Giuliani pop

GITARRE & LAUTE ONLINE: Beiträge zu Neuerscheinungen (Notenausgaben, Bücher, CDs) auf den Gebieten Gitarre und/oder Laute, Berichte über Konzerte, Festivals und Wettbewerbe, Essays und Kommentare. Verschiedene Autoren, Chefredakteur (Verantwortlich im Sinne des Pressegesetzes): Dr. Peter Päffgen.

Imaginario CDImaginario: De un Libro de Musica de Vihuela
Armonía Concertada – Maria Cristina Kiehr (Sopran), Ariel Abramovich (Vihuela), Jacob Heringman (Vihuela), John Potter (Tenor)
Werke von Juan Vasquez, Giulio Segni da Modena u.a.
Aufgenommen im November 2017, erschienen 2019
Vihuelas: Marcus Wesche, Bremen 2009; Martin Haycock, Chichester 2008 und 2016
OUTHERE MUSIC ARCANA A460, im Vertrieb von Note-1
… Vergnügen für alle Beteiligten …

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Musik für Vihuela wird seit bald hundert Jahren wieder geschätzt … nachdem sie fast vierhundert Jahre in Archiven, Bibliotheken oder privaten Sammlungen geschlummert hatte. Für die Trouvaillen interessierten sich Bibliophile  oder Musikologen, ausübende Musiker erst viel später. Musik für Vihuela war in Tabulaturen überliefert, die zunächst als „Geheimschriften“ betrachtet worden sind, und erst „dekodiert“ werden mussten. Dass es sich bei Tabulaturen um Griffschriften handelt, bei denen nicht die Töne aufgeschrieben waren, die erklingen sollten, sondern die Stellen auf dem Griffbrett des jeweiligen Instruments, an denen man sie erzeugt – das wusste man. Dieses Wissen aber in praktisches Musizieren umzusetzen, dafür brauchte es noch etliche Jahre.

Vojin Kocic Winner Heinsberg InternationalLaureate Series – Guitar
Vojin Kocić – Winner 2017, Heinsberg International Guitar Competition
J.S. Bach – Pasieczny – Ponce – Regondi
Aufgenommen im April 2018, erschienen ℗2019
Gitarren: D. Perry, Winnipeg und Paulino Bernabe, Madrid
NAXOS 8.573906
… Die Heinsberger Jury hat eine gute Wahl getroffen! …

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Vojin Kocić wurde 1990 in Serbien geboren. Im Kindesalter hat er begonnen, Gitarre zu spielen, studiert hat er das Instrument dann bei Jovica Milošević und Darko Karajic, später bei Anders Miolin. Er hat zahlreiche internationale Wettbewerbe gewonnen, darunter den renommierten Michele Pittaluga Wettbewerb in Alessandria und – im Jahr 2017 – den Wettbewerb in Heinsberg, bei dem die Produktion einer Solo-CD für das Label NAXOS zu den Preisen gehört hat. Jetzt liegt sie vor, die Preis- und Debüt-CD von Vojin Kocić … die so gar nicht wie eine Debüt-CD wirkt.
Drei Großwerke des Repertoires für Gitarre sind eingespielt (die komplette, natürlich eigentlich für Violine solo geschriebene, Partita BWV 1004, „Introduction et Caprice“ op. 23 von Regondi und „Differencias sobre la folía de España y Fuga“ von Manuel María Ponce). Das hier weitgehend unbekannte Stück „Phosphenes (after Sylvius Leopold Weiss)“ von Marek Pasieczny schließt das Programm ab.

Bach Harpsichord Concertos for Mand CDJohann Sebastian Bach: Harpsichord Concertos transcribed for Mandolin
Original transcriptions for mandolin by Davide Ferella
World Première Recording
Davide Ferella, Mandolin; Dorina Frati, Mandolin II (BWV 1060)
Ensemble Profili Barocchi
Aufgenommen im Januar 2017, erschienen ℗ 2018
DYNAMIC CDS 7821, im Vertrieb von NAXOS
… ein ziemlich blasses Konzert,…

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Was ist eine „original transcription“? Oder ist der Terminus eine „contradictio in adiecto“, ein „Widerspruch in der Beifügung“ … wie Fachwissenschaftler die rhetorische Figur wortgewandt nennen könnten? Kurz: Kann ein und dasselbe musikalische Werk ein Original und gleichzeitig eine Transkription sein?

Kann es natürlich nicht! Die einleitende Frage ist zudem noch schwieriger zu beantworten, wenn man in Betracht zieht, dass als Vorlagen die Cembalokonzerte von Johann Sebastian Bach verwendet worden sind und die selbst schon Transkriptionen waren und sind. Gut, Bach hat eigene Kompositionen uminstrumentiert und das Ergebnis sind Stücke, die vielleicht als „transcriptions light“ durchgehen mögen – aber es sind Transkriptionen!
Fatalerweise wissen wir nicht, für welche Besetzungen deren Vorlagen konzipiert und komponiert waren. Auch Partituren oder Abschriften liegen nicht vor. Danilo Prefumo meint im Booklet: „Although we have no way of knowing for what instruments Bach wrote his works and scholars are not always in agreement, the violin, the oboe and perhaps also the oboe d’amore are thought to be the most probable.“ [S. 7] Sicher können wir mindestens sagen, dass die Konzerte, die Davide Ferella uns präsentiert, keinesfalls im Original für Mandoline geschrieben worden sind – das Instrument hat es durchaus schon gegeben, aber es war Johann Sebastian Bach vermutlich unbekannt.

Moretti Worls for Solo GuitarLuigi Moretti. Works for Solo Guitar
Marcello Fantoni
Aufgenommen im März 2018, erschienen ℗ 2018
Word Premiere Recording
DYNAMIC CDS7828, im Vertrieb von NAXOS
… zweifellos mehr Aufmerksamkeit verdient …

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Luigi Moretti hat gelebt von 1774 bis ca. 1856 … davon geht Marcello Fantoni jedenfalls aus … oder Danilo Prefumo, der die textlichen Kommentare im CD-Booklet geschrieben hat? Tatsächlich wissen die beiden anerkennten Gitarrenkundler nur wenig über den Komponisten, obwohl sein Name, Moretti, uns etwas anderes zu verraten scheint. Er kommt uns irgendwie bekannt vor … vielleicht wegen Tobias Moretti, der uns mit einem Deutschen Schäferhund namens Rex bekannt gemacht hat?
Josef Zuth (Handbuch) wusste schon vor fast hundert Jahren einiges über eine Musikerfamilie Moretti. Er nimmt Bezug auf einen „spanischen Gitarrkomponisten“ namens Federico Moretti, der sich selbst „Dilettante“ genannt haben soll. Im folgenden nennt er einige Kompositionen dieses Moretti und ein Lehrwerk: „Principios para tocar la guitarra de seis ordenes“, erschienen in Madrid im Jahr 1799. In Neapel [sic!] ist dann eine italienische Übersetzung der Schule erschienen und zwar als Opus 1!

Mauro Giuliani Guitar Solo and Chamber MusicMauro Giuliani: Guitar Solo and Chamber Music
Stefano Cardi, guitar; Enrico Casularo, flute; Laura Polimeno, voice & guitar; Andrea Orsi & Lorenzo Rubboli, guitars; Ilaria Mancino, voice
Aufnahmedaten unbekannt, erschienen ℗ 2019
Gitarren: Giuseppe Mazzinis Gitarre von Gennaro Fabricatore von 1821; Gitarre von Gennaro Fabricatore von 1802  
BRILLIANT CLASSICS 95813
… weniger eitel …

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Eine üppige Werkzusammenstellung: 38 Takes (auf einer CD), rund eine Stunde Musik, diverse Besetzungen. Der Komponist: Mauro Giuliani. Stefano Cardi, der Solist, hat nicht die „großen“ Werke von Giuliani ausgewählt, er hat kleine Kompositionen zusammengestellt, kleine und gelegentlich volkstümliche Stücke, die bisher von niemandem – oder sagen wir besser: von wenigen Kollegen – aufgenommen worden sind … oder höchstens vielleicht in Sammlungen von Unterrichtsstücken.
Eine Person war neben den insgesamt sechs ausführenden Musikern am Zustandekommen der CD beteiligt: Giuseppe Mazzini (1805–1872). Mazzini war als Philosoph und als Vordenker des Risorgimento eine bekannte Persönlichkeit der italienischen patriotischen Bewegung, die eine Einigung der italienischen Teilstaaten herbeiführen wollte, einen italienischen Nationalstaat. Nach den Entscheidungen des Wiener Kongresses von 1814/1815 war die heute als Italien benannte Apenninhalbinsel in mehrere eigenstaatliche Regionen zerfallen – eine davon war der Kirchenstaat mit der Hauptstadt Rom. 1861 wurde das Königreich Italien als konstitutionelle Monarchie ausgerufen und damit die Ziele des Risorgimento erfüllt.
Giuseppe Mazzini liebte Musik und ganz besonders die Gitarre. Zwei Instrumente aus seinem Besitz befinden sich heute in öffentlichen Sammlungen, eines davon im Domus Mazziniana in Pisa, das andere im  Museo del Risorgimento in Genua. Letztere Gitarre hat Gennaro Fabricatore 1821 gebaut. Sie ist bei den Aufnahmen für vorliegende CD verwendet worden.

Franz Schubert A Sentimental JourneyFranz Schubert: A Sentimental Journey
Duo Morat-Fergo, Romantic Viennese Guitars
Aufgenommen im Februar 2018, erschienen ℗ 2018
CHALLENGE RECORDS CC 72791
… mit sensationellem Erfolg …

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Klaviermusik von Franz Schubert wird nicht unbedingt von Gitarrenduos favorisiert, wenn es darum geht, Spielmaterial  für die eigene instrumentale Besetzung auszusuchen und zu transkribieren. Nicht, dass Raoul Morat und Christian Fergo – sie bilden das  Duo Morat-Fergo – die Ersten wären, die sich an die „Moments musicaux“ op. 94 oder  an die „Valses sentimentales“ herangemacht hätten, keineswegs, aber häufig hört man sie nicht! Die einschlägigen Kataloge verzeichnen dazu unter „Schubert, Franz“ nur wenige erschienene Ausgaben. Erstaunlich eigentlich, denn die CD von Morat-Fergo beweist, dass sich die Klaviermusik von Schubert hervorragend für Bearbeitungen für Gitarre oder für zwei Gitarren eignet … und das hat übrigens auch Francisco Tárrega (1852–1909) schon erkannt. Schon er hat nämlich eine Handvoll kleinerer Kompositionen von Schubert in Übertragungen für Gitarre herausgegeben, darunter den „Moment musical“ op. 94 Nº 3, den Morat-Fergo jetzt in ihrer Version für zwei Gitarren vorführen … mit sensationellem Erfolg übrigens, weil sich gerade dieses kleine Werk sehr gut in der Version für zwei Gitarren macht. Sehr schön!
Schließlich berichten die beiden Gitarristen sogar, dass „Schuberts Lieder mit Gitarrenbegleitung aufzuführen […] schon immer [sic!] gebräuchlich“ war — schon zu Schuberts Zeiten. Er selbst hat eine Gitarre von Johann Georg Stauffer besessen. Sie war 1978 in der großen Schubert-Ausstellung der Stadt- und Landesbibliothek, Wien anlässlich des einhundertfünfzigsten Todestags des Komponisten ausgestellt. Ein großer Virtuose ist Franz Schubert auf der Gitarre wohl nicht gewesen, aber immerhin hat er ein Instrument besessen und vermutlich auch gespielt (Katalog der Ausstellung 1978 bei der Wiener UE unter UE 26230).

Roland Dyens: Concerto Métis with String Orchestra … and selected works
Enno Voorhorst, Gitarre; The String Soloists
Aufgenommen: September 2017, erschienen ℗ 2018
Gitarre: Simplicio 1927, Kopie von Federico Sheppard

COBRA RECORDS COBRA 0066, im Vertrieb von Klassik Center Kassel
… auf der ganzen Welt berühmt …

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Enno Voorhorst Roland DyensIch habe über seinen Tod berichtet — und oft über seine Konzerte, seine Kompositionen und über Gelegenheiten, wo wir uns getroffen haben … irgendwo auf der Gitarrenwelt. Nie in Paris oder in Köln, dafür in San Diego, New Orleans, Kraków und anderswo. Roland Dyens ist am 29. Oktober 2016 gestorben. Er war mein Freund … nein mehr: Roland Dyens war der Freund aller Gitarristen, Musiker und Musikfreunde. Roland war Kosmopolit und er war Franzose. Roland war der klassischen Musik verbunden und gleichzeitig dem Chanson und dem Jazz.
Enno Voorhorst hat jetzt eine CD mit Werken von Roland Dyens herausgebracht: das „Concerto Métis“, der zweite Satz aus dem „Concerto en si“ („Sérénade“) und solistische Kompositionen – gipfelnd in seinem sicher bekanntesten Stück, dem „Tango en Skaï“. Spätestens diese Petitesse hat ihn auf der ganzen Welt berühmt gemacht – erst als Zugaben-, dann als Repertoirestück. Tout-Paris hat den Tango gespielt, und Roland freilich auch. Hier, auf der CD von Enno Voorhorst, kann man ihn mit Orchester hören, was dem Stück natürlich eine neue Dimension gibt.
Saudades N°1 bis N°3 gibt es auf der CD zu hören – mit weniger Weltschmerz übrigens, als João Gilberto in seiner „Chega de Saudade“ zum Ausdruck gebracht hat, dem vielleicht ersten Bossa-Nova überhaupt. Später hat Agustín Barrios seine „Chôro da Saudade“ geschrieben und gespielt.
Roland Dyens trifft die Stimmung, die das Wort „Saudade“ umschreibt, sehr genau – es ist von einer Jury, bestehend aus Linguisten und Dolmetschern, in der „Liste der unübersetzbaren Wörter der Welt“ auf „Platz 1“ gewählt worden. Gut, dass uns Komponisten wie Roland Übersetzungshilfen geben … selbst, wenn auch die nicht übersetzbar sind.

Simone Molinaro CDMolinaro: Danze e Fantasie da
Intavolatura di Liuto Libro I, Venezia 1599
Ugo Nastrucci, lute
Aufgenommen im März 2017, erschienen ℗ 2019
Laute: 8chörige Laute von Matteo Baldinelli, Assisi 2016
BRILLIANT CLASSICS 95401
… vergleichsweise schwerfällig und recht wenig göttlich …

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Ugo Nastrucci selbst hat die sleeve-notes zu seiner CD geschrieben … und er hat – schon, wo es um Angaben zur Biographie des Lautenisten und Komponisten Molinaro geht – überraschend Neues herausgefunden und vor seinen Hörern und Lesern ausgebreitet. Zum Beispiel ist lange behauptet worden, Molinaro sei 1615 oder 1616 gestorben und er sei Priester gewesen. Nastrucci weist nach, dass Molinaro erst 1636 gestorben und am 16. Mai des gleichen Jahres in der Genueser Kirche San Siro beerdigt worden ist. Priester war er nicht, sondern – glücklich, wie es heißt – mit einer Geronima de Franchi verheiratet, der Witwe eines Edelmanns namens Paolo Battista Aicardi.
Simone Molinaro war „artis musicae eximiis doctor“ und schließlich Kapellmeister am Palazzo Ducale im Auftrag der höchsten politischen Instanz der Republik Genua. Angeredet wurde er mit „magnifico“.

Dowland First Booke of Songes and AyresJohn Dowland (1563–1626): First Booke of Songes or Ayres
Grace Davidson, soprano; David Miller, lute.

Aufgenommen im April 2016, erschienen ℗ 2018
Lauten: 7chörige Laute von Martin Haycock 1992 und 7chörige Laute von Michael Sprake 1979
SIGNUM CLASSICS RECORDS SIGCD553, im Vertrieb von NOTE1
… überzeugend und fesselnd …

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Grace Davidson ist nicht die erste Sängerin, die das komplette „First Book of Songes or Ayres“ von Dowland aufgenommen hat, meist werden allerdings Anthologien von Lautenliedern unterschiedlicher Komponisten zusammengestellt oder Lieder von Dowland – dann allerdings die anderen drei Bücher einbeziehend: „Second Booke“, „Third Booke“ und „Musical Banquet“.
Dowlands „First Booke of Songes or Ayres“ war, als es 1597 bei dem Londoner Drucker und Verleger Peter Short (on Bredstreet hill at the sign of the Starre) herauskam, ein sensationeller Erfolg. Es ist in fünf Neuauflagen erschienen, Textzitate findet man in Liedern zeitgenössischer Dichter und Komponisten und schließlich hat Dowland mit seinen Texten, die von Tränen und Melancholie geprägt sind, die Gefühlswelt einer Generation mindestens beschrieben, vielleicht aber auch geprägt.
Grace Davidson ist Sopranistin … und damit entspricht sie nicht meiner persönlichen Präferenz … ich höre englische Lautenlieder nämlich lieber von Tenören. Die Lieder sind ja (mindestens bei Dowland) so eingerichtet und veröffentlicht, „that all the partes together, or either of them severally may be song to the Lute, Orpherian or Viol de gambo“. Meine Vorliebe hat dabei nichts mit Frauenfeindlichkeit zu tun, mir scheinen die Texte nur, wenn sie aus Männerkehlen vorgetragen werden, besser verständlich zu sein … aber wie so oft: Heute ist alles anders! Grace Davidson singt unaufgeregt, klar und – ja! – mit enormer Textverständlichkeit, die ihr quasi in die Wiege gelegt worden ist, als sie in London geboren wurde. Dort, am Royal College of Music, hat sie auch studiert. Es ist die perfekt ausgewogene Mischung von Zurückhaltung und gesanglichem Vibrato, die ihre Interpretationen so überzeugend und fesselnd macht.

Weiss Klein NeuWeiss in Nostalgia
Alex McCartney, Baroque Lute
Werke von Silvius Leopold Weiss
Aufgenommen im Juni 2018, erschienen ℗ 2019
Laute: 13chörige Laute von James Marriage, 2008; Laute von Klaus Jacobsen nach Leopold Widhalm, 2015
VETERUM MUSICA VM019, EAN 0–793611–630253
… The juice is credibly worth the squeeze …

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Das Label Veterum Musica in Glasgow ist klein. Sehr klein. Es bezeichnet sich selbst als „micro record label“ und ist – wie sein Name sagt – spezialisiert auf Aufnahmen mit Alter Musik, dargestellt von kleinen Ensembles und Solisten: „We specialise in recording small ensembles and soloists.“ Der Lautenist Alex McCartney gehört nicht nur zum „Stammpersonal“ des Labels, er hat es gegründet und er ist sein Spiritus Rector.
Die CD, um die es jetzt geht, enthält zwei Suiten von Silvius Leopold Weiss – beide aus der Londoner Weiss-Handschrift. Die frühen Lautenwerke des großen Silvius Leopold Weiss sind für elfchörige Laute überliefert, allerdings befand sich die Laute in einem ständigen Veränderungsprozess, der fast immer Besaitung und Stimmung betraf. Die Musiker der damaligen Zeit ließen nicht ständig neue, den veränderten Bedürfnissen angepasste Lauten für sich bauen, sie modifizierten die vorhandenen Instrumente entweder selbst oder ließen sie von Lautenmachern umbauen. Fast immer beschränkten sich die notwendigen Veränderungen auf Steg, Griffbrett und Wirbelkasten – Corpus und Decke, die beiden Bauteile, die höchstes Expertenwissen voraussetzen, blieben erhalten.

Tribute to Teresa de RogatisA Tribute to Teresa de Rogatis (1893–1979)
Cinzia Milani, guitar
Aufgenommen im Juni 2018, erschienen ℗ 2019, im Handel ab 11.1.2019
BRILLIANT CLASSICS 95627
… wofür wir ihr und uns nur gratulieren können …

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Der Name Teresa de Rogatis ist heute vermutlich nur noch wenigen Musikfreunden, vielleicht noch einigen Gitarrenfreunden bekannt. Die Gitarristin wurde am 15. Oktober 1893 in Neapel geboren, bei ihrem Vater, Tommaso de Rogatis, erhielt sie ersten Gitarrenunterricht. Tommaso war sehr ehrgeizig, was die Karriere seiner Tochter anging und so förderte … und forderte er sie! Mit neun Jahren gab sie ihr Debut-Konzert auf der Gitarre, gleichzeitig unterzog sie sich anspruchsvollster Studien musikalischer Art. Bei Florestano Rossomandi studierte sie Klavier – bei Camillo De Nardis Komposition. Weder der eine noch der andere ist heute noch bekannt – mindestens hier im Hohen Norden – aber beides waren bedeutende Musiker und Lehrer vor – sagen wir – rund hundert Jahren. Rossomandi zum Beispiel war einer der Begründer der einflussreichen Neapolitanischen Klavierschule.
Teresa de Rogatis wurde im gleichen Jahr geboren wie Andrés Segovia (1893) und Angelo Gilardino, der den Booklet-Text für die CD „A Tribute to Teresa de Rogatis“ geschrieben hat, meint sogar, sie – Teresa – hätte problemlos eine ähnliche wenn nicht sogar größere Karriere als Segovia machen können. Schließlich waren ihre Startbedingungen deutlich günstiger, als die Segovias.

Nocturnal Jakob Lindberg LuteNocturnal – Jakob Lindberg, Lute
Werke von Anthony Holborne, Edward Collard, Daniel Bacheler, John Danyel, William Byrd, Benjamin Britten, John Dowland und John Johnson
Aufgenommen im August 2017, erschienen ℗ 2018
Lauten: 8-chörige Renaissance-Laute von Michael Lowe, 1982; 7-chörige Laute (in Mandora-Stimmung) von Michael Lowe, 1992
BIS-CD und SACD 2082, im Vertrieb von Klassik Center Kassel
… weniger aufgeregt und aufregend …

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Jakob Lindberg hat wieder einmal ein CD-Programm zusammengestellt, das originell und frisch wirkt … dabei hat man den Eindruck, nichts an Lautenmusik sei überliefert, was er noch nicht auf LP oder CD vorgelegt hätte. Gut, Benjamin Brittens „Nocturnal“ habe ich von ihm noch nicht gehört – weder auf der Gitarre, noch auf der Laute. Aber Bacheler und Johnson (zum Beispiel)? Ich würde mich wundern, wenn von diesen Meistern Stücke vorlägen, die wir von Jakob Lindberg noch nicht gehört haben! Und bitte, wenn ich Aufnahmen von Jakob Lindberg gehört habe, dann war das immer zu meinem und, wie ich annehme, zu unser aller großem Vergnügen!

Segovia Guitar MusicSegovia: Guitar Music
Alberto La Rocca, Guitar
Aufgenommen März/April 2015, erschienen ℗ 2016
Gitarre: Masaru Kohno, 1983 [die zehnsaitige Gitarre, mit der der Interpret für ein Foto im Inneren des Covers fotografiert worden ist, stammt – so eine Information von Alberto La Rocca in einer privaten Email an den Autor – von Luigi Locatto und wurde auf der Segovia-CD nicht verwendet, wohl aber auf zwei weiteren CDs des Künstlers.]
BRILLIANT CLASSICS 95369
… Segovia hat gerne mitkomponiert …

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Dass Andrés Segovia der weltweit einflussreichste „klassische Gitarrist“ des 20. Jahrhunderts gewesen ist, wird sicher nirgends bezweifelt. Und doch: Er ist sein Leben lang und ähnlich weltweit in hohem Maß kritisiert worden – als Gitarrist, Herausgeber, Lehrer und Komponist.

Segovias Karriere hat zwar beinah‘ das komplette zwanzigste Jahrhundert umspannt – allerdings ist er als Kind des 19. Jahrhunderts geboren worden und den Traditionen und Gewohnheiten dieser Zeit verbunden geblieben. Das 20. Jahrhundert war nicht nur von zwei Weltkriegen überschattet und vom Faschismus geprägt, in den Künsten war es auch die Zeit des Abstrahierens und der Abstraktion … aber dafür hatte Maestro Segovia nicht viel übrig. Je weitergehend sich Komponisten der Atonalität verschrieben – desto geringer waren ihre Chancen, von Segovia gewürdigt zu werden. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele, ich nenne hier nur die „Quatre Pièces Brèves“ Von Frank Martin, die Segovia für Jahrzehnte ignoriert und damit der Musikwelt vorenthalten hat. Sein Metier war neo-neo-romantische Musik – Portamenti waren sein stilistisches Erkennungsmerkmal. Auch sein Spiel war nämlich unverwechselbar – und zwar unverwechselbar betörend in seiner klanglichen Dichte und unverwechselbar frech in seinem Ignorieren dessen, was von den Komponisten aufgeschrieben worden war. Segovia hat gerne mitkomponiert.

Toys for Two CDToys for Two – from Dowland to California
Margret Köll, Triple Harp; Luca Pianca, Lute
Werke von Dowland, Jimmy Page, Robinson, Byrd, Philips, Locke und anderen
Aufgenommen im Mai 2016, erschienen
℗ 2018
Laute: Luc Breton 1988
ACCENT Records ACC24340, im Vertrieb von Note-1
Leichtigkeit und Spielwitz …

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Margret Köll und Luca Pianca sind die Akteure dieser CD, die Musik „von Dowland bis California“ zusammenfasst. Es ist mehr Dowland, als California zu hören … und das ist bei der Besetzung mit Harfe und Laute nicht weiter verwunderlich. „Dowland“ steht für englische Consort-Musik des 17. Jahrhunderts – „California“ für Popmusik der neunzehnhundertsiebziger Jahre. Komponiert ist letztere von James Patrick (Jimmy) Page, dem Gründer von „Led Zeppelin“. Alle fünf Stücke, die auf der CD unter „California“ laufen, sind von ihm.

Bei Dowland ist das anders – nicht alles, wo Dowland draufsteht, ist auch von Dowland. William Byrd (1543–1623) ist der Älteste, Matthew Locke (1621–1677) der Jüngste der Komponisten … oder – sagen wir besser – Locke ist rund fünfundsiebzig Jahre später geboren, als William Byrd. Kein Wunder, dass sich die Musiken der beiden Komponisten grundsätzlich unterscheiden. Unter Königin Elizabeth I. (1533/1558–1603) haben die Älteren von ihnen komponiert, die Jüngeren unter James I. (1566/1603–1625) und sogar Charles I. (1600/1625–1649).

Neu eingegangene Noten, Besprechung vorbehalten


Andreas Aigmüller, Dialog op. 60a für Mandoline und Gitarre, Berlin, Verlag Neue Musik, 2014, nm 1294

Taner Akyol, Massaker für Gitarre solo, Berlin, Verlag Neue Musik, 2014, NM 1770

Francisco Manuel Serrano Alacio, Tres cándidos Universos, Reihe: Gitarre & Harfe hrsg. v. Maximilian Mangold und Mirjam Schröder, Berlin, Verlag Neue Musik, 2014, nm 1557

Isaac Albéniz, Danzas Espagnola Nr. 5 [sic] (Asturias/Leyanda) für Gitarre, herausgegeben von Oliver Eidam, Bremen, Eres, 2013, eres 3211

Isaac Albéniz, Danzas Espagnola Nr. 8 [sic] (Cuba/Notturno) für Gitarre, herausgegeben von Oliver Eidam, Bremen, Eres, 2013, eres 3213

Isaac Albéniz, Danzas Espagnolas Nr. 3 (Sevilla/Sevillanas) für Gitarre, herausgegeben von Oliver Eidam, Bremen, Eres, 2013, eres 3212

Julian Anderson, Catalan Peasant with Guitar, Mainz u.a., Schott, 2015, ED 13827

Peter Ansorge, [und Bruno Szordikowski: ] Mein erstes Konzert: 44 leichte Gitarrenstücke aus fünf Jahrhunderten, Mainz u.a., Schott, 2015, ED 22050

Peter Ansorge (Hrsg.), [und Bruno Szordikowski]: Classical Studies for Guitar/Klassische Gitarrenetüden, Mainz u.a., Schott, 2014, ED 21604

Peter Ansorge (Hrsg.), Easy Concert Pieces for Guitar, Mainz u.a., SCHOTT, 2016, BSS 57385

Peter Ansorge (Hrsg.), Easy Concert Pieces II for Guitar, herausgegeben von Bruno Szordikowski und Martin Hegel, Mainz u.a., Schott, 2014, ED 21637

Peter Ansorge (Hrsg.), und Bruno Szordikowaski und Martin Hegel: Easy Concert Pieces for Guitar Vol. 12 [mit CD], Mainz u.a., Schott, 2013, ED 21636

Johann Sebastian Bach, Bach for Guitar, hrsg. v. Martin Hegel, herausgegeben von Martin Hegel, Mainz u.a., Schott, 2013, ED 21601

Johann Sebastian Bach, Clavier-Übung III, 4 Duette, BWV 802-805 bearbeitet für zwei Gitarren von Reinbert Evers, Berlin, Verlag Neue Musik, 2018, NM 2818

Johann Sebastian Bach, Das Gesamtwerk für Laute solo, transkribiert für Gitarre von Reinbert Evers und Giesbert Keller. Spieltechnisch eingerichtet von Reinbert Evers, Berlin, Verlag Neue Musik, 2016, NM 1643

Gangi Studies for GuitarGangi Music for Guitar 2018
Gangi: Music for Guitar

Alessandro Minci, Guitar
Aufgenommen im Januar 2018
Gitarre: Leonardo De Gregorio
BRILLIANT CLASSICS 95724

 Gangi: 22 Studies for Guitar
Andrea Pace, Guitar
Aufgenommen im Juni 2015, erschienen ℗ 2016
Gitarre: Leonardo De Gregorio
BRILLIANT CLASSICS 95204
… leicht und unterhaltsam, kurz und knapp …

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Mario Gangi (1923–2010) wurde in Rom geboren und hat ersten Musikunterricht bei seinem Vater erhalten, der in den 30er Jahren als Gitarrist, Kontrabassist und Banjospieler in verschiedenen Jazz-Ensembles gespielt hat. Mario studierte dann am Santa-Cecilia-Konservatorium in Rom und zwar Kontrabass, Gitarre hat er schon als Kind gespielt und mit diesem Instrument hat er auch dann eine Konzertkarriere betrieben. Petrassis „Nunc“ hat er aufgeführt, auch eine eigene Bearbeitung des Konzerts op. 30 für Gitarre und Orchester von Mauro Giuliani. Diese Version des Konzerts ist – nebenbei bemerkt – von diversen Gitarristen aufgeführt und eingespielt worden, wurde aber eher vorsichtig beurteilt, weil niemand die Verlässlichkeit der Edition einschätzen konnte. Sie ist in José de Azpiazus Verlag Symphonia Edition in Basel unter dem Namen „Celebre Concerto“ op. 30 herausgekommen und war tatsächlich stark überarbeitet und verfälscht. Mario Gangi ist als Herausgeber genannt. Das Motto „ad fontes!“ war damals in der Gitarrenszene nicht bekannt … mindestens wurde es selten beachtet. Gangi war keineswegs der Einzige, der kreativ mit musikalischen Quellen umging.