, von denen mir „Montañesa“ besonders gefällt. Sehr schön und fragil!

Am Schluss des Programms, als Zugabe sozusagen, spielen und singen die vier Gitarristen noch „Besame Mucho“ von Consuelo Velásquez und runden damit das eigene Vergnügen, das sie an der Musik und an ihrer Präsentation hatten, ab. Purer Spaß!

Realmente Duo
Luciano Damiani, Mandolino, Michele Libraro, Chitarra
Werke von Maximo Diego Pujol, Peppino d’Agostino, Bartolomeo Bortalazzi, Daniel Binelli, Paganini u.a.
Aufgenommen im Februar 2010
ART 060 CL [Art Classic]
… Diese CD anzuhören macht höllischen Spaß! …
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Auch dieses CD beginnt mit einem Tango: „Tango en Mottola“ von Máximo Diego Pujol, den italienischen Höhepunkt erreicht das Programm aber mit „O sole mio“ von Eduardo di Capua in einem, wie kann es anders sein, hinreißenden Arrangement von Roland Dyens. Italienischer geht’s nimmer! „Nessun dorma“ könnte vielleicht noch dagegenhalten, aber das hat man sich erspart.

Aber ganz abgesehen davon haben Luciano Damiani und Michele Libraro keine Mühen gescheut, Populäres und allzu Populäres für ihre instrumentale Besetzung zusammenzutragen und zu arrangieren. Sogar das einzige „klassische“ Werk, „Tema con variazioni“ op. 10, 4 von Bartolomeo Bortolazzi, bezieht sich auf ein höchst populäres Thema … ich kann vor lauter Schreck nicht sagen, was genau es ist, aber jeder Alpenländler wird es sofort erkennen!

Ansonsten gibt es die vermutlich bekannteste Milonga aller Zeiten, „Alfonsina y el mar“ von Ariel Ramírez, „Variationen für Mandoline und Gitarre“ von Leonhard von Call usw. usw., alles Stücke von durchschnittlich fünf Minuten Dauer, sieht man von den „Klassikern“ Bartolazzi und von Call ab. Die sind länger.

Aber, und jetzt wird sich manch jemand wundern: Diese CD anzuhören macht höllischen Spaß! Trotz Mandolinentremolo und trotz „O sole mio“! Wenn man sich jeden klassischen Dünkel von der Backe streicht, wenn man sich an Musik erfreuen kann und nicht belehrt werden möchte, dann, na ja, macht diese CD Spaß!

Change is Gonna Come
Petri Kumela [Kumela]
Werke von Hagen, Bach, Sor, Maw, Wennäkoski und Dowland
Aufgenommen im März 2010
ALBA Records ABCD 313 [Alba] im Vertrieb von Klassik Center Kassel [Klassik Center]
… keine schwulstige Dramatik …
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Petri Kumela hat sich da für den Titel seiner neuen CD mit einem Schild fotografieren lassen, auf dem steht, es müsse sich etwas ändern. Dringend! Was sich ändern muss, das verrät er erst im Booklet … und es wird einem auch klar, wenn man das Programm der CD näher betrachtet. Alle Stücke, die Petri da eingespielt hat, sind Variationssätze, von der Chaconne von Johann Sebastian Bach bis zu „Balai“ von Lotta Wenniäkoski.

Es geht los mit Variationen von Joachim Bernhard Hagen (1720—1787), und schon dieses Stück besteht aus Variationen über Variationen, denn eigentlich ist es von Pietro Locatelli (1695—1764) und dann von Hagen für Laute eingerichtet und mit einer eigenen Variation versehen worden. Die neuerliche Transkription für Gitarre wirkt sehr schön, nimmt dem Stück auch nichts an Größe und Eleganz und schon hier präsentiert sich Petri Kumela als Interpret, bei dem die Stücke, die er spielt, gut untergebracht sind … mindestens kann man das für die barocken Teile seines Programms annehmen, denn auch die folgende Chaconne gefällt mir so, wie er sie darstellt. Hier ist kein Gitarrenstück aus der Chaconne gemacht worden, wie man es so oft hört, hier ist einfach die Chaconne auf einer Gitarre statt auf einer Violine gespielt worden. Nein, das ist keine Sophisterei, ich möchte lediglich der Tatsache anerkennend Ausdruck verleihen, dass Petri Kumela einen großen Bogen um in das Stück hineintranskribierte oder hineininterpretierte Gitarrenvirtuosität gemacht hat, auch um selbstverliebtes Schöntönen. Er hat das Musikstück, dessen Bedeutung hier nicht betont werden muss, nur sehr zurückhaltend harmonisch aufgeplustert und überhaupt sehr schlicht belassen. Also: keine symphonischen Anmaßungen, keine volltönigen Harmonisierungen, keine schwulstige Dramatik.

Dann kommt Fernando Sors „Fantaisie“ op. 7 und auch diesem Meisterwerk erweist Petri Respekt. Der zweite Satz, ist der, der hier ins Programm passt: Thema mit Variationen … aber auch das einleitende Largo ist mehr als hörenswert. Zurückhaltend, sehr übersichtlich phrasiert, sehr delikat und „nachhaltig“ akzentuiert. Ein feines Vergnügen! Dabei macht Petri aus den Variationen keine Bravour-Variationen … jedenfalls keine, die im Medaillenspiegel landen könnten. Das ist Virtuosität, wie sie vor 200 Jahren durchaus goutiert und manchmal sogar gefeiert wurde – aber keine sportive, wie sie heute mitunter – falsch verstanden – ausgelebt wird.

Und dann wird’s spannend: „Music of Memory“ von Nicholas Maw (1935—2009), gut zwanzig Minuten Musik in einem Satz … einem Variationssatz natürlich. Maw war Engländer und hat bei Lennox Berkeley in London und später bei Nadia Boulanger und Max Deutsch studiert.

Wie Sphärenmusik geistert das Thema des Intermezzos aus Felix Mendelssohn-Bartholdys a-Moll-Streichquartett durch das Stück, als unausgesprochenes Thema sozusagen, als Motto, um das sich „Music of Memory“ dreht. Nie wird das „Thema“ vorgestellt wie bei einem traditionellen Variationssatz und die Variationen greifen auch nicht Phrasen oder Wendungen des Materials von Mendelssohn auf um mit ihnen zu spielen. Eher geht es darum, dass sich wie ferne Gedanken Erinnerungen an romantische Musik immer wieder ins das Bewusstsein des Komponisten drängen und seine umhergeisternden Gedanken und Ideen durchkreuzen, begradigen, ordnen … dann aber wieder verschwinden … nein, entschwinden. An Benjamin Britten erinnert mich das Stück immer wieder, an dessen „Nocturnal“ op. 70 für Gitarre besonders, auch an die Passage am Schluss, in der – wie aus dichtem Nebel aufsteigend – das Thema erscheint.

Dies ist ein eindrucksvolles Stück, eines von zweien übrigens, die Maw für Gitarre solo geschrieben hat. Neben „Music of Memory“ gibt es noch eine „Little Suite for Guitar“ und weiterhin „Six Interiors for Tenor and Guitar“.

Lotta Wennäkoskis „Balai“ folgt – und auch das ist ein bemerkenswertes Stück Musik! Das französische Wort „balai“ meint einen Wischmopp, auch einen Besen und auch einen Besen, den Schlagzeuger verwenden; eine Bürste, einen Quast. Das Stück „Balai“ besteht aus durchgehenden rhythmischen Figuren, aus Abwandlungen des Themas „Streichen“. Wir hören das Streichen einer Gitarrensaite oder auch mehrerer Saiten … ohne Bürste oder Besen; das Lagenwechsel-Quietschen, sonst mit allen Mitteln gemieden – hier wird es zur Klangfarbe.

Am Schluss erinnert mich das Programm noch einmal an Benjamin Brittens „Nocturnal“, denn auch das Programm von Petri Kumela endet mit einem Stück von John Dowland. Da, bei Britten, war es ein Lied („Come heavy sleep“), hier ist es die Farewell-Fantasie, eine der kühnsten Kompositionen von Dowland, eine chromatische Fantasie, die viele harmonische Überraschungen bereithält, und die in tiefer Melancholie einen Abschied begeht.

Dies ist wieder einmal eine sehr überzeugende CD von Petri Kumela! Wieder ist es ein überraschend frisches und ausgewogenes Programm und wieder ist es, was die Darbietung angeht, eine Freude!

Grondona plays Johann Sebastian Bach
Aufgenommen zwischen August 2008 und Mai 2010
Stradivarius STR 33868 [Stradivarius], im Vertrieb von Klassik Center Kassel [Klassik Center]
… Grondona wird der musikalischen Vielfalt gerecht …
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Stefano Grondona spielt auf dieser CD nur ein paar der üblichen Lautenwerke von Johann Sebastian Bach, Prélude BWV 999 und Fuge BWV 1000 nämlich und danach PFA BWV 998, er rahmt dieser Klassiker des Gitarrenrepertoires aber ein mit Werken, die man ansonsten nie in dieser Besetzung hört: Er beginnt mit der Toccata e-Moll BWV 914, eigentlich für Klavier geschrieben, und schließt mit 16 kleinen Stücken, die als „Pieces from the »Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach«“ überschrieben sind. Sie, diese Stücke, sind nicht alle aus dem Notenbüchlein und nicht einmal alle von Johann Sebastian, aber das gibt Grondona im Kleingedruckten an und soll hier nur als marginale Anmerkung verstanden werden. Das Programm ist stimmig und ausgewogen.

Die Toccata, mit der das Programm eröffnet wird, geht gut auf der Gitarre, phasenweise sogar exzellent … schlösse sie nicht mit einer lebhaften dreistimmigen Fuge, die sehr pianistisch geschrieben ist. Diese Fuge verlangt viel von einem Gitarristen und natürlich ist Stefano Grondona auch bei ihr über alle Zweifel erhaben – nur, die elegante Leichtigkeit, mit der Gustav Leonhardt oder vielleicht Ton Koopman sie auf dem Cembalo spielen würden, die kann er nicht erreichen. Man hört ihm die Mühe an, die es macht, vor allem in Passagen, in denen beide Hände (auf dem Klavier) gleiche Figuren zu spielen haben, auch noch konsequent zu artikulieren und zu phrasieren. Und dies, das konsequente Durchhalten von Betonungsmustern und das unter anderem daraus sich ableitende stringente Phrasieren und Ordnen, das zeichnet eigentlich Stefano Grondonas Spiel aus. Man höre in diesem Zusammenhang die 1000er Fuge oder auch die aus „PFA“: Grondonas Bemühen, das Wiedererscheinen der jeweiligen Themen -- selbst in trunkierter Form – durch Setzung gleicher Akzente herauszuheben, fällt auf, weil er es ungewohnt konsequent walten lässt.

Für mich sind die „kleinen“ Stücke am Ende des Programms sein Höhepunkt. In ihnen offenbart sich eine unglaubliche Vielfalt, eine Mannigfaltigkeit zwischen Menuetten und Polonaisen, zwischen Marsch, Musette und dann der abschließenden Aria, die nicht aus dem Notenbüchlein stammt, die aber spätestens seit Glenn Gould jeder kennt: Es ist die Aria, das Thema der Goldberg-Variationen BWV 998.

Und Grondona wird der musikalischen Vielfalt gerecht. Ich bin nicht mit all seinen Tempi glücklich, auch hie und dort nicht mit der Art, wie er ein Stück fließen lässt oder nicht. Aber eines erfreut mich bei seinem Spiel immer wieder, und das ist die Detailliebe, mit der er der Musik begegnet und die Konsequenz, mit der er seine Ideen verfolgt.

Noch ein Wort zu Booklet und Sonstigem: Der (einzige) Hauptartikel im Booklet heißt „Bach: The Baroque Gesture and the Decontextualised Guitar: Notes by Stefano Grondona on an Unusual Theme“. Das ist tatsächlich ungewöhnlich, denn es gibt wenige Informationen zu den Stücken des Programms noch zu deren Entstehung. Dafür werden Anmerkungen zur „Gitarre an sich“ geliefert, die schließlich Antworten auf die Frage bereithalten, warum Stefano für seine Bach-CD zwei Torres-Gitarren verwendet hat (SE 111 und SE 107, beide aus dem Jahr 1887). Er bezeichnet die Instrumente von Antonio Torres als ideale Überbringer älterer musikalischer Werke und da besonders der Werke von Johann Sebastian Bach, weil sie, die Instrumente, keine Gitarren mehr sind, sondern die Spiritualisierung kultureller und musikalischer Ideale, die, unabhängig von Zeit und musikalischem Stil, als optimale Medien dienen. Na ja!

Hans Werner Henze, Guitar Music 1
Franz Halász, Guitar
mit Colin Balzer, Tenor, Débora Halász, Piano, Gottfried Schneider, Violin, Sophia Reuter, Viola,
Sebastian Hess, Cello, Karsten Nagel, Bassoon
Aufgenommen zwischen November 2003 undHanuar 2004, erschienen 2006
NAXOS 8.557344 [Naxos]

Hans Werner Henze: Guitar Music 2
Franz Halász, Guitar
mit Anna Torge, Mandolin, Christina Bianchi, Harp, ensemble oktopus, Konstantina Gourzi
Aufgenommen zwischen November 2003 und November 2008, erschienen 2010
NAXOS 8.557345 [Naxos]
… mehr als eine Dokumentation …
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Hans Werner Henze ist ein umstrittener und gleichzeitig auf der ganzen Welt anerkannter und umworbener Komponist, eine schillernde Figur der internationalen Musikszene. Und dieser Mann hat für Gitarre komponiert … mehr als nur ein Stück, weil vielleicht Andrés Segovia ihn darum gebeten hätte, nein, Hans Werner Henze hat die Gitarre immer wieder in Stücken eingesetzt, erstmalig 1958 in seiner „Kammermusik 1958“, zuletzt 1986 in seiner „Ode an eine Äolsharfe“.

Franz Halász hat auf zwei CDs alle Gitarrenstücke von Henze eingespielt, alle Gitarrenstücke und alle kammermusikalischen Werke, in denen die Gitarre verwendet wird, zum Beispiel also auch die „Drei Fragmente nach Hölderlin“ aus der „Kammermusik 1958“ und „Neue Volkslieder und Hirtengesänge“ für Fagott, Gitarre und Streichquartett, geschrieben 1983, revidiert 1996.

Dass und warum Hans Werner Henze umstritten ist, erklärt sich aus der eigenartigen künstlerischen Ambivalenz, die ihn und sein Œuvre umgibt. Als „Mann der Widersprüche“, der zeit seines Lebens „zwischen allen Stühlen“ saß, der „Deutschlands Vorzeigekomponist“ wurde und gleichzeitig als „Neoromantiker“ diskreditiert wurde, schildert ihn Jens Rosteck in seiner Biographie mit dem Titel „Rosen und Revolutionen“ [s. Rezension]. Mit den Darmstädtern der Nachkriegszeit und ihrem Vordenker Theodor W. Adorno hat er gebrochen, weil er „die strenge Dodekaphonie oder gar die Serialität, bei der alle Parameter prädeterminiert waren, vermied“ und so zog er Kritik und auch Häme einiger Kritikerpäpste auf sich. Besonders DER SPIEGEL schoss ich auf Hans Werner Henze ein: „Sein [Henzes] Floß treibt, wie alle Henziaden, im Sog der Konterrevolution. Während sich Nono, Berio und Boulez seit annähernd zwanzig Jahren durch Serien, Aleatorik und Elektronik zur neuesten Musik vortasten, ist Henze der alte Ästhet, der gepflegte Epigone, der geschmäcklerische Eklektizist geblieben.“

Der Vorwurf des Eklektizismus, von dem sich die Komponisten der Nachkriegszeitgeneration weit entfernt glaubten, traf Henze dabei nicht wirklich. Ein Revolutionär hat er nie sein wollen … aber nimmt nicht auch die Vokabel Revolution auf Vorhandenes Bezug, das nämlich, was verkehrt werden soll?

Die orthodoxen Komponisten der Nachkriegszeit waren nach dem überlebten Desaster der Überzeugung, dass sämtliche philosophischen und ästhetischen Maximen grundsätzlich überdacht und radikal verändert werden mussten – aber dem in diesem Zusammenhang vielzitierten Diktum von Adorno, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben sei barbarisch, folgte Hans Werner Henze damals und auch später nicht. Hört man die hier wiedergegebenen „Drei Tentos“ und auch die „Drei Fragmente nach Hölderlin“ aus der „Kammermusik 1958“, ahnt man seine Auseinandersetzung mit Webern und der Idee des Seriellen — gleichzeitig schwant einem aber, warum er sie für Gitarre geschrieben hat. Bei aller Atonalität sind sie nämlich ausgesprochen „romantisch“ und melodiebetont.

Und Franz Halász wird dem romantischen Anspruch dieser Stücke gerecht, wie die anderen Sänger und Instrumentalisten dieser beiden CDs auch. Der Tenor Colin Balzer singt die selten zu hörenden „Fragmente nach Hölderlin“, er spricht sie, er singt die stimmlich sehr anspruchsvollen Lieder … sehr gut verständlich und sonor. Am Schluss der ersten CD gibt es „Neue Volkslieder und Hirtengesänge“ für Fagott, Gitarre und Streichtrio und sie sind für mich eigentlich die Entdeckung dieser Aufnahme: Hier ist es Henze gelungen, Volkstümliches und moderne Klänge so miteinander zu vermählen, dass sich beide Aspekte selbstbewusst nebeneinander behaupten können. Die sieben Einzelsätze gehen auf Steirische Bauernlieder zurück.

Die zweite und wesentlich jüngere CD enthält „Carillon, Récitatif, Masque“ für Mandoline, Gitarre und Harfe als Highlight und natürlich abschließend die „Ode an eine Äolsharfe“, die Henze 1986 für David Tanenbaum geschrieben hat. Das erstere Werk lebt von der sehr eigenen klanglichen Nebeneinanderstellung dreier Zupfinstrumente. In „Carillon“ wird, wie der Titel vermuten lässt, mit Glockenklängen gespielt und mit italienischen Aspekten, die von der Mandoline bereitgehalten werden. „Récitatif“ ist sehr melodiebetont, frei heraus tonal und „Masque“ schließlich ist ein kontrapunktisches Spielen, ein Für- und Gegeneinander gleichberechtigter Stimmen.

Die Äolsharfe am Schluss ist ein Konzert für Gitarre und Instrumentalensemble, dessen Besetzung in ungeheuer breit gefächerte und vielfältige Klangwelten führt. Das „ensemble oktopus“ unter Konstantia Gourzi wird den Ansprüchen dieses Werks mehr als gerecht, lässt die Klangwelten auf uns als Zuhörer wirken … aber bei allem Klangzauber ist das Werk als Ganzes kein kammermusikalisches – dafür ist die Gitarre zu exponiert, zu „solistisch“.

Franz Halász als Solist und Initiator dieser Aufnahmen, wartet noch mit den beiden Sonaten der „Royal Winter Music“ auf, die zum Anspruchsvollsten gehören, was es an Gitarrenmusik gibt. Vor ihm hat sich gerade einmal eine Handvoll Gitarristen der Aufgabe gestellt, beide Sonaten aufzunehmen … und das hat wenig damit zu tun, dass nicht mehr Musiker dazu in der Lage gewesen wären. Aber es ist so, dass man mit „Koyunbaba“ schneller Claqueure findet— und damit geben sich immer mehr Musiker zufrieden. Sie tremolieren lieber mit Erinnerungen an die Alhambra ihre Zuhörer in den Schlaf, als ihnen Musiken nahe zu bringen, die der Gitarre und schließlich ihnen selbst zu neuem Ansehen verhelfen könnten.

Die beiden CDs mit Musik von Hans Werner Henze sind mehr als eine Dokumentation (aber das sind sie, nebenbei bemerkt, auch). Sie zeugen von der großen musikalischen Vielfalt des Schaffens Henzes und von der hohen interpretatorischen Kunst der beteiligten Musiker. Franz Halász ist sehr sensibel mit den zum Teil fragilen Kunstwerken umgegangen und hat auch in den selbstbewussten, klangmalerischen Shakespeare-Bildern seine Klasse gezeigt. Ihn als Richard III. in Gloucester zu hören, ist eine mystische Begegnung und gleich danach, in Romeo and Juliet, erlebt man Henzes kritischen Kommentar zu der zur Karikatur verkommenen Balkonszene. All das kommt in den Interpretationen von Franz Halász auf die Bühne, bravo!

Buchtitel 203x300Buzzy Martin, Live aus San Quentin: Bericht aus einem der härtesten Gefängnisse der Welt, München 2011, Irisiana, 817-2635-4453-6271, € 17,99

Am 24. Februar 1969 hat Johnny Cash im San Quentin State Prison ein legendäres Konzert gegeben, das später auf Schallplatte veröffentlicht wurde. Die Platte war ein Riesenerfolg. Weder das Konzert noch die Platte erwähnt Buzzy Martin in seinem Buch „Live aus San Quentin“ – nur der Autor des Klappentexts weist darauf hin, wie auch auf die Konzerte von B.B. King und Metallica.

Buzzy Martin, ein ganz normaler Gitarrist und Gitarrenlehrer aus Grand Rapids in Michigan, hat dort, in dem berüchtigten Knast mit der größten Death Row der westlichen Welt, Gitarrenunterricht gegeben. Und wie es ihm dabei ergangen ist, darüber hat er ein Tagebuch geführt … das jetzt bei Irisiana vorliegt.

Buzzy Martin beginnt mit mehr als drei Seiten Danksagungen – Habilitanden, die üblicherweise akademische Lehrer dankend erwähnen, sind selten mehr Gönnern verpflichtet, als er. Danach erzählt er, wie er an den Job in San Quentin gekommen ist. Buzzy hatte ein Programm entwickelt, das unter dem Namen „Music for Kids at Risk“ an Jugendstrafanstalten und Erziehungsheimen erfolgreich eingeführt war: „Was ich diesen Kindern und Jugendlichen biete, ist die einzigartige Gelegenheit, Neuland zu betreten, ein Risiko einzugehen und durch die Magie der Musik zu erfahren, welche Kraft in konstruktivem, schöpferischem Handeln liegt. […] Meine Hoffnung war, durch die Ausweitung meiner Musikkurse auf San Quentin nicht nur den Insassen dort zu helfen, sondern darüber hinaus den Horror des Gefängnisalltags hautnah zu erleben und diese Erfahrung an die gefährdeten Jugendlichen weiterzugeben, um sie so zu otivieren, ihr Leben zu ändern, bevor es zu spät ist.“

Dann erzählt er etwas über „Q“, wie San Quentin genannt wird. Gebaut worden ist der Knast zwischen 1852 und 1854 – ursprünglich für 3317 Häftlinge. Heute sind rund 6000 Gefangene dort plus 500 im Todestrakt … San Quentin ist die offizielle Hinrichtungsstätte des Staates Kalifornien. „Manchmal dauert der Aufenthalt [im Todestrakt] Jahre, bedingt durch das System der Gnadengesuche.“ 422 Menschen sind hier hingerichtet worden, davon vier Frauen.

Lieske Spindler BottomsLieske Spindler Guitars: Bottom’s Dream
Guitar Duos by Lieske, Mingus & Piazzolla
Aufgenommen im September 2010, erschienen 2011
Challenge Classics CC72511, im Vertrieb von Sunny Moon, Köln

Isaac Albéniz: Evocación
Lieske Spindler Guitars
Aufgenommen im Juni 2008, erschienen 2010
BONUS-CD Wulfin Lieske, solo: Werke von Isaac Albéniz
Aufgenommen im August 1994
Challenge Classics CC72374, im Vertrieb von Sunny Moon, Köln
… haarscharf an der Grenze zum Banalen …

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Lieske Spindler Albeniz
Wulfin Lieske und Fabian Spindler sind seit 2008 ein Paar … musikalisch gesehen, natürlich! Die Albéniz-CD war ihre erste gemeinsame Platte.

Dass die beiden Musiker Werke von Isaac Albéniz (1860—1909) für ihre Debüt-CD ausgewählt haben, verwundert nicht, hat doch Wulfin Lieske, der „Seniorpartner“ des Duos, vor rund fünfzehn Jahren schon einmal seine Wertschätzung für diesen Komponisten und seine Werke auf einer Solo-CD kundgetan. Diese Aufnahme bekommt man als Käufer der Duo-CD obendrauf.

Die Klavierstücke von Isaac Albéniz gehören seit Jahren zu den Schlachtrössern des Gitarrenrepertoires – und sie wirken so blutsverwandt mit ihren Adoptivinstrumenten, dass immer wieder aufs Neue erklärt wird, Albéniz habe, als er sie zum ersten Mal auf der Gitarre (oder auf zwei Gitarren) gehört hatte, dem Klavier (für diese Stücke) abgeschworen. Auch hier wird wieder in diese Richtung suggeriert: „Das ist es, was ich entworfen hatte! Ich schwöre, dass ich dieses Stück nie wieder auf dem Klavier spielen werde“ soll Albéniz gesagt haben [so „zitiert“ im Booklet] … aber wann und wo, wird nicht belegt. Es ist zwar bekannt, dass Albéniz (1860—1909) seinen Freund Miguel Lobet (1878—1938) mit Transkriptionen seiner Werke gehört hat … aber mehr nicht! [Walter Aaron Clark: Isaac Albéniz – Portrait of a Romantic, Oxford 1999].

Vivaldi Konzert

Ronn McFarlane ♦ Oleg Timofeyev und Ensemble SARMATICA ♦ Céline Scheen, Eduardo Egüez (Luth & Théorbe), Philippe Pierlot (Basse de Viol) ♦ Paul Beier ♦ A Garden of Eloquence ♦ Lutz Kirchhof ♦ Bernhard Hofstötter ♦ Nigel North ♦ More Hispano: Vicente Parilla, direction, Raquel Andueza, soprano ♦ Constantinople & Françoise Atlan

Vivaldi LuteThe Art of Vivaldi’s Lute
Ronn McFarlane, Lute
The Bach Sinfonia, Daniel Abraham
Aufgenommen im Mai 2010, erschienen 2011
SONO LUMINUS DSL-92132, Im Vertrieb von NAXOS
… der auf Wirkung zielende Musiker …

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Die „Lautenkonzerte“ von Antonio Vivaldi (1678—1741) kennt hier jeder. Speziell das Konzert D-Dur RV (Ryom-Verzeichnis 93) ist von vielen namhaften Gitarristen (natürlich auf der Gitarre) gespielt und eingespielt worden … auch von weniger namhaften, denn vor unüberwindbare spieltechnische Probleme stellt der Solopart dieses Konzertes nicht.

Aber ganz abgesehen von der Frage, ob das Konzert auf der Laute oder der Gitarre gespielt werden soll, ist es keineswegs geklärt, für welches Instrument es von Antonio Vivaldi überhaupt konzipiert war. In den handschriftlichen Partituren, die uns als Quellen dienen, ist ausschließlich die Rede von einem „Leuto“. Das kann ein Synonym von „Liuto“ oder „Lauto“ sein, den italienischen Bezeichnungen für die Laute, es kann aber auch als Hinweis auf ein anders geartetes oder anders dimensioniertes Instrument zu verstehen sein.

Diese Neuerscheinungen sind am 19. Dezember 2011 zur Besprechung eingegangen. Rezensionen werden nach Veröffentlichung mit der folgenden Liste verlinkt.

Alexei Agibalov: Sonata Nº 1 for the 7-string guitar, Columbus 2010, PWYS-95, US-$ 9,95

Mark Delpriora: Variations on a Theme by Sor. Variazioni Attraverso l’Ottocento for guitar, Columbus 2011, PWYS-101, US-$ 18,95

François de Fossa: Première Fantaisie op. 5 for solo guitar, edited by Matanya Ophee, Columbus 2010, PWYS-15B, $ 8.95
— Ouverture de l’Opéra „Le Calif de Bagdad, Musique de Boildieu arranged for guitar solo, edited by Matanya Ophee, Columbus 2010, PWYS-15E, US-$ 8,95
— La Tyrolienne Variée op. 1 for solo guitar, edited by Matanya Ophee, Columbus 2010, PWYS-15a, US-$ 6,95
— Cinquième Fantaisie sur L’air des Folies d’Espagne op. 12, edited by Matanya Ophee, Columbus 2010, US-$ 6,95
— Quatre Divertissements extraits fait des Oeuvre de J. Haydn op 13 for solo guitar, edited by Matanya Ophee, PWYS-15d, US-$ 12,95

Stephen Goss: Under Milk Wood Variations for guitar quartet and narrator, Partitur und Stimmen, Columbus 2009, EICM-21, US-$ 29,95

Joseph Haydn: The „Creation“-Fugue for solo guitar, Transcribed, in the style of Fernando Sor by Mark Delpriora, Columbus 2010, PWYS-98, US-$ 6,95

Richard Pick: School of Guitar. The Guitar in Pedagogy, Practice, Performance, Columbus 1992 [NA 2011], RTFT-16. US-$ 39,95

Máximo Diego Pujol: Tango Errante for Guitar, Columbus 2011, PWYS-102, US-$ 8,95

Ilya Shatrov: On the Hills of Manchuri. Waltz for guitar solo (version for both the 6 and 7-string guitars), edited by Matanya Ophee, Columbus 2010, PWYS-99, US-$ 4,95

Fernando Sor: Ariettina dedicated to the Princess Zinaida Volkonskaya for Voice and Piano or Guitar, Guitar transcription by Matanya Ophee, Columbus 2011, DTMO-11, US-$ 9,95