Giuliani pop

GITARRE & LAUTE ONLINE: Beiträge zu Neuerscheinungen (Notenausgaben, Bücher, CDs) auf den Gebieten Gitarre und/oder Laute, Berichte über Konzerte, Festivals und Wettbewerbe, Essays und Kommentare. Verschiedene Autoren, Chefredakteur (Verantwortlich im Sinne des Pressegesetzes): Dr. Peter Päffgen.

Das Ding 4 kleinAndreas Lutz/Bernhard Bitzel, das DING 4, Kultliederbuch, DIN A5, 430 S., Manching, Edition DUX [D 99], 2014, € 21,80
dies., das DING mit Noten 4, Kultliederbuch, DIN A4, 428 S., Manching, Edition DUX [D9999], 2014, € 31,80

Das Ding 4 bei Amazon kaufen?
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Selbstbewusst haben die Herausgeber und Verleger von „Das Ding 1–4" ihre Liederbücher  als „Kultliederbücher“ bezeichnet, und niemand hat je widersprochen! Die Bücher sind Kult und zwar überall da, wo sie eingesetzt werden!

In Band 4 sind keineswegs die neueren Songs veröffentlicht, er ist also nicht die Fortsetzung von Band 3 in chronologischer Reihenfolge. Hier zunächst das Inhaltsverzeichnis — mehr Empfehlungen kann man kaum geben:

2raumwohnung 36 Grad, A fine Frenzy Almost lover, Abba Lay all your love on me, AC/DC Thunderstruck, Adele Rolling in the deep, Adele Set fire to the rain, Adele Skyfall, Adele Someone like you, Aerosmith Cryin', A-ha Foot of the mountain, Alexander Rybak Fairytale, Alexandra Zigeunerjunge, Alexandra Stan Mr Saxo Beat, Alicia Keys Fallin', Alicia Keys No one, Amy MacDonald Mr Rock&Roll, Amy MacDonald This is the life, Anastacia Sick & Tired, Andrea Berg Du hast mich 1000 Mal belogen, Asaf Avidan & the mojos One day (reckoning song), Ashford & Simpson Solid, Aura Dione Friends, Aventura Obsesion, Avicii Hey Brother, Avicii Wake me up, Beatrice Egli Mein Herz, Beverley Craven Promise Me, Beyoncé If I were a boy, Billy Joel Honesty, Birdy People Help The People, Blues Brothers Soul man, Bob Seger Against the wind, Bob Seger Still the same, Bob Seger We've got tonight, Bob Seger Turn The Page, Bon Jovi You give love a bad name, Bruce & Bongo Geil, Bruno Mars Grenade,

Ricardo Gallen Sor CDFernando Sor: Guitar Sonatas
Ricardo Gallén, Romantic Guitar
Aufgenommen im September 2013
SACD Eudora Records EUD-SACD 1401, im Vertrieb von Challenge Records
… Die neue Aufnahme von Ricardo Gallén ist etwas Besonderes! …


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Aufnahmen mit Sonaten von Fernando Sor sind nicht unbedingt etwas Besonderes. Solche Werkzusammenstellungen hat es schon häufiger gegeben – und bieten sie sich nicht regelrecht an? Opp. 14, 15b, 22 und 25 zusammen passen soeben noch auf eine CD und ohne Probleme auf eine SACD (wie bei der vorliegenden Aufnahme mit zusammen knapp 76 Minuten). Außerdem werden formal verwandte Werke von der Plattenindustrie immer wieder gern zu „Zyklen“ miteinander verbunden – auch, wenn sie nichts Zyklisches haben (wie „sämtliche Etüden“, „sämtliche Fantasien“ oder „sämtliche Symphonien“).

Und doch: Die neue Aufnahme von Ricardo Gallén ist etwas Besonderes! Schon für Technik-Besessene: Die SACD ist in DSD256 aufgenommen, dem mit 11,2 MHz höchstauflösenden, verfügbaren Audioformat. Sie ist, damit nicht unterschiedliche Abspielgeräte benötigt werden, ein Hybrid mit gleich drei Versionen der Musik. Man erhält eine Version in herkömmlicher CD-Qualität und jeweils eine in DSD64 Stereo und Surround. Für die beiden DSD64-Versionen braucht man spezielle Abspielgeräte, die CD-Variante erkennt der benutzte Player automatisch. Die Klangqualität der SACD ist makellos – ob sie besser ist, als herkömmliche Aufnahmen und Pressungen, kann nicht entschieden werden.

Das Begleitmaterial: Die Texte für das Booklet (englisch und spanisch) hat Julio Gimeno geschrieben. Er liefert interessante Informationen und, als Abschlusskapitel, einen Exkurs über Sors Gestaltung von Durchführungsabschnitten in Sonatensätzen: „La sección de desarrollo en las sonatas de Sor/The development section in Sor’s sonatas“. Dabei behandelt er die unterschiedlichen Arten der Weiterverarbeitung musikalischer Materialien und die Schwierigkeit, sie auf der Gitarre umzusetzen. Vor allem thematische Verarbeitungen, wie sie zum Beispiel in Klaviersonaten üblich sind, stellen bei der Gitarre vor große Probleme. Sor hat eher harmonisch verarbeitet und weniger thematisch oder im Bereich Kontrapunkt, was Julio Gimeno erklärt und belegt.

Michelagnolo Galilei CDMichelagnolo Galilei: Intavolatura di liuto
Anthony Bailes, lute
Aufgenommen im Juli 2013
Ramée RAM 1306, im Vertrieb von Note-1
… nicht, dass er der Schnellste, Virtuoseste oder Originellste von allen wäre …

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Als Vincenzo Galilei, Vater von sechs oder sieben Kindern, im Jahre 1591 starb, wurde sein ältester Sohn Galileo (1564–1642) verantwortlich für die Familie. Er übernahm diese Verantwortung auch ohne Murren – so war der Lauf der Dinge!
Galileo war der Mathematiker, Naturwissenschaftler, Astronom und Philosoph. Das Genie der Familie. Und es heißt, er sei auch ein begabter Musiker gewesen.
Aber Michelagnolo (das ist die Florentiner Schreibweise des Vornamens, Michelagniolo schrieb sich sein Großvater, aber auch Michelangelo kommt vor), geboren am 18. Dezember 1575, 11:25h, war der Sprössling, der die musikalische Tradition der Familie weiterführen sollte. Vater Vincenzo war Musiktheoretiker und Lautenist, Mitglied der Camerata Fiorentina und Autor eines – mindestens, was die musikalische Kunst angeht – in die Zukunft weisenden Buches: „Dialogo della musica antica e della moderna“ (Florenz 1581).
Galileo hat sich nie professionell mit Musik befasst – Kompositionen aus seiner Feder sind jedenfalls nicht überliefert, auch gibt es keine weiteren Berichte, in denen er als Musiker erwähnt würde. Er wurde Lektor in Pisa später Professor für Mathematik an der renommierten und wohlhabenden Universität in Padua, 1610 dann in Florenz. Für seinen Bruder Michelagnolo suchte er nach dem Tod des Vaters eine respektable und auskömmliche Stellung an einem europäischen Hof. In Italien gelang es ihm nicht, auch nicht in Polen, wo Michelagnolo immerhin sechs Jahre verbrachte. Schließlich erhielt er eine Stelle als „Instrumentist“ am Hof Herzog Maximilians I. von Bayern in München.
Michelagnolo heiratete 1608 – von den acht Kindern, die er mit seiner Frau Anna Chiara geb. Bandinelli hatte, reüssierten zwei als Musiker: Vincenzo und Alberto Cesare. Aber die Zeiten waren schlecht. 1618 hatte ein Krieg begonnen, der als „Dreißigjähriger Krieg“ in die Geschichte eingehen sollte, und an diesem Krieg waren die Bayern maßgeblich beteiligt. Als dann Michelagnolo die Idee hatte, seine Lautenstücke in einem gedruckten Buch herauszugeben, rieten ihm viele ab, schließlich musste er die kostspielige Ausgabe finanzieren und das Gehalt, das er von Herzog Maximilian bekam, war, besonders in Kriegszeiten, knapp bemessen.

Peter Söderberg & Erik Peters: On the carpet of leaves illuminated by the sun
Werke von John Cage, James Tenney, Alvin Lucier und Steve Reich
Aufgenommen 2012 und 2013, erschienen 2014
ALICE ALCD028, im Vertrieb von NAXOS Schweden
… ein besonderes Vergnügen …


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On the carpet of leaves


1. Ein Sinus-Oszillator liefert für 13:49 Minuten einen durchgehenden Ton von 164,8 Hz. Gleiche Frequenz, gleiche Lautstarke. Dazu spielt Peter Söderberg in sehr regelmäßigen Abständen den gleichen Ton auf einer Oud. Auf einer nicht bebündeten Oud. Das Stück „On the Carpet of Leaves Illuminated by the Moon“ von Alvin Lucier lebt davon, dass sich die Töne, die von der Oud geliefert werden, um minimale Intervalle – angegeben sind zwei bis drei Cent – verändern. Diese minimalen Abweichungen addieren sich im Verlauf der Komposition auf einen Ganzton, als 200 Cent, um die die Oud um den Sinuston kreist. Bei zwei so nah beieinander liegenden Schwingungen entstehen Interferenzen, Schwebungen, die der Hörer immer wieder aufs Neue für sich bewerten muss.
2. James Tenneys „Cromatic Canon“ für Laute und Live-Elektronik lebt von phase shifting, einer Technik, die von den amerikanischen Minimalisten „erfunden“ worden ist. Man stelle sich vor, man spiele ein und dieselbe Komposition auf zwei Tonbandmaschinen gleichzeitig ab. Da niemals zwei Bandmaschinen hundertprozentig gleich schnell laufen, ergeben sich nach ziemlich kurzer Zeit klangliche Abweichungen, aus der sich später raffinierte Klangmuster entwickeln … um nach ziemlich langer Zeit für einen Moment wieder zum parallelen Klang zurückzufinden.
3. One7 von John Cage gehört zu den „Number pieces“ des Komponisten, die nach der Anzahl der mitwirkenden Interpreten benannt sind. One7 ist also eine Solokomposition, die hier aber von zwei Musikern realisiert wird – auf einer Gitarre und Live-Elektronik. Es geht um das Erzeugen von zwölf Klängen „for any way of producing sounds“, für die lediglich die zeitliche Abfolge in einer Partitur festgelegt ist. Das Stück ist dreißig Minuten lang und für diese dreißig Minuten wird ein streng gegliederter Ablaufplan geliefert, in den die unterschiedlichen Klangerlebnisse eingetragen sind und der für jede Aufführung neu berechnet wird.

50xGuitare CD50 x Guitar
Eduardo Fernández, Alexandre Lagoya, Ida Presti, Pepe, Celín, Angel und Celedonio Romero
Aufgenommen zwischen 1962 und 1998, erschienen 2014
DECCA 478 6745
… Interpreten erster Güte …

 
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Dies ist ein Querschnitt durch das Gitarren-Repertoire auf drei CDs. Alles zwischen Bach und Rodrigo. Die Werkauswahl könnte von Andrés Segovia sein, aber der hat schließlich mindestens bis in die siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts bestimmt, was gespielt wurde und was nicht. Einige Stücke sind in der Zwischenzeit aus der Mode (zum Beispiel die Spanischen Tänze von Enrique Granados, auch Dauerbrenner wie „Asturias“ oder „Sevilla“ von Isaac Albéniz), damals aber spielte sie buchstäblich jeder. Andere Kompositionen hat Maestro Segovia links liegen gelassen, darunter das „Concierto de Aranjuez“ und Stücke von Barrios.
CD-3 enthält drei Konzerte von Joaquín Rodrigo, „Concierto de Aranjuez“, „Fantasia para un Gentilhombre“ und „Concierto para una Fiesta“, alle gespielt von Pepe Romero und der Academy of St. Martin in the Fields unter Neville Marriner. Allein wegen dieser CD lohnt sich die Anschaffung des Dreier-Sets. Selten hört man die Rodrigo-Konzerte mit einem so guten Orchester, selten auch mit einem Solisten wie Pepe Romero, der die Werke zelebriert, der sie so sorgfältig phrasiert und akzentuiert, als wären es Solostücke. Selten gehen Solisten in Konzerten mit Orchester so fürsorglich mit dem musikalischen Material um!
Die Aufnahmen der Rodrigo-Konzerte sind zwischen 1976 und 1984 entstanden und haben, mindestens für damals, Pepes Statur als Musiker bewiesen … die ich, wenn es um Solowerke und auch Aufführungen des Familien-Quartetts ging, gelegentlich nicht einmal erahnen konnte. Die „Malagueña“ seines Vaters Celedonio (CD-1) zum Beispiel ist kein Meisterwerk, aber ich habe von Papa Romero andere Opera gehört – gespielt fast immer von Pepe, der sie dazu als Jahrhundertwerke anpries –, die mich gelehrt haben, was „Fremdschämen“ bedeutet. Und doch ist Pepe Romero einer der ganz Großen der Gilde – mindestens war er es! Beweise finden sie in der Anthologie 50x Guitar!

Mertz Salvioni BardenklängeCaspar Joseph Mertz: Barden-Klänge
Graziano Salvoni, guitar
Aufgenommen zwischen Februar und März 2013, erschienen 2014
BRILLIANT Classics (2 CD) 94473
… und dafür kann man nur danken …

Lange ist die Musik von Johann Kaspar, seit Astrid Stempniks Dissertation von 1990 und auch von Graziano Salvoni als Caspar Joseph Mertz (1806–1856) erkannt, als minderwertiger Kitsch abgelehnt worden. Sogar Fritz Buek (Die Gitarre und ihre Meister, Berlin 1926), der ein bedingungsloser Apologet der Gitarre und ihres Repertoires war, meinte: „Es darf nicht außer acht gelassen werden, daß das Wirken von Mertz bereits in die Zeit der Romantik fiel, daß das Klavier damals schon einen bedeutenden Fortschritt in bezug auf den Ton aufzuweisen hatte und daß die Stimmungsmusik schon einen ziemlich breiten Raum innerhalb der Klavierkompositionen einnahm. Sein Stil ist stark von dieser Musik beeinflußt, und indem er diesen Stil der Gitarre anzupassen suchte, gelang es ihm manchmal, wenn auch in bescheidenen Grenzen und mit einfachen Mitteln, Werke zu schaffen, die einer gewissen Genialität nicht entbehren.“ [S. 39] Sehr reserviert!
Seit einigen Jahren aber, seitdem man die Musik von Mertz immer häufiger nicht auf modernen Gitarren, sondern auf Gitarren seiner Zeit spielt, wird die Akzeptanz seiner Musik gegenüber immer größer.
Graziano Salvoni ist auch nicht der erste Gitarrist, der sich den Bardenklängen widmet. Adam Holzman war vor ihm, auch Richard Savino, Francesco Biraghi und einige Kollegen. Sie alle haben aber alle nur jeweils eine kleinere oder größere Auswahl der Bardenklänge in ihre CD-Programme aufgenommen. Dass Simon Wynberg schon in den frühen achtziger Jahren eine groß angelegte (fast Gesamt-) Ausgabe der Werke von Mertz herausgegeben hat (Edition Chanterelle), war fast visionär.
Bei Salvoni, hören wir den kompletten Inhalt der Hefte 1 bis 11 der Bardenklänge. Die Hefte 12 und 13 enthalten Werke von Michal Oginsky (1765—1833) – darunter dessen „Douze Polonaises favorites“, die Mertz für Gitarre übertragen hat. Die Hefte 14 und 15 sind posthum, also nach Mertz‘ Tod im Jahr 1856 herausgekommen. Sie fehlen also, diese Hefte 12 bis 15, an einer Gesamteinspielung … wenn man so will! Im Grunde hat Salvoni den vollständigen Zyklus auf CD vorgelegt, und dafür kann man nur danken.

IMG 3674Konzert von Evgeni Finkelstein am 12. Oktober 2014 in der evangelischen Kirche in Horstmar (Evgeni Finkelstein und Horstmar:) Mit einem Programm aus deutscher, italienischer und französischer Barockmusik unterstrich der russische Gitarrist Evgeni Finkelstein wieder einmal seine herausragende Stellung unter den zeitgenössischen Konzertgitarristen. In der gut besuchten evangelischen Kirche im münsterländischen Horstmar erklangen selten dargebotene Werke von Giovanni Zamboni, Jean de Sainte-Colombe, Carl-Friedrich Abel, Marin Marais, Antoine Forqueray und Johann Sebastian. Doch mit den ausnahmslos selbst erstellten Transkriptionen der Werke für Laute, Gambe und Cembalo setzte Finkelstein darüber hinaus Maßstäbe in puncto historischem Klang und Werktreue. Manch einer traute seinen eigenen Ohren nicht! Klang da wirklich „bloß“ eine Gitarre?
Wer, wie Finkelstein selber auch, während der musikalischen Vorträge die Augen schloss und die Ohren weit öffnete, der hörte in der anfänglichen Sonate Nr. 8 von Giovanni Zamboni ganz deutlich den charakteristischen „Campanella“-Klang einer Laute, bei dem sehr kleine Intervalle zu Miniclustern verschmelzen und feinste Dissonanzen ein schwebendes Klanggefühl erzeugen. Jean de Sainte-Colombe, Antoine Forqueray, Marin Marais und Carl Friedrich Abel waren hingegen bedeutende Gambisten, die zum Teil am Hofe Ludwig XIV beschäftigt waren. Mühelos vermochte Finkelstein die nicht selten flächigen Melodiestimmen der Sonate Jean de Sainte-Colombe mit seiner „Ramirez“-Gitarre in der einer Intensität eines ganzen barocken Streichorchsters klingen zu lassen, währenddessen das zarte Continuo fein wie eine einzige Gambe erklang. In Johann Sebastian Bachs „Andante“ aus der Sonate für Cembalo, BWV 964 meinte man hingegen sogar unterscheiden zu können, wann das Cembalo mit, und wann ohne Lautenzug gespielt wurde – und das alles auf nur einer einzigen Gitarre! Finkelstein hauchte dem Meisterwerk einen ruhigen, aber stringenten Puls ein.

Marin Marais Images CD 400x356Marin Marais: Images
Mieneke van der Velde, Viola da Gamba; Fred Jacobs, French Theorbo
Werke von Marin Marais, Etienne Le Moine und Robert de Visée
Aufgenommen im Mai 2011, erschienen 2013
RAM 1205, im Vertrieb von Note-1
… so belgisch, belgischer geht‘s nicht …

Marin Marais (1656–1728) war Gambist am Hof Ludwigs XIV. in Paris. Nein, mehr: Marais war die zentrale Figur des französischen Gambenspiels seiner Zeit. Was das Komponieren angeht, war er Schüler von Jean-Baptiste Lully und hat vier Opern geschrieben, ein Te Deum, Konzerte … in Erinnerung geblieben ist er aber wegen seiner Gambenmusik, die zwischen 1686 und 1725 in fünf Bänden erschienen ist: über 550 Kompositionen für jeweils eine oder mehrere Gamben mit basso continuo.
Es waren vornehmlich Suiten, die Marais veröffentlicht hat, Folgen von Tanzsätzen mit den herkömmlichen Einzelsätzen wie Courante, Sarabande und Gigue, aber auch Novitäten wie „Tombeaux“ und „Pièces de Charactère“, wie Marais Sätze wie „Le Troilleur“ oder „La simplicité paysane“ genannt hat. Diese Kompositionen, die formal frei angelegt sind, sind Programmmusik oder enthalten einfach nur lautmalerische Elemente wie etwa die Nachahmung einer Musette (eines Duckelsacks, wenn es um bäuerliche Szenen geht) oder auch sehr gezierte wie in „La Fière“ (die Stolze).

Diese Musik hat etwas durch und durch Elegantes und, wenn man sie in einer Interpretation wie der jetzt vorliegenden hört, sehr Sinnliches. Alte Musik? Verstaubt oder in Formalin? Dass ich nicht lache! Dies ist vitale, lebendige, in allen Farben schillernde, Musik fürs Sentiment … und keineswegs nur für den Verstand! Das „Ballet en rondeau“ gleich in der ersten Suiten-Zusammenstellung, bei Marais schlicht als „Pièces en rè mineur“ bezeichnet, zum Beispiel hat etwas sehr Kurzweiliges, Witziges und … na ja … irgendwie Keckes, Freches. Das Ganze wird dann durchbrochen von Virtuosem, von spielerischen Elementen, die nie prahlerisch wirken sondern irgendwie beifällig zwischendurch extemporiert werden. Wie das Ausatmen oder wie ein „Voilà!“.
Es ist, zugegeben, überfordernd zu behaupten, eine moderne Interpretation eines Stücks der Alten Musik sei belgisch. Aber das, was Mieneke van der Velden hier spielt, ist so belgisch, belgischer geht‘s nicht.

Evora CDÉvora: Portuguese Baroque Villancicos
A Corte Musical, Rogério Gonçalves
Aufgenommen im März 2013, erschienen 2014
PAN Classics PC 10304, Im Vertrieb von Note-1
… Endlich, endlich können Musiker, wenn sie Alte Musik spielen, aus dem Bauch agieren …

Der spanische Begriff „Villancico“ ist abgeleitet von „villano“ (= der Bauer). Was liegt näher, als hinter Kompositionen, die in Spanien als Villancicos bezeichnet worden sind, weltliche, vielleicht auch einfache wenn nicht bäuerliche Kompositionen zu erwarten? Die ursprünglichen Villancicos haben dieser Erwartung auch entsprochen – nicht aber die, die wir auf dieser CD von Corte Musical hören. Weltlich sind sie nicht durchgängig, auch nicht einfach strukturiert und schon gar nicht bäuerlich. Die (katholische) Kirche hat sich im 17. Jahrhundert die Volkstümlichkeit des Villancicos zunutze gemacht und immer mehr dieser Gesänge mit Texten, die zum Teil lokale Bezüge hatten oder sogar extemporiert wurden, in ihre Messen aufgenommen. Heute, wo die eigentliche Tradition des Villancico-Singens in Volk und Kirche nicht mehr gepflegt wird, steht der Terminus für Weihnachtslieder.

Es sind keine spanischen Kompositionen, die A Corte Musical vorführt … oder doch? Als die Tradition der Villancicos in Portugal entstand, bildeten Spanien und Portugal politisch eine Einheit, die unter der Herrschaft der Habsburger stand. Das war 1580 und wurde besiegelt durch die Schlacht von Alcântara, heute ein Stadtteil von Lissabon. König Felipe II. von Spanien, ältester Sohn des Habsburger Kaisers Karl V., wurde anschließend als Felipe I. auch König von Portugal.

Die Zeit des Zusammenschlusses von Spanien und Portugal sollte nicht lange dauern – sechzig Jahre, um genau zu sein – aber in dieser Zeit fand ein kulturell höchst fruchtbarer Austausch zwischen den ehemaligen Nachbarländern statt. Es war nämlich die Zeit, die von den Spaniern als „Siglo de Oro“ bezeichnet wurde und wird, als Goldenes Zeitalter. Ihrem Land ging es wirtschaftlich sehr gut, gleichzeitig blühte das kulturelle Leben in einem kaum erwarteten Maß.

IMG 0169 kleinKonzert am 11. Mai 2014, 11 Uhr; WDR, Großer Sendesaal, Wallrafplatz, Köln
Acht Brücken – Musik für Köln
(WRO) WDR Rundfunkorchester Köln; Leitung Frank Strobel; Solisten: Evelyn Glennie, Schlagwerk; Thorsten Drücker, E-Gitarre
Werke von Eduard, Johann und Josef Strauß, Michael Daugherty, Carl Michael Zierer
Sendung: WDR3, Mo. 12. Mai 2014, 20:05h
… Chapeau! …

Am 11. Mai 2014 war Muttertag … und so begann das wie immer exzellent und festtäglich aufgelegte WDR-Rundfunk-Orchester (WRO) mit Polka und Walzer der Brüder Eduard (1835—1916) und Josef Strauß (1827—1870).

Nun hatte die Konzertreihe „Acht Brücken“ in diesem Jahr allerdings unter der Überschrift „Im Puls“ die Technisierung der Gesellschaft zum Thema. Dazu Louwrens Langevoort, Festivalleiter und Intendant der Kölner Philharmonie im Programmheft: „Anfang des 20. Jahrhunderts führten rasante Fortschritte in Wissenschaft und Technik zu einer Mechanisierung weiter Teile der Industrie. Eine euphorische Technik-Liebe breitete sich aus, die sich auch im Kunstbegriff und im Kunstschaffen niederschlug. Im Bereich der Musik hieß das: Struktur, Takt und Rhythmus gewannen an Bedeutung. Apparaturen, die Musik erzeugten, mechanische Tonwiedergaben wurden entwickelt und hielten in den künstlerischen Prozess Einzug.“

Und tatsächlich: Selbst die Vertreter der Wiener Walzer-Fraktion haben sich zum technischen Fortschritt bekannt … wenn auch zu einem zunächst bescheidenen aber dennoch folgenreichen. Das WRO unter Frank Strobel spielte von den Strauß-Söhnen erst die Schnellpolka „Hectograph“ von 1880 (Eduard) und dann den Walzer „Die Industriellen“ (1864, Josef Strauß).

Hektographen (wörtlich „Verhundertfacher“) waren die Kopiergeräte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Folgenreich sollte ihre Erfindung dadurch werden, dass sie erlaubten, für wenig Geld und ohne großen technischen Aufwand einfache Zeitschriften oder Pamphlete herzustellen. Zum Beispiel waren die Flugblätter der „Weißen Rose“ um die Geschwister Scholl hektographiert. Folgen hatte die Erfindung auch für Generationen von Schülern, die ab sofort mit hektographierten Unterrichtsmaterialien bei (guter oder schlechter) Laune gehalten wurden.

Der Walzer „Die Industriellen“ von Josef Strauss ist frei von Gesellschaftskritik, heißt auch nicht „Die Bonzen“ und überhaupt: Die Mitglieder der Walzerkönig-Familie Strauß waren keine Sozialisten. Johann und seine drei Söhne hatten international Erfolg und die feine, wenn nicht gar die Imperiale Wiener Gesellschaft gehörte zu ihrer Kundschaft.

John Dowland's Birthday!

Glückwünsche aus New York!: Impressions on John Dowland’s Lute Music
Joe Brent & Alon Sariel
Aufgenommen im August 2012, erschienen 2014
orlando records OR 0007, im Vertrieb von NAXOS
… die beiden Vollblut-Musiker …

Englishman in New York CDJoseph (Joe) Brent ist Mandolinist und spezialisiert auf zeitgenössische Musik. Eliot Carter, Pierre Boulez und Kollegen, das sind „seine“ Komponisten.

Alon Sariel spielt auch Mandoline, aber auch Laute und er dirigiert „historically informed performances“ … was so etwas wie ein Kompromiss zwischen alter Musik und „Alter Musik“ ist. „HIP“ ist mittlerweile ein gängiger Terminus technicus und bezeichnet Aufführungen, die nicht orthodox jeder aufführungspraktischen Theorie und Ideologie folgen, sondern gesunde und musikalisch vertretbare Kompromisse zwischen Wissenschaft und Musikpraxis anstreben und eingehen.

Die Idee für das Projekt „An Englishman in New York“ ist entstanden, als Joseph Brent mit dem kanadischen Instrumentenmacher Brian Dean über eine zehnsaitige (fünfchörige) Mandoline diskutiert hat, die Joe gern in Auftrag geben und im Rahmen von Projekten mit Neuer Musik ausprobieren wollte. „Die so entstandene 10-saitige Mandoline […] sollte eigentlich hauptsächlich für Jazz, Rock und andere Dinge gebraucht werden, aber ihr großer Tonumfang bedeutet auch, dass sie auch für Lautenmusik geeignet ist.“

Dass eine Mandoline mit sich vergrößerndem Tonumfang in Richtung „Alte Musik“ deutet – diese Meinung muss man nicht unbedingt teilen. Und sich mit solchen Fragen zu befassen, ist ohnehin müßig! Was Brent & Sariel uns hier nämlich hören lassen, sind keine Kompositionen von John Dowland, es sind „Impressions on John Dowland“ … auch dann, wenn Dowlands Urtext weitgehend unverändert gespielt wird. Wenn er das aber nicht wird, in „Mr. Winter’s Jump“ zum Beispiel, dann wird’s fetzig. Erst spielt Alon Sariel das Stück auf der Laute <Schnitt> dann kommt Joe Brent mit der Mandoline dazu und das Stück swingt.

Autogramm Dowland ohne HintergrundJohn Dowland's Birthday!

Im vergangenen Jahr wäre John Dowland 450 Jahre alt geworden. An einem nicht bekannten Tag des Jahres 1563 wurde er (vermutlich) in London geboren – beerdigt ebendort am 20. Februar 1626.

Mehrere CD-Neuerscheinungen mit Musik von Dowland sind in den Jahren 2013 und 2014 erschienen, wobei nur bei wenigen auf den Geburtstag des Komponisten Bezug genommen wird. Einige CDs werden hier besprochen, ganz gleich, ob deren Produzenten das Jubiläum bedacht haben oder nicht.

Lee Santana: Doulandia: Music from and Around John Dowland. DEUTSCHE HARMONIA MUNDI 88883772072

Glückwünsche aus New York!: Impressions on John Dowland's Lute Music, Joe Brent & Alon Syriel. ORLANDO RECORDS 0007

Dowland, A Game of Mirrors; Songs by John Dowland, arranged and recomposed by David Chevallier. CARPE DIEM RECORDS CD-16302

Dowland: Lachrimae or Seaven Teares, Hathor Consort. FUGA LIBRA FUG 718

The Art of Melancholy: Songs by John Dowland. Iestyn Davies, Thomas Dunford. HYPERION CDA 68007

A Song for my Lady: Lute & Consort Songs. Julian Podger, Lee Santana, Sirius Viols. DEUTSCHE HARMONIA MUNDI 88883722822

John Dowland: Shadows. Sarah Maria Sun, Jochen Feucht, Friedemann Wuttke, Werner Matzke. HÄNSSLER PROFIL PH 14011

John Holloway: Pavans and Fantasies from the Age of John Dowland. ECM NEW SERIES 2189

Laureate Series – Guitar
2012 Winner „Alhambra Guitar Competition“
Kyuhee Park
Werke von Scarlatti, Diabelli, Berkeley, Malats, Barrios und López
Aufgenommen im Februar 2013
NAXOS 8.573225
… von beängstigender Virtuosität …



Kyuhee Park CDMit einem technischen Feuerwerk beginnt Kyuhee Park: Scarlatti Sonate K. 178 in D-Dur. Glatt, sauber … wie Perlen, die zu einer kostbaren Kette aneinandergereiht sind, schumachern glitzernd die Töne am Hörer vorbei. Danach eine ruhigere Scarlatti-Sonate in Moll (K.32). In ihr entspinnt die Interpretin keine Tragik … aber doch ein hohes Maß an zurückhaltender Gelassenheit und Kontemplation. Schließlich wieder Silvester: (K.14).
Schnelle Passagen sind von beängstigender Virtuosität und sie strahlen eine derartige mechanische Präzision aus, dass einem angst und bange wird … bis man schließlich versteht, was einen da stutzig macht: Kostbare Perlenketten bestehen nie aus gleichgroßen Perlen! Erst das sinnvolle Zusammenfügen unterschiedlicher Größen und auch verschiedener Farbschattierungen macht sie zu „Kunstwerken“. Ähnlich entstehen in der Musik erst durch das Aneinanderreihen unterschiedlicher Elemente spannungsgeladene Gefüge. Leider sind aber Klangfarben und auch dynamisches Differenzieren nicht unbedingt Kyuhee Parks Ding. Sie scheint sich – vor allem in schnellen Passagen – darum zu bemühen, möglichst unfallfrei durchzukommen, und das gelingt ihr in Perfektion.
Es folgt Julian Breams Bearbeitung der Diabelli-Sonate A-Dur. Dieses Werk ist uns, wie wir wissen, nicht so und in dieser Zusammenstellung von Diabelli überliefert. Es ist eine Melange, die Bream aus Sätzen zweier unterschiedlicher Sonaten angefertigt hat. Alles ist von Diabelli, aber zusammengewachsen (worden) als etwas, das nie zusammengehört hat.

Walter GerwigArchiv Produktion: Music for Lute — Walter Gerwig, Laute
Werke von Milan, Ortiz, Newsidler, Santino Garsi, Reusner, Hinterleithner, Hoffer, Mouton, Bach, Boismortier, Haydn, Johann Gottlieb Naumann, Oswald von Wolkenstein, Senfl
Aufnahmen aus den Jahren 1949—1957
4 CDs in Kassette, Original Jackets Collection, Deutsche Grammophon 479 2598


Das Label „Archiv Produktion“ der Deutschen Grammophon Gesellschaft ist unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet worden. Europa lag in Trümmern, viele Kunst- und Kulturgüter waren zerstört oder beschädigt und die Hamburger Plattenproduzenten bemühten sich, die erhaltenen Bestände an Instrumenten und Partituren durch klangliche Realisierung zu sichern. Man gründete das „Musikhistorische Studio der Deutschen Grammophon Gesellschaft“.
Schon 1947 erschien die erste Schellackplatte unter dem Label „Archiv Produktion“: Orgelwerke von Johann Sebastian Bach, gespielt von Helmut Walcha. Ziel dieser Aufnahme war es, den originalen Klang der wie durch ein Wunder unbeschädigt erhaltenen Orgeln der Jakobikirche in Lübeck zu dokumentieren. Bei anderen Aufnahmen der Reihe stand das Aufführen von Werken im Mittelpunkt, die immer weiter in Vergessenheit gerieten. Für alle Aufnahmen wurde vorausgesetzt, dass nach Möglichkeit historische Instrumente verwendet und dass nach Partituren in ihrer originalen Gestalt gespielt wurde.
Kassette Archiv GerwigMusik aus zwölf „Forschungsbereichen“ (von „I: Gregorianik“ bis „XII: Mannheim und Wien“) sollte unter dem Label „Archiv Produktion“ erscheinen … zunächst auf Schellackplatten, danach auf schwereren Vinylplatten. „Eingepackt“ waren sie in Klapphüllen, die an ihren Rändern nicht geklebt, sondern genäht und schließlich mit einer besonders haltbaren Folie laminiert waren. Alles im Einheitsgelb ohne Titelfotos und nur den elementaren Informationen wie Werk, Satzfolge und Interpreten. Auf den Innenseiten der Hüllen standen Einführungstexte in vier Sprachen. Jeder Platte lag dazu noch eine Karteikarte bei, auf der die genauen Aufnahmedaten verzeichnet waren, die verwendeten Instrumente und Ausgaben usw.
Bei den desaströsen Zerstörungen, mit denen die Menschen nach 1945 konfrontiert waren, sollten die Platten der „Archiv Produktion“ nicht nur auf höchstem wissenschaftlichen und künstlerischen Niveau stehen, sie sollten auch Bestand haben und die Zeiten überdauern … diesen Anspruch jedenfalls sollte schon die äußere Erscheinungsform der Platten unterstreichen.

Spanish DancesSpanish Dances: Brazilian Guitar Quartet
Werke von de Falla, Granados, Turina, Rodrigo, Mompou
Aufgenommen im Juli 2013, erschienen 2014
DELOS DE 3466; im Vertrieb von NAXOS
… eine ganze Reihe echter Überraschungen …

Pack mit 5 CDDie Komponisten der Stücke auf der neuesten CD des Brazilian Guitar Quartets sind bekannt für ihre Gitarrenmusik – auch, wenn keiner der fünf je Gitarre gespielt hat. Die spanischen Tänze, die das brasilianische Quartett aufspielt, sind ausnahmslos Transkriptionen, allerdings keine aus der Leyenda-Schublade. Die Musiker haben nicht einfach auf „Alte Kameraden“ gesetzt, sie haben das vorhandene spanische Repertoire nach geeigneten Stücken durchsucht und das Ensemblemitglied Tadeu do Amaral hat neue Bearbeitungen angefertigt.
Manuel de Fallas „Cuatro Piezas Españolas“, mit ihnen beginnt das Programm, sind Isaac Albéniz gewidmet und zwischen 1906 und 1909 geschrieben. Natürlich für Klavier … möchte man fast sagen, denn nicht nur de Falla war Pianist, auch Albéniz, der mit vier Jahren sein erstes Konzert am Flügel gegeben hat und als Wunderkind gefeiert wurde.
De Fallas „Piezas Españolas“ nehmen Bezug auf spanische Landschaften und deren Musik: Aragon, Andalusien, Asturien und Cuba. Seit dem 16. Jahrhundert hatte dieser Inselstaat unter spanischer Besatzung gestanden und kurz vor der Wende zum 19. Jahrhundert seine Unabhängigkeit erkämpft. Danach setzten sich, nebenbei bemerkt, für ein paar Jahre die US-Amerikaner auf Cuba fest, bis 1902 die Unabhängigkeit formal und faktisch erreicht wurde. Für Manuel de Falla gehörte die Insel aber scheinbar noch zu Spanien – mindestens musikalisch. Spanier hatten ihre Musik dorthin gebracht und die war von der einheimischen Bevölkerung beeinflusst worden. Ergebnis war zum Beispiel die Habanera, die nicht nur in Havanna gesungen und getanzt wurde.

Ay Amor CDAy amor … about Love, Desire and Passion
Duo Arcadie: Franziska Markowitsch, Mezzo-Sopran; Ulrike Merk, Gitarre
Sephardische Lieder und Werke von de Falla, Rodrigo, Juan Vásquez, García Lorca, Mompou, Narváez, Ruiz-Pipó
Aufgenommen im Februar 2012, erschienen 2013
CHROMART TXA 13021, im Vertrieb von Note-1
… Vergnügen ganz besonderer Art …




Sephardische LiederUlrike Merk (Hrsg.), Sephardische Lieder für Singstimme und Gitarre. Wien u.a. 2013, Doblinger, (zwei Spielpartituren) D. 20218, € 19,95
Dass bei der Besprechung der CD „Ay Amor“ mehr über die Sephardischen Lieder als über das andere Repertoire gesagt wird, liegt zum einen an der Besonderheit dieser Lieder – zum anderen daran, dass sie gleichzeitig mit der CD bei Doblinger als Notenausgabe herausgekommen sind und sich somit für weitere Aufführungen empfehlen.
Freilich gehören die anderen Werke der CD keineswegs zum Allerweltsrepertoire, aber sie sind bekannt und man ist ihnen schon begegnet. Die stimmungsvollen Lieder von Federico García Lorca (1898—1936) zum Beispiel, sind mittlerweile spanische Klassiker, dabei wären sie für immer verloren gewesen, hätten nicht Musiker und Wissenschaftler sie nicht nach Schellackplatten aus dem Jahr 1931 transkribieren können. Oder die „Siete Canciones Españolas“ von Manuel de Falla 1876—1946). Sie sind von Miguel Lobet für Gitarre arrangiert worden und erst 1957 im Druck erschienen. Alles große Kunstwerke, die lange unbeachtet geblieben sind!
Die Sepharden waren in Spanien lebende Juden, die nach 1492, als die Reconquista abgeschlossen war, das Land verlassen mussten. Die Araber und Berber, die im achten Jahrhundert das Land erobert und dann rund achthundert Jahre fast die ganze iberische Halbinsel beherrscht hatten, waren vertrieben – jetzt ging die „Heilige Inquisition“ gegen Juden vor. Es gab Pogrome und Gesetze und schließlich durften von den Juden nur noch die im Land bleiben, die zum christlichen Glauben übertraten. Alle anderen verließen Spanien. Viele ließen sich im Osmanischen Reich nieder, andere in den Übersee-Handelsstädten der Niederlande, Englands und auch in Deutschland. Eine der größten Gemeinden gründeten die Sepharden in Thessaloniki (Griechenland) – so groß, dass man sie das „Jerusalem des Balkans“ nannte. Dort lebten sie in Frieden bis 1941. Dann kamen die Nazis.