Giuliani pop

Devine BachJoPerroy Bachhann Sebastian Bach, Transcriptions for Guitar: Partita c-Moll BWV 826; Suite BWV 997; Prelude, Fugue and Allegro BWV 998; Concerto in D-major (after Vivaldi) BWV 972
Judicaël Perroy, Gitarre
Aufgenommen im April 2010, erschienen 2012
NAXOS 8.572427
… fast amorphe Tonkette …
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Johann Sebastian Bach, Guitar Transcriptions: Choral “Nun komm der Heiden Heiland” BWV 659; Cello Suite Nº 4 BWV 1010; Choral “Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ” BWV 639; Choral “Jesus bleibet meine Freude” BWV 147; Violin Partita Nº 2 BWV 1004; Choral “Bist du bei mir” BWV 508
Graham Anthony Devine, Guitar
Aufgenommen im Juli 2010, erschienen 2012
NAXOS 8.572740
… insgesamt überzeugt …
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Werke von Johann Sebastian Bach werden seit jeher für Gitarre bearbeitet. Angefangen hat’s mit Einzelsätzen aus den Lautenwerken, dann kamen Teile aus Werken für andere Instrumente dazu. Als sich bei Gitarristen immer weiterreichend durchsetzte (und als sie auch spieltechnisch dazu in der Lage waren), dass man nicht mehr Einzelsätze sondern komplette Zyklen spielte, wurden auch die Adaptionen aus dem Œeuvre von Bach komplett gespielt: Segovia nebst Epigonen spielten noch die Chaconne – heute wird gemeinhin die ganze Violin-Partita (BWV 1004) vorgeführt wenn nicht gar (für CD-Projekte) alle drei Sonaten und Partiten en suite.

 

Unter den Werken, die Judicaël Perroy auf seiner neuen CD spielt, sind zwei, die meistens überhaupt nicht als Transkriptionen empfunden und bezeichnet werden. Es sind die dies die Suite BWV 997 und „Präludium, Fuge und Allegro“ BWV 998 [PFA] – beide hat Wolfgang Schmieder als „Werke für Laute“ in sein „Thematisch-Systematisches Verzeichnis der Musikalischen Werke von Johann Sebastian Bach“ (BWV) aufgenommen und um beide wird seitdem in der Musikwissenschaft und in Gitarristenkreisen gestritten. Es ist nämlich keineswegs unbestritten, dass die Werke wirklich für Laute konzipiert waren … aber das, ich sage es eher triumphierend als bedauernd, spielt heute eigentlich keine Rolle mehr. Denn ist nicht jedes Werk von Johann Sebastian Bach, das auf der Gitarre gespielt wird, eigentlich eine Transkription? Und sind seine Instrumentalwerke, auch die geringsten, nicht so in sich geschlossene, perfekte Kunstwerke, dass sie – auf jedwedem Medium dargeboten – ihre Größe mindestens ahnen lassen?Aber die Absolution, die ich hier – ex cathedra sozusagen – verkünde, hat natürlich Grenzen: Eine davon ist spieltechnisch begründet, eine andere hängt mit instrumentenidiomatischen Eigenarten zusammen … aber prinzipiell sollte man im Umgang mit Transkriptionen nicht päpstlicher argumentieren, als der Papst – zumal, wir wissen es, für Gitarre nicht im Überschwang originale Meisterwerke zur Verfügung stehen!

Judicaël Perroy beginnt sein Programm mit der Partita BWV 826 … und trifft damit gleich auf ein Stück, das, was die spieltechnischen Anforderungen angeht, hart an der Grenze zum Nichtempfehlenswerten liegt. Die einleitende Sinfonia beginnt im Stil einer französischen Ouvertüre, leitet in ein hinreißend schönes und tatsächlich gut für die Gitarre geeignetes Andante über, um dann attacca in ein Fugato im Dreiertakt zu münden. Dieser fugierte Teil ist es, der in angemessenem Tempo nur mit Mühe auf der Gitarre darstellbar ist. Die Partita stammt aus dem ersten Teil der Clavierübung und die Nonchalance, mit der jeder akzeptable Cembalist das relativ kurze Fugato spielt, kann ein Gitarrist kaum erreichen, weil er sich statt mit Musik mit dem Überwinden spieltechnischer Klippen befassen muss. Das Rondeau am Ende der Partita, auch das Capriccio stellen Aufgaben … aber Judicaël Perroy macht seine Sache gut. Sehr gut sogar! Er bietet wenig Anlass zu Kritik oder gar Ablehnung. Alles ist glatt und rund, ohne Ecken und Kanten … aber ist es vielleicht diese scheinbare Makellosigkeit, die mich schließlich doch nicht hundertprozentig zufrieden mit dem macht, was ich da höre?

Zwei Fugen gibt’s in dem Repertoire dieser CD: eine in BWV 997 und die in PFA. Letztere, ich muss es sagen, kommt bei mir als weitgehend unsortiertes Tonkontinuum an, wo dem Publikum wenig Orientierungshilfen geliefert werden. Mehr noch: Das Allegro des gleichen Werkes – bei Perroy nicht wie so oft zum Adagio mutiert – ist eine fast amorphe Tonkette ohne Gestalt. Schade, Judicaël Perroy hätte durch seine ausgebildete Spieltechnik so viele Möglichkeiten … hier nutzt er sie nicht.

Am Schluss steht das bisher nie auf der Gitarre gehörte Concerto D-Dur BWV 972, die Adaption eines Werks von Antonio Vivaldi. Albert Schweitzer meinte zu Bachs Transkriptionen: „Eigentlich ist es ganz unbegreiflich, dass Bach, nun schon in der Zeit der ersten Meisterschaft, wo ihm die Themen und Motive in Fülle zuströmten, sich damit abgab, in Anlehnung an eine oft banale Erfindung anderer zu arbeiten.“ Ich weiß zwar nicht, ob Schweitzer, als er von „banalen Erfindungen“ sprach, auf dieses Konzert Vivaldis Bezug genommen hat, allerdings ist es durchaus möglich und eines ist sicher: Auch die Transkription der Transkription durch Judicaël Perroy hat das Werk nicht interessanter gemacht. Mindestens die schnellen Sätzen sind schlichte Gebrauchsmusik.

Graham Anthony Devine ist, was sein Repertoire angeht, anders vorgegangen, als Judicaël Perroy. Er hat zwei bekannte zyklische Werke, die Vierte Cellosuite und die D-moll-Partita für Violine, in Choralbearbeitungen eingebettet. Dabei, bei den Chorälen, ist natürlich „Jesus bleibet meine Freude“ aus der Kantate „Herz und Mund und Tat und Leben“ BWV 147, eines der bekanntesten Stücke von Bach überhaupt und eines, das als „Jesu, Joy of Man’s Desiring“ bei Gitarristen außerordentlich beliebt ist.

Devine ist ein routinierter Musiker, der bei Naxos immerhin schon fünf CDs und alle fünf mit höchst anspruchsvollen Programmen herausgebracht hat. Zwei davon sind hier besprochen worden (Gitarre & Laute ONLINE XXIX/2007/Nº 2, S. 45--46).

Mit dem Programm, das er für seine Bach-CD ausgewählt hat, bekennt Graham Anthony Devine sich zum „Legato“: Vier der „Nummern“ des Programms sind Choralsätze und die beiden Instrumentalwerke gehen auf Stücke für Streichinstrumente zurück. Eines davon ist ursprünglich für Cello und besonders das ist der Gesanglichkeit verpflichtet. Er hat keine Angst vor Virtuosem, keineswegs, und er stellt sich ihr auch, wenn es musikalisch erforderlich ist. Aber er zelebriert die langsamen Sätze mit großer Hingabe und mit viel Sinn für Spannung und Timing. Man nehme zum Beispiel die Sarabande der Violin-Partita BWV 1004. Der Gitarrenmusikerprobte wartet auf die Chaconne, mit der das Werk abgeschlossen wird … aber die Sarabande, der zentrale Ruhepunkt des monumentalen Werks und gleichzeitig wo etwas wie ihre Essenz, ihr Konzentrat, sie verlangt von Musiker wie Hörer eine Menge Aufmerksamkeit. Devine lässt einen teilhaben an dem Kämpfen, das in dieser Musik ausgetragen wird und gleichzeitig seinem erlösenden Ende.

Und die Chaconne, die seit Segovia häufiger auf der Gitarre als der Violine gespielt wird? Für die hätte ich mir – zugegeben! – mehr Gestaltung im Detail gewünscht, mehr Konsistenz in Phrasierung und Akzentuierung. Devine spielt beispielsweise im Eingangsthema der Gigue mit dem Wechsel von leicht angestoßenen Tönen und gebundenen und gibt damit dem ganzen Satz einen fein schwingenden tänzerischen Charakter … den er zwar nicht bis zum Schluss durchhalten kann, der aber trotzdem das Stück prägt. Dieses Detailbewusstsein vermisse ich bei der Chaconne.

Die Bach-CD von Graham Anthony Devine hat mich insgesamt überzeugt und zwar, was die Werkauswahl angeht als auch ihre Präsentation.