Giuliani pop

Dowland Unterschrift Kopie grau
CD Justin BurwoodJohn Dowland: Sorrow Stay

Justin Burwood, Tenor; Rosemary Hodgson, Lute
Aufgenommen im Januar und März 2011
ABC CLASSICS (Australian Broadcasting Corporation) 476 4998, im Vertrieb von NEW ARTS INTERNATIONAL
…„klassische“ Besetzung …

CD Dominique VisseJohn Dowland: Tunes of Sad Despaire
Dominique Visse, Countertenor; Fretwork Viol Consort; Renaud Delaigue, Bass; Éric Belocq, Laute und Orpharion
Aufgenommen im September 2011, erschienen 2012
SATIRINO Records SR 121, im Vertrieb von NEW ARTS INTERNATIONAL
… mehr Nonchalance …



Tears of JoyTears of Joy
English Lute Songs and Secular Music
Zefiro Torna
Erschienen 2011
ETCETERA KTC 4038, im Vertrieb von NEW ARTS INTERNATIONAL
… kreative Aufführung englischer Lautenlieder …



Unidas Alas Poore MenUnidas: Alas poor Men. Songs of Melancholy
Werke von Dowland, Corkine, Campion, Hume, Martine, Morley u.a.
Aufgenommen Juni—Juli 2009, erschienen 2011
GRAMOLA 98911, im Vertrieb von NAXOS
…konservativer …


Der deutsche Musikforscher Carl Engel hat 1866 gemeint, England sei das „einzige Kulturland ohne eigene Musik“ und der Diplomat Oscar A. H. Schmitz betitelte rund vierzig Jahre später sein Buch über England polemisch mit „Das Land ohne Musik“. Äußerungen dieser Art wurden gemeinhin mit Hinweisen auf John Dunstable (1390—1453) erwidert oder auf Henry Purcell (1659—1695) und Georg Friedrich Händel, pardon: Handel, (1685—1759). Letzterer gilt laut „Grove Dictionary of Music and Musicians“ als „English composer of German origin“.

Vor gut hundert Jahren, als Engel und Schmitz ihre Einschätzungen über die englische Musikgeschichte veröffentlichten, waren die Forschungen zur Elizabethanischen Lautenmusik und zu den Lautenliedern dieser Zeit noch nicht weit genug gediehen, dass Komponisten wie John Johnson (fl. 1579—1594), Thomas Morley (1557—1602) oder John Dowland (1563—1626) als Argumente gegen die angeblich in England nicht vorhandene Musikkultur genannt werden konnten. Außerdem wurde deren Musik noch nicht in ausreichendem Maß und in ausreichender Qualität aufgeführt.
Heute werden Aufnahmen mit englischen Lautenliedern häufig und in Vielfalt produziert. Mit Frauen- und Männerstimmen; Sopranistinnen, Tenören, Contratenören oder Ensembles; mit Begleitung einer Laute oder eines Consorts … die Lieder lassen verschiedene Besetzungen zu: „So made that all partes together, or either of them severally may be song to the Lute, Orpherian or Viol de gambo“ – so heißt es im Titel des „First Booke of Ayres“ von John Dowland. Dazu sind die Stimmen so gedruckt, dass vier Sänger und ein Lautenspieler aus einem einzigen, auf einem Tisch liegenden Exemplar des Buches singen und musizieren können.
Für uns, als Hörer des 20. bzw. 21. Jahrhunderts, ist die Besetzung Tenor und Laute die irgendwie „klassische“ Besetzung geworden und das hat mit der legendären Zusammenarbeit von Peter Pears und Julian Bream zu tun. Breams allererste Platte (DECCA LW5243) ist 1955 entstanden und hieß „An Anthology of English Song“. Sie enthielt Lautenlieder, aufgenommen zusammen mit Peter Pears, und war damit die erste Aufnahme englischer Lautenlieder weltweit.
Die „klassische Besetzung“ Tenor/Laute von Lautenliedern hören wir auf der CD „Sorrow Stay“. Der Kanadier Justin Burwood hat bei Max van Egmond und Howard Crook studiert und danach in Schweden, auf Malta und schließlich in Australien gelebt und gearbeitet. Dort, in Melbourne, ist die vorliegende Aufnahme entstanden. Burwoods schlanke, gerade Stimme kommt der Musik und meinen Vorstellungen davor, wie man diese Musik zu singen hat, mehr als entgegen. Der Tenor unterstützt die Textaussage, spielt sich damit aber nie in den Vordergrund, er verwendet zurückhaltend Verzierungen ohne sich damit als Virtuosen empfehlen zu wollen, kurz: Diese Aufnahme der Lautenlieder ist zwar, was ihre Besetzung angeht, nicht innovativ oder gar waghalsig, aber sie ist mustergültig in ihrer zurückhaltenden Schlichtheit und ästhetischen Ausgewogenheit.
Rosemary Hodgson ist eine erfahrene und vielbeschäftigte Lautenistin. Sie hat bei John Griffiths in Melbourne studiert, danach bei Jakob Lindberg in London. Gut, die Frog Galliard auf vorliegender CD könnte für meine Begriffe etwas mehr federn und tänzerischer angelegt sein, schließlich war die Galliarde ein Tanz; dafür ist Lachrimæ erfrischend aufgeräumt und weniger tränenreich, als man es so oft hört.
Dominique Visse ist Countertenor und er hat mehr als „nur“ einen Lautenisten für die Begleitung der Lautenlieder an seiner Seite: Éric Bellocq spielt Laute und Orpharion, Fretword ist ein Gambenquartett und Renaud Delaigue liefert in ein paar Liedern der Singstimme einen Rahmen.
Diese Aufnahme ist mit mehr Mut zum Risiko entstanden … oder sollte ich sagen mit mehr Nonchalance? Nicht nur, dass Eric Bellocq als einer der Letzten den als „Laute des 21. Jahrhunderts“ gepushten Liuto Forte spielt, der sich schon als „Laute des 20. Jahrhunderts“ nicht verkaufen ließ, auch der Sänger Dominique Visse weicht ziemlich von dem doch eher konservativen Gesangsstil ab, den man bei Dowland-Liedern sonst so hört. Und er macht das sehr gut! Dominique Visse scheut sich nicht, textunterstützend stimmliche Varianten anzuwenden, die manchmal skurril wirken, und er tut alles, die Lieder zu lebendigen, lebensnahen Äußerungen zu machen. Beispiel: Das bekannte Dowland-Lied „Fine Knacks for Ladies“ singt er nicht als klassisches, aber weltfremdes Kunstwerk. Er singt wie ein Marktschreier, der das anpreist, was im Lied angepriesen wird: „Hübscher Tand für Damen, billig, erlesen, gar schicklich und neu“ (Übersetzung von Christian Kelnberger, 1999). Oder in „Away with these selfe loving lads“ (in Übersetzung: „Fort mit diesen selbstverliebten Kerlen, die niemals Amors Pfeil gestreift“) singt er als Frau bzw., um genau zu sein, mit der Stimme einer aufgebrachten Frau. Ob das aufführungspraktisch korrekt ist, weiß ich nicht … aber es ist kurzweilig und folgt der jeweiligen Textausgabe.
Zefiro Torna ist ein flämisches Vokal/Instrumental-Ensemble für Alte Musik. Die Besetzung variiert, zum Stamm des Ensembles gehören die vier Musiker, die auf vorliegender CD zu hören sind: Cécile Kemenaers, Sopran; Didier François, Nyckelharpa und Gesang; Philippe Malfeyt und Jurgen de Bruyn, Laute, Zister, Theorbe, Barockgitarre und Gesang.
Schon an der Besetzung des Ensembles sieht man, dass Zefiro Torna es ernst meint mit einer kreativen Aufführung englischer Lautenlieder, die seit fast vierhundert Jahren existieren, davon aber dreihundert Jahre in Bibliotheken geschlummert haben.
Auch Cécile Kempenaers folgt mit ihrem Gesang sehr sensibel dem, was in den Liedtexten ausgedrückt wird. Ich empfehle als Beispiele „Of all the birds that I do know“ von John Bartlet oder die beiden Tabak-Lieder: „Tobacco“ von Tobias Hume und die volkstümliche Ballade „Tobacco“. Vor allem das Lied von John Bartlet ist ein wunderbares Beispiel für die Ausdruckskraft und Volksnähe der Lieder und vor allem für ihre Aktualität. Bartlet spielt mit dem Zwitschern des Sperlings, um den es in dem Lied geht … „yet, yet, yet“.
Auch die Instrumentalisten bei Zefiro Torna gehen kreativ mit den Vorlagen um, die ihnen zur Verfügung stehen. Während die Lieder von John Dowland mit voll auskomponierten Begleitungen veröffentlicht vorliegen, werden auf der CD auch Balladen und andere volkstümliche Lieder vorgetragen, von denen vielleicht nur der Text überliefert ist oder Text und Melodie. Hier gehen die Musiker von Zefiro Torna so vor, wie es die Musiker vor vierhundert Jahren auch gemacht haben. Sie improvisieren und zwar so, wie sie sich eine Begleitung gerade vorstellen. Nicht historisierend, sondern tatsächlich ex tempore.
Zu der CD mit English Lute Songs bekommen die Käufer eine Bonus-CD mit Ausschnitten aus den anderen Produktionen von Zefiro Torna: Das Ensemble ist fünfzehn Jahre alt geworden.
Konservativer gehen die Musikerinnen von Unidas mit den musikalischen Vorlagen um: Theresa Dlouhy, Sopran und Eva Reiter, Viola da Gamba (als Gäste sind mit dabei: Christopher Dickie, Laute und Ulfried Staber, Bass). Sie betören eher mit den melancholischen Liedern, mit denen, die Weltschmerz und Kummer ausdrücken, in denen von enttäuschter Liebe und von Todessehnsucht gesungen