Giuliani pop

Luthers Laute CDLuthers Laute
Franz Vitzthum, Countertenor; Julian Behr, Laute
Kompositionen von Ludwig Senfl, Josquin de Prez, Hans Newsidler, Arnolt Schlick, Claude Goudimel und anderen
Aufgenommen im November 2014, erschienen 2015
Gespielt auf Lauten von Klaus Jacobsen und Julian Behr [sic]
Christophorus CHR 77388, im Vertrieb von Note 1
… Zwei Musiker der Extraklasse …

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Martin Luther (1483–1546) ist nicht als Musiker in die Geschichte eingegangen, sondern als Mönch, später (natürlich katholischer) Priester und schließlich Universitätsprofessor in Wittenberg. Fach: katholische Theologie.

Als junger Mann soll er eine heftige Liebesbeziehung mit einer Frau unterhalten haben … lange, bevor er Katharina von Bora heiratete. Ihr Name: „Frau Musica“.

An den Schulen, die Martin Luther besucht hatte, hat er intensiven Musikunterricht genossen, Laute soll er gespielt haben, in Chören soll er gesungen haben. Sein Freund Crotus Rubeanus (Johannes Jäger, 1480–ca. 1545, aka Venator) nannte ihn gar einen „musicus et philosophus eruditus“, einen gebildeten Musiker und Philosophen. Mit verschiedenen Musikern hat er in Kontakt gestanden, Texte aus seiner Feder liegen uns in vertonten Fassungen vor … darunter „Frau Musica singt“ (von 1538):

Die beste Zeit im Jahr ist mein,
da singen alle Vögelein,
Himmel und Erden sind der voll,
viel gut Gesang, der lautet wohl.

[…]

Dem singt und springt sie Tag und Nacht,
seins Lobes sie nichts müde macht:
den ehrt und lobt auch mein Gesang
und sagt ihm einen ewgen Dank.

Was die vorliegende „Luther-CD“ angeht, sind Franz Vitzthum als ausübender Musiker zu nennen und der Lautenist Julian Behr. Über Vitzthum, seine strahlend klare und niemals übertönende Countertenor-Stimme muss hier nichts gesagt werden, er ist aus zu vielen Aufnahmen und Aufführungen bekannt, um hier noch Kommentare über sein sängerisches Vermögen und seine Darstellungskraft zuzulassen. Und Julian Behr? Ähnlich: Er hat bei Mario Sicca und Robert Barto studiert, danach bei Joachim Held und, natürlich, bei Hopkinson Smith. Schließlich hat er in schier sämtlichen Ländern der Welt als Solist auf Bühnen gesessen oder an größeren Aufführungen mitgewirkt. Zwei Musiker der Extraklasse, das vielleicht kurz und knapp vorweg!

Zu den Stücken, die auf der neuen CD zu finden sind, gehören ein paar bekannte instrumentale Miniaturen, der „Nunnentanz“ zum Beispiel, auch ein „seer guter organistischer Preambel“, wie sie von Hans Newsidler in einem seiner Lautenbücer veröffentlicht worden sind. Dazu kommen Intavolierungen … und genau mit denen beschäftigt sich Julian Behr in besonderem Maße: „Es mag experimentell erscheinen, mehrstimmige Motetten in Tabulatur zu setzen und mit dem entstandenen Lautensatz eine solistische Oberstimme zu »begleiten«. In unserer historisch informierten Aufführungspraxis wird der Musiker zunächst nach Indizien für diese Variante der Motetteninterpretation“ suchen [Booklet S. 8].

Und dann kommt er auf Intavolierungen zu sprechen, die von Francesco da Milano überliefert sind, und die so gut wie niemals gespielt werden: „Bis auf sehr wenige »Klassiker« werden diese Vokalwerke aber heute auf der Laute kaum gespielt. Sie sind technisch so schwer zu bewältigen, dass man sich fragt, wozu ein wunderbar klingender Motettensatz auf eine im Vergleich zu vier oder fünf Gesangsstimmen dürftig klingende Laute reduziert wurde.

Von Francesco sind uns – nach dem Werkeverzeichnis in der epochalen Ausgabe seiner Lautenwerke von Arthur J. Ness aus dem Jahr 1970, das als „vorläufig“ gelten muss, – knapp hundert Ricercari oder Fantasien überliefert, dagegen weniger als dreißig Intavolierungen. Gespielt werden davon heute

  1. von Gitarristen, die glauben, das Repertoire Francescos für ihr Instrument adaptieren zu müssen, ausschließlich Fantasien und davon nur eine minimale Auswahl
  2. von Lautenisten überwiegend Fantasien, keine Intavolierungen oder höchstens von besonders verantwortungsbewussten Musikern wie Hopkinson Smith.

Zu Lebzeiten des göttlichen Francesco kamen neben Tabulaturen Bücher heraus, die im Intavolieren unterrichteten. Schon 1511 wollte Sebastian Virdung seine Leser in die Lage versetzen, „alles gesang auß den noten in die tabulaturen dieser benanten dryer instrumenten der Orgeln, der Lauten und der Flöten transfferiren zu lernen“ („Musica getutscht“). Das heißt, dass in ihrer Kunst versierte Lautenisten selbständig „auß den noten“ spielen oder in ihre Tabulatur übertragen lernen sollten. Und sie taten das so, wie ihre eigenen spieltechnischen Fertigkeiten es ihnen erlaubten … der eine künstlerisch anspruchsvoller – der andere schlichter. Und natürlich intavolierte der Francesco aus Mailand anders, so elaboriert vielleicht, dass seine Sätze „schwer zu bewältigen sind“. Aber seine Zeitgenossen hatten wenige Alternativen. Entweder kannten sie das Stück, um das es geht, hatten es von Sängern gehört oder selbst gesungen. Dafür spricht einiges … zum Beispiel, dass das im Umlauf befindliche mehrstimmige Repertoire zu dieser Zeit mengenmäßig noch relativ beschränkt war – dagegen allerdings, dass es hohe musikalische Fertigkeit voraussetzt, einen vierstimmigen Satz als Intavolierung zu extemporieren.

Es kann allerdings auch sein, dass die am Lautenspiel Interessierten Stimmbücher mit den vokalen Vorlagen besaßen, um sie selbst zu singen … und schließlich auch auf ihrer Laute zu spielen. Und drittens: Sie waren im Besitz eines Buches mit Intavolierungen … von eigener, von fremder Hand oder gedruckt. Die gab es ja schließlich in relativ großer Zahl, weil Drucker sie seit Anfang des (16.) Jahrhunderts zur Verfügung stellten.

Franz Vitzthum und Julian Behr erlauben uns mit der CD einen Einblick in das Musikleben des frühen 16. Jahrhunderts und vielleicht wirklich in die Studierstube von Martin Luther. So kann sich das innerfamiliäre Musizieren damals angehört haben … fromm und brav, ehrlich in Sprache und Glauben. Und schlicht – schließlich hatte sich Martin Luther vom „alten, üppigen Glauben", dem katholischen, losgesagt. Die vorliegende Aufnahme ist ein zartes Vergnügen und ein wunderbar sensibel und fein ausgelotetes Glaubensbekenntnis.