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BatailleLa Bataille d’Amour – Tabulatures and Chansons in the French Renaissance
Alice Borciani, Sopran; Dominique Vellard, Tenor; Vincent Flückiger, Laute; Murat Coşkun, Perkussion; Maria Ferré, Gitarre, Laute und Leitung
Werke von Gregoire Brayssing; Adria Le Roy, Guillaume Morlaye und anderen
Aufgenommen im Oktober 2014, erschienen 2015
Lauten und Gitarren von Julian Behr, Wyhlen; Stephen Murphy, Mollans Sur Ouveze und Marcus Wesche

COVIELLO Classics COV 91507, im Vertrieb von Note-1
… ein exquisites, unterhaltsames Programm …

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La Bataille D Amour CDDie vierchörige „Renaissance-Gitarre“ war in Frankreich gegen Mitte des 16. Jahrhunderts extrem populär. 1556 hieß es in Poitiers in einem „Discours non plus melancoliques“: … duquel [le lutz] en mes premiers ans nous usions plus que la Guiterne: mais depuis douze ou quinze ans en ça, tout noste monde s’est mis a Guiterner …“ [Früher haben wir mehr Laute als Gitarre gespielt, aber seit zwölf, fünfzehn Jahren spielt hier jeder Gitarre]. Die Gitarre, oder „Guiterne“, wie sie in Frankreich hieß, war für eine Zeit dabei, der Laute den Rang abzulaufen … aber die Begeisterung für das neue Instrument war nicht von langer Dauer. Die Gitarre geriet wieder in Vergessenheit, um nicht zu sagen in Misskredit.

Aber zur Zeit ihrer Hochblüte in Frankreich erschienen für die Gitarre in rascher Folge Tabulaturbände, die uns einen Einblick in das erlauben, was auf dem Instrument gespielt wurde. Der Noten- (oder hier: Tabulatur-Druck) war ein noch recht junges Handwerk und die Pariser Verleger Granjon & Fezandat, und Le Roy & Ballard, (um nur zwei zu nennen) übten sich in der neuen Kunst engagiert und mit offenbar künstlerischem wie wirtschaftlichem Erfolg. Dabei half ihnen, dass die Stücke, die sie veröffentlichten, allgemein bekannt waren – auch aus Tabulaturen für Laute. Es waren autonome Instrumentalwerke wie Fantasien und Tanzsätze. Und es waren Vokalkompositionen, hauptsächlich Chansons von Komponisten wie Jacques Arcadelt (ca. 1507–1568) oder Pierre Certon (ca. 1510–1572), intavoliert von berühmten Instrumentalisten wie Simon Gorlier, den die Drucker und Verleger Granjon & Fezandat namentlich erwähnen.

In den Intavolierungen wurden entweder die vollständigen Vokalsätze für Gitarre (oder Laute) übertragen oder eine Stimme, oft der Diskant, als Gesangsstimme beibehalten und schließlich gesungen. Die Vokalsätze, die vollständig in Tabulatur aufgeschrieben (= intavoliert) wurden, boten den Instrumentalisten viel Spielraum für Diminutionen, Verzierungen … und auch für Reduktionen. Alles war möglich, wenngleich Lautenisten und Gitarristen ihre Kunst eher mit virtuosem Fabulieren und Fantasieren darstellen konnten.

Die Sopranistin Alice Borciani singt strahlend schön, sehr wortbewusst und verständlich. Ein Vergnügen! Mir gefällt die Chanson „A Mes peines & ennuis“ aus dem Second Livre de Guiterre von Adrian Le Roy, oder auch „L’ennuy qui me tourmente“. Von Dominique Vellard (Tenor) empfehle ich „Margot, labourez les vignes“, eine Chanson des großen Chanson-Komponisten Jacques Arcadelt: „Margot, arbeite in den Reben, Reben, Reben, im Weingarten!“

Die Instrumentalisten bieten eine reiche Vielfalt musikalischer und klanglicher Art: Mit einer strengen „Fantasie des Grues“ von Gregoire Brayssing beginnt das Programm – gespielt auf der vierchörigen Gitarre, die an Tonumfang gerade einmal eine Dezime, also etwas mehr als eine Oktave, anbietet. Dazu wird in dem polyphonen Stück auf klangliche Abwechslung durch Rasgueado-Passagen und ähnliches verzichtet … es wirkt auf eine andere, ganz auf sich selbst bezogene Art. Das Gegenspiel fein ziselierter Melodien steht dabei im Zentrum des musikalischen Geschehens.

Von Guillaume des Morlaye werden „Bransles de Poictou“ gegeben … mit Schlagwerk (natürlich, möchte man fast sagen. Es sind schließlich Tänze.). Auch hier wird auf der schmalbrüstigen Renaissancegitarre gespielt, der allerdings durch Trommeln und andere Rhythmusinstrumente zu neuer Größe verholfen wird.

In der zweiten Programmhälfte spielen Maria Ferré und Vincent Flückiger jeweils 8- und 7-chörige Renaissance-Lauten. Natürlich entfaltet sich in den Stücken für diese Besetzung ein ganz anders dimensionierter Klang, rauschende Lautenpracht … nur sind die Stücke zur gleichen Zeit entstanden, wie die für fünfchörige Gitarre.

Maria Ferré und ihre musikalischen Partner präsentieren uns ein exquisites, unterhaltsames Programm und gleichzeitig Erkenntnisse über eine Musikkultur, die fast fünfhundert Jahre zurückliegt.