Giuliani pop

GITARRE & LAUTE ONLINE: Beiträge zu Neuerscheinungen (Notenausgaben, Bücher, CDs) auf den Gebieten Gitarre und/oder Laute, Berichte über Konzerte, Festivals und Wettbewerbe, Essays und Kommentare. Verschiedene Autoren, Chefredakteur (Verantwortlich im Sinne des Pressegesetzes): Dr. Peter Päffgen.

CD Astor TrioAstor Trio
Bach & Piazzolla
Aufgenommen im Februar 2012
KSGAUDIO 67025
… unmissverständlich und eindringlich …



Der „Star“ des Astor-Trios ist – ich muss es einräumen, obwohl sich das Label Exaudio eigentlich weitgehend mit Gitarrenmusik befasst, Alexander Prushinskiy, der Geiger. Nicht, dass Tobias Kassung (Gitarre) und Stanislav Anischenko (Kontrabass) jeder für sich eine schlechte Figur abgäben, keineswegs, aber Alexander Prushinskiy beherrscht das musikalische Geschehen mit einer derartigen Strahlkraft und Eleganz, dass seine Kombattanten schlichtweg zu Statisten werden. Aber notabene: Er gibt keineswegs die Rampensau, die das größere Durchsetzungsvermögen seines Instruments, der Geige, für sich nutzt! Natürlich ist die Geige ohnehin das beherrschende Instrument: Sie füllt die höchste Stimme aus und ist damit a priori für Melodien zuständig. Und sie kann echtes Legato, was auf einer Gitarre beim besten Willen nicht möglich ist. Dass für den musikalischen Boden ein Kontrabass eingesetzt worden ist und der auch noch aus Diskretionsgründen weitgehend staccato gespielt wird, war eine wunderbare Idee, durch die die Stücke nicht nur ein Fundament, sondern auch eine gewisse luftige Weite erhalten haben, eine klangliche Dimension.

CD Brilliant Segovia ArchiveThe Andrés Segovia Archive
Complete Guitar Music written for Andrés Segovia
Ermanno Brignolo, Gitarre; Orchestra del Conservatorio di Alessandria
Werke von Arregui, Berkeley, de Bréville, Castelnuovo-Tedesco, Cassadó, Collet, Company, Desderi, Ferroud, Fornerod, Frazzi, Gilardino, Haug, Holguín, Laparra, Manén, Martelli, Mompou, Moreno-Torroba, Moulaert, Pahissa, Petit, Peyrot, Presti, Sangiacomo, Sanjuán, Padre Donostia, Scott, Strasfogel, Tansman
Aufgenommen Mai 2011 bis März 2013, erschienen am 1. September 2013
Brilliant Classics [7 CDs] 9427
… eine sensationelle CD-Produktion! …


Dies ist, um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen, eine sensationelle CD-Produktion! Die Idee, die hinter ihr steht, ist nicht, die Stücke erneut aufzunehmen, die Maestro Segovia (1893—1987) gespielt und berühmt gemacht hat, sondern die, die zwar für Segovia geschrieben und ihm gewidme Die Geschichte, wie die zahlreichen unbekannten Werke ans Tageslicht gekommen sind, erzählt Brignolo in seinem – für meine Begriffe übrigens viel zu knapp gehaltenen – Booklet-Text. Angelo Gilardino, einer von Brignolos Lehrern, ist 1997 durch die Marquesa de Solobreña, Segovias Witwe, zum Leiter der Andrés-Segovia-Stiftung in Linares, ernannt worden. Dort wurde er in die Lage versetzt, die Hinterlassenschaften des weltberühmten Künstlers zu untersuchen … darunter musikalische Manuskripte und Korrespondenz mit Komponisten. Bei Betrachtung dieser Archivalien wurde schnell klar, welcher Fundus an erstklassigen Kompositionen da auf eine Veröffentlichung wartete und Angelo Gilardino wurde schnell mit dem Musikverlag Edizioni Musicali Bèrben in Ancona einig, dass dort die Werke aus dem Segovia-Nachlass erscheinen sollten. Die vorliegende CD-Produktion ist die klingende Dokumentation des Segovia-Erbes, der Pflichtteil sozusagen, der den postsegovianischen zusteht.t sind, die er aber aus welchem Grund auch immer links liegen ließ und niemals öffentlich spielte oder für die Schallplatte aufnahm. Von einigen Kompositionen wissen wir seit einiger Zeit – dazu gehören die „Quatre Pièces Brèves“ von Frank Martin. Sie sind aber nicht in die Sammlung von Ermanno Brignolo aufgenommen worden. Diese enthält nämlich ausschließlich Kompositionen, die:
a. Segovia gewidmet sind, die er aber nie gespielt oder veröffentlicht hat und die aus diesem Grund unbekannt geblieben sind;
b. Segovia zwar gespielt und auch eingespielt, die er aber vorher weitreichend modifiziert hat. In diese Gruppe gehören Stücke von Mario Castelnuovo-Tedesco, Juan Manén und Federico Mompou
c. erst in jüngerer Zeit geschrieben wurden und auf Sogovia Bezug nehmen. In diese Gruppe gehören einige wenige Kompositionen von Angelo Gilardino und Alvaro Company.

Dieter Silvan Weiss: Gitarrenmusik der Deutschen Romantik
Werke von Adam Darr, Eduard Beyer und Heinrich Albert
Aufgenommen 2013
VITULA MUSIK 4020796449544

Dieter Silvan Weiss CD

Dass diese CD nichts anderes als „Romantische Musik“ enthalten kann, sieht man! Junger Mann in weißem Hemd mit Fliege; dunklem, mit Samt oder Seide abgesetztem Anzug und gen Himmel abschweifendem Blick; eine Gitarre umarmend … Schöne Müllerin oder Winterreise? Nein, es geht um Gitarrenmusik der deutschen Romantik. Und welche Komponisten fallen einem da ein? Richtig: Darr, Bayer und Albert. Keine wirklich großen Namen, aber bekanntere gibt’s nicht!
Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war nämlich, was die Gitarre angeht, eine Zeit der Entbehrungen. Das Instrument hatte eine Blütezeit zu Beginn des Jahrhunderts durchlebt, war dann aber in Vergessenheit geraten und damit ging die musikalische Romantik an dem „romantischsten aller Musikinstrumente“ vorbei – in diesem Tonfall jedenfalls klagen Gitarrenfreunde seitdem. Der erwartete Katalog unsterblicher Gitarrenwerke der Deutschen Romantik blieb jedenfalls aus.
Werke einiger Kleinmeister sind uns überliefert – unter anderem die von Adam Darr (1811—1866), von denen die meisten erst postum durch die „Freie Vereinigung zur Förderung guter Guitaremusik“ in Augsburg herausgegeben worden sind. Dieter Silvan Weiß spielt eine Sonate, deren drei Sätze 1908 dort erschienen sind (V/1908/Nº 3—5), über vierzig Jahre nach dem Tod des Komponisten.

Giuliani Floete Gitarre CDMauro Giuliani: Complete Original Works for Flute & Guitar
Mikael Helasvuo (Flöte) – Jukka Savijoki (Gitarre)
Aufgenommen im Juli 1988, erschienen 2013
BIS-9045, im Vertrieb von Klassik Center Kassel
… höchst unterhaltend …

♦♦♦

Diese Aufnahme ist vor 25 Jahren entstanden und doch ist sie noch auf dem Stand der Dinge … wenn man den freilich güldenen, klaren Klang der Miyazawa Flöte aus 14 Karat Gold dem einer hölzernen Traversflöte, wie sie zu Giulianis Zeit in Gebrauch war, vorzieht. Die Frage nämlich, warum die Querflöte, die (heute) aus Metall ist, in der Instrumentenkunde und im Orchester zu den Holzblasinstrumenten gezählt wird, ist nur über Umwege zu beantworten. Sie war tatsächlich aus Holz, bis Theobald Böhm (1794—1881) sie reformierte und, als gelernter Goldschmied, ab sofort aus Gold und anderen Edelmetallen herstellte. So, als Holzblasinstrument aus Metall, wird die Querflöte heute benutzt.

Im Umfang der Erforschung der historischen Aufführungspraxis wird allerdings auch die Flute Traversière wieder gebaut und gespielt, die ursprüngliche Querflöte aus Holz. Sie ist leiser, klingt weicher und differenzierter als ihre metallene Nachfolgerin. Wie bei etlichen anderen Musikinstrumenten, unter anderem auch der Gitarre, war gegen 1800 die Forderung nach lauteren Instrumenten immer drängender geworden. Die gesellschaftlichen Umwälzungen nach 1789 hatten dieses Bedürfnis mit sich gebracht – Immer mehr Zuhörer mussten mit der Musik erreicht werden, immer größere Säle bespielt.

Anido LlobetLlobet: Complete Guitar Music
Giulio Tampalini
Aufgenommen im Mai 2012, erschienenen 2013
BRILLIANT Classics 94335
… Kurzatmigkeit gelegentlich als gewolltes Stilmittel …

♦♦

Es ist himmlisch, wie Miguel Llobet (1878—1938) die Gitarre in Szene setzen konnte! Die dreizehn katalanischen Volkslieder, mit denen Giulio Tampalini sein Programm eröffnet, sind „nur“ Llobets Arrangements, das musikalische Material hat vorgelegen, als er sie schrieb. Aber er ließ die Gitarre in seinen Arrangements und seinen Kompositionen singen. Er zelebrierte das Legato, das bekanntlich eigentlich nicht ihr Ding ist. Der Gitarre mit ihrer angeborenen Einsilbigkeit muss geschmeichCD Llobet Tampalinielt werden, sie muss wahr- und ernstgenommen werden, sonst spreizt sie sich, sonst gibt sie zwar Töne, aber keine Melodien von sich. Jeder, der sich je mit diesem Instrument befasst hat, weiß das … aber nicht jeder findet den Schlüssel, um an die Seele der Gitarre zu kommen.

Llobet hatte ihn, den Schlüssel! Seine Bearbeitungen von Klavierwerken von Isaac Albéniz oder Enrique Granados für Gitarre oder Gitarrenduo zum Beispiel waren legendär. Sie werden noch heute von internationalen Künstlern bevorzugt – für Aufführungen oder als Vorlagen für „eigene Bearbeitungen“. Llobets Transkriptionen passen einfach! Sie nutzen die Partien des Griffbretts, welche die gewünschten Klangfarben bieten, sie machen die Stücke nicht leichter, aber sie machen sie – ohne tiefere Einschnitte in die Substanz der Musik zu tolerieren und ohne klangliche Einbußen – spielbar.

Das Wiener Dorotheum besteht seit 1707 und ist das größte Auktionshaus in Mitteleuropa, das größte im deutschsprachigen Raum und eines der führenden der Welt. Kurz vor Weihnachten, am 20. Dezember 2013, werden wieder einmal Musikinstrumente versteigert.

Zahlreiche Streichinstrumente und Bögen stehen zum Verkauf, darunter eine Violine von Andrea Guarneri mit einem Schätzpreis von € 160.000—200.000 und eine Francesco Goffriller für geschätzte 60.000—80.000 Euro. Es folgen Blech- und Holzblasinstrumente unterschiedlicher Art, ein zweimanualiges Zuckermann-Cembalo von 1982 (10.000—12.000 €) einige Harmonikainstrumente, darunter mehrere Bandoneons, und schließlich Zupfinstrumente.

Axel Wolf im Gruenen KLEINAxel Wolf, Dorothee Oberlinger, Anna Torge, Christoph Anselm Noll
Werke von Silvius Leopold Weiss, Johann Sebastian Bach und Ernst Gottlieb Baron
Aufgenommen Mai/Juni 2012, erschienen 2013
OEHMS CLASSICS OC 876, im Vertrieb von NAXOS
… ein besonderes Vergnügen …

♦♦♦

Friends CDFreunde der Laute? Sind das die Musiker, die zusammen die vorliegende CD gemacht haben? Sind es die beteiligten Instrumente? Oder vielleicht die mit Werken vertretenen Komponisten? Eventuell fehlt da aber ein Ausrufezeichen und alle, die sich auf die dargebotene Musik einlassen, werden angesprochen mit: „Freunde der Laute! Wir haben hier etwas, das Ihro Gnade finden wird.“

Silvius Leopold Weiss jedenfalls ist der Komponist, um den es sich eigentlich dreht. Vier Einzelsätze aus seiner Feder stehen auf dem Programm der CD: zwei Fantasien, ein Prélude und eine Chaconne. Dann gibt es das „Concert d’un Luth et d’une Mandoline“, das in zwei handschriftlichen Quellen überliefert ist: einmal als „Concert d’un Luth et d’une flute traversière“ (Londoner Handschrift [Lbl:Ms. Add. 30387]) und einmal als Sonata für zwei Lauten (Dresdner Handschrift [Dl:Mus. 2841–V–1]). Leider sind in der einen Handschrift der Flötenpart verschollen und in der anderen der der zweiten Laute.

Die fehlende Lautenstimme in der Dresdner Handschrift hat in den neunziger Jahren Karl-Ernst Schröder rekonstruiert, seine vervollständigte Version ist in die soeben fertiggestellte Weiss-Gesamtausgabe aufgenommen worden (Weiss-GA im „Erbe Deutscher Musik”, 10 Bde., Frankfurt am Main, Kassel u.a. 1983—2007/2013) und sie liegt auch als CD vor (gespielt zusammen mit Robert Barto, Symphonia SY 98159). Die Flötenstimme in der Londoner Version hat die Barockflötistin Eileen Hadidian für die Weiss-GA wiederhergestellt.

CD MandolinenkonzerteMandolinenkonzerte: Barbella, Giuliani, Hoffmann
Anna Torge, Mandoline; Kölner Akademie, Michael Alexander Willens
Aufgenommen im Februar 2013
Ars Produktion, Reihe: Forgotten Treasures Vol. 11, ARS 38 092, im Vertrieb von Note 1
… mit der gebotenen Eleganz, mit Leichtigkeit und „con grazia …



Die unmittelbare Vorgängerin des Instruments, das wir heute als Mandoline kennen, wurde vor dreihundert Jahren Mandora oder gelegentlich Mandolino genannt. Es war mit Darm besaitet (und nicht mit Metall), wurde mit Fingerkuppen (und nicht mit Plektrum) angeschlagen und war auf Lautenart in Quarten mit einer großen Terz (und nicht in Quinten) gestimmt. Heute wird oft der Begriff Sopranlaute verwendet und tatsächlich hatte der Mandolino mit den größeren Lauteninstrumenten seiner Zeit Vieles gemein: ein kleines, birnenförmiges Korpus mit flacher Decke und Rosette; einen aufgeleimten Saitenhalter mit bis zu sechs Saitenpaare (Chöre).

Die „neue“ Mandoline, wie sie sich im 18. Jahrhundert herausbildete, hatte vier Chöre mit Metallsaiten, die in Quinten gestimmt waren; ein tieferes Korpus mit abgeknickter Decke; einen beweglichen Steg und Saitenhalter.

Anna Torge spielt auf ihrer CD vier Konzerte für „Neapolitanische Mandoline“, wie das neue Instrument heute noch genannt wird, und Orchester. Die Komponisten waren nicht ausnahmslos Neapolitaner – aber doch Italiener. Nur Emanuele Barbella (1718—1777) stammte aus der Stadt, in der die Mandoline so rasch Beliebtheit errang. Sein Concerto zeigt ihn als Komponisten, der jegliche barocke Strenge hinter sich gelassen hat und statt ihrer nach Natürlichkeit und Klarheit strebte … all dies Tendenzen, die wir von der Zeit zwischen „Barock“ und „Klassik“ kennen, ob wir sie nun „galant“ nennen wollen oder „empfindsam“, ob „Sturm und Drang“ oder „vorklassisch“. Vielleicht war es auch gerade die Mandoline, die diesen Bestrebungen entgegenkam und vielleicht waren die radikalen kompositorischen Umorientierungen auch Grund für das schnelle Reüssieren des neuen Instruments. Was wir hier von Anna Torge an Mandolinenmusik hören, passt jedenfalls in das Bild von Ungezwungenheit und Leichtigkeit.

IMG 0394 PHOTOSHOPJulian Bream: The Complete RCA Album Collection
40 CDs, 2 DVDs, Buch (in drei Sprachen, 4-farbig) mit Track-Listings und diskographischen Details sowie einem Essay von Graham Wade: »Ein erdiger, sinnlicher und hinreißend schöner Klang«
Aufgenommen zwischen 1959 und 1990, erschienen 2013
SONYCLASSICAL 88725462422-6
… Sollten Sie nicht die meisten der Bream-Platten ohnehin besitzen, kann ich Ihnen den Erwerb der „Classical Guitar Anthology” nur empfehlen. Sie protokolliert ein wichtiges Stück Gitarrengeschichte des 20. Jahrhunderts und gönnt ihren Besitzern etliche Stunden vorzüglicher musikalischer Unterhaltung …

♦♦♦

Am 15. Juli ist er achtzig Jahre alt geworden: Julian Bream. Mehrere Generationen von Gitarristen hat er geprägt; etliche Komponisten angeregt, für sein Instrument, die Gitarre, zu schreiben. Für die Laute hat er Menschen eingenommen, die vorher höchstens eine vage Idee von diesem Instrument gehabt hatten und schließlich: Er hat mit seinen zahlreichen Platteneinspielungen Maßstäbe gesetzt, die zu einem großen Teil bis heute Geltung besitzen.

Julian Bream hat zwischen 1955 und 1958 seine ersten Platten für DECCA und ein kleines englisches Label namens Westminster aufgenommen. Gleich danach begann seine Zusammenarbeit mit der RCA, die über dreißig Jahre währen und sensationelle Ergebnisse hervorbringen sollte: Vierzig Langspielplatten, die jetzt digitalisiert in einer opulenten Kassette neu vorgelegt worden sind. Jede CD folgt in der Gruppierung der Werke genau der originalen LP und trägt auch deren ursprüngliches Cover. Nicht alle Booklet-Texte sind vollständig wiedergegeben. Das ist im einen oder anderen Fall bedauerlich, dafür sind aber zwei DVDs enthalten, die sonst nicht im Handel angeboten werden.

Joaquín Rodrigo Edition
Diverse Interpreten
Aufgenommen zwischen 1960 und 2007, erschienen 2013
21 CDs, Brilliant Classics 9297
… Sehnsucht der Spanier …


♦♦♦

Rodrigo Edition

Eine Aufnahme sämtlicher Werke von Joaquín Rodrigo (1901—1999) ist dies nicht, immerhin werden von seinen insgesamt rund 170 Kompositionen aber die wichtigsten aller Kategorien dargeboten: sechs CDs Konzerte und Orchesterwerke; je eine CD mit Kammermusik und Musik für Kammerorchester sowie Musik für Violine; je drei CDs Klavier- und Gitarrenmusik; sieben CDs Vokalmusik.
Die ältesten enthaltenen Aufnahmen stammen von 1960: einzelne Klavierwerke, gespielt von Maestro Rodrigo persönlich, eines davon zusammen mit seiner Frau Victoria Kamhi de Rodrigo: „Gran marcha de los subsecretarios“. Wir wissen, dass Komponisten nicht unbedingt die besten Interpreten ihrer eigenen Werke sind – aber hier?
Joaquín Rodrigo ist als Pianist eher vorsichtig mit seiner eigenen Musik umgegangen … damals vor über fünfzig Jahren – im Vergleich mit den Interpretationen von Albert Guinovart und Marta Zabaleta jedenfalls, die „eigentlich“ für die Klaviermusik und für die Musik für zwei Klaviere in der Rodrigo-Edition verantwortlich sind. Die beiden Musiker – Marta Zabaleta ist, nebenbei bemerkt, Baskin und Albert Guinovart Katalane – spielen die Stücke virtuoser und pointierter. Details wirken plastischer und klarer … aber das hängt auch mit der moderneren Aufnahmetechnik zusammen, die ihnen zur Seite gestanden hat. Vor allem Marta Zabaletas Interpretation der „Cuatro estampas andaluzas“ und der „Cinco piezas del siglo XVI“ ist sehr sensibel und delikat und wird zudem Gitarristen und Lautenisten besonders interessieren. Unter den fünf Stücken des 16. Jahrhunderts sind nämlich neben Variationen über einen „Canto del Caballero“ von Antonio de Cabezón vier Stücke, die aus dem Vihuelisten-Repertoire stammen: drei Pavanen von Luis Milan und Enriquez de Valderrábano sowie die berühmte „Fantasía que contrahaze la harpa en la manera de Ludovico“ von Alonso Mudarra. In jedem einzelnen dieser Stücke werden Gitarristen und moderne Vihuelisten ihr eigenes Bemühen gespiegelt sehen (bzw. hören), gleichzeitig die interpretatorische Andersartigkeit, die das Spiel eines Tasteninstruments, was diese Stücke angeht, verfremdend und auch bereichernd beeinflusst. Die „Zarabanda lejana“, die man auch als Gitarrenstück kennt, ist auf der CD, weiters andere unverkennbar spanische Miniaturen, die Marta Zabaleta sehr überzeugend präsentiert und damit ihre CD zu einem meiner Favoriten der Rodrigo-Edition macht.

Titel DiabelliAnton Diabelli: Complete Guitar Sonatas
Claudio Giuliani
Aufgenommen im April und Juni 2012, erschienen 2013
Brilliant Classics 94614
… Nein, Giuliani spielt pur! …

♦♦

Anton Diabelli (1781—1858) war nicht nur ein erfolgreicher Pianist und Komponist, er war auch ein tüchtiger Kaufmann. Als Partner von Peter Cappi leitete er den Verlag „Cappi & Diabelli“, später „Diabelli & Comp.“ zusammen mit Anton Spina. Diabelli war als der „eigentliche Verleger“ für das Programm zuständig – seine jeweiligen Partner für den technischen Betrieb wie Druck, Vertrieb und auch Finanzen.

Eine der erfolgreichsten Veröffentlichungen von „Diabelli & Comp.“ waren die „Diabelli-Variationen“, die auf eigenartige Weise entstanden sind. Der Verleger hatte einen selbst komponierten Walzer an fünfzig der bekanntesten Wiener Komponisten seiner Zeit versandt mit der Bitte, jeweils eine Variation darüber zu schreiben, die dann in einer Ausgaben mit dem Titel „Vaterländischer Künstlerverein“ erscheinen sollten. Einer der angefragten Komponisten war Ludwig van Beethoven.

Beethoven gefiel der Walzer von Diabelli als Thema und er schrieb nicht eine, sondern 33 Variationen, die als Band 1 des „Vaterländischer Künstlervereins“ herauskamen und schließlich als op. 120 und Beethovens letzte Komposition für Klavier berühmt wurden: die „Diabelli Variationen“.

2004 hat der finnische Gitarrist und Wissenschaftler Jukka Savijoki bei Editions Orphee in Columbus/OH einen thematischen Katalog der Gitarrenwerke von Anton Diabelli herausgegeben. Unter op. 29 sind dort dieTROIS SONATES / pour le [sic] / Guitarre seule / composées et dediées / à / Madame la Comtesse / DE WALLENSTEIN / née / KOLOWRATzu finden, die der Gitarrist mit dem bekannten italienischen Familiennamen jetzt auf vorliegender CD präsentiert.

CD VoorhorstAround Barrios: Enno Voorhorst, guitar
Werke von Villa-Lobos, Sagreras, Barrios, Lauro, Moreno-Torroba, Tárrega und Pujol
Aufgenommen im Dezember 2011, erschienen 2013
Challenge Records CC 72601, im Vertrieb von New Arts International
… große Kunst, die Enno Voorhorst auf seiner brandneuen CD wieder einmal beweist …

♦♦♦

Enno Voorhorst besticht immer wieder aufs Neue durch seinen wunderbar runden und klaren Ton sowie durch die Eloquenz seines Spiels. Da durchziehen klare, verfolgbare Linien die Stücke, Melodien, die tatsächlich gesanglich präsentiert werden. Auf einem Musikinstrument mit punktuellem Ton, wie der Gitarre, legato zu spielen, ist – jeder weiß das oder kann es sich vorstellen – schwer! Mehr: Es ist eines der Geheimnisse des Gitarrespiels. Staccato daherstottern kann jeder … aber Melodien zu spielen, sangbare, regelrecht „gesungene“ Melodien, das ist große Kunst, die Enno Voorhorst auf seiner brandneuen CD wieder einmal beweist.
Mit dem fünften Prélude von Heitor Villa-Lobos beginnt er sein Programm, mit diesem Stück Lateinamerika, das oft gespielt wird … aber hier, bei Enno, stimmt der Fluss des Stücks. Er dramatisiert nicht, bei hm hat das Prélude noch die schwingende und stimmige Leichtigkeit, die man von brasilianischer Musik erwartet.

Silhouettes CD RezAlejandro Saladin Cote : Silhouettes
New American Music for Guitar
Werke von John Anthony Lennon, Leslie Bassett und Libby Larsen
Aufgenommen im Mai und Juni 2011, erschienen 2012
ARTEK Records AR-0058-2
… kaum zu toppen …

♦♦♦

John Anthony Lennon (*1950), nicht verwandt und nicht verschwägert mit (dem Beatle) John Lennon (*1940), ist ein US-amerikanischer Komponist, der sich unter anderem als Komponist von Gitarrenmusik einen Namen gemacht hat. Für David Starobin hat er geschrieben, für David Tanenbaum, Michael Lorimer und Benjamin Verdery. Alejandro Saladin Cote präsentiert auf seiner zweiten CD Lennons zwölf „Concert Etudes“ und danach desselben „Silhouettes“.

Die Etüden hat Lennon schon 1983/1984 für Michael Lorimer komponiert, vor rund dreißig Jahren. 2003 hat er sie einer Revision unterzogen. Es sind kleine Konzertstücke, die, jedes für sich, spieltechnische Aspekte des Gitarrespiels behandeln. Jede einzelne Etüde ist – unabhängig von dem Widmungsträger des Gesamtswerks – einem Gitarristen zugeeignet, den Lennon besonders schätzt. Nicht, dass er sie paraphrasierte oder gar direkt zitierte, nein, aber hie und dort glaubt man trotzdem den jeweiligen Gitarristen zu erahnen. Es sind:

DaleThomasKonzert im Rahmen des Mosel Musikfestivals 2013: Noche Española, 9. August 2013, Cochem: Pfarrkirche St. Martin
Amadeus Guitar Duo (Dale Kavanagh/Thomas Kirchhoff); Duo Gruber & Maklar (Christian Gruber/Peter Maklar); Tobias Aehlig, Orgel
Werke von Gerald Garcia, Mario Gangi, Joaquín Rodrigo, Bert Matter, Isaac Albéniz

Cochem ist eine Touristenstadt mit nicht mehr als 6000 Einwohnern – dafür aber einer halben Million Übernachtungen pro Jahr und zweieinhalb Millionen Tagesbesuchern aus aller Herren Länder. Die kommen wegen des Weins, wegen der Reichsburg … und, weil Cochem so romantisch ist.

[Fotos: oben Dale Kavanagh und Thomas Kirchhoff; unten: Christian Gruber und Peter Maklar. © 2013 by Dorothea Päffgen]

Um weitere Gäste in die Moselregion zu locken, gründete Hermann Lewen 1985 die Mosel Festwochen, die alle zwei Jahre zur „kulturtouristischen Belebung der Moselregion“ stattfinden sollten. Sie wurden einige Jahre später Teil des „Kultursommers Rheinland-Pfalz“, fanden ab sofort jährlich statt und zwar an immer mehr kulturhistorisch bedeutenden und interessanten Orten der Region. 2013 ist das „Mosel Musikfestival“, so heißt die Veranstaltungsreihe heute, auf knapp 60 Konzerte an 30 Spielorten angewachsen. Konzerte aller Couleur mit international bekannten Künstlern werden zwischen Anfang Juli und Ende September geboten … bzw., wenn man genau ist, gibt es 2013, am 22. Dezember, noch eine Art Saison-Abschlusskonzert in der Trierer Liebfrauen-Basilika. Festlicher Barock zum 4. Advent, geboten von Concerto Köln, Margret Köll, Harfe und Anna Torge, Mandoline.

Guitar Moods CDGuitar Moods: The Ultimate Collection
Andrés Segovia, Los Romeros, Narciso Yepes, Göran Söllscher, Kaori Muraji und Miloš Karadaglic
Werke von Albéniz, Rodrigo, Santaolalla, Myers und vielen anderen
Aufnahmen aus den Jahren 1952—2012, This Compilation © 2013
Deutsche Grammophon 2 CDs 00289 479 1281
… ein Querschnitt …

Die Deutsche Grammophon kann aus dem Vollen schöpfen. Entweder hat sie mit den Superstars der Gitarrenszene selbst Aufnahmen eingespielt oder deren Rechte sind durch Zukäufe oder Fusionen erworben worden. Andrés Segovias Platten kamen „immer schon“ bei dem gelben Label heraus, auch die von Narciso Yepes. Pepe Romero und seine Familie waren bei PHILIPS, die von Universal Music gekauft wurden und schließlich in dem französischen Medienkonzern Vivendi SA aufgingen. Spätestens damit waren alle Künstler, deren Aufnahmen hier in einem Sampler vereint sind, bei verschiedenen Labels ein und desselben Konzerns.

Die ältesten Aufnahmen stammen von Andrés Segovia (1893—1987), dem Großmeister der Gitarre, der die Geschicke des Instruments im 20. Jahrhundert geprägt hat. Von ihm hören wir die Courante aus der dritten Cello-Suite von Johann Sebastian Bach, „Recuerdos de la Alhambra“, ein Prelude von Frédéric Chopin, eine Sarabande von Händel und schließlich das Prélude „La fille aux cheveaux de lin“ von Claude Debussy.

Mit Segovia hört man immer noch den Klangzauberer und eigenmächtigen Umdeuter des musikalischen Materials, das er seinem Publikum präsentierte. Aber so war seine Zeit, er ist großgeworden in der musikalischen Tradition des 19. Jahrhunderts.

Narciso Yepes (1927—1997) war einer seiner Nachfolger. Er hat die Gitarre von Grund auf neu erfunden, hat ihr vier weitere Saiten gegeben … ist damit aber à la longue eher gescheitert. Nur noch wenige Musiker spielen seine zehnsaitige Gitarre.

Yepes war im Vergleich zu Segovia ein durch und durch akademischer Musiker, einer, der sich an den Notentext hielt und auch, so weit es ihm möglich war, an interpretatorische Vorgaben. Wenn Segovia weitreichend Gebrauch von agogischen Freiheiten machte, spielte Yepes metrisch oft regelrecht „stur“ und unbeweglich.

Xorgos Nousis CDYorgos Nousis: My Guitar
Werke von Yorgos Nousis
Aufgenommen 2013 in Wien, erschienen 2013
Eigenproduktion/Geons Productions

CD von Yorgos Nousis bei Amazon kaufen?

Zunächst etwas über Yorgos Nousis, den Interpreten, Komponisten und Arrangeur, der sich mit dieser CD vorstellt. Er ist Grieche, geboren 1978 in Athen, lebt in Wien. Bei Costas Cotsiolis hat er studiert – zusätzlich bei Mathias Seidel und Marco Tamayo in Salzburg. Jazz hat er bei Stavros Angelidis gelernt und Flameno bei Merengue de Córdoba. Dazu kamen Meisterkurse bei Künstlern wie Leo Brouwer, Roland Dyens, Carlo Domeniconi, Dusan Bogdanovic und anderen.
Was lehrt uns diese Vita? Sie lehrt uns, dass wir es mit einem Gitarristen zu tun haben, der – „ganz normal“ sozusagen – mit Sor und Giuliani musikalisch sozialisiert worden ist und der daran anschließend die anderen künstlerischen Ausdrucksformen seines Instrument ausloten wollte. Dabei ist er bei seiner Gitarre, der modernen Konzertgitarre, geblieben und bei Klängen seiner Heimat auch. Unverkennbar griechisch ist schon die einleitende „Rebetiko-Fantasy“, auch die „Naxos-Suite“ oder die „Aegean Fantasy“. Griechische Klänge … mit einem Schuss Heimweh.