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Baroque MasterpiecesArtis Guitar Duo: Baroque Masterpieces
Werke von Händel, Johann Sebastian Bach, Silvius Leopold Weiss, Vivaldi
Beteiligt als Bearbeiter: Matteo Mela & Lorenzo Michele; als b.c. (Basso Continuo): Olaf van Gonnissen & Sergio Bermudez Bellido
Aufgenommen Dezember 2017 und Januar 2018, erschienen ℗ 2019
Gitarren: Gernot Wagner
NAXOS 8.551420
… Und tugendhaft ist das Spiel des Artis Guitar Duos! …

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Barockmusik für Gitarre oder für zwei Gitarren – das lässt gleich an Johann Sebastian Bach denken, dessen Œuvre seit Dezennien von Gitarristen mangels eigenem Originalrepertoire ausgeschlachtet wird. Und Silvius Leopold Weiss und François Couperin? Beide sind bekannt für ihre Instrumentalmusik – Weiss für Lauten- und Couperin für Cembalowerke.

Bach war das universale musikalische Genie, das für alle möglichen instrumentalen Besetzungen Meisterwerke geschrieben hat, darunter Solowerke für Violine, Cello, Cembalo, Orgel und andere Instrumente. Auch Lautenwerke gibt es, die als Kompositionen von Johann Sebastian Bach gelten – deren Urheberschaft oder mindestens deren eindeutige Zuweisung zu einem Lauteninstrument allerdings umstritten sind. Wenn Bachs Lautenwerke von Johann Sebastian Bach stammen, sind sie keineswegs von ihm für das Instrument eingerichtet worden. Es sind meisterhafte Werke und nach entsprechender Bearbeitung sind sie auch auf einer Laute der Bach-Zeit spielbar.

Tatsächlich spielt das Artis Guitar Duo Bach … allerdings keine Komposition, die schon von zig Gitarristen oder Gitarrenduos gespielt worden wäre. Sie präsentieren ein mehr als bekanntes Werk des Thomaskantors, allerdings keines, das in den Hitparaden der Klassik Preise gewonnen hätte. Es ist das „Capriccio sopra la lontananza del suo fratello dilettissimo“ (BWV 992), geschrieben zur Abreise von Bachs geliebtem Bruder Johann Jacob (1682–1722), der 1704 als Oboist mit der schwedischen Armee unter Karl XII. in den Krieg zog.

 

Das Besondere an dieser Komposition ist, dass es sich um veritable Programmmusik handelt. Nicht, dass es programmabhängige Musik zu Bachs Zeit nicht oder nur selten gegeben hätte – keineswegs! – aber vom Thomaskantor höchstselbst waren musikalische Spiele, die einem profanen nicht musikalischen Programm folgten, eigentlich kaum vorstellbar. Mindestens waren sie subtiler, diskreter Und hier? Der letzte Satz des Capriccios heißt: „Fuga all’imitazione della cornetta di postiglione“ – auf Deutsch „Fuge auf ein Posthornsignal“.

Irgendwie gehorchen auch viele Cembalostücke von François Couperin außermusikalischen Programmen.„Les Bergeries“ („Schafställe“), „La Commère“ („Die Klatschbase“) und ähnlich heißen sie. Aber sie zeigen auch, dass Programmmusik nicht gleich Programmmusik ist … und dass auch ein unumstrittener Meister wie Johann Sebastian Bach Profanes komponiert hat – sogar Programmmusik!

Händels Chaconne aus den „Neuf suites de pièces de clavecin“, erschienen 1733 in London [sic!], gehört weiterhin ins Programm der „Baroque Masterpieces“, schließlich ein Concerto D-Dur für zwei Lauten von Silvius Leopold Weiss. Dieses Werk stammt weder aus der Londoner, noch der Dresdner Weiss-Handschrift, es wurde 1998 in einer der Tabulaturhandschriften der Familie Harrach auf Schloss Rohrau entdeckt.

Den Programmschluss markiert das Konzert für zwei Mandolinen, Streicher und Orgel RV 532 von Antonio Vivaldi. Dieses Konzert ist – man erlaube mir eine eher minderwertende Einschätzung – so typisch Vivaldi, dass es – vor allem in dem abschließenden Allegro – schamlos mit Plattitüden aufwartet … klassischen Plattitüden zwar, aber doch Plattitüden!

Julia und Christian Zielinski haben bei Johannes Monno studiert, bei Ivo und Sofia Kaltchev (Stuttgart), Michael Teuchert (Frankfurt am Main) und Olaf van Gonnissen (Hamburg). Sie haben danach eine ziemlich weltumspannende Konzertkarriere verfolgt, haben je eine Solo-CD herausgegeben und zusammen schon zwei Duo-CDs. Julia und Christian Zielinski wurden beide im Jahr 1987 geboren, es sind aber keine Zwillinge. Julia hieß – bevor sie Christian heiratete – Hechler!

Die beiden Musiker neigen zu durchaus avancierten Tempi, übertreiben aber nicht in dem Maß, wie es von oft jugendlichen Gitarrenduos fast schon erwartet wird. Die Vokabel „Virtuosität“ ist schließlich vom lateinischen „virtus“ abgeleitet und das bedeutet „Tugend“ und nicht „Tempo“.

Und tugendhaft ist das Spiel des Artis Guitar Duos! Das Vivaldi-Concerto ist schon sehr jugendlich – zugegeben! – dafür ist den Zielinskis die „Schmeichelung der Freunde, um denselben [gemeint ist Bachs Bruder Johann Jakob] von seiner Reise abzuhalten“ von Johann Sebastian Bach besonders innig und zart (besaitet) gelungen. Überhaupt: Dem Arts GuitarDuo fehlt hie und da noch das, was jedes Musizieren beflügeln und beleben kann — aber auch völlig zerstören. Gemeint ist Routine! Julia und Christian Zielinski könnten vielleicht etwas mehr Distanz zu der Musik zeigen (oder entwickeln), die sie da vor sich haben. Distanz im Sinne von Ruhe. Distanz im Sinne von – ja! – Routine. Die kommt von selbst und ihr Erwerb kann nicht beschleunigt werden. Was man aufwenden muss, ist Geduld. Und die werden die beiden Musiker gerne einbringen in das Geschäft mit der hohen Kunst.