Giuliani pop

Lambert Airs CDMichel Lambert: Airs
Charles Daniels, Tenor; Fred Jacobs, French Theorbo
Aufgenommen im Mai 2013, erschienen 2014
METRONOME MET CD 1092, im Vertrieb von Klassik Center Kassel
… Bravo und danke! …

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Michel Lambert (1610–1696) war komponierender Sänger und Gesangslehrer. Aus seiner Feder überliefert sind uns über dreihundert „Airs“, weitere gelten als verschollen … dazu kommen einige sakrale und wenige Ballettkompositionen. Für seine Lieder ist Lambert berühmt gewesen, auch für seine Tätigkeit als Gesangslehrer. Der Schriftsteller Titon du Tillet, (1677–1762) hat ihn als junger Mann anlässlich von Konzerten in Puteau-sur-Seine erlebt und berichtet, Lambert habe sich selbst auf der Theorbe begleitet. Catherine Massip, die Autorin der sleeve-notes für vorliegende CD, schreibt, dass auch Bertrand de Bacilly (1621–1690) ähnliches berichtet hat. In Bertrands Buch „Remarques sur l’Art de bien chanter“ (Paris 1679), so heißt es, habe dieser außerdem die besonderen Vorzüge der Theorbe für die Gesangsbegleitung herausgestrichen: „La Viole mesme & le Clavessin, n’ont point la grace, ny la commodité qui se rencontre dans le Theorbe, qui es propre pour accompagner toutes sortes de Voix.“ Ich gehe davon aus, dass es sich bei dem zitierten Bacilly um Bénigne (und nicht Bertrand) de Bacilly gehandelt hat, dessen Buch „L’Art de bien chanter“ tatsächlich 1679 erschienen ist … allerdings als dritte Auflage seiner Ausführungen „Remarques curieuses sur l’art de bien chanter“ von 1668.

Michel Lambert jedenfalls diente seinem König Ludwig XIV. (1639/1643–1715) als maître de la Chambre du roi. Dass er als Musiker ausgerechnet bei Anlässen, die als „ruelle“ bezeichnet wurden, mitwirkte, deutet auf das vertrauliche Verhältnis hin, das er zu seinem König und Dienstherren gehabt haben muss. Eine „ruelle“ war eine Art von Salon in sehr kleinem Kreis.

Und so ist die Musik, die wir von Charles Daniels und Fred Jacobs hören nichts für moderne Konzertsäle. Im Gegenteil! Ein Pläsir vielleicht nur für den König selbst sollte es sein, eine musikalische wie literarische Abendunterhaltung … privater noch, als sein coucher, die Spätkonferenz, die allabendlich in seinen Schlafgemächern abgehalten wurde.

Charles Daniels singt sehr textdienlich und kommt damit den Liedern in ihrer jeweiligen Aussage sehr nah‘. Von enttäuschter Liebe wird da gesungen, von Zurückweisung und Kummer. Die Themen ähneln sich, und doch sind die Texte in ihrer Grundstimmung weit entfernt von Lautenliedern, wie sie zu Anfang des Jahrhunderts in England gesungen worden sind, und für die der Name des Lautenstücks „Merry Melancholy“ aus der „Schoole of Musicke“ von Thomas Robinson als eine Art Motto gelten könnte.

Bei Lambert werden Liebesqualen so besungen (Autor nicht genannt, erschienen 1658 bei Pierre Ballard in Paris):

Jamais amant ne fût plus miserable;
Mais helas! Pour finir un sort si deplorable,
S’il faut de ma Silvie estre moins amoureux,
Non, j’ayme mieux mourir, que destre heureux
.

Zwischendurch sind „Airs avec double“ eingestreut, Lieder, deren jeweils zweite Strophe stark verziert, diminuiert wird. Hier könnten beim einen oder anderen Lied die Diminutionen nebensächlicher ausfallen. Nebensächlicher wie Verzierungen eben, wie kleine Extras, Marginalien. Beispiele? In „Helas l’heureux Tircis“ zum Beispiel drängen sich Diminutionen in der zweiten Strophe sehr in den Vordergrund, dagegen wirken die atemberaubenden sängerischen Verrenkungen in „Lassé des rigueurs de Climene“ als das, was sie sind oder sein sollen: als Randbemerkungen und nicht etwa als vorlaute Einwürfe.

Sieht man von Virtuositäten ab, sticht das Lied „Ma bergere est tendre et fidelle“ aus dem Programm heraus. Ihm liegt eine Chaconne zugrunde, und das ist ein selten angewandter Kunstgriff.

Fred Jacobs spielt zwischen Gruppen von jeweils vier Liedern Préludes für Laute solo von Charles Hurel. Was wir von ihm, Hurel, an Stücken haben, steht in einer Handschrift, die heute in der Pierpont-Morgan-Library in New York aufbewahrt wird. Alle Kompositionen sind für Theorbe. Die Handschrift enthält fünf Suiten und schließlich eine Chaconne, die uns verrät, wer als Komponist für die Stücke in dem Manuskript verantwortlich ist. Sie ist überschrieben mit: „Chaconne – Composée pour Mlle de la Balme par Hurel“.

Fred Jacobs spielt eine groß dimensionierte Französische Theorbe, die sich als „propre pour accompagner toutes sortes de Voix“ erweist und ebenso geeignet für solistische Aufgaben: nicht zu groß, nicht zu schwerfällig, nicht zu basslastig. Im Gegenteil, sein Spiel ist eloquent und bis ins Detail differenziert.

Die CD mit Liedern von Michel Lambert stellt bisher weniger bekanntes Repertoire für eine ziemlich verbreitete Besetzung vor! Dabei mussten die Interpreten keineswegs auf zweitrangiges Material ausweichen, weil die erste Wahl längst tausendfach verbreitet war. Nein, und darin unterscheiden sich Gitarristen von Musikern der „Alten Musik“ grundsätzlich: Gitarristen warten, bevor sie Zeit in ein Stück investieren, bis es von Kollegen zum Publikumserfolg gemacht worden ist. Lautenisten oder, sagen wir, Vertreter der „Alten Musik“ sichten und hören selbst! Ihre Arbeit bringt dann Entdeckungen wie die Airs von Michel Lambert hervor. Bravo und danke!