Drucken

Ulrich Leyendecker1 400x506Ulrich Leyendecker: Konzert für Gitarre und Orchester, Evocazione, Sinfonie Nr. 4
Maximilian Mangold, Gitarre; Nordwestdeutsche Philharmonie, Romely Pfund
SWR Rundfunkorchester Kaiserslautern, Per Borin
Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR, Johannes Kalitzke
Aufgenommen zwischen Juli 1997 und September 2007, erschienen 2010
musicaphon M55720, in Deutschland bei Klassik Center, Kassel
… ein in allen Repertoiregefilden beheimateter Gitarrist …

♦♦♦♦♦

Musica Mágica: Gitarre und Harfe
Maximilian Mangold, Gitarre; Mirjam Schröder, Harfe
Werke von Juan Manuel Cortés, Jurriaan Andriessen, Ulrich Leyendecker, Eric Sessler, Alois Bröder und Máximo Diego Pujol
Aufgenommen im Mai 2008, erschienen 2009
musicaphon M56895, in Deutschland bei Klassik Center, Kassel
… sich ergänzend und klanglich zu einer Einheit verschmolzen …

♦♦♦♦

Latin And Spanish Fantasies: Maximilian Mangold, Gitarre; Mirjam Schröder, Harfe
Werke von Narciso Saúl, Manuel Murgui, Marco Pereira, Alberto Rodriguéz Molina, Sergio Bosser, Cicki Serrano und Rafael Catalá
Aufgenommen im Juni 2011, erschienen 2012
musicaphon M56939, in Deutschland bei Klassik Center, Kassel
… Sehr eindrucksvoll, sehr sinnlich …

♦♦♦

Alle drei CDs der Liste haben gemeinsam, dass a. Maximilian Mangold zu ihren Interpreten gehört und dass sie b. bei Musicaphon in Kassel erschienen sind. Zwei der CDs haben gemeinsam, dass Werke von Ulrich Leyendecker zu ihrem Programm gehören; zwei andere, dass ihre instrumentale Besetzung „Gitarre und Harfe“ heißt. Praktische Mengenlehre?

 

Lassen Sie mich mit Ulrich Leyendecker (1946 in Wuppertal geboren) und seinen Werken für oder mit Gitarre beginnen. Leyendeckers Werkverzeichnis weist bis jetzt fünf Sinfonien auf, je ein Konzert für Klavier, Violoncello, Violine, Viola und Orchester, einiges an Klaviermusik, viel Vokales, viel Kammermusik – darunter mehrere Streichquartette – und … jetzt die Überraschung: ein Stück für Gitarre solo („Verso Parsifal“), eines für Gitarre und Harfe und ein Konzert für Gitarre und Orchester. Überraschend ist diese Erweiterung von Leyendeckers vielfältigem, klassisch strukturiertem Repertoire insofern, als der Komponist selbst kein Gitarrist ist, er keineswegs unbeachtet vor sich hinkomponiert und außerdem ziemlich „neutönig“ schreibt … und das wird von vielen Gitarristen – den meisten, möchte ich fast sagen – nicht recht goutiert. Man tischt lieber Erprobtes auf, erprobt bei Interpret und Publikum.

Leyendecker war in den sechziger Jahren in Darmstadt, das gehörte sich damals so! Dem seriellen Diktat, das dort ausgeübt wurde, hat er sich allerdings nicht auf Dauer unterworfen. Überhaupt passen seine Werke nicht so recht in Schubladen. Grundsätzlich schreibt er atonal, und doch gibt es – auch in seinem Gitarrenkonzert – Orientierungshilfen harmonischer Art.

Es sind kleinere musikalische Gedanken und Motive sowie deren vielschichtige Verarbeitung, die durch das Gitarrenkonzert von Ulrich Leyendecker führen – nicht markante, impulsive Themen, die eventuell Sätze oder gar das ganze Konzert dominieren.Beim Verarbeiten des Materials spielt Leyendecker gern mit orchestralen Farben, auch mit üppigen, und das bei einem Soloinstrument, das immerhin eher schwächelt und Mühe hätte, sich gegen Holz, Blech und Schlagwerk durchzusetzen. Aber das handhabt der Komponist sehr gekonnt! Er versteckt die Gitarre nicht als Klangfarbe hinter dem Orchester, er gibt ihr Raum, sich in ihrer Rolle als Soloinstrument zu behaupten. Und das darf sie auf unterschiedliche Art, auch in zwei Kadenzen, die „Spielräume“ bereithalten.Die Nordwestdeutsche Philharmonie, ein NRW-Landesorchester, beheimatet in Herford, bedient zwar im musikalischen Alltag das gesamte klassische Orchesterrepertoire, ist aber, was Neue Musik angeht, nicht unerfahren. Maximilian Mangold, der Solist, ist ein in allen Repertoiregefilden beheimateter Gitarrist, der wieder einmal seine Klasse zeigt. Das Gitarrenkonzert ist übrigens für ihn geschrieben und ihm gewidmet. Weiter enthält die CD „Evocazione“ (2006) und Leyendeckers Sinfonie Nr. 4 (1997).

„Mitternachtsmusik für Gitarre und Harfe“ heißt Ulrich Leyendeckers Stück für Gitarre und Harfe auf der CD „Musica Mágica“. Kontraste, die im Gitarrenkonzert noch anhand orchestraler Klangfarben dargestellt worden sind, mussten hier durch strukturelle Unterschiede herausgearbeitet werden … obwohl der Komponist auch hier Klangfarben eingesetzt hat: „Die farblichen Zwischentöne wie Apoyando und so genanntes „Pizzicato“ der Gitarre – eine stumpfe, trockene Farbe – findet ihre farbliche Entsprechung z.B. im „sulla tavola“ der Harfe“ [Booklet S. 4] Allerdings sind die beiden Zupfinstrumente klanglich und vom Volumen her so weit voneinander entfernt, dass die präsentierte Musik sich nirgends so anhört, als würde sie von zwei gleichen oder „gleichberechtigten“ Instrumenten hervorgebracht. Mir kommen alle Kompositionen vor wie Stücke für „Gitarre und Begleitung“ … nur nicht in „Mitternachtsmusik“ von Leyendecker! Da operieren Gitarre und Harfe als Duo, sich ergänzend und klanglich zu einer Einheit verschmolzen.

Glockenschläge verkünden unverhohlen die Mitte der Nacht. Nicht so plakativ wie in „A l’aube du dernier jour“, aber doch deutlich. Und aus Glockenschlägen hatte sich das Schattenspiel der Nacht schon entwickelt.

Von den anderen Stücken der CD seien vielleicht Alois Bröders „Rondes“ erwähnt, eine sphärisch anmutende Komposition, welcher der Komponist als eine erste Regieanweisung „wie ein Windspiel“ mitgegeben hat. Und so, als Windspiel, bewegt sich das Stück vor seinen Hörern. An einem Herbsttag, der alles in sich hat; vom säuselnden Lüftchen bis zum tosenden Gewitter; in tiefem Schwarz oder in strahlenden Herbstfarben.

Während auf der CD „Musica Mágica“ Eindrücke vermittelt worden sind, Impressionen, aus denen der Hörer selbst seine Geschichten herauslesen musste, sind auf der neuen CD spanische und lateinamerikanische Erzählungen zu hören. Mit einem Tango und einer Milonga von Narciso Saúl beginnt das Programm, das sofort nach Argentinien entführt … oder sagen wir besser an den Rio de la Plata, denn die Musikethnologen sind sich nicht mehr sicher, ob der Tango nun eher in Argentinien oder in Uruguay entstanden ist. Man hat sich in Wissenschaftlerkreisen geeinigt, ihn politically correct „Tango Rioplatense“ statt „Tango Argentino“ zu nennen … und mit einem solchen Tango beginnen Mirjam Schröder und Maximilian Mangold ihr Pogramm. Sehr eindrucksvoll, sehr sinnlich.

Ganz am Schluss steht „Prisionera del mar“, Gefangene des Meeres, von Rafael Catalá, mit 13:47 das weitaus längste Stück des Programms. Mit einem Gedicht hat Rafael sich zu seinem Stück geäußert, einem Gedicht, das Assoziationen zum Thema „Meer“ aneinanderreiht: Freiheit, Unendlichkeit, Horizont, Duft von Salz … aber eine Gefangene des Meeres? Der Sinn dieses Gedichtes oder mindestens der Überschrift erschließt sich zwar nicht unbedingt, aber das Stück ist vermutlich eine Art Meditation auf die Gedichtzeile:

Gehe
mit der Eile, die der Wunsch,
nirgends ankommen zu müssen, verursacht

So jedenfalls wirkt es!

Eine Fantasie über die Bewegtheit des Wassers hat auch der spanische Komponist Alberto Rodriguez Molina in seinem Stück „Los Elementos“ geliefert, dessen erster Satz „Aire y Agua“ heißt. Seine Bilder wirken, allerdings eher als Banalitäten, weil sie Smetana und anderen auch schon, und zwar lange vorher, eingefallen sind. In dem Zyklus von Rodriguez Molina ist der Satz „Fuego“ der attraktivste, aber was lässt sich musikalisch plastischer darstellen als Feuer?

Alle Stücke der CD sind dem Duo Maximilian Mangold und Mirjam Schröder gewidmet, alle Kompositionen sind Originalwerke für die Besetzung Gitarre und Harfe, die, zugegeben, nicht ganz unproblematisch ist. Aber Mangold & Schröder sind so aufeinander eingespielt, dass es geht. Es funktioniert … nein, mehr als das! Mirjam Schröder und Maximilian Mangold sind dabei, eine neue kammermusikalische Besetzung mit Gitarre bekannt zu machen, die musikalisch viele Möglichkeiten verspricht und Chancen hätte, von anderen Musikern angenommen zu werden. Sie sind dabei, ein Repertoire für Gitarre und Harfe zu generieren … und dabei entstehen, wie kann es anders sein, nicht nur erstrangige Meisterwerke.

Link auf YouTube: Maximilian Mangold und Mirjam Schröder spielen "Due immagini animate" von Konstantin Vassiliev (Upload 16.6.2011)