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Not just Dowland 300x297Carolyn Sampson & Matthew Wadsworth, Not just Dowland: Songs for Soprano and lute – Werke von Rossetter, Johnson, Ferrabosco, Dowland, Monteverdi, Grandi, Piccinini u.a. Aufgenommen am 7. Dezember 2008, erschienen 2010 Wigmore Hall Live [Wigmore Hall] 0034, in Deutschland bei codaex [codaex]
… berührend vorgetragen von Carolyn Sampson …

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Für Gitarristen ist es etwas besonderes, in der Londoner Wigmore-Hall ihr Debüt erfolgreich bestanden zu haben. Die Halle beherbergt jedes Jahr rund 400 Konzerte und ist spezialisiert auf solistische Darbietungen, Kammermusik und Liederabende. Die Wigmore Hall liegt an der Wigmore Street, die parallel zur Oxford Street verläuft, und da nicht weit von der Marylebone Street – also mitten in der geschäftigen, überlaufenen City of Westminster. Wigmore Hall wurde 1901 gebaut und zwar im Auftrag der deutschen Klavierbaufirma Bechstein und hieß demzufolge anfänglich Bechstein-Hall. Während der Wirren des Ersten Weltkriegs, wurde die Halle boykottiert und 1916 an die Besitzer der Warenhausbetreiber Debenhams verkauft. Wigmore Hall gibt seit einigen Jahren eine vielbeachtete Schallplattenreihe heraus, die vorliegende CD mit Lautenliedern nicht nur von Dowland ist eines der Produkte. Matthew Wadsworth, der Lautenist, hat – beinahe erwartungsgemäß – an der Royal Academy of Music bei Nigel North studiert und tanzt heute auf vielen Hochzeiten … als Solist und als Begleiter und Continuo-Spieler.

Die sehr bemerkenswerte Sopranistin Carolyn Sampson ist keine ausgesprochene Spezialistin für Alte Musik. Neben Konzerten und Oratorien singt sie auch Opernpartien, da scheint sie aber das ältere Repertoire zu bevorzugen: Monteverdi, Purcell, aber auch als Pamina oder Susanna wurde sie gefeiert. Hier, mit Lautenliedern in ihrer Muttersprache, kann sie nur gewinnen, ist man als Zuhörer doch in der Lage, die Texte deutlich zu verstehen und dazu ihre ebenso klare wie völlig natürlich gesungene Stimme zu genießen. Aber auch bei den italienischsprachigen Liedern und Madrigalen glänzt Carolyn Sampson ohne glänzen zu wollen. Monteverdis „Quel sguardo sdegnosetto“ singt sie mit der gleichen beinahe selbstverleugnenden Zurückhaltung wie das berühmteste aller Lieder der Florentiner Zeit, „Amarilli mia bella“ von Giulio Caccini. Und bei all diesem Zurücktreten hinter die Musik macht sie dem Zuhörer immer klar, um was es sich in den Texten dreht. Das sind Lieder, die von schmachtender Liebe erzählen, von Liebe, die niemals Erfüllung findet und gerade deshalb immer Thema bleiben wird. Als Zugabe gibt es das erschütternd schöne Lied „Have you seen the bright lily grow“ von Robert Johnson – berührend vorgetragen von Carolyn Sampson. Die Sängerin dieser CD ist so überzeugend, dass ich in meinen Bemerkungen ihren Begleiter, Matthew Wadsworth, gänzlich vernachlässigt habe. Er hat seine Aufgabe zu aller Zufriedenheit erfüllt! Am Schluss noch eine Bemerkung zur der Live-Technik dieser wie aller anderer CDs der Reihe. Die zarte, filigrane Musik immer wieder durch ebenso gut gemeinten wie entsetzlich störenden, viel zu lauten Applaus unterbrochen zu finden, hätte man vermeiden müssen. Besonders, wenn man im eigenen Kämmerchen Gesang und Begleitung großzügig aussteuert, wirkt der Applaus explosiv. Authentisch … aber VIEL ZU LAUT!

 

Clear or Cloudy 300x263Valeria Mignaco & Alfonso Marín:
John Dowland – Lute Songs
Werke von Holborne, Ford, Campion, Pilkington, Dowland u.a.
Aufgenommen im Mai 2008, erschienen 2009
Musica Ficta [Musica Ficta] MF 8009, in Deutschland bei codaex [codaex]
… betörende Sphärenmusik! …

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Valeria Mignaco hat eine grundsätzlich andere Karriere hinter sich als Carolyn Sampson. Sie hat zuerst in ihrer Heimat Argentinien studiert und dann in dem seit vielen Jahren prominentesten Land, was Alte Musik angeht, den Niederlanden. Am Königlichen Konservatorium in Den Haag hat sie weiter gelernt und damit war ihr Weg geebnet – Festivals und Ensembles für Alte Musik rissen sich um sie. Ähnlich erging es ihrem Begleiter Alfonso Marin. Er hat auf Teneriffa studiert und ist dann nach Amsterdam gegangen, wo er bei Lex Eisenhardt weiterstudieren konnte: Vihuela und Barockgitarre. Valeria singt ein sehr schönes, sehr gut zu verstehendes Englisch und daran ändert auch ihr mitunter etwas arg rollendes „R“ nichts – wie in der Zeile „Thy graces that refrain“ in dem für mich schönsten aller englischen Lautenlieder: „Come again“ von John Dowland. Die unterschiedlichen Gefühlslagen, die dem Zuhörer hier innerhalb eines einzigen dieser Lieder vorgeführt werden, die werden in der Aufnahme von Valeria Mignaco mehr als deutlich. Nehmen Sie nur die Einganszeilen der letzten vier von sechs Strophen von „Come again“ und die Aussagen, die Fantasien und Wünsche, die da zum Ausdruck kommen: – All the day – All the night – Out alas – Gentle Love In diesen jeweils zwei, drei Wörtchen werden die sehr unterschiedlichen Grundstimmungen und Grundhaltungen der Strophen vorbereitet … und Valeria Mignaco deutet die Affekte sehr sensibel und für jeden Zuhörer nachvollziehbar aus. Am Tag werden Hoffnungen und Wünsche gehegt, in der Nacht Albträume bewältigt, mit „Out alas“ wird Mut zugesprochen um schließlich die holde Liebe zu besingen und zu feiern. Aber die englischen Lautenlieder sind voll von „tears“ und „sorrow“. Überall dreht es sich um die Liebe, und zwar um die keusche, unerfüllte Liebe … „I saw my Lady weep“ zum Beispiel ist in der Interpretation dieser CD eine erschütternde Beschreibung der Angebeteten, die sich grämt und trauert: „Sie brachte ihre Seufzer zum Singen“. Auch das Programm dieser CD schließt mit „Have you seen the white lilly grow“ von Robert Johnson, und das ist natürlich kein Zufall! Hier wird eine so intensive, innige Aussage getroffen, die in ein so „erschütternd schönes“ Lied gebettet ist, dass eigentlich jeder davon berührt sein muss. Die Aussage der ersten Strophe: „Hast du die weiße Lilie wachsen gesehen, bevor grobe Hände sie berührten? Hast du den weißen Schnee beachtet, bevor die Erde ihn besudelte?“ (meine schnelle Übersetzung!). Die Worte werden verständlich wenn man weiß, dass beides, weiße Lilien und frisch gefallener Schnee, metaphorisch als Symbole für Unberührtheit und Jungfräulichkeit benutzt werden und besonders für die Jungfräulichkeit Mariae. Hier wird also wieder mit dem Gedanken der Unerreichbarkeit der Frau gespielt oder, aus anderer Perspektive, mit dem tragischen Konflikt, der sich aus dem Ideal der Unberührtheit und dem Begehren ergibt. Wenn Carolyn Sampson dieses Lied schon „berührend vorgetragen“ hat, hier, in der Interpretation von Valeria Mignaco ist es betörende Sphärenmusik! Und wieder habe ich dem Begleiter kein Wort gegönnt, pardon! Alfonso Marin hat seine Sache gut gemacht und war Valeria Mignaco ein kongenialer Partner. Ich würde mich freuen, ihn einmal in größerem Rahmen solistisch zu hören!

Devotional Songs 300x298Ravish’d with Sacred Extasies, Elin Manahan Thomas, soprano, David Miller, Lute & theorbo Devotional Songs to the Lute and Theorbo by Campian, Dowland, Humfrey, Purcell; Lute Music by Dowland, Lawrence and Wilson, Aufgenommen im November 2009, erschienen 2010
CORO [Coro] COR 16081, in Deutschland bei codaex [codaex]
… Miserere, my Maker …

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Das Programm, das Elin Manahan Thomas singt, unterscheidet sich von dem der meisten ihrer Kolleginnen und Kollegen, die sich mit englischen Lautenliedern befasst haben. Bei ihr geht es nämlich um „Devotional Songs“, um fromme Lieder, und nicht um Liebeslieder. An Komponisten stehen John Dowland und Thomas Campian auf dem Programm, aber auch Henry Purcell, Pelham Humphrey oder John Wilson. Und da die Liebeslieder der Dowland-Zeit keine lebensbejahenden Freudeslieder gewesen sind, sondern sich eher mit den Unbillen des Liebeslebens befassten, mit dem vergeblichen Hoffen und dem a priori auf Enttäuschung angelegten Werben, sind die „frommen Lieder“ nicht so weit entfernt von dem, was wir sonst an „English Songs and Ayres of the Golden Era“ zu hören gewohnt sind. Im Gegenteil: Wenn ich ein so strahlendes „Hallejujah“ höre wie in Henry Purcells „Divine Hymn“, dann weiß ich, dass ich solche Freudeshymnen, solche Erfolgsmeldungen in den Liebesliedern nicht finden werde. Es kann sie dort nicht geben. Nun hat sich Elin Manahan Thomas hier den Devotionalien gewidmet, durchaus sinnlicher Musik, die sie auch so vorträgt – selbst, wenn Musiken wie „Miserere, my Maker“ vorherrschen. Aber Elin hat eine sinnliche und trotzdem wenig opernhafte Singweise … gemeint ist, dass sie theatralisch-plakative Gesten meidet und singt, als hätte sie ein kleines Publikum vor sich … was hier mit den „devotional songs“ ja auch durchaus stimmt.

Beispiel: fol. 44 aus "Jane Pickering's Lutebook, EG 2046 der British Library, London [Lbl] Ihr Begleiter, David Miller, spielt auf der CD, wenn er nicht begleitet, hauptsächlich eine Satzfolge von einem John Lawrence, Musiker am Hof Karls I. Die wenigen von diesem Komponisten erhaltenen Stücke stehen in Sammelhandschriften, unter anderem in dem bedeutenden Lautenbuch der Jane Pickering (British Library [Lbl] Eg. 2046). Dort, in Jane Pickering’s Lute-Book, aber das nur am Rande, stehen auch die Stücke in John Lawrence’s eigner Lautenstimmung, gekennzeichnet mit „Tuning flat way, or Lawrence“ [s. Abbildung], denn der Komponist machte – wie seine französischen Zeitgenossen – Versuche, sein Instrument zu erweitern und experimentierte dafür mit alternativen Stimmungen. Wir wissen, dass diese Bestrebungen in England nicht von lang anhaltendem Erfolg gekrönt waren, dass eine „Barocklaute“ dort also wenig Zukunft hatte. Die frommen Gesänge, die von Elin Manahan Thomas und David Miller hier vorgetragen werden, sind eine willkommene Erweiterung des Repertoires an lautenbegleiteten solistischen Gesängen und da vor allem eine Erweiterung in zeitlicher und stilistischer Hinsicht. Die Lautenlieder von Dowland (1563—1626) und seinen Zeitgenossen entstanden in den frühen Jahren des 17. Jahrhunderts, die der Komponisten um Henry Purcell (1659—1695) entsprechend rund fünfzig Jahre später – fünfzig Jahre, in denen kompositorisch keine Revolution ausgebrochen ist … sieht man von der Tatsache ab, dass zu Dowlands Zeit die Lautenbegleitungen noch in Tabulatur ausgeschrieben waren, als obligate Stimmen sozusagen, und dass sie bei Purcell als bezifferter oder unbezifferter Bass mitgeliefert wurden.

Johnson North 300x287Robert Johnson, The Prince’s Almain and other Dances for Lute Nigel North, Lute, Aufgenommen im September 2008, erschienen 2010 NAXOS (Naxos) 8.572178
… beträchtliche Erfahrung im Spiel Elizabethanischer Lautenmusik …

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Robert Johnson (ca. 1583—1633) war der Sohn von John Johnson (1540—1594), Lautenist am Hof von Elizabeth I. und gilt als der letzte namhafte Vertreter des Lautenspiels in England. Seine zwei Dutzend Stücke sind auf verschiedene Sammelhandschriften verstreut. Sein berühmtestes Stück, „The Prince’s Almain“, geschrieben für Prinz Henry, den Sohn von König James I., ist gleich in sechzehn unterschiedlichen Varianten überliefert und mit ihm beginnt Nigel North sein Programm. Nigel North hat beträchtliche Erfahrung im Spiel Elizabethanischer Lautenmusik, das äußert sich in seinem wie selbstverständlichen Umgang mit den unterschiedlichen Vorlagen und in seinen Ansichten über aufführungspraktische Einzelheiten. Die Musik von Robert Johnson basiert noch auf dem auch von Dowland bekannten Formen-Katalog mit „Fantasie“, „Alman“, „Pavan“ und „Galliard“, stilistisch war er aber auf dem Weg in barockere Gefilde. Während die Musiker um Dowland noch das Ausschreiben von „divisions“ als wesentliches gestalterisches Mittel verwandten, sind in den Quellen der Stücke von Johnson immer weniger dieser Umspielungen notiert, dagegen Verzierungen unterschiedlicher Art, deren Verwendung und Ausgestaltung aber in immer größeren Maß dem Interpreten überlassen wurde. Nigel North ist sich dieser Verantwortung bewusst. Dabei ist er weit weniger verspielt, viel zurückhaltender in der Verwendung von „graces“ als es sein Kollege Paul O’Dette ist, den ich persönlich für eine Instanz in Sachen englischer Lautenmusik halte – auch wenn das für einen Yankee vielleicht erstaunt. Aber ich glaube, dass diese Musik gespielt werden muss, gespielt mit der Freude und Inspiration, die zum Spielen gehört. Und die englischen Lautenmeister haben mit den in Tabulaturen aufgeschriebenen „divisions“ auch gezeigt, dass sie dieses Spielen und Umspielen, dieses Variieren und Improvisieren gepflegt haben. Nigel North hat mit seiner Johnson-CD wieder einmal seine Position im Gefüge der Kollegen, die sich mit Alter Musik befassen, unterstrichen. Er ist der eher konservative, bewahrende Verwalter des musikalischen Erbes mit keiner offenkundigen Lust auf (gedankliche) Experimente, dabei hat er doch in den 1960ern mit Popmusik seine musikalische Karriere begonnen. Seine Band hieß: „The Shadows“.