Giuliani pop

GITARRE & LAUTE ONLINE: Beiträge zu Neuerscheinungen (Notenausgaben, Bücher, CDs) auf den Gebieten Gitarre und/oder Laute, Berichte über Konzerte, Festivals und Wettbewerbe, Essays und Kommentare. Verschiedene Autoren, Chefredakteur (Verantwortlich im Sinne des Pressegesetzes): Dr. Peter Päffgen.

Barcsay Enjott Schneider CDStefan Barcsay: Nocturnes
Werke von Dušan Bogdanovic, Richard Heller, Ross Edwards, Enjott Scheider, Heitor Villa-Lobos
Aufgenommen im Sommer 2011
RACCANTO RC014, in Deutschland bei Klassik Center Kassel
… professionelle Distanz …

Enjott Portrait smiling 2007Mit „Mysterious Habitats“ von Dušan Bogdanovic beginnt Stefan Barcsay sein Programm … „seltsame Lebensräume“? Das Stück von insgesamt drei Minuten Dauer könnte einem Zyklus von Konzertetüden entnommen sein, es ist ein Perpetuum mobile, ein Teufelskreis, der, wenn man sich einmal auf die Bewegung eingelassen hat, unentrinnbar ist. Dabei steht nicht etwa virtuoses Blenden im Vordergrund. Auch nimmt Dušan bei diesem Stück nicht auf musikalisches Material Bezug, das ethnisch beeinflusst wäre, wie man das sonst von ihm kennt. Umso weniger erklärlich ist der Titel „Mysterious Habitats“.

Gleich danach gibt es als Ersteinspielung „2 Impromptus für Gitarre op. 52“ von Richard Heller. Mit „Tranquillo“ ist das erste überschrieben, mit „Mosso“ das zweite, das irgendwie auch Ruhelosigkeit zum Thema hat. Sehr „tranquillo“ ist das erste der Impromptus. Sehr ruhig und, was das Material angeht, fast minimalistisch. Es sind Klangverschiebungen, Akkordfolgen, die das Stück bestimmen.

„Blackwattle Caprices“ heißen die beiden Stücke des Australiers Ross Edwards. Martin Wilkening informiert im Booklet, dass der Komponist an der Blackwattle Bay in der Nähe von Sidney lebt und im Titel der Stücke auf diese malerische Bucht Bezug nimmt.

Capricen waren im 19. Jahrhundert (und vorher) oft zyklisch gruppierte kurze Charakterstücke, für die weder formale noch metrisch-rhythmische Vorgaben – im Sinne von Tanzformen oder ähnlichem – bestanden. Oft wurden „witzige“ Kommentare oder Anmerkungen in Capricen gemacht und meist haftete ihnen der Charakter des „Nicht-Werkes“ an, des irgendwie Beiläufigen, Unfertigen.
Ross Edwards’ erstes Capriccio ist „Andantino molto flessibile“ überschrieben, und auch das ist wieder charakteristisch für die Form, die keine ist … sie ist sehr flexibel und wird auch so behandelt. In unserem Wortschatz befindet sich heute noch die Vokabel „kapriziös“. Sie ist zwar aus der Mode gekommen, beschreibt aber ziemlich genau das, was eine (musikalische) Caprice ausmacht.

Bulat CD NAXOS 298x300Perera CD NAXOS 300x286Auch hier: Bei den folgenden CDs von Gewinnern internationaler Gitarrenwettbewerbe muss eines vorweg gesagt werden: Es wird nicht beabsichtigt, hier eine Champions-League der Gitarrenszene zu etablieren. Daher sind die Bewertungen nur deskriptiv und deshalb werden auch keine „Sternchen“ vergeben (über deren Sinn hier redaktionell ohnehin diskutiert wird und auf die vielleicht bald ganz verzichtet wird).

Laureate Series Guitar
Cecilio Pereira: First Prize 2011 Michele Pittaluga Guitar Competition, Alessandria
Werke von Ponce, Brouwer, Oliva, Sojo
Aufgenommen im Februar 2012
NAXOS 8.573025
… Cecilio Pereras Spiel fasziniert! …

Laureate Series Guitar
Srdjan Bulat: First Prize 2011 Tárrega International Guitar Competition, Benicàssim
Werke von Rodrigo, Regondi, Tárrega, Sulek, Albéniz, Britten
Aufgenommen im Februar 2012
NAXOS 8.573026
… nicht von Schüchternheit geprägt …

Mit drei Stücken seines Landsmanns Manuel Ponce beginnt Cecilio Perera sein Programm, mit drei Stücken, die bis vor einigen Jahren als Stücke von Silvius Leopold Weiss gehandelt wurden: Prélude, Ballet[t]o und Gigue. Sie sind von Andrés Segovia als Werke des barocken Lautenisten und Komponisten Weiss bekannt gemacht worden und es sollte Jahrzehnte dauern, bis Musiker und Wissenschaftler die Hintergründe dieser „Pasticcio-Affaire“ aufdeckten.

Neu eingegangene Noten | Besprechung vorbehalten

Heinrich Albert, Duette für zwei Primgitarren, Duo No. 1, C-Dur, herausgegeben von Andreas Stevens, Frankfurt, Zimmermann, 1919 (Nachdruck 2012), ZM 11330
Heinrich Albert, Duette für zwei Primgitarren, Duo No. 2, A-moll, Frankfurt, Zimmermann, o.J., ZM 11340
Heinrich Albert, Duette für zwei Primgitarren, Duo No. 3, C-Dur, Frankfurt, Zimmermann, o.J.
Heinrich Albert, Duette für zwei Primgitarren, Duo No. 4, G-Dur, Frankfurt, Zimmermann, o.J., ZM 11360
Heinrich Albert, Duette für zwei Primgitarren, Duo No. 5, E-moll, herausgegeben von Andreas Stevens, Frankfurt, Zimmermann, 1919 (Nachdruck 2012), ZM 11370
Heinrich Albert, Duette für zwei Primgitarren, Duo No. 7, A-Dur, Frankfurt, Zimmermann, o.J., ZM 11390
Heinrich Albert, Duette für zwei Primgitarren, Duo No. 8 E-Dur, Frankfurt, Zimmermann,o.J., ZM 11400
Lennox Berkeley, Sonatina for Guitar. Revised 2012, herausgegeben von Peter Dikinson, London, Chester/Novello, 1958, 1993 (Revised 2012), CH 79772
Manfred Fuchs (Hrsg.), swing up Your Guitar! Modern Gypsy Jazz Collection. Selected Pieces by Andreas Ölberg, Harri Stojka, Diknu Schneeberger & Martin Spitzer, Gismo Graf, Ismael Reinhardt,, Manfred Fuchs, Wien, Doblinger, 2012, D.35 944
Axel Genannt (Hrsg.), Folklore für variables Instrumentalensemble. Spielmaterial auf CD, Wiesbaden u.a., 2012, 2285John Hill (Hrsg.), Disney Songs for Classical Guitar. Arrangements by John Hill, Milwaukee, WI, 2012, ISBN 978-1-4234-9792
Michael Langer und Ferdinand Neges (Hrsg.), Play Christmas Special. 33 der besten Weihnachtslieder für Gitarre in drei Versionen: Solofassung, Ausgearbeitete Liedbearbeitung, Gitarrenduo, Wien, Doblinger, 2012, D.35 948
Michael Langer und Ferdinand Neges (Hrsg.), Play guitar christmas. Mit Schildi. 33 der besten Weihnachtslieder für Gitarre in drei Versionen, Wien, Doblinger, 2012, D.20 194
Robert Morandell (Hrsg.), Juke!Box 2: 20 Soli oder Duos für Gitarre quer durch alle Stilrichtungen, Wien, Doblinger, 2012, D.20 088
Ferdinand Neges (Hrsg.), A Cuatro: Musik für vier Gitarren. Vol. I: (leicht bis mittel Nr. 1-10), Wien, Doblinger, 2012, D.20133
Ferdinand Neges (Hrsg.), A Cuatro: Musik für vier Gitarren. Vol. II: (leicht bis mittel, Nr. 11-20), Wien, Doblinger, 2012, D.20 134
Fernando Sor, Trois pièces de société op. 36 für Gitarre, herausgegeben von Thomas Müller-Pering, Wien u.a. 2012, UE, UE 34490
Siegfried Steinkogler, Igel Gigels Gitarrenabenteuer: Spielstücke ab der frühen Bewegung mit der Gitarre, Wien u.a. 2012, UE 35 698

Karikatur freigestellt schwarz auf weissWRO (WDR Rundfunkorchester) am Sonntagmorgen: A Tribute to Malcolm Arnold (1921—2006). 16. September 2012, elf Uhr: Ein unerwartet warmer Spätsommertag, auf dem Roncalli-Platz, vor dem südlichen Querhaus des Doms, wurde die Städtepartnerschaft von Köln und Peking gefeiert. Der Klaus von Bismarck-Saal des WDR am Wallrafplatz, auch Großer Sendesaal genannt, war nur spärlich besetzt, dabei sollte es ein vergnügliches Konzert werden.

Will man sich über Malcolm Arnold informieren und konsultiert dafür Lexika, erhält man unterschiedlich zu bewertende Informationen. WIKIPEDIA weiß, dass er ein „englischer Komponist“ war und „Oscar-Preisträger“, und dass er „ein vergleichsweise konservativer und zugleich fruchtbarer und erfolgreicher Komponist tonaler Werke“ war, die „besonders bei Jugend- und Liebhaberorchestern erfolgreich“ sind. Was sein Œuvre angeht, wird unter anderem ein Konzert für Gitarre und Orchester erwähnt, geschrieben für Julian Bream, gleichzeitig eines für Mundharmonika. Dazu Sinfonien, Werke für Blasorchester, und natürlich seine Filmmusik – Wikipedia meint, es seien 132 Filmpartituren gewesen.

Der Artikel in MGG2 ist erwartungsgemäß umfangreicher und liefert ein ausführliches Werkverzeichnis: Neun Symphonien, zahlreiche Konzerte für Soloinstrumente und Orchester, mehrere große Ballettmusiken, jede Menge Kammermusik und schließlich: „insgesamt […] über 80 Filmmusiken“, darunter eine für „The Bridge on the River Kwai“ von 1957, für die der Komponist mit einem Academy Award ausgezeichnet wurde, einem Oscar.

Ulrich Leyendecker1 400x506Ulrich Leyendecker: Konzert für Gitarre und Orchester, Evocazione, Sinfonie Nr. 4
Maximilian Mangold, Gitarre; Nordwestdeutsche Philharmonie, Romely Pfund
SWR Rundfunkorchester Kaiserslautern, Per Borin
Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR, Johannes Kalitzke
Aufgenommen zwischen Juli 1997 und September 2007, erschienen 2010
musicaphon M55720, in Deutschland bei Klassik Center, Kassel
… ein in allen Repertoiregefilden beheimateter Gitarrist …

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Musica Mágica: Gitarre und Harfe
Maximilian Mangold, Gitarre; Mirjam Schröder, Harfe
Werke von Juan Manuel Cortés, Jurriaan Andriessen, Ulrich Leyendecker, Eric Sessler, Alois Bröder und Máximo Diego Pujol
Aufgenommen im Mai 2008, erschienen 2009
musicaphon M56895, in Deutschland bei Klassik Center, Kassel
… sich ergänzend und klanglich zu einer Einheit verschmolzen …

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Latin And Spanish Fantasies: Maximilian Mangold, Gitarre; Mirjam Schröder, Harfe
Werke von Narciso Saúl, Manuel Murgui, Marco Pereira, Alberto Rodriguéz Molina, Sergio Bosser, Cicki Serrano und Rafael Catalá
Aufgenommen im Juni 2011, erschienen 2012
musicaphon M56939, in Deutschland bei Klassik Center, Kassel
… Sehr eindrucksvoll, sehr sinnlich …

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Alle drei CDs der Liste haben gemeinsam, dass a. Maximilian Mangold zu ihren Interpreten gehört und dass sie b. bei Musicaphon in Kassel erschienen sind. Zwei der CDs haben gemeinsam, dass Werke von Ulrich Leyendecker zu ihrem Programm gehören; zwei andere, dass ihre instrumentale Besetzung „Gitarre und Harfe“ heißt. Praktische Mengenlehre?

rossini922Gioachino Rossini: Serimamide, Melodramma tragico in zwei Akten
in Bearbeitung für Gitarre solo von Mauro Giulini
Izhar Elias, Gitarre
Aufgenommen im Oktober 2008
BRILLIANT CLASSICS (2 CD) 93902
… Zu wenig Oper! …

Semiramis (im Italienischen Semiramide) ist am 3. Februar 1823 im Teatro La Fenice in Venedig uraufgeführt und danach ebendort 28 mal am Stück gegeben worden. Die Oper war ein glänzender Erfolg und blieb es für viele Jahren – obwohl es eine opera seria ist und Rossini eigentlich für seine opere buffe bekannt und beliebt war. Aber schon nach der dritten Aufführung berichtete die „Gazzetta privilegiata di Venezia“, Rossini habe ein neues Meisterwerk, eine neue Perle, geschaffen. Schon im Jahr der Uraufführung, 1823, erschien bei Artaria in Wien ein Klavierauszug, wenig später im gleichen Verlag eine Bearbeitung der Ouvertüre für Gitarre, angefertigt durch Mauro Giuliani. Ein paar Jahre nach dem Erscheinen der Ouvertüre begannen verschiedene Verleger, darunter vor allem Ricordi in Mailand, mit der Herausgabe von Auszügen aus Semiramis, alle bearbeitet von Mauro Giuliani für Gitarre solo … einige davon erschienen allerdings erst nach Giulianis Tod am 8. Mai 1829. Giuliani hatte die Manuskripte zu Lebzeiten seinem Verleger Giovanni Ricordi anvertraut, der sie nun herausbrachte.

Elias SemiramisDie Auszüge aus Semiramis hat Izhar Elias wieder zu einem Ganzen zusammengefügt. Natürlich ist aus den Fragmenten nicht wieder eine zusammenhängende Oper geworden, die wichtigsten Nummern sind aber berücksichtigt worden. Fast zwei Stunden Musik von Gioachino Rossini in der Bearbeitung von Mauro Giuliani.

Ich könnte nun einige Nummern nennen, die ich für besonders gelungen halte: Die Cavatina „Bel raggio lusinghier“ aus dem ersten Akt zum Beispiel oder den zweiten Marsch. Das Quartett „Di tanti regi e populi“ wirkt in der Bearbeitung außerordentlich dynamisch und opernhaft … aber!

EMA XVIII 2012 2 TitelDie neueste Ausgabe von EARLY MUSIC AMERICA enthält an Gitarrenspezifischem einen Artikel von Grant Herreid mit dem Titel „Reconstructing Spanish Songs from the Time of Cervantes“ (S. 29—34).

Die Gitarre ist im Spanien des 17. Jahrhunderts enorm populär gewesen und bei allen möglichen Aktivitäten des täglichen Lebens eingesetzt worden. Darüber geben uns literarische Zeugnisse Auskunft, außerdem zahlreiche Bilddarstellungen, auf denen Gitarre gespielt wird. Leider ist aber nicht präzise überliefert, welche Musik bei den unterschiedlichen Gelegenheiten gespielt worden ist und, vor allem, wie sie dargeboten wurde.

Es sind zwar zahlreiche gedruckte Ausgaben und auch handschriftliche Aufzeichnungen mit Instrumentalstücken aus dem 17. Jahrhundert überliefert, leider liegen sie aber in einer für unsere Begriffe eher kryptischen Notationsform vor: dem alfabeto. Herreid meint, man müsse heute die Detektivarbeit eines Musikwissenschaftlers mit der Kreativität eines improvisierenden Musikers verbinden, um spanische Volkslieder so zu rekonstruieren, wie sie damals gesungen und gespielt worden sind.

Die Quellen, die uns heute zur Verfügung stehen, sind meist nichts als Akkordfolgen ohne Texte. Sie stehen in spanischen, italienischen und französischen Tabulaturbüchern. Lieder finden sich da neben Tanzformen wie Villano, Chacona, Españoleta und Folia und populären italienischen Melodien. Da diese Musiken überall, in Theatern, Tavernen und auf den Straßen, gespielt und gesungen wurden, ist man allgemein davon ausgegangen, dass sie in Gitarristenkreisen bekannt waren und hat auf einen Abdruck von Melodie und Rhythmus verzichtet.

Grant Herreid vergleicht im folgenden die verschiedenen möglichen und vor vierhundert Jahren durchaus auch bekannten Notationsarten für Gitarrenmusik. Das alfabeto ist schon erwähnt – diese Schreibweise ist hauptsächlich für das Notieren von harmonischen Verläufen einsetzbar. Außerdem werden einige spieltechnische Details festgelegt – zum Beispiel, ob die Akkorde von oben nach unten oder von unten nach oben angeschlagen werden sollen.

Dass sich einmal ein Gitarrist der deutschen Gitarrenmusik der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts annehmen sollte, ist oft gefordert … oder mindestens doch angeregt worden – unter anderem von Matanya Ophee, mit dem ich oft über dieses Versäumnis in der deutscher Musikpflege gesprochen habe. Nun hat sich Volker Höh der Sache erbarmt … das ist löblich, aber der Erste ist er freilich nicht. Und er ist auch nicht der Einzige, den es hier im Zusammenhang mit Heinrich Albert zu würdigen gilt. Ein Gitarrenduo hat sich sogar nach dem Gitarristen und Gitarrenpädagogen benannt.

Heinrich Albert: Ausgewählte Werke für Gitarre solo
Andreas Stevens, Gitarre
Aufgenommen im Juli 2006
AUREA VOX 2009-4
… ein Vergnügen! …

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Albert Heinrich DUPLEX gegen 1920Albert Stevens 400x347Andreas Stevens ist seit vielen Jahren in Sachen Heinrich Albert tätig. Zu Alberts Biographie und Œuvre hat er Forschungen unternommen; Neuausgaben seiner Werke hat er vorbereitet; die Instrumente Alberts hat er wiederentdeckt und er spielt sie auch; schließlich ist Stevens' Internetauftritt weitgehend dem „Kammervirtuosen“ Heinrich Albert (1870—1950) gewidmet, von dem Josef Zuth in seinem „Handbuch der Laute und Gitarre“ schrieb: „Von 1894 beschäftigte sich A. [ … ] mit der Gitarre und nimmt gegenwärtig unter den Solisten Deutschlands wohl den höchsten Rang ein.“ [S. 12] „Gegenwärtig“ hieß „Mitte der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts“ – das Handbuch von Zuth ist 1926—1928 in Wien erschienen.

2006 hat Andreas Stevens eine CD mit Originalstücken von Heinrich Albert eingespielt: rund 76 Minuten Musik, insgesamt 22 Stücke, alles Erstaufnahmen, wie es scheint. Dies ist die erste größere Albert-Einspielung überhaupt, wenngleich sich ein paar einzelne Stücke in älteren Anthologien finden. Zum Beispiel hat der Münchner Gitarrist Gerd Hans Blum „Suite Nº 1“ und „Sonate Nº 1“ gespielt, Edgard Zaldua, Arnaud Dumond, Phlippe Lemaigre und Jovan Jovicic haben Stücke in Sammelprogramme eingebracht, mehr hat es aber nicht gegeben.

 

Colin Cooper Tychy 1998 2 382x550Colin Cooper ist tot. Er starb am 25. August 2012 im Alter von 86 Jahren im Kreis seiner Familie.

Colin Cooper war einer der wichtigsten und einflussreichsten Journalisten auf den Gebieten Gitarre und Gitarrenmusik, dabei hat er erst spät, im Alter von 36 Jahren, selbst mit dem Gitarrespiel begonnen. 1982 kam in Gateshead Maurice Summerfields Zeitschrift „Classical Guitar“ zum ersten Mal heraus und Colin stand im Impressum als „Concert Diary Editor“. Aber auch damals schon war er weit mehr, als der Redakteur des Konzertkalenders. Später hieß es bei „Classical Guitar“, Colin Cooper sei der Verantwortliche für Interviews und spezielle Beiträge, aber er hatte sich längst in der Gitarrenwelt einen Namen gemacht als Juror in internationalen Wettbewerben, als Besucher vieler Seminare und Festivals, als Interviewer, Autor, Rezensent und Sachverständiger … und als Kopf und Seele von „Classical Guitar“. Und eines haben mir alle bestätigt, die mit Colin zu tun gehabt haben: Sein Handeln war immer geprägt von Fairness, Respekt, Hilfsbereitschaft und Sachverstand.

1988 habe ich Colin Cooper dann zum ersten Mal getroffen. Das war in Tychy in Polen anlässlich der zweiten Ausgabe des Festivals „Schlesischer Gitarrenherbst“. Wir waren beide als Mitglieder der Jury eingeladen. Und wir hatten eine gute Zeit! Auch Colins Entscheidungen als Juror waren stets von Fairness geprägt und er konnte seine Entscheidungen immer erklären und begründen … was nicht bei allen Kollegen der Fall war.

1988, da gab noch einen Eisernen Vorhang, man brauchte noch ein Visum, um als Engländer oder West-Deutscher nach Polen zu reisen. Bei dem „neuen“ internationalen Wettbewerb in Tychy waren polnische Juroren in der Überzahl – erst später wurden internationale Bestimmungen umgesetzt, nach denen mindestens die Hälfte der Jurymitglieder aus einem anderen als dem Austragungsland kommen mussten.

Gorbach CDElise Neumann CDBei den folgenden CDs von Gewinnern internationaler Gitarrenwettbewerbe muss eines vorweg gesagt werden: Es wird nicht beabsichtigt, hier eine Champions-League der Gitarrenszene zu etablieren. Daher sind die Bewertungen nur deskriptiv und deshalb werden auch keine „Sternchen“ vergeben (über deren Sinn hier redaktionell ohnehin diskutiert wird und auf die vielleicht bald ganz verzichtet wird).

Vladimir Gorbach: 2011 Winner Guitar Foundation of America Competition
Werke von Piazzolla, Scarlatti, Giuliani, Asencio
Aufgenommen im Februar 2012
NAXOS 8.573023
… Gorbach lässt sie wirken, kostet sie aus und genießt sie …

Elise Neumann: 2011 Winner Agustín Barrios International Guitar Competition
Werke von Barrios, Castelnuovo-Tedeso, Asencio, Ponce
Aufgenommen im Dezember 2011, erschienen 2012
BRILLIANT CLASSICS 9287
… es tut gut, ihr zuzuhören!

Aguirre CD 2007Aguirre CD 400x380Rafael Aguirre: 2011 Winner „Alhambra“ International Guitar Competition
Werke von Giménez, Debussy, Paco de Lucia, Sergio Assad, López-Quiroga, Albéniz, Rodrigo, Tárrega, Malats
Aufgenommen im September 2011, erschienen 2012
NAXOS 8.572916
… sensationelles Programm …

Rafael Aguirre: First Prize 2007 Tárrega International Guitar Competition Benicàssim
Werke von Sor, Ibert, Poulenc, Ohana, Rautavaara, Villa-Lobos, Clerch, Tárrega
Aufgenommen im April 2008
NAXOS 8.572064

Anabel Montesinos: 2010 Michele Pittaluga Guitar Competition, Alessandria
Werke von Granados, de Falla, Llobet, Sor, Rodrigo, López-Quiroga, Pujol
Aufgenommen im April 2011
NAXOS 8.572843
… wenn es denn so sein soll, betörend sinnlich …

Montesinos CDVladimir Gorbach hat in Novosibirsk studiert und später bei Roberto Aussel in Köln. Der Gewinn des GFA-Wettbewerbs war sein bisher größter Erfolg, einige europäische Wettbewerbe hatte er aber vorher auch schon gewonnen.

Mit den „Estaciones Porteñas“, den „Vier Jahreszeiten“, von Astor Piazzolla, für Gitarre transkribiert von Sergio Assad, beginnt er das Programm seiner Debüt-CD – und das ist freilich ein mehr als selbstbewusstes Auftreten! Diese Stücke sind nämlich nicht nur spieltechnisch anspruchsvoll, sie verlangen auch einen ausgewachsenen Kerl (die Gleichstellungsbeauftragten der Gitarrenszene mögen mir verzeihen!) als Interpreten. Dies ist sehr virile Musik, der Inbegriff von Machismo. Und Vladimir, der seelenvolle und tiefgründige Russe, trifft die Stimmung, die Che Astor da überliefert hat, genau! Astor Pizzollas und jeder andere Tango ist im Prinzip nämlich melancholisch und tieftraurig. Heimweh, Liebeskummer und Trennungsschmerz, all das kommt zum Ausdruck. Vladimir Gorbach wird zum Argentinier, wenn er Piazzolla spielt … und schließlich ist er ja auch bei Roberto Aussel in die Lehre gegangen.

PaganiniChristopher Nupen, Paganini’s Daemon, A Most Enduring Legend. Mit Gidon Kremer, John Williams, Orchestra della Svizzera Italiana, Coro della Radiotelevisione della Svizzera Italiana, conducted by Lawrence Foster
DVD, produziert von Allegro Films in Zusammenarbeit mit ZDF und ARTE 2009, erschienen 2011
Allegro Films, A12CN D, in Deutschland vertrieben von NAXOS
… Musik, gespielt von großen Virtuosen unserer Zeit …

Christopher Nupen ist ein in England lebender, in Südafrika geborener Filmproduzent und Regisseur. Seine Spezialität sind Dokumentarfilme über Musiker und Komponisten. Wir haben ihn und seine Produktionen hier schon vorgestellt im Zusammenhang mit seinen legendären Filmen über Andrés Segovia: „Segovia at Los Olivos“ und „Andrés Segovia: The Sound of the Guitar“. Dass er sich immer wieder mit der Gitarre und ihrer Musik befasst hat, hängt mit seiner Liebe zu diesem Instrument zusammen – immerhin hat er 1962 an den Meisterkursen bei Andrés Segovia und Alirio Díaz in Siena teilgenommen [s. Andrés Segovia in Siena, Siena, Accademia Musicale Ghigiana, 1994, Quaderni della’Accademia Ghigiana Vol. XLVI, S. 62].

Nupen Paganini Titel DVD1Als Produzent für BBC in London hat Christopher Nupen begonnen, später hat er eigene Videos und DVDs herausgebracht, 1968 hat er dann die Produktionsfirma Allegro Films gegründet, die auch die vorliegende filmische Biografie über den „Teufelsgeiger“ Niccolò Paganini (1782—1840) produziert und herausgegeben hat. Weitere Filme, die internationale Anerkennung fanden, behandelten unter anderem Johannes Brahms, Astor Piazzolla, Jean Sibelius und die legendäre Cellistin Jacqueline du Pré (1945—1987), Schülerin von Pablo Casals, Paul Tortelier und Mstislaw Rostropowitsch. Christopher Nupens Film „The Trout“ über das „Forellenquintett“ von Franz Schubert war schließlich sein größter bisheriger Erfolg. An ihm haben Jacqueline du Pré, Daniel Barenboim, ihr Ehemann, Itzhak Perlman, Zubin Mehta und Pinchas Zukerman mitgewirkt.

Gidon Kremer ist der Geiger, der in Paganinis Rolle als Konzertgeiger geschlüpft ist. Wenn Gitarrenmusik vorgeführt wird, ist es John Williams, der spielt … aber „Paganini’s Daemon“ ist nicht die filmische Darbietung eines Konzerts oder mehrer Konzerte und man hört auch nie ganze Kompositionen, sondern immer nur Bruchstücke, um die es in der erzählten Geschichte um Paganini gerade geht. Die Lebensgeschichte ist es, die erzählt wird. Es sind die Erfolge und Misserfolge des „Teufelsgeigers“, seine harte Kindheit und seine kometenhafte Karriere, schließlich der unerhörte Reichtum, den er durch seine Konzerte erworben hat.

DVD Don Quixote

LAGQ with Special Guest Artist Philip Proctor
The Ingenious Gentleman Don Quixote
Words and Music of the Time of Cervantes
Filmed Live at the Sheldon Concert Hall
MEL BAY MB22253DVD, erschienen 2012-08-14
Booklet und Tracklist etc. unter www.melbay.com/22253DV
… eines der führenden Ensembles dieser Art auf der Welt! …

DVD bei Amazon kaufen?

Philip Proctor ist klassischer Schauspieler, hat in den letzten Jahren allerdings hauptsächlich als Mitglied der Theatergruppe „Firesign Theatre“ geglänzt und als Synchronsprecher. Als solcher hat er weniger als Stimme für große deutsch- oder französischsprachige Kollegen gearbeitet als vielmehr für Comicfiguren. Genau durch diese Tätigkeit war er prädestiniert für die Cervantes-Show, die William Kanengiser für sein Quartett erdacht und geschrieben hat. Hier hatte Phil Proctor nämlich keine realen Schauspielerkollegen zu synchronisieren, sondern erdachten und beschriebenen Figuren durch seine Stimme Leben einzuhauchen … und das ist ihm gelungen.
Die Geschichte „The Ingenious Gentleman Don Quixote“ besteht aus Texten von Miguel de Cervantes Saavedra (1547—1616), vorgetragen von einem Sprecher – in diesem Fall Philip Proctor, und aus Musiken, die zur Entstehungszeit des Romans „El ingenioso hidalgo Don Quixote de la Mancha“ (Madrid 1605 und 1615) entstanden sind – vorgetragen vom Los Angeles Guitar Quartet. Was die Musiken angeht und ihre Entstehungszeit, muss man im Vergleich zu den Texten großzügig einen Altersunterschied von, sagen wir, gut einem halben Jahrhundert tolerieren. Die meisten Stücke stammen aus dem bei Gitarristen mehr als bekannten Repertoire der Vihuelisten (Mudarra, Milan, Valderrábano & Co.), alle natürlich insofern modernisiert, als sie für Gitarrenquartett transkribiert und hie und dort klanglich opulenter ausgestattet worden sind.

Isaac Albéniz, Mallorca für Viola und Gitarre, herausgegeben von Peter Korbel, Berlin, Edition Margaux, 2012, EM 5406
Osvaldas Balakauskas, Flamencolia für Gitarre solo, Berlin, Verlag Neue Musik, 2011, Reihe: Collection Reinbert Evers, NM 1375
Osvaldas Balakauskas, Summer Duo für Gitarre und Violoncello, Berlin, Verlag Neue Musik, 2011, Reihe: Collection Reinbert Evers, NM 1370
Osvaldas Balakauskas, Swingy Line für Gitarre, Marimbaphon und Cembalo, Berlin, Verlag Neue Musik, 2012, Reihe: Collection Reinbert Evers, NM 1525
Herbert Baumann, Zwölf Lieder nach Gedichten von Josef von Eichendorff für mittlere Stimme uind Gitarre, Berlin, Verlag Neue Musik, 2012, NM 1462
Ludwig van Beethoven, Für Elise für zwei Gitarren und kleines Orchester, herausgegeben von W.T. Heyn, Berlin, Verlag Neue Musik, 2011, NM 1320
Alois Bröder, Rondes für Gitarre und Harfe, herausgegeben von Maximilian Mangold, Berlin, Verlag Neue Musik, 2012, Reihe: Reihe Gitarre & Harfe, NM1483

Milos CD LatinoMiloš Karadaglic, Mediterráneno (mit dem English Chamber Orchestra)
Werke von Albéniz, Tárrega, Domeniconi, Llobet und Granados
Aufgenommen im Oktober und Dezember 2010
DEUTSCHE GRAMMOPHON 477 9825

Miloš Karadaglic, Latino (mit dem Studioorchester der Europäischen FilmPhilharmonie)
Werke von Piazzolla, Morel, Villa-Lobos, Dyens, Gardel, Cardoso, Barrios, Brouwer, Farrés, Sávio, Ponce, Rodríguez
Aufgenommen November 2011 und Februar 2012
DEUTSCHE GRAMMOPHON 4979 0063
… Schau'n mer mal …

Milos CD MediterraneoDie Deutsche Grammophon Gesellschaft, 1898 von Emil Berliner in Hannover gegründet, gehört noch heute zu den prominentesten Plattengesellschaften der Welt, was klassische Musik angeht. Immer schon haben sich große Musiker glücklich geschätzt, wenn ihre Aufnahmen bei der DGG aufgelegt wurden – auch übrigens Gitarristen! Die Langspielplatten von Andrés Segovia sind zwar nicht bei der DGG produziert worden, kamen aber in Deutschland bei dem gelben Label heraus. Siegfried Behrend war ein DGG-Künstler, später Narciso Yepes, Göran Söllscher und andere. Bei der Archiv-Produktion, dem Sub-Label der DGG für Alte Musik, erschienen Platten von Thomas Binkley, Konrad Ragossnig und anderen Lautenisten. Miloš Karadaglic ist also bei der DGG in bester Gesellschaft!

Aber hat schon jemand von Miloš Karadaglic gehört? Wo kommt er her und hat er Wettbewerbe gewonnen? Welche … Alessandria vielleicht, oder GFA? Bei welchem kleinen Label hat er seine Debüt-CD herausgebracht?

Miloš Karadaglic ist 1983 in Titograd in Jugoslawien (heute Montenegro) geboren und hat als kleiner Junge angefangen, Gitarre zu spielen. Mit neun Jahren [Booklet!] hat er sein erstes Konzert gegeben, mit elf hat er seinen ersten nationalen Wettbewerb gewonnen [!] und am gleichen Tag auch noch einen Gesangswettbewerb. „Miloš avancierte zum Fernseh- und Rundfunkstar und besuchte Gitarren-Meisterklassen in Belgrad“ [auch Booklet!]. Danach bewarb er sich am Royal College of Music in London und wurde angenommen. Also wanderte er nach England aus. John Williams war sein Vorbild – später Julian Bream. Und dann kam die Deutsche Grammophon.

CD Egueez ua 300x268Un Concert pour Madame de Sévigné
Werke von Jean-Baptiste Lully, Marin Marais, Robert de Visée, Jacques Hotteterre
Marc Hantaï, Flöte; Georges Barthel, Flöte; Eduardo Egüez, Theorbe; Philippe Pierlot, Bass-Gambe
Aufgenommen im September 2009, erschienen 2011
FLORA 2110, im Vertrieb von CODAEX
… nicht sehr französisch …

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Die Komponisten dieser CD haben gemein, dass sie in Diensten des Sonnenkönigs Ludwig XIV. gestanden haben. Robert de Visée (ca. 1660—1732) war hoch angesehener Gitarrist und Theorbenspieler, Marin Marais (1656—1728) Gambist, Jacques Hotteterre (1674—1763) Flötist und Oboist und Jean-Baptiste Lully (1632—1687) Opernkomponist mit Migrationshintergrund. Er stammte aus Italien stammte und hatte dort Giovanni Battista Lulli geheißen hatte. So viel zu den Komponisten … aber wer war Madame de Sevigné, für die hier musiziert wird?

Françoise-Marguerite de Sévigné (1646—1705) war eine schöne, kunstbeflissene Aristokratin im Dunstkreis des Pariser Hofes Ludwigs XIV. Ihr Name ist uns heute hauptsächlich wegen der Briefe noch bekannt, die ihre Mutter Marie de Sévigné (1626—1696) ihr im Verlauf von 25 Jahren geschrieben hat, und die Privates und völlig Privates aus dem Umfeld des Königs preisgeben und kommentieren.

CD Nyhlin 300x295Karl Nyhlin
The Jacobean Lutenists
Werke von John Dowland, Daniel Bachelor, Philip Rossetter, John Sturt, Robert Johnson
Aufgenommen im Juli 2011
DB PRODUCTIONS dbCD147, im Vertrieb von Klassik Center, Kassel
… er geht mit den musikalischen Vorgaben konservativer um, als man vielleicht erwartet …

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Unverkennbar schottisch beginnt Karl Nyhlin seine CD. Und unverkennbar englisch sind die Lautenstücke, die folgen. Immer wieder stößt man dabei auf Pretiosen von John Dowland, dem Großmeister der englischen Lautenmusik, Nyhlin hat sich aber bemüht, Werke weniger bekannter Zeitgenossen Dowlands in sein Programm einzubinden und besonders solche, die anonym überliefert sind.