Giuliani pop

Izhar Elias CD 562x550Izhar Elias: Hommage à Debussy
Spanish and French Guitar Music from Paris
Werke von de Falla, Rodrigo, Henri Sauget, Turina, Poulenc, Tansman, Villa-Lobos
Aufgenommen im August 2011, erschienen 2011
Brilliant Classics 9246
… eine kluge und originelle Werkauswahl …

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Izhar Elias ist ein neues Gesicht in der Gitarrenszene … für mich jedenfalls! In Amsterdam ist er 1977 geboren, ein Youngster ist er also nicht mehr, und dies ist auch schon seine zweite CD bei Billiant Classics. Die erste enthielt Giuliani-Arrangements von Nummern aus Rossini-Opern, der Ouvertüre zu „Serimamide“ zum Beispiel.

Hier nun sind Stücke zu einem Programm zusammengestellt, die jeder Gitarrenmusik-Hörer kennt. Erstens sind sie fast alle für den Gitarren-Superstar aller Zeiten komponiert worden und zweitens hat Segovia einige davon auch tatsächlich gespielt und bekannt gemacht. Sie sind alle in Paris entstanden und Paris war damals, die Rede ist von der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die Kulturhauptstadt Europas, wenn nicht gar „the cultural capital of the world“, wie Izhar Elias im Booklet seiner CD meint. In Paris schlug der Puls der künstlerischen Avantgarde, in Paris trafen sich die Künstler und Denker der Zeit, in Paris wurden die Weichen für die künstlerische Entwicklung gestellt. Picasso (1881—1973) traf Strawinsky (1882—1971), Satie (1866—1925) traf Debussy (1862—1918), Villa-Lobos (1887—1959) traf Segovia (1893—1987) und Sartre (1905—1980) traf Django Reinhardt (1910—1953). Dann machten zwei Weltkriege dem Ganzen ein Ende. Die Welt hielt den Atem an.

Mit Manuel de Fallas „Homenaje“ auf Claude Debussy beginnt Izhar Elias sein Programm und provoziert damit Vergleiche mit der gesamten Kollegenschaft, denn schier jeder Gitarrist hat dieses Stück schon aufgenommen oder mindestens im Repertoire.

Manuel de Falla hat seine „Homenaje“ für die Ausgabe I/1920/Nº 2 der Pariser Zeitschrift „La Revue Musicale“ geschrieben und diese spezielle Nummer war dem Andenken an Claude Debussy gewidmet. Insgesamt neun Komponisten haben musikalische Beiträge geliefert, darunter Manuel de Falla.

In seiner „Homenaje“ nimmt er Bezug auf Debussys Klavierstück „La Soirée dans Grenade“ aus dem Zyklus „Estampes“ von 1903, das mit „Mouvement de Habanera“ überschrieben ist. Und der Habanera-Rhythmus bestimmt beide Stücke, das von Debussy und „Homenaje“ von Manuel de Falla, der „La Soirée dans Grenade“ sogar mehrmals „wörtlich“ in seiner Huldigung zitiert.

Claude Debussy hat es als Nicht-Spanier verstanden, mit ein paar Federstrichen unverkennbar Spanisches in sein Klavierstück zu zaubern und vermutlich hat de Falla genau deshalb in seiner Hommage darauf Bezug genommen, zumal er selbst eine enge Beziehung zu der Stadt Granada hatte und dort auch seine „Homenaje“ komponiert hat.

Izhar Elias verfolgt den Habanera-Rhythmus durch die „Homenaje“ diskret, überbetont ihn nirgends und ist, was Details angeht, eher etwas lässig. Das soll nicht heißen, er vernuschele Töne oder überbetone andere, aber in einem so kompakten Stück von gerade mal drei Minuten Dauer ist jedes Luftholen von Bedeutung, das Gewichten von Läufen und Figuren oder beispielsweise das durchgehende, schlichte 2/4-Muster der Habanera, mit dem sich de Falla bei Claude Debussy eingehakt hat. Sie war Debussys Tribut an Spanien und schließlich verbeugte sie Manuel de Falla mit dieser Habanera vor dem großen Debussy.

Die beiden nächsten Stücke des Programms sind „Homenajes“ auf Manuel de Falla: „Invocación y Danza“ von Joaquín Rodrigo und „Soliloque“ von Henri Sauget. „Invocación y Danza“ ist für meine Begriffe eines der besten Gitarrenstücke des 20. Jahrhunderts und es ist ein Stück, das völlige Beherrschung der klanglichen Potenzen der Gitarre beim Interpreten voraussetzt. Da kann nichts mit virtuoser Schaumschlägerei überbrückt werden, da ist Tremolo kein Zurschaustellen spieltechnischer Fertigkeit, sondern Werkzeug für pures Belcanto … und das hat Izhar Elias nicht nur verstanden – er kann es auch auf dem Instrument umsetzen. Aber den magischen Moment in „Invocación y Danza“, da, wo sich aus flirrendem Gitarrenklang die Danza absetzt, überschrieben mit „Allegro moderato poco“, den verpasst er, da geht er zu ratiobetont an die Musik heran. In Izhars Spiel höre ich noch etwas von dem postsegovianischen Puritanismus in Sachen Klang und Agogik, der als Reaktion auf das geistlose Epigonentum mittelmäßiger Gitarristen lange bestimmend war. Aber hier, in einem Stück, das von Klang und Stimmungen lebt, wäre etwas mehr Segovia durchaus erlaubt gewesen.

Und es ist auch keineswegs so, dass Izhar Elias jedes Stück kühl und ernüchtert anginge – zum Beispiel Sarabande und besonders „Danza Pomposa“ von Alexandre Tansman. Da erlaubt er sich weitergehende Freiheiten, schämt sich auch nicht ob seines Bades im Gitarrenklang … und trifft damit präzise den Ton, den ich für diese Musik favorisiere. Sehr schön!

Izhar Elias präsentiert auf seiner CD „Hommage à Debussy“ eine kluge und originelle Werkauswahl – und er tut das insgesamt überzeugend. Dass wir nicht in jedem Detail übereinstimmen zeigt nur, dass wir auf gleicher Augenhöhe diskutieren. Bravo!

Link auf YouTube: Izhar Elias spielt auf der besprochenen CD die Etüde XI von Heitor Villa-Lobos. Das gleiche Stück spielt er auf dem oben verlinkten Video bei YouTube. Upload 01. April 2011: ]