Giuliani pop

Dieter Silvan Weiss: Gitarrenmusik der Deutschen Romantik
Werke von Adam Darr, Eduard Beyer und Heinrich Albert
Aufgenommen 2013
VITULA MUSIK 4020796449544

Dieter Silvan Weiss CD

Dass diese CD nichts anderes als „Romantische Musik“ enthalten kann, sieht man! Junger Mann in weißem Hemd mit Fliege; dunklem, mit Samt oder Seide abgesetztem Anzug und gen Himmel abschweifendem Blick; eine Gitarre umarmend … Schöne Müllerin oder Winterreise? Nein, es geht um Gitarrenmusik der deutschen Romantik. Und welche Komponisten fallen einem da ein? Richtig: Darr, Bayer und Albert. Keine wirklich großen Namen, aber bekanntere gibt’s nicht!
Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war nämlich, was die Gitarre angeht, eine Zeit der Entbehrungen. Das Instrument hatte eine Blütezeit zu Beginn des Jahrhunderts durchlebt, war dann aber in Vergessenheit geraten und damit ging die musikalische Romantik an dem „romantischsten aller Musikinstrumente“ vorbei – in diesem Tonfall jedenfalls klagen Gitarrenfreunde seitdem. Der erwartete Katalog unsterblicher Gitarrenwerke der Deutschen Romantik blieb jedenfalls aus.
Werke einiger Kleinmeister sind uns überliefert – unter anderem die von Adam Darr (1811—1866), von denen die meisten erst postum durch die „Freie Vereinigung zur Förderung guter Guitaremusik“ in Augsburg herausgegeben worden sind. Dieter Silvan Weiß spielt eine Sonate, deren drei Sätze 1908 dort erschienen sind (V/1908/Nº 3—5), über vierzig Jahre nach dem Tod des Komponisten.

Eduard Bayer am StativDie Sonate (Allegro moderato – Andante religioso – Rondino/Allegro scherzando) ist eher vorsichtig geschrieben, konservativ … und doch den Standard der Zeit der „Wiener Klassik“ (mindestens der „Gitarrenklassik“) hinter sich lassend. Darr hat harmonisch kühner gedacht und gehandelt, als seine vermutlichen Vorbilder und er hat formal größere Bögen bevorzugt. Man bedenke, dass, als er mit 18 Jahren eine Art Karriere mit der Gitarre begann, die große Zeit dieses Instruments eigentlich schon vorüber war. Nur hatten sich das Komponieren und der Musikgeschmack geändert.
Dem neuen Geschmack versuchte Adam Darr natürlich mit seinen Gitarrenstücken zu entsprechen – dabei war gerade er es, der das Ende der Gitarrenbegeisterung mit sich gebracht hatte. Großformatige (bis unendliche) Melodien lassen sich auf der Gitarre nun mal nicht überzeugend darstellen, Kathedralen des Klangs auch nicht. Die Apologeten, die die Gitarre als das „romantischste aller Musikinstrumente“ bezeichnen, haben ein anderes Bild von Romantik vor Augen, eines, das mit sentimentalen Gefühlen zu tun hat, mit Heiratsanträgen oder kitschigen Romanzen.
Johann Gottfried Eduard Bayer (1822—1908) ist noch gründlicher in Vergessenheit geraten, als Darr. Von ihm spielt Dieter Silvan Weiß eine „Fantasie sur le chant »Les plus beaux yeuxes [sic]«“ op. 17, die als „Concert-Fantasie über das Lied »Die schönsten Augen«“ im Verlag von Ed. Bayer jun. in Hamburg erschienen ist.
Die Variationen bestehen weitgehend … oder mindestens teilweise … aus Umspielungen, virtuosen Diminutionen und spieltechnischen Spezereien. Mit Attraktionen dieser Art hat Bayer, der gelernter Graveur war, als Gitarrist zu Zeiten Erfolge gefeiert, als die Gitarre nur wenig Ansehen besaß: „Er [Bayer sen.] ist wohl mit Recht als der letzte Virtuose jener Zeit bezeichnet worden, in welcher man schon im Begriff war, sich andern Instrumenten mehr zuzuwenden, und nur durch seine wirklich auf der Höhe stehenden Darbietungen gelang es ihm, aufs neue das Interesse für das künstlerische Solospiel wachzurufen und zu beweisen, was bei genügender gründlicher Ausbildung und vollendeter Technik sich alles auf diesem leider auch in der Jetztzeit noch so häufig verkannten Instrument leisten lässt“ … bedauerte 1919 Eduard Bayers Sohn in der Zeitschrift „Der Lauten-Almanach).
Als Letzter Heinrich Albert (1870—1950), der „modernste“ der Komponisten romantischer Gitarrenmusik in Weiss’ CD-Programm. Seine sechs Konzert-Etüden sind musikalisch weit entfernt von dem, was wir von Darr und Bayer angeboten bekommen haben. Alberts Konzert-Etüden wirken wie durchkomponierte Charakterstücke und auch, wenn sie hie und dort durchaus Virtuosität von ihren Interpreten verlangen, sind sie keine Etüden im spieltechnischen Sinn. Man hört Heinrich Alberts Bemühungen um harmonische und vor allem melodische Vielfalt … auch in der Etüde „Wellenspiel“, die lautmalerisch tremolierend dem Verlauf eines Bachs folgt, und in „Unruhe“, wo, wie der Titel schon unmissverständlich zu erkennen gibt, eher Bewegung als Kontemplation angesagt ist.
Dieter Silvan Weiß spielt präzise und sauber, sonor und klangbewusst. Das Romantische in den dargebotenen Stücken überstrapaziert er nicht – auch nicht das Virtuose. Alles gut … wäre da nicht ein Aspekt, auf dessen Spur ich beim Lesen des Booklets gestoßen bin. Der Text endet nämlich nicht mit einem Zitat von Andrés Segovia oder vielleicht Fernando Sor, er endet mit zwei Zeilen aus der Bibel: „Und alles, was ihr tut, das tut alles im Namen des Herrn Jesus“ [gekürzt aus Kolosser 3,17].
Dieter Silvan Weiss’ Label heißt VITULA, was laut Stowasser „Kalb“ heißt, im Mittellateinischen aber auch „Fiedel“ oder „Bratsche“. Unauffällig?
Auf der Homepage des Labels aber liest man dann, umrahmt wieder von Bibelsprüchen (alle orthographischen oder Interpunktionsfehler in den Zitaten sind von Dieter Silvan Weiss): „Vitula Musik ist ein christliches Label, das heisst die Motivation der Musiker besteht darin, zur Ehre Gottes zu musizieren. Schwerpunkt des Repertoires ist dabei die Kammermusik sowie Werke für Soloinstrumente (welche in der Regel nicht gleich zur sogenannten ,,geistlichen Musik'' gezählt wird)“.
Wer bei Dieter Silvan Weiß Unterricht nehmen möchte, kann sich bei seiner privaten Musikschule anmelden: Christliche Musikschule Oberkirch: „Mit der Christlichen Gitarrenschule wird versucht gleich von Anfang an dem Gitarrenspiel einen tieferen Sinn zu geben. Wir spielen Gitarre um Gott damit zu ehren. Dabei lernt der Schüler das Gitarrenspiel nach Noten auf höchstem Niveau. Im Unterricht verwenden wir möglicht viele christliche Lieder“.
Und dann – Zum Thema Rockmusik werden ein paar Zitate aus höchst zweifelhaften oder mindestens umstrittenen Quellen geliefert: „Rockmusik gilt als gewalttätig in ihrem gesamten Auftreten und in ihrer musikalischen Geste“ oder „Es ist eine Tatsache, dass die Rockmusik, ihre Drogen propagierenden Texte und das ‚Vorbild‘ unzähliger Rockmusiker, einer der wesentlichsten Faktoren zur Auslösung der Drogenwelle in den 60er Jahren waren!“
Herr Weiß, Wollen Sie missionieren, die Gesellschaft vor gefährlicher Musik bewahren und gleichzeitig eine Karriere als Gitarrist machen? Dann werden Sie Probleme haben, denn „Das Schönste und Beste steht Gott zu; banale Musik mit vielen Wiederholungen und monotonem Rhythmus, wie es in der Unterhaltungsmusik üblich ist, wird als unchristlich bewertet und somit abgelehnt.“ [Zitat Dieter Silvan Weiss]