Giuliani pop

John Griffiths
Intimate Vihuela
Werke von Enriquez de Valderrábano und Miguel de Fuenllana
Aufgenommen im Februar 2014, erschienen 2015
Vihuela von Ian Watchorn
Contrastes Records 2201405, im Vertrieb von NAXOS
… kein Fantaisierer …

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Irgendwie sind Lautenisten und Vihuelisten auch Musikwissenschaftler … automatisch“, sozusagen. Sie können nicht einfach in eine Musikalienhandlung gehen und sich ihr Spielmaterial kaufen; Unterricht im Instrument ihrer Wünsche können sie auch eher selten nehmen und um Instrument, Besaitung und Stimmung müssen sie sich auch selbst kümmern.

Bei John Griffiths ist das anders – er ist nicht „irgendwie“ und schon gar nicht „automatisch“ Musikologe, er ist ausgewiesener Wissenschaftler und Forscher und Autor zahlreicher Veröffentlichungen, von denen hier etliche bekannt sind oder mindestens bekannt sein sollten. Was die praktische Musikausübung angeht, hat John Griffiths (geboren 1952 in Melbourne) zunächst in Australien studiert, um danach in Europa das breit gefächerte musikalische Angebot kennenzulernen: Ergänzende Studien hat er darauf bei Siegfried Behrend und später bei Eugen Dombois und Hopkinson Smith absolviert und dabei (zum Glück) seine Vorliebe für das Angebot der Baseler Schola entdeckt und gepflegt.

Die vorliegende CD enthält nur Werke von Enriquez de Valderrábano und Miguel de Fuenllana bzw., um genau zu sein, fast nur. Von beiden Vihuelisten werden auch Intavolierungen gegeben und die gehen ausnahmslos auf vokale Vorlagen von Josquin Desprez (1450/1455–1521) zurück. Außerdem sind gelegentlich Sätze von Luys de Narváez eingestreut, von Alonso Mudarra und Esteban Daza. Auf die populären Stücke des Vihuela-Repertoires hat Griffiths verzichtet. Keine „Harfenfantasie“, kein „Guardame las vacas“´!

John Griffiths spielt nicht besonders eloquent, er verzichtet auf virtuose Einwürfe und gibt die Intavolierungen „Wort für Wort“ wieder, wie sie in den Tabulaturen überliefert sind … auch das sehr schlichte, gerade einmal eine Minute dauernde Benedictus aus der Messe „Ave maris stella“ von Josquin. Dieser Satz lädt regelrecht zu Umspielungen und Diminutionen ein und wirft – wie schon so oft – die Frage auf, ob nicht die Instrumentalisten vor rund fünfhundert Jahren eher improvisatorisch ergänzend mit den musikalischen Vorlagen, die sie da in Tabulatur bearbeiteten, umgegangen sind. Uns liegen schließlich für zahlreiche vokale Vorlagen Intavolierungen unterschiedlicher Lautenisten oder Vihuelisten vor und wir sehen die Abweichungen. Da gibt es Intavolatoren, die mit den Vorlagen ziemlich frei umgegangen sind und solche, die sich streng und strikt an die Vokalvorlagen gehalten haben, die zum populären Repertoire ihrer Zeit gehört haben … populär aber immerhin doch fast ausschließlich sakral gebunden. Gänzlich autonome weltliche Musik ist aus dieser Zeit selten überliefert. John Griffiths jedenfalls ist kein Fabulierer, kein Fantaisierer, geht sehr behutsam mit den musikalischen Vorlagen um und lässt sie als das stehen, was sie schließlich sind: als Reduktionen großer Musik … als instrumentale Zusammenfassungen, Extrakte. Er könnte für meinen Geschmack mehr und konsequenteres Legato spielen – schließlich handelt es sich fast ausschließlich um vokale (und wenn nicht ausschließlich, dann um von der Vokalmusik inspirierte) Musik.

Außerdem: Wenn er, Griffiths, sich entscheidet, dass Intavolierungen, wie wir sie aus den gedruckten Tabulaturen vorliegen haben, Aufzeichnungen tatsächlich praktikabler Instrumentalmusik und keine Improvisationsvorlagen sind, dann ist seine eher spröde Spielweise konsequent und historisch richtig! Dann erklärt sich auch der Titel der CD „Intimate Vihuela“. Dies ist Musik, für den sehr kleinen Kreis, für ziemlich intime Gelegenheiten, die durch zirzensisches Zurschaustellen ge- oder gar zerstört würden.

Übrigens ist eine der bekannten Kompositionen für Vihuela de mano doch in Griffiths‘ Programm verborgen: „La canción del Emperador“ von Narváez bzw. (auch) von Josquin. Sie, diese canción, hört man auf jeder zweiten Platte mit „Gitarrenmusik aus X Jahrhunderten“, und schon überhaupt, wenn es um Musik der Renaissance geht. Sie ist eine Repertoire-Konstante. Und siehe da, für die „canción del Emperador“ kann John Griffiths auch legato spielen! In diesem Stück, das auch unter „Mille regretz“ firmiert, wirkt sein Spiel regelrecht liedhaft (bis elegisch).

An die kühle Distanz, mit der Griffiths uns das Repertoire seiner neuesten CD präsentiert, muss man sich gewöhnen … obwohl sie für den Zuhörer erhebliche Vorzüge mit sich bringt. Man kann sich auf ihn und seine Interpretationen verlassen, kommt nicht ins Schwelgen und verliert sich nicht in Spielereien. Oder ist John vielleicht doch zu viel Wissenschaftler und zu wenig Musiker?