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Sanz Complete Music for Guitar CDSanz – Complete Music for Guitar
Alberto Mesirca, guitar
Aufgenommen von November bis Dezember 2017, erschienen ℗ 2018
Gitarre: fünfchörige Barockgitarre von Stephen Murphy
2 CD, BRILLIANT CLASSICS 95396
… Man kann Alberto nur danken für seine Sanz-Aufnahme!…

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Als Joaquín Rodrigo 1954 seine „Fantasía para un Gentilhombre“ schrieb, tat er das auf Bestellung. Andrés Segovia soll pikiert gewesen sein, dass nicht er, sondern Regino Sáinz-de la Maza den Sensationserfolg von Rodrigo, das „Concierto de Aranjuez“, am 9. November 1940 uraufführen durfte. Also bestellte er ein weiteres Konzert … und das präsentierte und widmete ihm der Komponist nach seiner Fertigstellung im Jahr 1954. Der Edelmann (gentilhombre), im Titel des Konzerts, für oder auf den das Stück geschrieben ist, soll dabei Segovia höchstselbst gewesen sein, der das Konzert am 5. März 1958 in San Francisco uraufgeführt haben. Das deutlich erfolgreichere „Concierto de Aranjuez“ hat Segovia niemals öffentlich gespielt!
Joaquín Rodrigo hat für seine Fantasia Themen des spanischen Gitarristen und Komponisten Gaspar Sanz (ca. 1640–1710) verwendet, die ausnahmslos in dessen „Instruccion de musica sobre la guitarra española“ vorkommen: Villano y ricercar; Españoleta y fanfarria de la caballería de Nápoles; Danza de las hachas; Canario.
Sanz‘ Lehrbuch war im 17. Jahrhundert höchst populär. In verschiedenen Auflagen ist es erschienen, sein Autor mehr als einmal in anderen Werken erwähnt und gepriesen.
Titelseite SANZDie Kompositionen in der „Instruccion“ wechseln zwischen solchen, die ganz in „punteado“ und anderen, die „rasgueado“ gespielt werden müssen und solchen, die eine Art Mischtechnik voraussetzen. Seltsamerweise sind es gerade die „rasgueado“-Stücke, die lange verhindert haben, dass Kompositionen von Gaspar Sanz sich im modernen Gitarrenrepertoire etablieren konnten. Erstens haben Gitarristen mit den Abecedario-Tabulaturen nichts anfangen können, zweitens waren moderne Gitarren ungeeignet weil zu laut und zu sperrig für diese Art von Musik und drittens: Man wird es kaum glauben, aber es gab keine geeigneten Ausgaben.

Von der „Fantasía para un gentilhombre“ von Joaquín Rodrigo war eben schon die Rede. Diese erfolgreiche Komposition, die auf der ganzen Welt gespielt wurde und heute noch gespielt wird, hat Interesse an Stücken von Gaspar Sanz generiert – später waren es schließlich Aufnahmen und Ausgaben der „Suite Española“ von Narciso Yepes. In den Siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts war Yepes vielbeschäftigt als Gitarrist bei dem „gelben“ Plattenlabel „Deutsche Grammophon-Gesellschaft“. 1969 erschien dort ein Gebinde aus zwei Langspielplatten mit dem Titel „Spanische Gitarrenmusik aus fünf Jahrhunderten“ (DG 134 365 SLPM). LP 1 enthielt die „Suite Española“, die später bei Schott als Notenausgaben, herausgegeben für Yepes‘ zehnsaitige Gitarre, erschien. Ausgabe und Aufnahme waren deutlich „mehr Yepes als Sanz“. Von Historischer Aufführungspraxis konnte nicht die Rede sein – weder, was Quellentreue angeht, noch Detailgenauigkeit in Sachen der Aufführungspraxis. Und doch hat Yepes eine Art Sanz-Renaissance ausgelöst. Jetzt hat Alberto Mesirca alle Gitarrenstücke von Gaspar Sanz eingespielt, den Inhalt zweier CDs, aufgeführt auf der Barockgitarre. Zugegeben, man muss ein Faible für Alte Musik und speziell barocke Gitarrenmusik haben, um zwei Stunden Sanz en suite mit Begeisterung zu folgen. Betrachtet – oder besser: hört – man aber die Aufnahme von Alberto Mesirca als Dokumentation, gelangt man zu einer anderen Einschätzung. Schließlich liest ja auch niemand alle fünfundzwanzig Bände der Brockhaus Enzyklopädie oder der MGG hintereinander.
Man kann Alberto nur danken für seine Sanz-Aufnahme! Nicht nur kann man auf diese Art einmal das gesamte Œuvre dieses bedeutenden Gitarristen kennenlernen – man hat auch die Chance, die Musik in einer sehr weitreichend historisch orientierten Darstellung zu hören. Nicht jeder Tanz oder jede der zahllosen Passacalles ist gleich interessant oder gar aufregend … aber der Gesamteindruck zählt!