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Dowlands MidnightWhite Sparrow: Mr. Dowland’s Midnight
The Music and Melancholy of John Dowland and his Contemporaries
Debi Wong, Mezzosopran; Solmund Nystabakk, Lute
Werke von Robert Jones, John Dowland, Thomas Campion, John Danyel, Philip Rossetter, Francis Pilkington
Aufgenommen im Februar 2014; erschienen ℗ 2017
Laute: 10-course renaissance lute after Hans Frei by Bruce Brook, 1998
SIBA RECORDS SRCD 1021, im Vertrieb von NAXOS
… Die CD „Mr. Dowland’s Midnight“ ist etwas Besonderes, und zwar in fast jedweder Hinsicht …

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Englische Lautenlieder gehörten hier vor – sagen wir – vierzig fünfzig Jahren zu den Geheimtipps des Repertoires der „Alten Musik“ bzw. der „Early Music“. Dort, in England, hatte man sich lange vorher dieser Preziosen des englischen Musikschaffens erinnert und zwar auf mehrerlei Art … denn tatsächlich gibt (oder gab) es eine englische Musik, auch, wenn der deutsche Gesellschaftsschriftsteller Oscar A. H. Schmitz etwas ganz anderes behauptete. Der schrieb 1914 bedauernd, England sei „das Land ohne Musik“ (Buch: Das Land ohne Musik – Englische Gesellschaftsprobleme, München, 11914). Da wir nun wissen, dass es englische Musik gibt und zwar andere, als die von Händel (oder Handel), deren Komponist im „GROVE Dictionary of Music and Musicians“ immerhin als „English Composer of German Origin“ ausgewiesen ist, gehören die Lautenlieder des frühen 17. Jahrhunderts zweifellos zum Besten, was in dieser Kategorie im Angebot ist. Und sie sind in England auch tatsächlich in ihrer Originalbesetzung mit Laute gepflegt worden, als „in Europe“ niemand daran dachte, dieses antiquierte Instrument, das zudem auch noch auf eine höchst kryptische Art notiert war, zu spielen. Aber Arnold Dolmetsch (1858–1940) und später Alfred Deller (1912–1979) und besonders Peter Pears (1910–1986) führten die Tradition weiter … und sie ist bis heute sehr lebendig, wie Debi Wong und Solmund Nystabakk beweisen.


Debi Wong allerdings ist Kanadierin, ihr musikalischer Partner, der Lautenist Solmund Nystabakk, Norweger … aber was bedeutet das heute noch? Debi jedenfalls ist in Canada geboren – Solmund in Norwegen, die beiden zusammen, das Duo „White Sparrow“, ist „Helsinki-based“ und auf der ganzen Welt zuhause. Hier singen sie eine Auswahl englischer Lautenlieder, die sie in vier launisch beschriebenen und gemalten Kategorien anbieten:

Sunset: the revels begin
Twilight: The hour for secrets and longings
Nightfall: The world in shadow
Midnight: The very witching time of night

Gemalt sind die Tagesphasen als ganzseitige (bei einer CD also quadratische) monochrome Verläufe, einmal in grün, einmal in blau und es sind die dunklen Stunden des Tages, die die Künstler beschäftigen: „Midnight variations“ I—III. Debi beschreibt sie mit ihrer ebenso strahlenden wie bewusst monochromen Stimme und Singweise. Solmund ist ihr ein verlässlicher und diskreter Partner, der sich nicht nach vorne spielt aber auch nicht versteckt. Zwei Musiker haben hier zusammengefunden, die offenbar sehr ähnliche Ziele verfolgen, was ihre Arbeit angeht. Als Beispiel mag John Dowlands Lied „Come again“ dienen, sicher eines der bekanntesten Lautenlieder überhaupt. Uns wird hier eine Vielzahl unterschiedlicher Varianten vorgeführt, die das Lied strukturieren und interessanter machen … keine Verzierungen, die man in Handbüchern zur Aufführungspraxis wiederfindet! Die gibt’s auch, gemeint sind aber subtil eingestreute Details, wie eine stark verlängerte Pause zwischen zwei Strophen oder ein fast zum Wispern heruntergefahrenes Singen. Auch eine Strophe in stark reduziertem Tempo kann einen deutlichen Hinweis darstellen. „White Sparrow“ arbeitet mit solchen und ähnlichen Überraschungseffekten aber – wie gesagt! – sehr zurückhaltend, nie plakativ.

Die CD „Mr. Dowland’s Midnight“ ist etwas Besonderes, und zwar in fast jedweder Hinsicht. Vielen Dank!