Giuliani pop

GITARRE & LAUTE ONLINE: Beiträge zu Neuerscheinungen (Notenausgaben, Bücher, CDs) auf den Gebieten Gitarre und/oder Laute, Berichte über Konzerte, Festivals und Wettbewerbe, Essays und Kommentare. Verschiedene Autoren, Chefredakteur (Verantwortlich im Sinne des Pressegesetzes): Dr. Peter Päffgen.

El Amor Brujo Euskal BarrokensembleEl AMOR Brujo
Euskal Barrokensemble, Enrike Solinís

Werke von de Falla, Rodrigo, Scarlatti, Tárrega u.a.
Aufgenommen zwischen Mai und Juni 2016,
℗ 2016
ALIA VOX DIVERSA AV 9921, im Vertrieb von Helikon Harmonia Mundi
ein Faszinosum der besonderen Art

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Mit einer „Taranta de la Siega“ beginnt das Programm, einem „Lied der Schnitter“ oder der Erntearbeiter. Folklore … erforscht, aufgeschrieben und veröffentlicht von Federico Olmeda (1865–1909), der 1903 seine Sammlung „Folklore de Castilla o Cancionero popular de Burgos“ herausgegeben hat. Olmeda war Priester und er befasste sich mit der Erforschung der musikalischen Folklore seiner Heimatregion „Kastilien“ – heute würde man seine Tätigkeit als „Ethnomusikologie“ bezeichnen. Er hat vor gut hundert Jahren das Material bereitgestellt, das Komponisten wie Manuel de Falla und auch Joaquín Rodrigo verwendet haben, um eine neue musikalische Sprache zu schaffen, die unverkennbar spanisch ist. Enrike Solinís meint dazu im Booklet: „Die in unserem Programm versammelten Werke nähern sich der Tradition, indem sie diese ausgehend von der Bewunderung für ihre Einzigartigkeit in sich aufnehmen und anerkennen, welche Spur die Botschaft der Musik seit Urgedenken in den Menschen hinterlassen hat. Sie bringen die Genialität von Komponisten vergangener Epochen, die strukturelle Anlage ihrer Stücke, ihre Kunst der thematischen Entwicklung und Sensibilität ans Licht, um daraufhin, vom Aroma der traditionellen Musik durchdrungen, den eigenen Gesang zu erheben. In gewisser Weise kann man so beschreiben, was de Falla, Rodrigo oder Tárrega sich vorgenommen hatten und meisterhaft umsetzten.“

MUENCHEN WETTBEWERB 2FOTO: Preisträger (Gitarre) beim 66. Internationalen Musikwettbewerb der ARD, Prinzregententheater, 9. September 2017 (v. lks.) Andrey Lebedev (3. Preis), Davide Giovanni Tomasi (2. Preis), Junhong Kuang (2. Preis). Foto © Daniel Delang, Bayerischer Rundfunk

Vierundzwanzig Jahre ist es her, dass die Gitarre zuletzt im Internationalen Musikwettbewerb der ARD berücksichtigt worden ist. Damals gab es keinen ersten, dafür zwei zweite Preise: Joaquín Clerch (Kuba) erhielt einen davon, Pablo Márquez (Argentinien) den anderen.

Auch in diesem Jahr haben sich die Juroren nicht zur Vergabe eines Preises der Top-Kategorie entscheiden können. Wieder gab es keinen ersten, allerdings zwei zweite Preise und die gingen an Junhong Kuang (China) und Davide Giovanni Tomasi (Italien/Schweiz), einen dritten Preis erhielt der Australier Andrey Lebedev. Und überhaupt: In bisher fünf Austragungen des Wettbewerbs, an denen die Gitarre beteiligt war, ist nur einmal ein erster Preis vergeben worden – das war 1989 und der Preisträger war Luis Orlandini aus Chile. Gleichzeitig haben sich renommierte Kollegen mit zweiten Preisen zufriedenstellen müssen. Unter ihnen waren Sharon Isbin, die später als Erste Professorin für Gitarre an der Juilliard School of Music in New York wurde, Stefano Grondona, heute Professor an der Hochschule von Vicenza und Timo Korhonen, Professor in Helsinki.

A Guitar for Segovia Javier SomozaSomoza: A Guitar for Segovia
Werke von Castelnuovo-Tedesco, Santiago de Murcia, Mudarra, Frank Martin, Ohana und Ponce‘
Aufgenommen im Mai 2016, ℗ 2017
Gitarre von Santos Hernandez, 1924
BRILLIANT CLASSICS 95487
… als Klangästhet bewiesen …

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Eine Gitarre steht, was diese CD angeht, im Mittelpunkt des Interesses, eine Santos Hernandez von 1924. Die Biblioteca Musical Víctor Espinós hat sie dem Interpreten Javier Somoza für die Aufnahme vorliegender CD zur Verfügung gestellt. Andrés Segovia soll das Instrument, wie Gerardo Arriaga schreibt, „probably“ auf mehreren Konzertreisen gespielt haben, um es dann der Bibliothek zu vermachen … und heißt „probably“ nicht „wahrscheinlich“ oder doch nur „vielleicht“? Und spielt es wirklich eine Rolle, ob Segovia die Gitarre auf mehreren Tourneen gespielt hat? Arriaga schreibt im gleichen Text in einem anderen Zusammenhang: „A piece from the 1500’s can be played on a replica of an original instrument, or on any other instrument: the benchmark of excellence will lie more in the quality of interpretation than in the chosen medium.“ Na ja!

Anzunehmen, jetzt, wo jeder weiß, welch kostbare Gitarre auf der CD vorgeführt wird, setzten sich Heerscharen von Pilgern in Bewegung, um ihr nahezukommen, der liegt falsch! Bei den Reliquien der „Heiligen Drei Könige“ im Kölner Dom hat das noch geklappt … aber das ist 850 Jahre her. Und die erhaltenen Gebeine gehören auch nur „wahrscheinlich“ zu den drei Königen aus dem Morgenland.

Sor Les Deux AmisFernando Sor: Les Deux Amis – Selected Works for Two Guitars
Maria Camitz & Leif Hesselberg, Gitarren
Aufgenommen 2011–2014
Gitarren: van der Waals, Hallgren und Southwell
GATEWAY MUSIC HRCD001 [5 707471 050682]
… Es war mir ein Vergnügen!  …

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Maria Camitz und Leif Hesselberg, die Interpreten dieser CD, haben sich in Kopenhagen kennengelernt, als sie an der Königlichen Musikakademie ein Aufbaustudium im Fach Klassische Gitarre absolvierten. Kurz später gründeten sie zusammen mit Lars Henning Jensen das „Guitar Trio 1+2“ und begannen in dieser Formation eine Karriere, in deren Verlauf sie hunderte Konzerte gaben und zwei erfolgreiche CDs herausbrachten. Als die drei Musiker ihre Zusammenarbeit aufgaben, spielten Maria Camitz und Leif Hesselberg als Duo weiter. Mehrere Komponisten schrieben Stücke für das Duo, unter ihnen der bekannte und renommierte Axel Borup-Jørgensen.

Jetzt ist eine CD mit einem Repertoire eingespielt worden, das zugegebenermaßen nicht sonderlich originell, dafür aber qualitativ erstrangig ist: Fernando Sors (1778–1839) Werke für zwei Gitarren. Und als Liebhaber von Gitarrenmusik müssen wir ja, wenn wir ehrlich sind, eingestehen, dass es viel erstklassige Musik für zwei Gitarren nicht gibt. Gemeint ist Musik, die es mit Werken für Violine oder Cello und Klavier oder für, sagen wir, Klaviertrio, aufnehmen kann. Und, noch viel ehrlicher, Ensembles, sprich Gitarrenduos, die mit dem LaSalle- oder Amadeus-Quartett, um nur zwei Beispiele zu nennen, in Konkurrenz treten könnten, gibt es schon lange nicht mehr. Was es in der Gitarrenmusik immer schon gegeben hat und auch heute noch reichlich gibt, sind Virtuosen, gelernte Gurus und … Claqueure.

Krististinn Arnason CDKristinn Árnason: Transfiguratio
Werke von Mudarra, Weiss, Mertz, Albéniz, Granados, Pujol und Áskell Másson
Aufgenommen und erschienen 2013
12 Tónar 12TK006
… kann nur empfohlen werden …

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Kristinn Árnason hat in seiner Heimatstadt Reykjavík das Gitarrespiel erlernt und schließlich in New York City bei Nicolas Goluses an der Manhattan School of Music studiert. Dort hat er auch die üblichen Examina abgelegt. Danach ist er nach London gegangen, um bei Gordon Crosskey weiter zu studieren, später nach Alicante zu José Tomás.

Die CD, um die es heute geht, ist keineswegs seine Debüt-CD, auch wenn ihr Programm, meint man, darauf hindeutet: Drei Stücke von Mudarra, darunter die „Harfenfantasie“; fünf Einzelsätze von Silvius Leopold Weiss; die „Fantaisie Hongroise“ von Mertz; „Mallorca“ von Albéniz; „Danza Española Nº 4“ von Granados; „Canción Amatoria“ und „Tonadilla“ von Pujol und schließlich, das ist vermutlich das interessanteste Stück, „Haustljód, Poème d‘Automne“ von Áskell Másson.

Nein, dies ist keine Debüt-Platte, Kristinn Árnason hat schon sechs CDs eingespielt, darunter Barrios und Tárrega, Sor und Ponce und – natürlich, möchte man fast sagen – Bach. Und natürlich ist es keineswegs verwerflich, wenn Musiker die populärsten und schönsten Stücke für ihr Instrument zusammenfassen, zumal sich der Geschmack ändert. Die „Fantasía que contrahaze la Harpa en la maniera de Ludovico“ von Alonso Mudarra fand man vor Jahren in buchstäblich jeder Anthologie – in der Zwischenzeit ist sie seltener geworden. Und Sors Mozart-Variationen? Ohne die kam vor vielleicht zehn Jahren niemand aus, jetzt wünscht man sie sich regelrecht.

Classic sephardic yiddish Duo SanguitarClassic – Sephardic – Yiddish
Duo Sanguitar: Franziska Dillner-Koch, Mezzosopran; Jörg Krause, Gitarre
Erschienen 2016
Gitarre: Antonio Marin Montero
GUMA Music [4 041257 001583]… sensibel abgestimmt auf das jeweilige Lied …

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Das Duo Sanguitar – oder sagen wir besser: die musikalische Zusammenarbeit von Franziska Dillner-Koch und Jörg Krause – gibt es schon lange. Seit 1995, um genau zu sein. Und die gemeinsame Liebe für jiddische und sephardische Volkslieder bewegt die beiden Musiker auch schon lange … wenn sie sie nicht überhaupt erst zusammengebracht hat. Auf einem Seminar mit Giora Feidman war es und man hat die Musik, die dort gespielt und gesungen worden ist, förmlich im Ohr ohne dabei gewesen zu sein!

André Asriel und Jörg Krause haben die Arrangements für das CD-Programm geschrieben – keine Klarinette, dafür sehr feine, der Vielfalt der Lieder folgende und sie unterstützende Gitarrensätze. Sie sind es auch, die den Zuhörern die Unterschiede zwischen sephardischen und jiddischen Lieder offenbaren – neben der jeweils gesungenen Sprache natürlich.

Die Sepharden haben bis Ende des 15. Jahrhunderts auf der iberischen Halbinsel gelebt, bis sie dort – auch als Folge von Reconquista und Inquisition – vertrieben wurden. Sie sind darauf gen Osten gezogen und haben sich im Osmanischen Reich niedergelassen, auch im Maghreb. Die Sprache, die sie mitnahmen, war geprägt von spanischen Dialekten, die sie schließlich einige Hundert Jahre gesprochen hatten.

Satie Werke für Gitarre LlinaresÉrik Satie: Gnossiennes – Gymnodédies – Parade & other pieces
Sébastien Llinares, Gitarre
Aufgenommen im Oktober 2016, erschienen 2017
PARATY 106415, im Vertrieb von harmonia mundi

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Erik Satie (1866–1925) kennen wir nicht als Gitarristen und es sind auch keine Stücke bekannt, die er für dieses Instrument komponiert hätte. Und doch: Sébastien Llinares ist keineswegs der Erste, der Kompositionen von Satie auf der Gitarre spielt, im Gegenteil! Vor, sagen wir, zwanzig Jahren war die Musik von Erik Satie bei Gitarristen höchst populär: Anders Miolin hat sie gespielt, Roland Dyens, David Tanenbaum und auch John Williams … und dies sind nur Beispiele! Einzelne Stücke hörte man in internationalen Gitarrenwettbewerben überall auf der Welt, besonders die „Gymnopédies“ erfreuten sich großer Beliebtheit, dann kamen die „Gnossiennes“.

Aber Satie hatte es nicht leicht gehabt, sich mit seiner Musik durchzusetzen. Die Satie-Forscherin Grete Wehmeyer meinte dazu: „Schon die Musik, des jungen Satie wirkte auf seine Zeitgenossen befremdend. Das lag nicht daran, dass sie revolutionär gewesen wäre. Der Grund dafür ist vielmehr, dass Satie an der um 1890 noch modischen französischen Strömung, die deutsche Romantik und vor allem Wagner nachzuahmen, nicht teilnahm. Satie bezog sich nicht auf einen Komponisten des 19. Jahrhunderts. Er sprang aus seiner Zeit heraus. Er griff auf das Mittelalter zurück.“ [Erik Satie, Regensburg 1974, S. 18] Aber nicht einmal Musiken des Mittelalters hat Satie zitiert und überhaupt: „Er schloss sich keinem der breiten Trends innerhalb der Musik an, nicht dem Wagnérism, nicht dem Impressionismus, nicht dem Neoklassizismus, nicht dem Bruitismus, nicht dem Expressionismus, er benutzte weder die Zwölftontechnik noch irgendeine Kompositionsweise auf der Basis der Folklore. Er hatte in seiner Zeit keine musikalischen Verwandten, er war niemandes Erbe.“ [ebda.]

Dieci Andrea Sor Complerte Sonatas for Guitar CDAndrea Dieci, Guitar
Sor: Complete Sonatas for Guitar
Aufgenommen im April und Juni/2016, erschienen 2017
Gitarre: José Romanillos
BRILLIANT CLASSICS 95395
… das Beste vom Besten, was uns an Gitarrenmusik aus der „klassischen Zeit“ zur Verfügung steht …

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Andrea Dieci spielt Opera 14, 15b, 22 und 25 von Fernando Sor – große Musik, das Beste vom Besten, was uns an Gitarrenmusik aus der „klassischen Zeit“ zur Verfügung steht. Und alle dargebotenen Werke sind Sonaten, sie verkörpern also das klassische musikalische Formprinzip schlechthin. Was wollen wir mehr?

Als Fernando Sor (1778–1839) seine Sonaten schrieb, neigte sich die Hochblüte der Gitarre schon ihrem Ende zu, außerdem war das Instrument, obwohl es sich einer großen Anhängerschaft erfreute, immer noch nicht überall anerkannt. Im Gegenteil: Das Interesse an dem unscheinbaren Zupfinstrument verblasste zunehmend.

In einer Ausgabe der Zeitschrift Revue Musicale (III, 1828, S. 40), herausgegeben von François-Joseph Fétis (1784–1871), nannte ein Kritiker das Problem beim Namen: „Ce dernier morceau, presque toujours écrit à quatre parties, offre une harmonie pure, élégante, et nous a paru être d’une exécution fort difficile. Mais nous avons regretté que le son de l’instrument ne fût pas plus nourri. M. Sor nous semble avoir trop négligé cette partie essentielle d’un instrument trop peu sonore par lui-même.“ Die Argumentation ist nicht neu. Gesagt wird, Monsieur Sor habe sauber und elegant gespielt, leider aber ein zu leises Instrument für seine Darbietungen ausgewählt. Das ist zweihundert Jahre her, stammt also aus einer Zeit, als von Lärmüberflutung noch keine Rede war!

Beethoven fuer zwei GitarrenBeethoven for Two Guitars
Musik von Ludwig van Beethoven
John Schneiderman und Hideki Yamaya Guitars
Vorbereitung des Notenmaterials und Kommentare von Alexander Dunn
Erschienen 2017
HÄNSSLER Classic PH17029, im Vertrieb von NAXOS
… unverkrampft mit Lust und Liebe gespielt …

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Beethoven für Gitarre? Klar, er selbst hat niemals für das Instrument komponiert, aber schon zu Lebzeiten des Bonners haben Gitarrenbegeisterte seine Stücke adaptiert. Carulli gehörte dazu, auch Ivan Klinger, Vincenz Schuster und andere. Und natürlich haben sich die Gitarristen Werken angenommen, die irgendwie auf ihrem Instrument darstellbar waren … oder auf zweien davon. Und sie haben Kompositionen ausgewählt, die bekannt waren, für die also Nachfrage bestand.
Das Rondo für zwei Gitarren von Ivan Klinger [auf der CD: Nº 2] geht auf ein Stück Beethovens für Violine und Klavier [WoO 41] zurück, in mehreren anderen Stücken nehmen die Bearbeiter aber erwartungsgemäß auf Klavierstücke Bezug … erwartungsgemäß, weil das Klavier als Hausmusikinstrument sehr verbreitet war und damit auch Beethovens Klaviermusik bzw. Klaviermusik überhaupt.
„Variations and Rondo, op. 155“ von Ferdinando Carulli [auf der CD: Nº 4] ist in der Erstausgabe von 1822 so überschrieben:

Andante Varié et RONDEAU | Musique de Beethoven | ARRANGÉS | Pour deux Guitares | Par | Ferdinando Carulli

Telemandolin Alon Sariel CDTelemandolin
Alon Sariel, Mandoline; Concerto Foscari
Werke von Telemann, Carl Philipp Emanuel Bach, Carl Friedrich Abel, Johann Friedrich Fasch
Aufgenommen im November 2016, erschienen 2017
Mandoline: Arik Kerman, Tel Aviv; Erzlaute: Marcus Wesche, Trier; Barockgitarre: Dieter Hense nach Antonio Stradivari
Berlin-Classics 0300934BC, im Vertrieb von Edel Classics
… ein zartes, höchst sensibles musikalisches Werkzeug …

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Alon Sariel ist Gründer und heute Leiter des Ensembles Concerto Foscari, das sich speziell um Musik des 17. und 18. Jahrhunderts bemüht … bzw. um Menschen, die als Zuhörer keine oder wenig Erfahrung mit Barockmusik haben: Kinder und Jugendliche zum Beispiel, die Zuhörerschaft von morgen! Das ist ebenso vorsorglich, wie es vergnüglich ist, denn jeder Musiker und jede Musikerin weiß, wie unvoreingenommen positiv junge Menschen an Musik herangehen, die für sie neu ist.

Das Ensemble Concerto Foscari ist für die neue Aufnahme besetzt mit Streichquartett, Taille (französischer Name der Barockoboe), Violone und Cembalo – dazu natürlich Alon Sariel als Solist (Mandoline, Erzlaute, Barockgitarre) und künstlerischer Leiter.

Bergstroem Mats und Georg Riedel CDMats Bergström/Georg Riedel und andere
Água e Vinho: Stücke von Baden Powell, Villa-Lobos, Gismonti, Vinícius de Moraes, Jobim, Chico Buarquem Luiz Bonfa u.a.
Aufgenommen zwischen Januar 2012 und August 2014, erschienen 2016
MBCD 04, Mats Bergström Musik AB

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Alles brasilianische Musik … gespielt von schwedischen Musikern! Die Stücke der Werkzusammenstellung dieser CD gehen auf Chôros zurück, die meisten davon hat Mats Bergström anhand von Plattenaufnahmen arrangiert, die von den Komponisten selbst stammen. Mit dabei sind Georg Riedel, Kontrabass; Jonas Holgersson, Schlagzeug und Perkussionsinstrumente; Sebastian Notini, Perkussion; Magnus Lindgren, Flöte; Fredrik Jonsson, E-Bass; Andreas Hellkvist, Orgel.

Einige der Stücke des CD-Programms kennen wir, die Chôros aus der „Suite Populaire Brésilienne“ von Villa.-Lobos zum Beispiel oder „Água e Vinho“ von Egberto Gismonti … andere weniger: „Águas de Março“ von António Carlos Jobim etwa. Aber alle Stücke der CD kommen einem irgendwie bekannt vor – selbst die, die wir sicher niemals gehört haben. Das liegt keineswegs daran, dass ihre Komponisten nichts als Plattitüden vermarktet hätten, die jeder mitpfeifen kann; auch nicht daran, dass sie vielleicht Material benutzt haben, das von Komponisten vor ihnen schon erdacht und notiert worden ist, keineswegs! Der Chôro an sich ist nur so eingängig und selbst hier in Europa so populär, dass die meisten Zuhörer ihn schon beim Wiedererkennen des Grundrhythmus und der instrumentalen Auslegung zu kennen glauben. Dabei erkennen sie nur das „Muster Chôro“, wie auch das „Muster Flamenco“ und keineswegs die einzelnen Tänze und schon gar nicht deren Schöpfer oder Komponisten. Chôros hört man in jedem Film über Brasilien, Chôros und Sambas begleiten die Berichte über den Karneval in Rio und auch über internationale Fußballbegegnungen. Der Chôro ist Brasilien oder – wie Heitor Villa-Lobos gesagt hat – „Chôro is the true incarnation of Brazilian musical soul“.

Stingl Anton Ausgewählte Werke für GitarreAnton Stingl: Ausgewählte Werke für Gitarre solo
Andreas Stevens, Gitarre
Aufgenommen im Dezember 2012, erschienen 2014
Gitarre: Urs Langenbacher, Sondermodell für Andreas Stevens 2008
AUREA VOX 2014-4
… keine blassen Spielereien, nichts aufgesetzt Virtuoses …

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Anton Stingl (1908–2000) war – auch, wenn ich mit dieser Bemerkung Eulen nach Athen trage – Gitarrist, Hochschullehrer und Komponist. Als Lehrbeauftragter und dann Professor an der Musikhochschule Freiburg hat er nach 1971 zahlreiche Musiker ausgebildet, die später glänzende Karrieren machen sollten; für die wunderbare Sängerin Oksana Sowiak hat er mehrere Zyklen Volkslieder aus aller Herren Länder arrangiert, mit sensiblen Gitarrenbegleitungen versehen und dann auch aufgeführt und eingespielt und schließlich: Anton Stingl hat immer wieder an Ur- und Erstaufführungen von (aus einer Sicht) zeitgenössischen Werken teilgenommen. Und all dies sind nur Beispiele für das, was Anton Stingl interessiert, bewegt und beschäftigt hat. Nebenbei und ohne professionelle Absichten war er noch Bryologe, befasste sich also mit Moosen.

Die CD, um die es heute geht, enthält Stücke von Stingl, die bisher weder veröffentlicht noch eingespielt worden sind. Es hat zwar 1997 zwischen Stingl und dem Rezensenten bzw. seiner Firma, der Gitarre & Laute Verlags GmbH, einen Verlagsvertrag gegeben, die geplante Ausgabe ist aber leider aus verschiedenen Gründen nicht mehr erschienen. Vorher hatte Stingl bei Schott in Mainz verschiedene Ausgaben herausgegeben und sie alle spiegelten wider, welcher Art von Musik und Gitarrenkunst er sich verpflichtet fühlte. Heute noch stehen von ihm bearbeitete „Lieder ohne Worte“ von Mendelssohn im Katalog, Sonaten von Diabelli und Inventionen von Johann Sebastian Bach … keine blassen Spielereien, nichts aufgesetzt Virtuoses, dafür Melodien und überschaubare, dafür aber immer stimmige musikalische Strukturen.

Vivaldi und Bach for Mandolin CDBach & Vivaldi for Mandolin
Virtuoso Concertos transcribed for Mandolin Orchestra
Dorina Frati; Orchestra a Plettro Mauro e Claudio Terroni
Werke von Johann Sebastian Bach und Antonio Vivaldi
Aufgenommen Mai –Juni 2015, erschienen 2017
DYNAMIC CDS7787, im Vertrieb von NAXOS
… die bitterste Pille für Musikfreunde …

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Diese Stücke sind oft aufgeführt worden, gerne dabei zu Anlässen wie Abitur- oder Examensfeiern. Ich selbst habe die Solostimme des D-Dur-Konzerts (RV 93) anlässlich der Feier meines Abiturs gespielt … Solo- und Orchesterstimmen sind spieltechnisch auch in der Aufregung eines solchen Tages zu bewältigen und ein „Orchester“ lässt sich rasch und preiswert auf die Beine stellen. Neben der Solostimme braucht man nur noch zwei Geigen und b.c. … und außerdem: Diese Musik kennt buchstäblich jeder! Nicht, weil sie zum Weltkulturerbe zählte (vielleicht tut sie das sogar!) oder immer und überall aufgeführt würde (das stimmt sicher!), nein, aber Vivaldis Konzerte mit Laute oder Mandoline dienten als Soundtrack zu „Kramer vs. Kramer“, dem Filmdrama mit Dustin Hoffman und Merryl Streep. Es hat fünf Oskars bekommen, ist für vier weitere nominiert worden und die Musik, die den Film begleitet hat, ist jedem präsent.

Petrucci Intavolature di Liuto CDMarco Dall’Aquila: La Battaglia
Sandro Volta, Renaissance-Laute
Zweiter Lautenist bei zwei Stücken „a due liuti“: Fabio Refrigeri
Aufgenommen 2015, erschienen 2016
6-chörige Laute: Ivo Margherini
BRILLIANT CLASSICS 95261

Marco Dall’Aquila: Music for Lute
Sandro Volta
Aufgenommen im April 2013, erschienen 2014
Laute: Ivo Margherini
BRILLIANT CLASSICS 94805

Petrucci: Intavolature di Liuto
Spinacino, Dalza, Bossinensis
Sandro Volta, Renaissance-Laute
Aufgenommen im Januar 2017
BRILLIANT CLASSICS 95262
… Er spielt „geradeaus“, ohne große Extravaganzen …

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Dall Aquila 2 VOLTADall Aquila 1 VOLTAOttaviano Petrucci war Drucker und Verleger in Venedig. Er war der Erste überhaupt, von dem uns Lautentabulaturen und Werke in Mensuralnotation – mit beweglichen Lettern gedruckt – überliefert sind. Speziell für Lautentabulaturen hatte er ein „privilegio“, eine Art Patent, das er 1498 bei der „Serenissima Signoria“, der höchsten juristischen Instanz Venedigs, beantragt und noch im gleichen Jahr erhalten hatte: „Cum privilegio invictissimi Dominii Venetiarum quod nullus possit imprimere intabulaturam lauti. ut in suo privilegio continent“. Außer ihm durfte also (mindestens in der Republik Venedig) niemand Lautentabulaturen drucken.

Schon vorher hatte Petrucci ein Privileg für den Druck von Ausgaben in Mensuralnotation (cantus figuratus) erhalten, danach hat er mehrere Auflagen der wichtigen Quelle „Harmonice Musices ODHECATON“ herausgebracht. Was Petruccis Lautentabulaturen angeht, sind drei Lautenisten als Komponisten und Herausgeber zu nennen: Francisco Spinacino (zwei Bücher, beide 1507), Joan Ambrosio Dalza (ein Buch, 1508) und Franciscus Bossinensis (zwei Bücher, 1509 und 1511). Die Bücher von Bossinensis enthalten nur zum Teil solistische Lautenstücke (in beiden Bänden Ricercari), und überwiegend Gesänge mit Lautenbegleitung (Mensuralnotation und Tabulatur). 1508 soll außerdem das Lautenbuch eines gewissen „Giovan Maria“ erschienen sein, von dem allerdings kein einziges Exemplar überliefert ist. Das einzige im Besitz der Biblioteca Colombina  in Sevilla gilt als verschollen.

Paris Buenos Aiores BeleninovEvgeny Beleninov: Paris Buenos Aires
Werke von Astor Piazzolla und Heitor Villa-Lobos
Aufgenommen im August 2016, erschienen 2017
Gitarre: Curt Claus Voigt
BarteltMusic 4 250953 200057, im Vertrieb von Klassik Center Kassel
… mit Expressivem aus Buenos Aires und mit ebenso virtuosen wie klangbewussten Stücken aus Paris …

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Warum Paris und warum Buenos Aires? Die Werkzyklen dieser CD sind erstens „Las Cuatro Estaciones Porteñas“ von Astor Piazzolla und zweitens „Douze Études de Concert“ von Heitor Villa-Lobos. Porteños werden in der spanischen Sprache Leute genannt, die in einem puerto geboren sind – in einer Hafenstadt … in Argentinien speziell in Buenos Aires und in Uruguay in Montevideo. Mit dem Adjektiv porteño oder porteña wird alles bezeichnet, was mit der jeweiligen Hafenstadt in Verbindung steht … der Titel des Werks von Piazzolla heißt also übersetzt „Die Vier Jahreszeiten von Buenos Aires“.

Die „Douze Etudes“ für Gitarre (übrigens nicht „Douzes Etudes“!) hat Villa-Lobos in Paris geschrieben, wo er in den Jahren zwischen den Weltkriegen lebte. Damit hat sich der Bogen Paris – Buenos Aires geschlossen, hätte Paris nicht im Leben beider Komponisten eine gewisse Rolle gespielt. Auch Piazzolla hat in der Stadt gelebt, die als „Hauptstadt Europas 1789–1914“ bezeichnet worden ist (Johannes Willms, München. 1988). Er hat dort bei Nadia Boulanger (1887–1979), der großen Kompositionslehrerin, studiert, bei der neben ihm auch Aaron Copland, Philipp Glass und viele andere Kollegen erstes Ranges ihr Handwerk erlernt haben.

Periquil CDEl Periquín: Peter Kalb
Classical Impressions
Werke von Barrios, Tárrega, Bach, Rodrigo und vor allem „El Periquín“
Aufgenommen im Herbst 2015, erschienen 2016
8 71989 290424, Eigenvertrieb
… Gewonnen haben sie an Banalität …

Der Gitarrist Peter Kalb spielt unter seinem spanischen Pseudonym „El Periquín“ Flamenco. Alles gut … wären da nicht die freien Bearbeitungen von klassischen Stücken, die ausnahmslos von „El Periquín“ stammen und die er auch auf der aktuellen CD spielt. Wenn er dort „Recuerdos de la Alhambra“ vorträgt, ist das keineswegs das Stück von Francisco Tárrega, das wir alle kennen, auch die „Violin Sonata in E minor BWV 1023“ hat nur wenig mit dem Stück zu tun, das wir von Gitarristen und natürlich von Geigern oft gehört haben. Wieso? Natürlich hat „Periquíns“ Stück „Concierto de Aranjuez“, um ein weiteres Beispiel zu nennen, eine gewisse Ähnlichkeit mit dem „Concierto de Aranjuez“ von Joaquín Rodrigo und durchaus finden wir auch die anderen Stücke, die mit bekannten Namen in der tracklist stehen, in den Kompositionen auf der CD wieder. Bei „El Periquín“ sind sie allerdings neu arrangiert und gemischt, kontrapunktisch ergänzt … reicher, bunter oder interessanter sind sie dabei allerdings nicht geworden. Aber sie haben gewonnen: an Banalität und künstlerischer Vorhersehbarkeit nämlich.

Etwas über „El Periquíns“ Vita in Erfahrung zu bringen, ist schwierig. In einer kurzen Biographie berichtet die Foundation Paul van Kemenade, er habe seit seinem zwölften Lebensjahr Flamenco gespielt. In den achtziger Jahren ist er dann nach Spanien umgezogen, wo er mit den Flamenco-Gitarristen Manolo Sanlúcar und Rafael Cañizares weitergearbeitet hat.