Giuliani pop

GITARRE & LAUTE ONLINE: Beiträge zu Neuerscheinungen (Notenausgaben, Bücher, CDs) auf den Gebieten Gitarre und/oder Laute, Berichte über Konzerte, Festivals und Wettbewerbe, Essays und Kommentare. Verschiedene Autoren, Chefredakteur (Verantwortlich im Sinne des Pressegesetzes): Dr. Peter Päffgen.

Konzert am 20. Juli 2013; WDR, Großer Sendesaal, Wallrafplatz, Köln
Reise rund ums Mittelmeer: Thorsten Drücker, Gitarre; WDR Rundfunkorchester Köln; Leitung und Moderation John Mauceri
Werke von Miklós Rózsa, Elmer Bernstein, Max Steiner, Giuseppe Verdi, Nino Rota und Pietro Mascagni
Sendung: WDR4, Sa. 24. August 2013, 20:05h

Mauceri conductingVeränderungen: Nicht nur hat der WDR einen neuen Intendanten, Tom Buhrow, der WDR-Rundfunkchor hat einen neuen Chefdirigenten, Stefan Parkman, ebenso wie das WRO (WDR Rundfunk Orchester) mit Wayne Marshall: „Sein Hüftschwung ist legendär, als Allroundtalent am Klavier, an der Orgel, als Komponist, Dirigent und Jazzmusiker ist [er] international erfolgreich” (O-Ton WDR-Homepage: <http://www.wdr.de/radio/orchesterl.html>).

Im Konzert zum Saisonfinale 2012/2013 stand jedoch ein anderer Dirigent vor dem Orchester, ein international bekannter Fachmann für Oper, Film und Musical: John Mauceri, geboren 1945 in New York City. Mauceri war nicht nur Assistent von Leonard Bernstein an der New Yorker Met, er hat Opernhäuser und Orchester auf der ganzen Welt geleitet und schließlich, 1991, das „Hollywood Bowl Orchestra” in Los Angeles gegründet. „Nebenbei“ hat er Arrangements und Bearbeitungen geschrieben, von denen zwei am 20. Juli zu hören waren: ein Symphonic Portrait zu „The Godfather/Der Pate” und eine Konzertouvertüre zu „Ben Hur”.

Insgesamt gab es „große Musik”. Riesige Musik! Mit einer Suite aus der Filmmusik zu „El Cid” ging’s los. El Cid, eigentlich Rodrigo Diaz de Vivar (um 1043—1099), war ein kastilischer Ritter, der sich in der Reconquista hervorgetan hat, in der Rückeroberung der iberischen Halbinsel von den Mauren. Die hatten zu der Zeit bereits seit über dreihundert Jahren die Herrschaft über das heutige Spanien. „El Cid” wurde zu einem spanischen Nationalhelden.

1961 brachte der Regisseur Anthony Mann den Monumentalfilm „El Cid” heraus, die Musik war von Miklós Rózsa, der dafür 1962 für einen Oscar nominiert wurde. Eine Suite mit Sätzen aus der Filmmusik präsentierte das WRO in seinem Konzert.

Stover Romanze Titel 400x550Rico Stover: Romance Variations (mit Audio-CD)
Pacific, MO, 2013, MEL BAY, ISBN 978-078-668-501-1 US-$ 19,99

Die „Spanische Romanze“ ist überall bekannt und sie ist auch nicht von Rico Stover. Der hat jetzt allerdings Variationen über diesen Dauerbrenner der Gitarrenmusik geschrieben und dazu einen Text, in dem die Geheimnisse rund um die Romanze gelüftet werden sollen. Eines dieser Geheimnisse ist die durchaus essentielle Frage, wer denn dieses Stück überhaupt geschrieben hat und wann. Gleich mehrere Musiker haben für sich in Anspruch genommen, Komponist dieses populären Stücks zu sein … gleich mehrere wollten dabei an den sicher nicht unerheblichen Einkünften aus den Rechten an der Romanze verdienen.

Aber zunächst Rico Stovers Variationen: Zunächst hat er eine Introduktion dazugeschrieben. Sie lehnt sich an das Thema der Romanze an und an ihre harmonische Folge. Es folgt als Thema die Romanze, unverändert in ihrer weltweit bekannten Form.

Die sechs Variationen sind parodistisch, das heißt, sie enthalten auf der einen Seite das melodische und harmonische Material des Themas, also der Romanze, und verquicken es mit Elementen aus anderen musikalischen Sphären. Beispiel: Die dritte Variation heißt „Villa-Lobosiana“. Man hört das Gerüst des ersten Préludes für Gitarre von Heitor Villa-Lobos – allerdings mit einer anderen Bass-Melodie: der der Romanze.

Die vierte Variation heißt „Bossanova“ … und wieder: versteckt ist die Melodie der Romanze. „Chet’s Pick“ als fünfte Variation geht auf das Fingerpicking von Chet Atkins zurück und die Aire de la Danza“ (sechste Variation) auf Tänze, wie sie in Argentinien und Uruguay gespielt werden. Rico schreibt dazu, er sei von den „guitarristas criollos“ Eduardo Falú und Atahualpa Yupanqui zu dieser Variation inspiriert worden. Die Romanze zieht sich durch diese längste Variation (von immerhin 8 Druckseiten), ihr Thema beherrscht den Satz ständig und unüberhörbar.

Puget Musiker Louis XIV kleinToyohiko Satoh: De Visée
Aufgenommen im Juni 2012
CARPE DIEM Records CD-16296, in Deutschland bei NAXOS
… Gelassenheit und Erfahrung …


Robert de Visée: Livres de Pièces pour la Guittare
Krishnasol Jiménez, „Sabionari“ Guitar (1679) by Antonio Stradivari
Aufgenommen im Juni und September 2012, erschienen 2013
Brilliant Classics 94435
… das ist schon hohe Kunst! …


Robert de Visée (ca. 1660—1732) war Musiker am Hof Ludwigs XIV. (1638/1643—1715) in Versailles. Laute, Theorbe und Gitarre waren seine Instrumente. Gitarristen ist er vornehmlich bekannt geworden durch seine Suite d-Moll, die in Einzelsätzen von Napoleon Coste in seinem „Livre d’Or du Guitariste“ herausgegeben worden ist und danach Karriere gemacht hat. Segovia hat eine Suite eigenen Zuschnitts daraus gemacht und schließlich Karl Scheit, dessen Ausgabe bei der Wiener Universal Edition über Jahre zu den Bestsellern an Gitarrenmusik gehört hat.

Bild: François Puget: Die Musiker Ludwigs XIV. Es besteht Unsicherheit, welche Musiker abgebildet sind. Es wurde vermutet, der Mann rechts mit Laute und Gitarre sei Robert de Visée. Jetzt ist man sicher, dass dies Jean-Baptiste Lully ist.

Es ist noch nicht lange her, da wusste die Gitarrenwelt von de Visées Kompositionen für Laute oder Theorbe nichts … mindestens hatte niemand je eine davon gehört. Als dann 1980 bei Minkoff in Genf das Faksimile der Handschriften 279.152 und 279.153 der Bibliothèque Municipale in Besançon, Manuscrit „Vaudry de Saizenay“, herauskam, wuchs nicht nur das Interesse an de Visées Musik schlagartig, auch kümmerten sich Lautenisten vermehrt darum.

GuitaromanieGabriel Schebor: La guitarra revolucionaria y romántica
Werke von Sor, Pedro Ximenes Abril Tirado, Juan Pedro Esnaola, Nicanor Albarellos und Fernando Cruz Cordero
Aufgenommen im Juli 2011, erschienen 2012
VOICE OF LYRICS VOL BL 705
… charmant und amüsant …

Schebor CDDer Argentinier Gabriel Schebor spielt auf seiner CD Musik des frühen 19. Jahrhunderts … allerdings Musik von Komponisten, die hier bisher nicht bekannt sind. Sechs Bagatellen („Mes Ennuis“) op. 43 von Fernando Sor gibt er, der ist freilich bekannt, aber dann folgt Musik von Pedro Ximenes Abril Tirado (1780—1856), Juan Pedro Esnaola (1808—1878), Nicanor Albarellos (1810—1891) und Fernando Cruz Cordero (1822—1861). Alles Originalkompositionen für Gitarre und alle Komponisten sind Lateinamerikaner!

Wir sehen an den Lebensdaten der Akteure, dass die Gitarrenbegeisterung des 19. Jahrhunderts in Südamerika später einsetzte, als in Europa. Waren die europäischen Gitarristen wie Carulli, Giuliani oder Sor in den 1770er und 1780er Jahren geboren, sind ihre Nachfolger und Epigonen in Argentinien, Uruguay oder Peru – die jedenfalls, deren Stücke wir auf der CD von Gabriel Schebor hören – eine Generation später zur Welt gekommen. Ausnahme ist Pedro Ximenes Abril Tirado, der „nur nebenbei“ Gitarrenmusik geschrieben hat – darunter übrigens einhundert Menuette, die zum Teil bei Richault in Paris erschienen sind, sowie Kammermusik mit Gitarre. Aber Pedro Ximenes Abril Tirado hat „eigentlich“ Messen komponiert, 43 an der Zahl, und Motetten und ist schließlich als Kapellmeister an der Kathedrale von Sucre, der Hauptstadt von Bolivien, gestorben.

Hucky CDHucky Eichelmann: Guitar Favourites
Werke von Sanz, Tárrega, Lawall, Bach, und vielen anderen
Aufgenommen im April 2012
AMI RECORDS (Asia Music International) 2012-23
… Das passt! …

An dem Programm dieser CD sieht man, dass Hucky Eichelmann nicht mehr wirklich der europäischen Gitarrenszene angehört. Er spielt nämlich ein paar Stücke, die hier mega-out sind. Dazu gehören die Kompositionen von Siggi Behrend und auch die von Georg Lawall … wobei gegen dessen quirliges Stück „Gospelhorn“ nichts einzuwenden wäre, wenn nicht, dass es in ein „klassisches“ Programm eigentlich nicht passt. Hucky Eichelmann lebt, so viel zu Ihrer Information, seit vielen Jahren in Thailand.

Aber wirklich klassisch ist an diesem Programm nur die Gitarre. Das Repertoire enthält zwar ein paar der Dauerbrenner von Johann Sebastian Bach, auch das erste Prélude von Villa-Lobos, sonst aber eher Aufheller wie die „Romance d’Amour“, die sich schon lange keiner mehr zu spielen getraut hat oder ein „Ragtime Medley“, das fetzig ist, aber auch: keineswegs klassisch!

Minguet y Yrol KopieThomas Schmitt, guitarra
DE GUSTO MUY DELICADO: Música espanyola del segle XVIII per a guitarra de sis ordres/18th Century Spanish Music for Six-Course Guitar
Werke von Moretti, Ferandiere und Juan Antonio de Vargas y Guzmán
Aufgenommen im Januar 2010, erschienen 2011
la mà de guido LMG2108, in Deutschland bei New Arts International
… Thomas Schmitt kann man nur gratulieren …

♦♦♦♦♦

Dies ist eine Rarität! Eine CD mit Musik für sechschörige Gitarre, gespielt auf einem ebensolchen Instrument, das es eigentlich überhaupt nie gegeben hat. Als die fünfchörige Barockgitarre ausgedient hatte und es die neue Gitarre mit Einzelsaiten noch nicht gab, machten die Gitarrenbauer das, was ihre Kollegen aus der Lautenbauer-Zunft seit mehr als dreihundert Jahren taten: Sie erweiterten den Tonumfang ihrer Instrumente im Bass. Thomas Schmitt berichtet (im Booklet seiner CD), fünf- und sechschörige Gitarren habe es eine Zeitlang nebeneinander gegeben und die sechschörige Gitarre sei „muy popular“ gewesen, „omnipräsent“, was Tanz und Gesang anging. James Tyler und Paul Sparks [The Guitar and its Music, New York 2002] bestätigen die Einschätzung, die neue Gitarre sei in Spanien sehr verbreitet gewesen, allerdings eher in gesellschaftlich niedrigeren Schichten. Cristina Bordas-Gerardo Arriaga [La Guitarra desde el Barocco hasta ca. 1950, in: La Guitarra Española, New York/Madrid 1991] nennt die Zeit zwischen der fünfchörigen und der sechssaitigen Gitarre „Interregnum“, was die Bedeutung der sechschörigen Gitarre treffend beschreibt. Sie war die „Gitarre dazwischen“.

Hegel CDMartin Hegel: Bach Solo
Lautenwerke und Transkriptionen für Gitarre
Aufgenommen im Februar 2012
Acoustic Music Records 319.1492.2
… unser Respekt! …

Bach for Guitar
27 Transkriptionen für Gitarre
herausgegeben von Martin Hegel
Mainz u.a., Schott, ED 21601, € 14,99

Werke von Johann Sebastian Bach auf der Gitarre zu spielen, ist nichts Ungewöhnliches … obwohl Bach selbst bekanntlich kein einziges Stück für das Instrument geschrieben hat. Bach galt vor einiger Zeit sogar als der meistgespielte Komponist von Gitarrenwerken überhaupt – vielleicht ist er es heute noch!

ED 21601 Hegel Bach for guitarZunächst waren es die Lautenwerke, die von Gitarristen annektiert wurden, dann Teile von Suiten oder Sonaten für andere Soloinstrumente. Die mächtige Chaconne aus BWV 1004 war darunter, später diverse andere Einzelsätze und schließlich komplette Zyklen wie die Cellosuiten oder Sonaten und Partiten für Violine. Dass Bachs Lautenwerke auf der Gitarre gespielt wurden, hielt man dabei für eine Art Selbstverständlichkeit, schließlich gehöre die Gitarre „zur Familie der Lauteninstrumente“, wie Martin Hegel noch im Booklet seiner Bach-CD meint.

Tatsächlich ist die Gitarre eine Laute – allerdings nur im organologischen Sinn. Diese Definition geht zurück auf Curt Sachs und Erich von Hornbostel, die 1914 zusammen den Versuch einer „Systematik der Musikinstrumente“ vorgelegt haben, die heute noch Geltung hat: „Laute nennt die Organologie im weitesten Sinn ein jedes aus einem Hals und einem bauchigen Schallkörper bestehendes Saiteninstrument“ [Sachs, Reallexikon, Berlin 1913]. Demnach sind also Gitarren Lauten … im organologischen Sinn! Entwicklungsgeschichtlich sind Gitarren und Lauten unterschiedliche Klangkörper, die nicht einmal einer gemeinsamen „Familie“ angehören. Ausgaben von Lautenmusik für Gitarre sind also Transkriptionen … aber dies nur am Rande!

Matthiesen Serenade CDHeike Matthiesen: Serenade
Werke von Mertz, Tárrega, Diabelli, Kreutzer, Molitor, Bobrowicz, Ferrer
Aufgenommen im Juni 2012, erschienen 2013
CSM Y 1312-C30, 2013
… Heike Matthiesen traut sich was! …



Heike Matthiesen traut sich was! Da legt sie ihre dritte Soloplatte vor und die ist voll mit Stücken, die als Salonmusik, als Spielmaterial für Amateurgitarristen ausgewiesen sind. Wir hören Fantasien und Variationen über populäre Themen aus ebensolchen Opern; Transkriptionen von Klavierwerken wie etwa der „Grande Sonate Pathétique“ von Beethoven; am Schluss gar das Loreleylied nach einem Text von Heinrich Heine … natürlich rein instrumental:

Ich weiß nicht was soll es bedeuten
Dass ich so traurig bin;
Ein Märchen aus alten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.

la Mandoline Baroque
Duo Spirituoso: Florentino Calvo, Mandoline; Maria Lucia Barrios, Clavecin
Werke von Michel Corrette, Carlo Cecere, Francesco Maio, Gabriele Leone, Tomaso Prota, Giovanni Battista Gervasio, Pietro Denis
Aufgenommen im Oktober 2010, erschienen 2012
Disques Pierre Verany PV712061, in Deutschland bei Note1
… mit großem, hörbarem Vergnügen an der Musik …

Mandoline Baroque CDDer Mandolinist Florentino Calvo hat bei Alberto Ponce Gitarre studiert und später in Argenteuil bei Mario Monti Mandoline. Monti (21.2.1923—27.07.2006), nicht zu verwechseln mit dem ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten gleichen Namens, war ein Pionier der Mandolinen-Renaissance in Frankreich. Er hat ein bekanntes Zupforchester gegründet, die Estudiantina d’Argenteuil. Florentino Calvo wurde sein Nachfolger als Leiter des Orchesters, als Monti sich 1991 zur Ruhe setzte. Heute unterrichtet er an der Musikschule von Argenteuil, gleichzeitig an verschiedenen französischen Hochschulen.

Die Stücke, die auf der CD versammelt sind, stammen – bis auf eine Sonate von Michel Corrette (1707—1795) – von italienischen Komponisten. In Italien, besonders in Neapel, hatte die Mandoline gegen Mitte des 18. Jahrhunderts eine hohe Blüte erlebt, eine Akzeptanz und Begeisterung, die schließlich mit dem neuen italienischen Musikstil auch nach Frankreich wanderte. Dort wurde die Mandoline schnell so beliebt, dass Bedarf für Lehrbücher zu verzeichnen war, mit deren Hilfe man das Spiel des populären Instruments erlernen konnte. Ein sehr verbreitetes ist von Michel Corrette überliefert: „Nouvelle méthode pour apprendre à jouer en très peu de temps de la mandoline“ (Paris 1792). Aus ihm stammt die Sonate C-Dur, die auf der CD als erstes Stück zu hören ist.

Der „galante Stil“, der Mitte des 18. Jahrhunderts den Übergang von der steifleinenen Barockmusik zu vorklassischen und schließlich „klassischen“ Formen und Schreibweisen markierte, er bot für die Mandoline Spielmaterial. In die nonchalante Leichtigkeit, die bei einem galant-homme vorausgesetzt wurde, passte dieses neue Instrument. Empfindsamkeit; kürzere, sequenzierte Melodiephrasen; eine gewisse Unverbindlichkeit und Unschwere … in diesen Idealen und Forderungen fand die Mandoline nachvollziehbar ihre Rolle – jedenfalls, was diese Episode der Musikgeschichte angeht.

mitsalas TychyThe Italian Tradition
Werke von Tárrega, Legnani, Regondi, Castelnuvo-Tedesco und Domeniconi
Aufgenommen im Juli 201m erschienen 2012
ClearNote 74575
… Gitarrist mit großen Möglichkeiten …

Thanos Mitsalas kommt aus der Schule von Costas Cotsiolis. Ihn, Cotsiolis, kenne ich als Klang-Macho mit extrem reduziertem Repertoire. Von den Kompositionen, die er spielt, liefert er gelegentlich Referenzeinspielungen ab – aber es sind nicht viele, denen er die Ehre gibt. Das sowjetische Label MELODIYA hat 1983 eine LP mit Werken von Bach, Barrios und anderen von Cotsiolis herausgebracht und die enthaltene Aufnahme von BWV 998 (Präludium, Fuge und Allegro) belegt, dass Cotsiolis’ spätere Entscheidung, sich aus diesem „klassischen“ Repertoire herauszuhalten, richtig war. Er hat nicht wirklich Zugang zu Stücken dieser Art.

Was hat das mit Thanos Mitsalas zu tun? Nun, der hat bei Cotsiolis studiert und zwei Aspekte dessen, was er bei diesem begnadeten aber irgendwie ignoranten musikalischen Zauberer gelernt hat, die Lust auf Klangfülle nämlich und das demonstrative Hervorkehren technischer Brillanz, die hat er sich zueigen gemacht! Satter, runder Gitarrenklang umfängt einen beim Hören seiner CD.

MItsalas CDThanos Mitsalas beginnt sein Programm mit Variationen über „Mein Hut, der hat drei Ecken“ oder, pardon, über „Carnaval de Venecia“ von Francisco Tárrega. Es ist ein wirkungsvolles Stück, bei dem allerdings – bei allem Respekt -- alle billigen (freilich auch die teureren) Tricks genutzt werden, die ein Gitarrist im Portefeuille hat, wenn er sein Publikum beeindrucken will. Tremoli, Arpeggien … alle Vorführeffekte, knapp zehn Minuten Show!

Die Variationen sind ein anerkanntes und geprüftes Stück Gitarrenmusik, das das Label „klassisch“ trägt … obwohl es – wie andere Stücke von Francisco Tárrega – unter „Salonmusik“ auch nicht falsch einsortiert wäre.

Am Schluss des Programms hören wir noch ein Stück, das viel Effekt mit wenig Aufwand erbringt: „Koyunbaba“ von Carlo Domeniconi. Und natürlich wissen wir: Es funktioniert! Dieses Stück hat, als es herauskam, die gesamte Gitarrenwelt so beflügelt, dass Musiker, von denen man vor „Koyunbaba“ wenig bis nichts gehört hatte, im Handumdrehen zu Virtuosen wurden.

Armin Egger CDArmin Egger: Hommage
Werke von Barrios, Tárrega, Mertz und Castelnuovo-Tedesco
Aufgenommen im Januar 2013
ARS 38 137
… Mich haben sie überzeugt! …

Am Schluss des Programms dieser CD steht Mario Castelnuovo-Tedescos Sonate „Omaggio a Boccherini“. Ein großes und außerordentlich attraktives Stück Segovia-Repertoire! Und hier, bei diesem Stück gehört ein gewisser klanglicher Schmelz dazu … nicht Schmalz, Schmelz! Gemeint ist dieser runde, satte, wohlgenährte, üppige Gitarrenklang und nicht diese von Andrés Segovia noch in den Ohren hängende musikalische Willkür.

Aber wo wir gerade von musikalischer Willkür reden: Vor ein paar Tagen habe ich ein Buch von Alfred Cortot über Frédéric Chopin gelesen und dabei habe ich mir eine historische Aufnahme eines Walzers von Chopin aufgelegt. Gespielt von Alfred Cortot (1877—1962), einem der bedeutendsten und quasi nie umstrittenen Pianisten seiner Zeit. Und da, in dem Walzer von Frédéric Chopin – gespielt von dem großen Alfred Cortot, fehlen Töne, da höre ich falsche Noten und da höre ich auch metrische Verschiebungen, die seit Hugo Riemann (1849—1919), dem Vater der modernen Musikwissenschaft, Agogik heißen. Das gehörte damals zum guten Ton … um einen Kalauer zu bemühen. Man ging sehr großzügig mit dem Notentext um, veränderte ihn … und scherte sich wenig um Genauigkeit und Texttreue. Ein Grund dafür war sicher, dass das elektronische Aufzeichnen von Klangereignissen, hier von Musik, noch in den Kinderschuhen steckte und dass Musik zu hören eine Sache des Augenblicks war. Da saßen keine Pharisäer zuhause am Lautsprecher, die jeden Spielfehler notierten … das Vergnügen des Moments aber nicht genießen konnten. Das Spiel der großen Instrumentalisten des sehr frühen 20. Jahrhunderts, auch das von Cortot und Andrés Segovia, war auf den Moment abgestimmt, auf das klangliche Erlebnis dieses einmaligen Hörens … und da konnte man die Drei auch mal gerade sein lassen. Da war man Musiker und nicht Sophist. Nicht, dass diese Musiker nicht alle Töne hätten spielen können und nicht, dass sie die Fehler nicht bemerkt hätten … aber sie waren nicht wichtig genug!

CD CoverOtto Tolonen: tiento français
Werke von Ibert, Samazeuilh, Auric, Tailleferre, Milhaud, Poulenc, Ohana, Migot u.a.
Aufgenommen im Juni und September 2012
ALBA Records ABCD 357, in Deutschland bei Klassik Center, Kassel
… Otto Tolonen tritt leidenschaftlich für die Stücke seines Programms ein …

CD bei Amazon bestellen?

Otto Tolonen hat für diese CD ein exzeptionelles Programm zusammengestellt. Er ist zwar nicht der Erste, der Kompositionen unter einem Motto wie „Souvenir de Paris“ oder „Paris Guitare“ zusammengefasst hat, ich habe aber noch kein CD- oder Konzertprogramm unter einem ähnlichen Motto gesehen resp. gehört, das so geschlossen und ausgewogen auf der einen und abwechslungsreich auf der anderen Seite ist. Ein paar Dauerbrenner der Gitarrenmusik verstecken sich zwar in dem Programm, zum Beispiel „Segoviana“ von Darius Milhaud (1892—1974) oder die hinreißend schöne „Sarabande“ von Francis Poulenc (1899—1963), aber selbst diese Stücke sind weitaus weniger abgedroschen, wie es manches spanische oder lateinamerikanische Highlight des Repertoires ist.
Nur eines der Werke der CD ist eine Transkription – „Gnossienne“ Nº 1 von Erik Satie (1866—1925) – nur eines ist von einem nicht-französischen Komponisten – „Collectici intim“ von Vicente Asencio (1908—1979) … und der, Asencio, war derartig durch und durch Spanier, dass er sich nicht einmal während des Bürgerkriegs aus seinem Land vertreiben ließ. Er blieb und schrieb unverkennbar spanische Musik.

Yavor Genov KapsbergerGiovanni Girolamo Kapsberger: Libro primo d’intavolatura di lauto, 1611
Avor Genov, Laute
Aufgenommen im März 2012, erschienen 2013
Brilliant Classics 94409
… klanglich fragil …

Yavor Genov ist ein neues Gesicht in der internationalen Lautenisten-Szene. Er ist Bulgare, hat in Bulgarien auch studiert, um danach zu Jakob Lindberg zu gehen. Bei ihm hat er dann noch weiterstudiert: Laute und Generalbass.

Mit Musik von Giovanni Girolamo Kapsberger (1580—1651) hat er seine erste Solo-CD vorgelegt, und damit ein sehr anspruchsvolles Repertoire ausgesucht … anspruchsvoll, was die Spieltechnik angeht und auch die musikalische Darstellung dieser für ihre Zeit ziemlich revolutionären Musik. Kapsberger, der „Nobile Alemano“, der einmal Johann Hieronymus mit Vornamen geheißen hatte, war nämlich ein Revolutionär, ein kühner Neuerer mit hohen Anforderungen an Lautenspieler und an seine Hörer. Vor allem der Chitarrone interessierte ihn und für dieses neue Instrument hat er seinen ersten Band mit in Tabulatur aufgeschriebenen Stücken herausgegeben: Libro primo d’intavolatura di chitarrone, Venedig 1604.

IL DIVINOIst es nicht eigenartig? Das Wort „Starlautenist“, das ich da auf der CD mit Musik von Marco dall’Aquila lese, kommt mir in diesem Zusammenhang nur schwer über die Lippen. Dabei kann man es auf alle drei Personen anwenden, mit der wir es heute zu tun haben. Francesco da Milano (1497—1543) wurde wegen seines Spiels schon vor fast fünfhundert Jahren „Il Divino“ (der Göttliche) genannt. Den Namen von Marco dall’Aquila (ca. 1480—1544), seinem direkten Zeitgenossen, findet man in Werken der berühmtesten Dichter seiner Zeit. Dort wird er gelobt und gepriesen als einer, dessen Spiel seinen Zuhörern die Sinne raubte. Beide, Francesco und Marco, waren Starlautenisten … auch wenn man sie natürlich nicht so genannt hätte.

Der Dritte im Bunde, auf ihn ist eigentlich das Wort „Starlautenist“ auf dem CD-Cover gemünzt und auch auf ihn trifft es zu! Auch, wenn einem der Begriff „Star“ zu abgegriffen vorkommt, zu plakativ und belastet: Paul O’Dette ist einer der ganz Großen seiner Zunft … wenn nicht gar, speziell für Lautenmusik der Renaissance, das Beste, was man heute hören kann!

Francesco da Milano: Il Divino
Paul O’Dette, Lute
Aufgenommen im August 2011, erschienen 2013
harmonia mundi USA HMU 907557
… einer der ganz Großen seiner Zunft …

Marco dall’Aquila
Pieces for Lute
Paul O’Dette
Aufgenommen im August 2008, erschienen 2010
harmonia mundi USA HMU 907548
… wenn nicht gar, speziell für Lautenmusik der Renaissance, das Beste, was man heute hören kann! …

DALL AQUILADas präsentierte Repertoire von Francesco da Milano besteht aus Fantasien auf der einen und Intavolierungen auf der anderen Seite. Seine Fantasien (oder Ricercari) sind vielleicht das Vollkommenste, was an Instrumentalmusik aus der italienischen Renaissance überliefert ist. Es sind meist streng durchgeformte kontrapunktische Kompositionen, die virtuose Passagen, Umspielungen, enthalten können, sonst aber dem Vorbild der mehrstimmigen Vokalmusik verpflichtet sind.

Entstanden ist die Form der Fantasia aus einer Tradition des polyphonen Extemporierens. Bis ins 14. Jahrhundert war die (sakrale) Vokalmusik alles beherrschend und so kam es, dass Musiker der frühen instrumentalen Tradition bekannte Cantus firmi umspielten und über sie fantasierten.

Zeugnisse einer noch direkteren Anlehnung an vokale Vorlagen waren Intavolierungen, die einen großen Teil des Repertoires der Zeit ausmachten. Sie waren 1:1-Übertragungen vokaler Kompositionen auf die Laute, manchmal mit eingestreuten Umspielungen oder instrumentalen Kommentaren – oft aber pur, als reine Übertragung auf das Medium Laute.

Diaz Vol 1Segovia Vol 7The Legend of Alirio Diaz Vol. 1
Werke von Frescobaldi, Sanz, Scarlatti, Bach, Haydn, Sor, Tárrega, Albéniz, Villa-Lobos, Barrios, Gómez Crespo, Borges, Llobet, Lauro, Sojo
Aufgenommen zwischen 1956 und 1960, erschienen 2013
IDIS 6660, in Deutschland bei Klassik Center Kassel
… gehören in die Sammlung jedes Gitarre-affinen …

The Art of Andrés Segovia Vol. 7
Werke von Frescobaldi, Weiss, Bach, Aguado, Granados, Albéniz, Mendelssohn-Bartholdy, Debussy
Aufgenommen 1961/1962, erschienen 2013
IDIS 6661, in Deutschland bei Klassik Center Kassel
… gehören in die Sammlung jedes Gitarre-affinen …

Maestro Alirio Díaz war 27 Jahre alt, als er 1950 nach Spanien ging, um in Madrid bei Regino Saínz de la Maza zu studieren. In seinem Heimatland, Venezuela, hatte er vorher bei Raúl Borges gelernt und studiert, aber Alirio war Hals über Kopf in das Gitarrespiel von Andrés Segovia (1893—1987) verknallt, den er 1945 in Caracas gehört hatte. Segovia war – das kann man sich heute kaum noch vorstellen, weil jeder Musik- und Gitarrefreund Dutzende professionelle Gitarristen kennt, die auf hohem bis höchstem Niveau spielen – Segovia war damals der unangefochtene Matador, das Maß aller Dinge! Und auch, wenn er seit seinen späten Jahren derbe Kritiken einstecken musste und wenn es Menschen gibt, die immer schon gewusst haben, dass sein Spiel eher selbstverliebter Kitsch war als eine ernsthafte künstlerische Auseinandersetzung mit der Musik: Andrés Segovia war zu dieser Zeit der wichtigste und einflussreichste Gitarrist der Welt!

Aber Alirio Díaz wollte erst sein Studium beenden, ein Diplom machen, und das ging damals in ganz Europa nur in Madrid bei Regino Saínz de la Maza. Nach einem Jahr Studium hatte er sein Diplom und dazu eine Art Sonderbelobigung für besonders begabte Studenten.

Hellwig BuchtitelFriedemann und Barbara Hellwig, Joachim Tielke – Kunstvolle Musikinstrumente des Barock. Berlin und München 2011, Deutscher Kunstverlag. ISBN 978-3-422-07078-3, € 78,—

Vor mehr als dreißig Jahren – 1980, um genau zu sein – ist im Verlag „Das Musikinstrument“ in Frankfurt ein Buch über Joachim Tielke (1641—1719) erschienen. Autor war der Lübecker Günther Hellwig, Instrumentenbauer und Pionier, was den Bau von Gamben nach historischen Vorbildern angeht.

Jetzt, 2011, ist wieder ein Buch über Tielke erschienen und diesmal heißen die Autoren Friedemann und Barbara Hellwig – Sohn und Schwiegertochter von Günther Hellwig. „Meinem Sohn Friedemann und seiner Frau Barbara“ hatte auf dem Vorsatzblatt des Buchs von 1980 gestanden und die Widmungsträger fühlten sich später „in die Pflicht genommen, die Forschungen fortzusetzen.“ [S. 8] „Vor sieben Jahren begannen wir mit den Vorbereitungen zu einer zweiten Auflage – die erste war schon nach wenigen Jahren vergriffen --, stellten aber bald fest, dass diese zu einer vollständig neuen Veröffentlichung führen mussten angesichts etlicher neu bekannt gewordener Arbeiten Tielkes, der erweiterten technischen Hilfsmittel zur Dokumentation und des in der Zwischenzeit entstandenen umfangreichen Schrifttums zur Geschichte der verschiedenen Musikinstrumente.“ [S. 8] Das Ergebnis liegt jetzt vor: gut 450 Seiten, opulent ausgestattet und komplett vierfarbig gedruckt.

Mit dem Buch „sollen die in jahrzehntelanger Forschung vermehrten Kenntnisse vom Leben und Werk Joachim Tielkes zusammengetragen und erörtert werden“ [S. 12] womit Ausrichtung und Titel der beiden Hauptkapitel umschrieben sind:

I. Leben und Werk Joachim Tielkes
II. Beschreibendes Verzeichnis der Instrumente der Werkstatt Joachim Tielke