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CD Astor TrioAstor Trio
Bach & Piazzolla
Aufgenommen im Februar 2012
KSGAUDIO 67025
… unmissverständlich und eindringlich …



Der „Star“ des Astor-Trios ist – ich muss es einräumen, obwohl sich das Label Exaudio eigentlich weitgehend mit Gitarrenmusik befasst, Alexander Prushinskiy, der Geiger. Nicht, dass Tobias Kassung (Gitarre) und Stanislav Anischenko (Kontrabass) jeder für sich eine schlechte Figur abgäben, keineswegs, aber Alexander Prushinskiy beherrscht das musikalische Geschehen mit einer derartigen Strahlkraft und Eleganz, dass seine Kombattanten schlichtweg zu Statisten werden. Aber notabene: Er gibt keineswegs die Rampensau, die das größere Durchsetzungsvermögen seines Instruments, der Geige, für sich nutzt! Natürlich ist die Geige ohnehin das beherrschende Instrument: Sie füllt die höchste Stimme aus und ist damit a priori für Melodien zuständig. Und sie kann echtes Legato, was auf einer Gitarre beim besten Willen nicht möglich ist. Dass für den musikalischen Boden ein Kontrabass eingesetzt worden ist und der auch noch aus Diskretionsgründen weitgehend staccato gespielt wird, war eine wunderbare Idee, durch die die Stücke nicht nur ein Fundament, sondern auch eine gewisse luftige Weite erhalten haben, eine klangliche Dimension.


Gegeben werden auf der CD zwei der sechs Violinsonaten von Johann Sebastian Bach (BWV 1014 und 1016) und von Astor Piazzolla die „Histoire du Tango“ und vier Einzelkompositionen: „Tanti anni prima“, Adios Noniño“, „Oblivión“ und „Libertango“.
Die vier Sätze der „Histoire“ von Piazzolla gelingen dem Trio tänzerischer, sinnlicher als ich sie je gehört habe … und man hört sie tatsächlich oft. Vor allem, wenn man durch die Konzertsäle der internationalen Gitarrenfestivals reist. Von der heutigen Aufnahme empfehle ich besonders den Satz „Café 1930“, in dem auch die Gitarre gelegentlich zu Wort kommt. Bordelle um 1900 waren tatsächlich Freudenhäuser, wenn man Piazzolla glauben mag. Seine Musik von „Bordel 1900“ hat nichts Schwulstig-erotisches, sondern eher Tänzerisches … Freudiges. Prushinskiy … nein, dem Trio gelingt dieser Satz besonders, aber auch „Café 930“ und die anderen.
Danach kommt die Sonate E-Dur BWV 1016 … und sagen Sie jetzt bitte nicht, Bach zu spielen habe mit Sinnlichkeit nichts zu tun! Wenn Sie das meinen, hören Sie bitte das einleitende „Adagio“ dieser Sonate. Allein schon das wunderbar abgeglichene Zusammenspiel von Violine und Gitarre ist ein Vergnügen besonderer Art … und das trotz des Quietschens bei Lagenwechseln. Aber mit dem müssen wir wohl leben!
Die Sonate hält danach noch die eine oder andere Überraschung bereit. Gleich danach erinnert das erste „Allegro“ an alles andere, als an Bach … vielleicht an Jazz oder an einen Schlager von Frank Sinatra, usw.?
Wieder Piazzolla: Wenn ich Prushinskiy höre, fehlt mir nicht mal das Bandoneón, das wohl neben der Gitarre argentinischste aller Musikinstrumente … das von einem Krefelder namens Heinrich Band erfunden worden ist, nach ihm benannt wurde und zu dem Tango-Instrument überhaupt wurde. Beteiligt an der Karriere des Instruments war natürlich Astor Piazzolla, der als Bandoneón-Spieler und als Komponist auf der ganzen Welt berühmt war.
Prushinskiy spielt diese Musik mit derartiger Leidenschaft und Sinnlichkeit, dass sich die Hintergründe des argentinischen Tangos jedem öffnen. Er ist ja kein wirklicher lustiger, freudiger Tanz, sondern eher ein Lamento, bei dem es meistens um enttäuschte Liebe geht, um die daheimgelassenen Frauen, wenn ihre europäischen Männer in Buenos Aires oder Montevideo auf der Suche nach dem Glück waren, das aber die wenigsten von ihnen fandn. Was machten sie also: Sie unterhielten sich in billigen Bars mit ebenso billigen (und ebenso armen) Mädchen … beim Tango. Und sie besangen dabei ihr Schicksal.
Diese Stimmung bringen die drei Musiker des Astor-Trios ihren Zuhörer nah, wenn sie Piazzolla spielen. Und sie tun das unmissverständlich und eindringlich.