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Baranov Divina ManchaFirst Prize 2013 Tárrega International Guitar Competition Benicassim
Anton Baranov: Divina Mancha
Werke von Tárrega, Llobet, Eduardo Sáinz de la Maza, Manjón, Moreno Torroba
Aufgenommen im März 2014
Gitarre: Sakurai-Kohno
Contrastes Records CR 6201406, im Vertrieb von NAXOS
… Er zelebriert die Dekadenz auf professionelle Art …

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Anton Baranovs Debüt-CD ist hier vor ein paar Tagen besprochen worden: Latin American Guitar Sonatas, aufgenommen im Oktober 2013. Rund ein halbes Jahr später hat er eine weitere Solo-CD eingespielt, die wie die Debüt-CD im Zusammenhang mit einem Gitarrenwettbewerb entstanden ist. Dieses Mal war es der Francisco Tárrega International Guitar Competition in Benicàssim, Spanien.

Das Repertoire der vorliegenden CD stellt eine Reminiszenz an Francisco Tárrega (1852–1909) dar, den Namensgeber des Wettbewerbs. Einige Stücke sind von ihm selbst, eines von einem Zeitgenossen, Antonio Jiménez Manjón (1866–1919), und mehrere weitere schließlich von Eduardo Sáinz de la Maza (1903–1982) und Federico Moreno Torroba (1891–1982), zwei Komponisten, die, so schreibt Javier Suárez-Pajares im Booklet, nicht mehr dem 19., sondern dem 20. Jahrhundert angehört haben. Dazwischen steht – als Brücke sozusagen zwischen den beiden Polen innerhalb der Gitarrengeschichte – eine Komposition von Miguel Llobet (1878–1938), einem geschätzten und erfolgreichen Schüler von Maestro Tárrega. Federico Moreno Torroba ist der einzige Nicht-Gitarrist unter den Komponisten, die im Übrigen ausnahmslos Spanier waren – das haben sie gemeinsam. Moreno Torroba war als junger Komponist erfolgreich mit Zarzuelas, deren Popularität aber dahinschwand. Später ist er durch Andrés Segovia an das Schreiben für Gitarre gekommen … und dem ist er fünfzig Jahre treu geblieben. Seine „Aires de la Mancha“ sind auf der CD „Divina Mancha“ zu hören.

Das Programm, das uns Anton Baranov hier anbietet, wirkt auf den ersten Blick herkömmlich oder „konservativ“. Aber nicht nur der kluge Kommentar, den der Musikologe Javier Suárez-Pajares mitliefert, erschließt den inneren Zusammenhalt und die innere Schlüssigkeit der Werkauswahl. Außerdem gibt es mehr als nur Salonstücke wie „Rosita“ oder populäre Bravourkompositionen wie „Recuerdos de la Alhambra“. Die „Variaciones sobre un tema de Sor op. 15“ von Llobet zum Beispiel hört man (viel zu) selten, auch „Noveletta“ von Manjon mit den Sätzen „A orillas del arroyo“ und „Idilio“. Das eine, der Variationssatz, gibt dem Interpreten die Gelegenheit, tief in die gitarristische Trickkiste zu greifen, zu zeigen, was er draufhat. Das andere, „Noveletta“, ist, so Suárez-Pajares, „de un sentimentalismo tan fino como decadente“ … ‚von ebenso feiner wie dekadenter Sentimentalität‘. Aber bitte, Diese Musik war nie zur intellektuellen Erbauung geschrieben, es war Musik zur Unterhaltung in großbürgerlichen Salons … Salonmusik, und das ist keineswegs abwertend. Es gibt sie schließlich heute noch … nur wird sie nicht mehr eigenhändig musiziert, sondern kommt in Konserven: Klassische Kostbarkeiten, Klassik für Jedermann von der „Kleinen Nachtmusik“ über die „Mondscheinsonate“ bis zur „Moldau“. Und live dargeboten wird sie auch noch. Wenn ich mir André Rieu oder Richard Clayderman anhöre und vor allem ansehe, bin ich geneigt, von „Salonmusik unserer Zeit“ zu sprechen.

Anton Baranov hat keine Berührungsängste, im Gegenteil! Er zelebriert die Dekadenz auf professionelle Art. Er liefert nicht mehr Schmalz, als schon vorhanden ist, auch nicht mehr Tempo. Nein, er nimmt die Musik ernst und führt sie nicht vor … und mal ehrlich: Macht die Polka „Rosita“ nicht Spaß?

Dies ist eine auf feine Art unterhaltende CD, erschienen bei Contrastes Records in London. Dieses Label hat sich zur Aufgabe gemacht, „to offering fine recordings specialising in classical guitar music, and its interrelationship with contemporary composers, flamenco, jazz, dance, theatre, cinema, and photography. More specifically, Contrastes was born from the desire to leverage the creativity of young, talented musicians, despite the challenging economic context we are living in.“ Es ist die zweite Produktion von diesem Label, die hier besprochen wird und wieder kann man nur den Hut nehmen. Chapeau! Da scheint alles zu passen, an nichts ist gespart worden und die richtigen Leute sind zusammengekommen.