Giuliani pop

Peter Paeffgen Nikita KoshkinElena Papandreou plays Nikita Koshkin
Megaron Concerto, Guitar Quintet
Singapore Symphony Orchestra, Lan Shui
Hew Hellenic Quartet
Aufgenommen 8/2009, erschienen 2012
BIS Records CD-1846, Vertrieb in Deutschland: Klassik Center Kassel
… ein wirklich goßer Wurf! …

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Elena Papandreou arbeitet schon lange mit Nikita Koshkin zusammen. Schon 2001 hat sie eine CD mit Solowerken des russischen Komponisten aufgenommen (BIS–CD 1236), jetzt eine mit Konzerten für Gitarre und Orchester und mit Kammermusik.

CD Papandreou KoshkinKoshkin schreibt fast ausschließlich Stücke mit Beteiligung seines Instruments, der Gitarre, und ist ursprünglich durch zwei große solistische Werke bekannt geworden: „The Prince’s Toys“ und „Porcelain Tower“.

Aber er ist kein guitarist-composer, keiner zumindest, der aus ihm bekanntem Material neue Stücke zusammenschraubt und auch keiner, der improvisiert, aufschreibt und dann das Geschriebene als Komposition verkauft. Nein, Nikita Koshkin darf sich Komponist nennen … auch, wenn seine frühen Solostücke für Gitarre gespickt waren mit „neuen Spieltechniken“ und Klangeffekten, die nichts anderem dienten, als die den Stücken unterlegten Programme lautmalerisch zu stützen. „The Prince’s Toys“ war Programmmusik im engsten und ursprünglichsten Sinne des Wortes und die Programme wurden zur Sicherheit gleich mitgeliefert … in Form von Satzüberschriften. Aber gut, das ist mehr als dreißig Jahre her! „The Prince’s Toys“ hat Nikita 1980 geschrieben, 1984 den „Usher Waltz“ – er wurde sein vermutlich populärstes Gitarrenstück überhaupt. Der Titel des Walzers nimmt Bezug auf Edgar Allan Poes Kurzgeschichte „The Fall of the House of Usher“ und schon dieses Stück hat eine weniger direkte Beziehung zu seiner außermusikalischen Vorlage, als etwa „The Prince’s Toys“. Dafür ist der Hinweis auf Poes Vorlage zu diffus und die Geschichte um Roderick Usher weder konkret umrissen noch bekannt genug.

Aber Nikita Koshkin hat die Zeit der Programmmusik ohnehin hinter sich gelassen, mindestens ist die Abhängigkeit seiner Stücke von Programmen nicht mehr so unmittelbar greifbar. Und doch: Er hat für das „Megaron Concerto“ eine Geschichte mitgeliefert: „Außerdem stellen wir uns altgriechische Musik [an die wollte er sich anlehnen, denn ein griechisches Konzerthaus (Megaron in Athen) und eine griechische Gitarristin (Elena Papandreou) hatten das Konzert in Auftrag gegeben] monodisch vor – keine Polyphonie, keine Harmonie, nur eine sich bewegende Stimme.“ [Booklet] Zu ähnlichen, übrigens nie als richtig bestätigten Einschätzungen waren die Mitglieder der Florentiner Camerata über vierhundert Jahre vor Koshkin gekommen, als sie das altgriechische Drama wiederbeleben wollten und damit die Monodie und den Generalbass begründeten und damit letztlich die ersten Opern initiierten.

Aber egal, der Bezug auf altgriechische Musik hat ohnehin einen nur höchst unpräzisen Programmhintergrund geliefert. Griechisch ist das Konzert nämlich nicht und schon gar nicht altgriechisch. Es ist auch nicht avantgardistisch, sondern eher konservativ … und: Hatten wir nicht schon einmal ein Konzert für Gitarre und Orchester, das wegen seines zweiten und nicht ersten Satzes berühmt geworden ist? Der zweite Satz des „Megaron Concerto“ (Allegro assai) trumpft mit einem außerordentlich energischen und markanten Hauptthema auf, das nicht nur beherrscht, sondern auch den Solisten und das Soloinstrument glänzend in Position bringt. Bravo! Der Satz wechselt am Schluss mit schluchzenden Geigen zwar kurz nach Hollywood, fängt sich dann aber mit einem Hauch von Exotik im Schlagwerk. Die Gitarre hat das letzte Wort. Aber der Zweite Satz wäre mein erster – zumindest er ist ein großer Wurf!

Im ersten Satz des „Megaron Concerto“ (Allegro sostenuto – Allegretto marziale) hat die Gitarre nicht durchgehend eine so exponierte Position wie im zweiten und wie sie ihr als Soloinstrument eigentlich zustünde. Das hängt freilich mit Koshkins Idee von Monodie etc. zusammen, auch, wenn sie nicht im ganzen Konzert ihre Spuren hinterlassen hat, denn „[zugleich] enthält die Partitur auch viel Polyphonie. Das deutet auf die Idee eines weiteren Dialogs zwischen griechischen und klassischen Elementen hin.“ [Booklet] Aber irgendwie hat dieser erste Satz für mich etwas Unentschlossenes, und das trotz seines kriegerischen Teils.

Der Satz beginnt mit einem forschen Hauptmotiv, dem man immer wieder aufs Neue begegnet und mit dem die Gitarre gelegentlich auch große Auftritte hat. Der Kopfsatz des Konzerts verliert sich aber bald in Sphärischem … irgendwie Unentschlossenem. Und übrigens: Schließlich endet er auch so: Der erste Satz schleicht sich davon.

Satz III, Adagio, lebt zunächst von einem Dialog zwischen der Gitarre und der Ersten Violine. Dann entfaltet sich der Orchesterklang wie eine Blume, Blatt um Blatt, mit sonoren Streicherklängen und die Gitarre schlüpft in ihre Solistenrolle, die für sie schließlich eine mächtige Kadenz mit wild-virtuosen Passagen bereithält.

Ein zunächst sehr lebhafter Satz (Vivo – Andante) beschließt das Konzert. Wieder sind es Violine und Gitarre, deren Zwiegespräch man mitbekommt. Aber es endet durchskandiert furios … und erinnert an Koshkins Einwurf, er habe auch ein russisches Element in sein Konzert eingebacken. „Der russische Geist liegt in der Tiefe und in der dramatischen Entwicklung“, schreibt er bescheiden. Hier liegt er vielleicht, der russische Geist! Das Ende des Konzerts hat wieder was von Hollywood. Großes Kino!

Das „Megaron Concerto“ von Nikita Koshkin hat alles: Einen eher introvertierten ersten Satz, einen glänzenden zweiten, den selbst ich als „großen Wurf“ bezeichnet habe; er wartet mit tiefen Gefühlswallungen auf wie im dritten Satz und mit großem Kino wie im vierten. Was will man mehr?

Ich akzeptiere das „Megaron Concerto“ als Nikita Koshkins Opus Maximum … stünde nicht auf der neuen CD von Elena Papandreou als nächstes sein „Guitar Quintet“. Als Besetzung würde ich für dieses Werk angeben „Gitarre und Streichquartett“, wenn das nicht heimlich implizierte, es handle sich um so was, wie ein Konzert für Gitarre und Streicher in Reduktion für Streichquartett. Falsch! Es ist Kammermusik mit keinem Solisten, und das macht dieses Stück so aufregend. Jetzt ist die Gitarre nicht in Klänge eingepackt, sie ist Teil einer Struktur. Schon die Bemerkung im Booklet, dieses Stück habe „seiner symphonischen Struktur entsprechend vier Sätze“, ist irreführend. Es ist Kammermusik, auch wenn es sich zwischendurch anders anhört!

Der erste Satz (Allegro moderato) präsentiert die Gitarre zwar zu Beginn als Soloinstrument, nimmt dieses Herausstellen aber rasch wieder zurück. Sehr bald schon ist das Instrument im ständigen Einsatz für Struktur und Klangfarbe. Denn wir wissen ja: „[Jetzt] ist die Gitarre eher wie eine einzelne Stimme – es ist nicht nötig, die ganze Textur auf die sechs Saiten zu legen“, das hat Nikita Koshkin zwar im Zusammenhang mit seinem neuen Konzert gesagt, aber hier passt es und hier hat er es auch bedacht. Bravo Nikita, dies ist ein wirklich großer Wurf!

Das Scherzo des Quintetts (Vivo energico) ist mein Favorit unter den Sätzen. Es strahlt die Leichtigkeit eines Scherzo bei Haydn oder Beethoven aus, beweist aber das Scherzhafte seines Seins damit, dass es nicht im Dreier- sondern im Vierertakt steht, also keineswegs traditionell ausgerichtet ist.

Am Schluss gibt’s noch einen Beweis für Nikita Koshkins Vielseitigkeit: Es ist die „Polka Papandreou“ für Gitarre und Streicher, gut eine Minute Salonmusik vom Feinsten!

Und die Papandreou beweist, dass sie eine der Großen ist. In allen Werken von Koshkin, die auf ihrer neuen CD sind, auch in „L’Istesso Tempo“ für Cello und Gitarre, hier nicht erwähnt, ist sie grandios!