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Kammermusuik mit Gitarre TeuchertKammermusik mit Gitarre
Werke von Haydn, Paganini und Hermann Ambrosius
Alois Kottmann, Violine; Robert Nettekoven, Violoncello; Heinz Teuchert, Gitarre
Aufgenommen (RIAS, Rundfunk im amerikanischen Sektor) 1966, erschienen 2015
Musicaphon M59002, im Vertrieb von Klassik Center, Kassel
… eine Rarität allein insofern, als Heinz Teuchert (1914–1998) auf ihr als Gitarrist mitwirkt … und das hört man nicht oft …

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Ganz bescheiden kommt diese CD daher, ohne Jewelcase; nur in einen Pappschuber gesteckt, der mit den notwenigsten Informationen bedruckt ist; kein Booklet … wie Archivmaterial! Die Aufnahme ist fast ein halbes Jahrhundert alt und eine Rarität allein insofern, als Heinz Teuchert (1914–1998) auf ihr als Gitarrist mitwirkt … und das hört man nicht oft.

Das Programm wird begonnen mit der „Cassation C-Dur Hob. III:6“ von Joseph Haydn, im Original „Cassationa per il Liuto Obligato, Violino & Violoncello del Sig. Giuseppe Haydn à Vienne“ überschrieben und 1959 oder 1960 herausgegeben von Karl Scheit bei Doblinger (Reihe Gitarre Kammermusik Nº 31).

Allgemein wird davon ausgegangen, dass die Handschrift Ms. II/4088/Fétis 2913 der Bibliothèque Royale in Brüssel – das ist die Quelle für die Cassation – nicht von Haydns Hand ist, dass die Bearbeitung also von einem Zeitgenossen stammt.

1978 ist bei Zimmermann in der Reihe „Kammermusik mit Gitarre“ eine weitere Ausgabe des Stücks erschienen, „frei [sic] bearbeitet von Siegfried Behrend“ (ZM 2087). Er, Behrend, schreibt, die Cassation sei in der Bearbeitung für Laute, Violine und Violoncello „eine von Haydn selbst vorgenommene Bearbeitung des Streichquartetts C-Dur op. 1 Nº 6 (Hob. III, Nº 6)“. Wie er zu dieser Annahme kommt, belegt er nicht.

Dass Behrends Ausgaben immer mit höchster Vorsicht zu betrachten waren und sind, muss hier nicht erklärt werden. Das ist – spätestens, seit „Gitarre & Laute“ seine ebenso eigenmächtigen wie deformierenden Änderungen am musikalischen Urtext bloßgestellt hat – allgemein bekannt. Und wer dem Weltmeister der Gitarre″, so nannte Behrend sich in seiner ihm angeborenen Bescheidenheit, nicht alles geglaubt hat, der hat die Warnungen auch ernstgenommen.

Spätestens, wenn man liest, „Der Gitarrepart [sic] wurde von Siegfried Behrend solistisch erweitert und durch eine Kadenz ergänzt“ muss das reichen, die Ausgabe sofort aus dem Verkehr zu ziehen … denn immerhin: Nirgends ist angegeben, wo diese Erweiterungen vorgenommen worden sind und wer will schon Behrend spielen, wenn man eigentlich ein Stück von Joseph Haydn auf dem Notenständer hat?

Auf der CD folgt das „Terzetto D-Dur“ von Niccolo Paganini. Es ist, wie Kammermusik von Paganini und Kammermusik überhaupt, selten gespielt. Die meisten Gitarristen sind – auch, wenn sie sehr viel Repertoire höchster Qualität zur Verfügung haben – keine wirklichen Kammermusik-Spieler. Das hängt damit zusammen, dass sie von musikalischer Jugend an, zu Solisten erzogen werden sind und sich selbst am liebsten zu Solisten machen wollen. Spielmaterial für den Gitarrenunterricht besteht weitgehend aus solistischen Kompositionen – dabei, wie gesagt, es gibt jede Menge Kammermusik … wie zum Beispiel dieses Terzett von Paganini.

Und dann Hermann Ambrosius (1897–1983), der jüngste der Komponisten des heutigen Programms. Bei Menschen und besonders bei prominenten Menschen seiner Generation liegt eine Frage immer nah: Wie braun ist er gewesen? Hat er sich den Nazis angedient, um seine Karriere zu beflügeln und wenn ja, wie bereitwillig?

Er hat. Als Nº 2.994.125 ist er 4. März 1933 [sic, das war ein Tag vor der Reichstagswahl!] in die NSDAP eingetreten und hat schließlich in der Reichsmusikkammer Karriere gemacht. Zu dieser Zeit soll er auch „Systemkonforme Kantaten und Lieder für Männerchor“ (Wikipedia) komponiert haben, die beispielsweise in der zweiten Auflage der MGG (aus Diskretionsgründen?) keine Erwähnung finden. Dort steht auch nichts über seine NSDAP-Vergangenheit … dafür findet man in Wikipedia eine Erwähnung seiner Ehrenmitgliedschaft [sic] im Bund Deutscher Zupfmusiker (BDZ).

An Werken hat Hermann Ambrosius unter anderem zwölf Symphonien hinterlassen, drei Klavier-, zwei Cello- und zwei Gitarrenkonzerte … und dazu viel Musik für Gitarre und/oder Gitarrenensemble. In der Gitarrenschule von Bruno Henze sind Kompositionen von Ambrosius veröffentlicht, die seinen virtuosen Umgang mit kammermusikalischen Prinzipien deutlich machen. Und Kammermusik hat er geschrieben: für Gitarre und Blasinstrumente, für mehrere Gitarren, für Mandoline und Gitarre usw. usw.

Was die drei Musiker angeht, die sich für die Rundfunkaufnahmen zusammengetan haben, deren Resultate wir hier hören dürfen, muss man Verschiedenes in Betracht ziehen: 1. die Aufnahmen sind Rundfunkaufnahmen (keine Live-Aufnahmen) und sind nicht mit der gleichen Sorgfalt und Akribie angefertigt wie Aufnahmen für die Schallplattenindustrie, die naturgemäß immer wieder aufs Neue gehört werden können; 2. die (analoge) Aufnahme- und Schnitttechnik war 1966 nicht so ausgefeilt, wie sie es heute ist und 3. haben die Musiker dieser Generation Kammermusik noch eher als Kammermusik aufgefasst. Sie haben vorgezogen, den spontanen Live-Charakter ihrer musikalischen Zusammenkünfte nicht zugunsten konzertanter Präzision zu unterdrücken, sondern als Vorzug zu präsentieren.

Übrigens hat es schon eine Aufnahme der Cassation gegeben und zwar eine mit Laute. Der Lautenist war (mein Lehrer) Michael Schäffer, an seiner Seite waren Eva Nagora (Violine) und Thomas Blees (Cello). Die LP ist 1968 herausgekommen und enthält weitere Stücke von Joseph Haydn, darunter das recht populäre Quartett D-Dur Hob.III:8 für Laute (Gitarre), Violine, Viola und Violoncello (in Neuausgabe auch bei Doblinger).