Giuliani pop

manigem herzenmanigem herzen — Mittelalterliche Lieder und Gesänge in neuem Gewand
ensemble nu:n
Cora Schmeiser, Gesang; Gert Anklam, Saxophone; Falk Zenker, Gitarren und Perkussionsinstrumente
Aufgenommen zwischen 2014 und 2017, erschienen
℗ 2019
RAUMKLANG K 3901, im Vertrieb von NAXOS
Sie haben das überzeugend getan – immer den Hinweis ertragend, dass sie die meiste Musik frei erfunden haben

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Tja, das „neue Gewand“! Das Beispiel „Minnesang“ zeigt, wie schwierig es ist, zwischen „alten“ und „neuen“ Gewändern zu unterscheiden: „Die Melodien zum Minnesang sind nahezu vollständig verloren gegangen“ – schreibt Horst Brunner in seinem Artikel „Minnesang“ in MGG2, (Sachteil, Bd. VI, Sp. 310) und später: „Der Mangel an Quellen verbietet es, eine Musikgeschichte des Minnesangs auch nur im Ansatz zu schreiben“ (ebda. Sp. 311). Man bedenke, dass der Minnesang seine Blütezeit zwischen ca. 1150 und 1350 erlebte, zu einer Zeit also, als eine allgemein verbreitete Notenschrift erst entwickelt wurde. Dass Musik dieser Zeit nur handschriftlich überliefert ist, versteht sich von selbst, schließlich sind Druckverfahren und besonders das Notendrucken erst rund vierhundert Jahre später erfunden worden.

 

Eine Quelle, die für mehrere Titel der CD „manigem herzen“ verwendet wurde, ist die Handschrift 314 der Benediktinischen Stiftsbibliothek Engelberg (das liegt im Kanton Obwalden in der Schweiz). Bei RISM wird sie als CH-EN 314 geführt, bekannt ist sie als Codex Engelberg oder Codex Engelbergensis. Es handelt sich dabei um eine der wichtigsten liturgischen Handschriften des Mittelalters … und liturgische Musik war zu der Zeit die überlieferungswürdige – im Gegensatz zu volkstümlicher Musik, von der nur sehr wenige schriftliche Aufzeichnungen überliefert sind, weil sie nicht oder nur selten aufgeschrieben wurde. Sie wurde extemporiert – beispielsweise nach ostinaten Mustern, wie wir sie noch aus den Lautentabulaturen des 16. Jahrhunderts kennen.

Was waren volkstümliche Musiken? Tänze? Lieder? Sicher gehörten die populären, jedem bekannten Kirchenlieder dazu, die wegen ihrer Omnipräsenz jedem „am Herzen lagen“? Weihnachtslieder, Choräle. Gesungen und getanzt haben die Menschen schließlich, dafür gibt es zahlreiche Bildnachweise. Was sie gesungen und getanzt haben, darüber wissen wir nur wenig.

Das Ensemble n:un hat für seine neue CD mehr als „nur“ Editionen oder Übertragungen anfertigen müssen – wenn Notenausgaben von projektierten Werken vorliegen, dann sind es wissenschaftliche Editionen, die für die Praxis nur bedingt geeignet sind. Es war also vor einer Aufführung Recherchearbeit nötig – Recherche und kompositorische Feinarbeit: „Wir betrachten und interpretieren Musik aus [s]einer Zeit [, aus] unserer Vergangenheit, Musik von den frühesten überlieferten Quellen in Europa. Wir lauschen in sie hinein, umgarnen sie und geben ihr ein neues Gewand unserer Zeit.“ [schreibt Falk Zenker im Booklet, S. 4] Das „Umgarnen“ macht den Unterschied … und natürlich das „Gewand unserer Zeit“. Hier unterscheiden sich Musiker wie n:un von solchen, die sich der „authentischen“ Aufführungspraxis Alter Musik verpflichtet fühlen … das nämlich tun Cora Schmeiser, Gert Anklam und Falk Zenker keineswegs. Sie geben es allerdings auch nicht vor, im Gegenteil: Das „neue Gewand“ wird mehr als einmal erwähnt und tatsächlich ist es modisch recht aktuell. Allein die verschiedenen Saxophone, die Gert Anklam spielt, führen die Hörer der CD in die Neuzeit. Und Falk Zenker, der Gitarrist, spielt weder Oud, noch irgendein anderes historisches Zupfinstrument. Er spielt eine akustische und eine E-Gitarre, ist also weit entfernt von jedem Historisieren. Die Mitglieder des Ensembles haben das getan, was ihre Kollegen vier- bis sechshundert Jahre vor ihnen auch getan haben. Sie haben mit den zur Verfügung stehenden Musikinstrumenten musiziert und sie haben Melodien und Texte dazu gesungen,„wie ihnen der Schnabel gewachsen war“ bzw. wie sie ihnen überliefert waren. Sie haben das überzeugend getan – immer den Hinweis ertragend, dass sie die meiste Musik frei erfunden haben.

EstampieVom gleichen Ensemble: estampie – ensemble nu:n – Falk Zenker; Gert Anklam, Nora Thiele – Aufgenommen im März 2013, erschienen ℗ 2014 – RAUMKLANG RK 3007, im Vertrieb von NAXOS

Was die Estampies angeht, liegen für sie handschriftliche Quellen vor, die in der Bibliothèque Nationale in Paris aufbewahrt werden und für die zudem kritische Ausgaben und zahlreiche wissenschaftliche Abhandlungen vorliegen. Estampies sind instrumentale Vortragsstücke, die „durch eine Folge von Strophen unterschiedlicher Länge gekennzeichnet“ sind (Elke Völker und Leo Normet, Art. Estampie in MGG2, Sachteil, Bd. III, Sp. 162). Dass für die Estampies handschriftliche Quellen vorliegen, bedeutet allerdings nicht, dass hier Niotenmaterial im modernen Sinn vorliegt. Auch hier musste viel rekonstruiert und ergänzt werden, auch hier haben die Interpreten mitkomponiert. Und auch hier haben sie das überzeugend getan! Kühn heißt es im Begleittext, ihre Aufnahme sei eine „Neuinterpretation der ältesten überlieferten Instrumentalmusik des Abendlandes“ … das stimmt irgendwie – und doch wieder nicht, denn die CD enthält doch weniger mittelalterliche Musik, als solche von Falk Zenker, Gert Anklam und Nora Thiele. Und die Musik dieses Ensembles ist nicht nur kreativ, sie macht auch noch Spaß!