Giuliani pop

Rattle Aranjuez DVDEuropa Konzert from Madrid 2011: Cañizares
Berliner Philharmoniker, Sir Simon Rattle
Programm: Chabrier: España; Rodrigo: Concierto de Aranjuez; Rachmaninov: Symphony Nº 2 E minor
Aufgenommen am 1. Mai 2011 im Teatro Real in Madrid
DVD EuroArts 2058398, im Vertrieb von Naxos
… Wer sie nicht kauft, kann als Entschuldigung höchstens vorbringen, dass er keinen DVD-Player besitzt

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Die Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle und das „Concierto de Aranjuez“? In den sechziger Jahren hat ausgerechnet Siegfried Behrend das Konzert einmal mit diesem Orchester eingespielt – nicht unter Herbert von Karajan, der von 1954 bis 1989 Chefdirigent war, sondern unter Reinhard Peters (Deutsche Grammophon 2535 170). Dann war Schluss!. Das meistgespielte Solokonzert wurde nicht wieder aufs Programm gesetzt … bis jetzt eines der traditionellen Europa-Konzerte der Berliner in Madrid stattfinden sollte und man, als Gastgeschenk sozusagen, das Konzert aufführen wollte. Als Solist wurde Juan Manuel Cañizares verpflichtet, ein Flamencogitarrist, der, anders als die meisten seiner Kollegen, Musik nicht durch „learning by doing“ gelernt hat. Er, Cañizares, hat sie studiert … er kann also Noten lesen! Paco de Lucia hat vor vielen Jahren auch einmal das „Concierto de Aranjuez“ gespielt und er ist musikalischer Analphabet. Mit Paco musste ein „Klassiker“ als Korrepetitor das Stück einstudieren, bis er es auswendig spielen konnte.

Juan Manuel Cañizares spielt das Konzerte aus der Partitur … was keineswegs heißt, dass er alles spielt, was dort steht und, dass alles, was er spielt, vom Komponisten so gewollt ist. Gleich im Beginn des ersten Satzes hört man in dem Rasgueado des ersten Themas gelegentlich mehr Auf- und Abstriche, als in den Noten stehen und gleich darauf eine „Verzierung“ oder Spielroutine, ein zum Zielton aufwärts gerichtetes glissando mit anschließendem Vibrato und leichtem Bending. Und in der Kadenz des gleichen Satzes geht’s dann auch durch mit dem Flamenco-Gitarristen. Da verliert er sich einer Rasgueado-Passage in tatsächlich swingende Bewegungen. Der Solist zeigt halt, dass er seine eigenen musikalischen Gewohnheiten und Eigenarten hat und dass er die auch nicht so einfach aufgibt.

Aber man hört auch, dass er durchaus Probleme im Zusammenspiel mit dem Orchester bekommen kann. Der schnelle Lauf, der in die Schlusskadenz des dritten Satzes führt [8 Takte n. (20)] oder auch die schnellen Figuren kurz vor der Kadenz machen eines deutlich: Juan Manuel Cañizares hat keine Routine im kammermusikalischen Spiel, in dem es darauf ankommt, mindestens an markanten Stellen synchron mit den Mitspielern zu sein. Aber „concertare“ heißt schließlich „miteinander streiten“ und so sind Orchester, Dirigent und Solist auch am Ende einer Meinung. Nur die stilistischen Differenzen sind geblieben … aber die machen die Begegnung eines weltbekannten klassischen Symphonieorchesters und eines ebenso weltbekannten Flamencogitarristen erst interessant! In der Schlusskadenz des zweiten Satzes zum Beispiel ist er zwar mit den schnellen Läufen nicht überfordert, wohl aber leicht mit der Aufgabe, sie metrisch korrekt zu spielen.Und Simon Rattle hat Verständnis für die eigenen Wege, die sein Solist geht, das sagt er in einem Interview, dessen Aufnahme als Bonus der DVD mitgegeben ist. Das Spanische am „Concierto de Aranjuez“ sind die Anleihen bei andalusischen Tanzformen und, besonders was den zweiten Satz angeht, die tiefe Melancholie, die da zum Ausdruck gebracht wird und die wir aus dem Flamenco kennen. Das Konzert hat Rodrigo im Jahr 1939 geschrieben, dem letzten Jahr des Spanischen Bürgerkriegs und dem ersten des Zweiten Weltkriegs und sicher lag zu dieser Zeit eine außerordentlich trübe, gedämpfte Stimmung über Europa.

Wem Juan Manuel Cañizares aber zu wenig klassisch ist, der kann die wunderbare Aufnahme von „España“ von Emmanuel Chabrier genießen. Hier zeigen die Mitglieder des deutschen Vorzeige-Orchesters, was sie zu den Themen Klangbrillanz, Präzision und vor allem zum Thema Spielfreude zu sagen haben. Ein Vergnügen!

Am Schluss wird die Zweite op. 27 von Sergei Rachmaninov gegeben, das große romantische Werk von rund einer Stunde Dauer. Sie hatte es zunächst schwer in Deutschland und auch anderswo, diese Symphonie, obwohl sie in Dresden geschrieben, allerdings dann in St. Petersburg uraufgeführt worden war – heute ist sie das am häufigsten aufgeführte symphonische Werk des Komponisten.

Aber die Zweite war zu groß und zu schwulstig, wurde also in den fünfziger und sechziger Jahren kritisiert, revidiert und auf die Hälfte gekürzt.

Die DVD der Berliner und Simon Rattle und von Juan Manuel Cañizares ist ein einmaliges Dokument und wird es vermutlich lange bleiben. Wer sie nicht kauft, kann als Entschuldigung höchstens vorbringen, dass er keinen DVD-Player besitzt!