Giuliani pop

Ida PostkarteVor fünfundvierzig Jahren, am 24. April 1967, stand die berühmte Gitarristin und geniale Musikerin Ida Presti im Grand Memorial Hospital in Rochester nicht einem Publikum gegenüber, sondern einem unentrinnbaren Gesetz unseres Lebens. Im Alter von 43 Jahren und auf dem Höhepunkt ihrer Karriere starb sie an ihren inneren Blutungen.

Geboren wurde sie am 31. Mai 1924 in Seresnes, einem Vorort von Paris, und getauft wurde sie auf den Namen Yvette Montagnon. Ihr Vater, Claude Montagnon, war Franzose, ihre Mutter, Olga-Gracia Lo Presti, Sizilianerin. Monsieur Montagnon dachte, Ida Presti klinge besser als Yvette Montagnon, und so nahm sie später den Geburtsnamen der Mutter an. Ihr Vater liebte Musik und spielte oft bei sonntäglichen Festen Akkordeon.

Nach einem Konzert von Segovia am 7. April 1924 kam er höchst beeindruckt nach Hause und erzählte seiner Frau, die im achten Monat schwanger war: „Unser Kind wird einmal ein großer Gitarrist“. Ein paar Wochen später wurde Yvette geboren. Monsieur Montagnon kaufte sich eine Gitarre und spielte darauf herum – um später seiner Tochter die ersten Anfangsgründe beibringen zu können. Übrigens hatte er die gleichen Ambitionen bei seinem zweiten Kind, einem Jungen, aus denen aber nichts wurde.

Auf jeden Fall wurde es zu einer Huptaufgabe von Monsieur Montagnon, Ida zu einer großen Gitarristin zu machen. Als sie sechs Jahre alt war, unterrichtete er sie auf einer Gitarre von normaler Größe – vornehmlich mit Hilfe von Schallplatten von Andrés Segovia – und half ihr, das angeborene Talent auszubilden und die nötige Disziplin. Die Arbeit begann nach der Schule, wenn die kleine Ida zuerst eine Mittagsruhe einhielt, um dann Gitarre und Musiktheorie zu üben. Ihre ungewöhnliche Musikalität und ihr Fleiß zeitigten die erstaunlichsten Ergebnisse. Mit acht Jahren spielte sie zum ersten mal öffentlich uns ihr erstes regelrechtes Konzert gab sie mit zehn, am 28. April 1935 in der Salle Chopin-Pleyel in Paris.

 

Schon bald galt sie als ein Wunderkind und errang auch eine gewisse Professionalität. Eines Tages spielte sie „Gemüsehändler“ mit einem Messer in der Hand, natürlich gegen den Willen ihres Vaters. Auf die Warnungen, dass diese Spielerei ihren Fingern schaden könnte, wurde nicht gehört und das Unvermeidliche passierte: Ida schnitt sich in den Finger. Am folgenden Tag musste das Kind in einem Konzert spielen. Jahre später konnte man die Spuren ihre Ungehorsams noch immer sehen, aber man hörte auch ihren Satz: „Eine Kindheit habe ich nie gehabt.“Ida Presti war die einzige Künstlerin unter zwölf Jahren, die in der „Société des Concerts du Conservatoire“ und „Les Concerts Pasdeloup“ zu Konzerten eingeladen worden ist – und das gleich in zwei aufeinander folgenden Jahren. Der Kreis ihrer Bewunderer wuchs. Sie spielte sogar in einem Film, „La Petit Chose“, der auf eine Romanze von Alphonse Daudet zurückgeht. Zur hundertsten Wiederkehr des Todestages von Niccolo Paganini war sie es, die anlässlich einer Feier in seinem Geburtshaus auf der Gitarre des Komponisten und Geigers (auch der von Hector Berlioz) spielte.

Prestis Talent gewann jeden. Sie hatte gleich brillanten Erfolg. Nach ihrem Debüt schrieb Bernard Gavoty: „Schon mit zehn Jahren hat sie eine sichere Technik … ihr voller Ton und die Vielfalt der möglichen Klangfarben ist äußerst bezaubernd …“ („Le Figaro“ vom 1. Mai 1935). Und der Kritiker der „Aux Ecoutes“: „Ein angeborenes Gefühl für die Musik, ein außerordentliches Rhythmusgefühl“ (4. Mai 1935). Am 26. Januar 1938 kommentierte „L’Epoque“ ihr „unglaubliches Stilgefühl“ und neun Tage zuvor, am 17., schrieb A. Dandelot, sie habe ihn „verblüfft“. „La Presse“ erklärte: „Ida Presti ist momentan die jüngste, erstaunlichste und vielversprechendste junge Gitarrenvirtuosin.“ Emilio Pujol nannte sie 1935 ein „Wunder an Gewandtheit und Grazie“. Und selbst Segovia sagte, als sie dreizehn Jahre alt war: „Ich kann ihr nichts mehr beibringen … sie sollte von keinem Gitarristen Unterweisungen annehmen.“

In ihren Konzertprogrammen zwischen 1935 und 1938 waren Stücke von Bach, Broqua, Malats, Fortea, Sor, Moreno-Torroba, Paganini und Albéniz. Zusammen mit fünf Aufnahmen, die sie zwischen 1934 und 1936 auf 78er-Schallplatten veröffentlichte, bildete dies ein solides und abwechslungsreiches Repertoire für einen Konzertgitarristen dieser Zeit.

Ein Artikel mit dem Titel „Eine Wunder-Gitarristin“ erschein 1938 in der Zeitschrift „Rhythm“, wo A. P. Sharpe die vieldiskutierte Frage aufgriff, ob es irgendwo in Spanien einen besseren Gitarristen als Segovia gebe, und verkündete: „Hier ist der bessere Gitarrist. Es ist ein Kind von vierzehn Jahren.“

Mir, dir ich Ida Presti weder je getroffen, noch irgendwann live gehört habe, erscheint dies nicht als journalistische oder werbestrategische Übertreibung, sondern als ein völlig einleuchtendes Urteil. Ihren damaligen Aufnahmen zuzuhören, ist ganz einfach ein enormes Vergnügen. Niemals in der Geschichte der Gitarre hat ein Kind ihres Alters (damals etwa 13 Jahre) mehrere (sicherlich für diese Zeit schwierige) Konzertstücke mit diesem Ton, dieser Virtuosität und Empfindsamkeit gespielt. Niemals!

Auch, wenn in diesen ersten Schallplatten ein gewisser Segovianischer Einfluss zu erkennen ist, gibt es einige andere bemerkenswerte Charakteristika. Letztlich ein gewisses Stilgefühl, Respekt vor dem Notentext und der Musik. Und welche Würde bei Bach! Welches Feuer und welche Leidenschaft bei den Aufnahmen spanischer Musik! Diese Eigenschaften werden in späteren Aufnahmen noch bemerkenswerter. Ich hatte das Glück, einmal eine spätere Platte zu hören, die in den fünfziger Jahren in Marokko entstanden ist. Darauf hatte sie als Zeichen der Freundschaft Emilio Pujols „Sevilla“ aufgenommen. Man kann sich nichts vorstellen, das dunkler, maurischer hätte wirken können. Aus der Reinheit und der Größe ihrer Bach-Interpretation hat sie sich in eine Zigeunerin verwandelt, die uns atemlos zuhören und unsere Haare zu Berge stehen lässt. „Recuerdos de la Alhambra“ (Tárrega) spielt sie in unglaublichem Tempo, wie eine Etüde; der mittlere Teil von „Asturias“ ist sehr frei, aber nicht „romantisch“ oder „persönlich“. Bach und Albéniz klingen nicht so, aber das Spiel ist natürlich, elastisch, viel „klassischer“, viel eher der Musik dienend. Ihre Accelerandi, Rubati, Ritenuti, die Klangfarben – alles hat einen musikalischen Sinn. Technik und Virtuosität dienen nur dem musikalischen Ausdruck. Man vergisst das Nicht-Vorhandensein von Saitengeräuschen, den perfekten Klang und die phänomenale Technik dahinter, denn all das dient der Musik.

Was bleibt, gehört zu den menschlichen Gefühlen unserer Existenz. Unser Unterbewusstsein lebt auf, und wir sind überwältigt. Diese Eigenschaften findet man auch später und in viel reiferer Form in den Aufnahmen des Gitarrenduos Presti/Lagoya.

Aber eine weitere Rolle musste Ida Presti in jungen Jahren übernehmen: Mit dreizehn Jahren wurde sie Familienoberhaupt. Kurz nach ihrem Konzert 1938 starb ihr Vater an einem Herzinfarkt und Ida musste für eine dreijährige Schwester und eine arbeitslose Mutter sorgen. Ida verdiente mit ihrer Gitarre den Lebensunterhalt für die Familie. Die Kriegsjahre, die folgten, und die Jahre danach waren voller Schwierigkeiten. Dies war eine Zeit ihres Lebens, über die Ida Presti nie gerne gesprochen hat.

1943, mit 19 Jahren, heiratete sie Henry Rigaud. Ein Jahr später wurde ihre Tochter Elisabeth geboren. Irgendwie war sie so etwas wie ein zweites Kind für Ida, denn all diese Jahre, auch nachdem ihre Mutter ein zweites Mal geheiratet hatte, hatte ihre Schwester Gina bei ihr gelebt. Ida wohnte jetzt in Südfrankreich, in der Nähe von Marseille. Nie hörte sie auf zu spielen, während sie Konzerte in der Region vorbereitete und ihre Tochter Elisabeth pflegte. Vielleicht hat sie ihr Pujols „Guajira“ vorgespielt, ein Lieblingsstück der damaligen Zeit.

Der strikte Terminplan, den ihr Vater ihr in ihrer Kindheit auferlegt hatte, ließ sich nicht mehr mit ihrer jetzigen täglichen Routine vereinbaren. Ida hatte eine Bohème-Natur und liebte es, bis tief in die Nacht hinein zu spielen, manchmal bis zwei oder drei Uhr morgens – für ihre Freunde, die Zigeuner. Mit oder ohne Gitarre liebte sie es, für ihre Freunde zu singen. Sie hatte eine wunderbare Stimme, einen klaren und reinen Koloratursopran. Viel später, in den frühen fünfziger Jahren, nach einem Pariser Konzert in der Salle Gaveau, ihrer bevorzugten Konzerthalle, bestanden ihre Freunde, die Zigeuner, darauf, sie möge singen. Dies war das erste und einzige Mal, dass Ida Presti als eine echte Volkssängerin öffentlich gesungen hat. Es waren der Gesang und die menschliche Stimme, die sie in ihrem Unterricht als Ideal der Phrasierung vorgab. Auch liebte sie es zu improvisieren, manchmal ohne Unterlass. Auch, wenn Sie Stunden damit zubrachte zu improvisieren, schrieb sie niemals eine einzige Note auf. Wie John Duarte sich erinnert, spielte Alexandre Lagoya einmal einen Kontrapunkt zu einer Sor-Etüde, den er speziell dafür aufgeschrieben hatte, als sie eine Gitarre nahm und eine dritte Stimme dazu improvisierte: „tempo rapido!“

Erst später, und dies dank der Fürsorge und Aufmerksamkeit von Alexandre Lagoya, ihrem zweiten Ehemann und Duopartner, können wir von Ida Presti auch als Komponistin sprechen. Sie schrieb immer wieder Phrasen oder Einzeltakte auf und ließ sie irgendwo im Haus liegen. Später, vielleicht am nächsten Tag, waren da weitere Ergebnisse ihrer Schöpferkraft. Nur weil Lagoya diese fliegenden Blätter aufhob, war sie später in der Lage, sie zusammenzusetzen und uns ein paar höchst lebhafte und spontane Duo- und Solostücke zu hinterlassen, die „Le Hongroise“, „Danse d’Avila“, „Espagne“, L’Étude Fantasque“, „Danse Rhythmique“, „Six Études“, „Etude de Martin“ usw. Sie hätte bescheiden gesagt: „Ich bin keine Komponistin, nur eine Gitarristin, die für ihr Instrument schreibt.“

Nach dem zweiten Weltkrieg war ein Besuch im Haus von André Verdier für Gitarrenliebhaber ebenso wichtig wie in der nahegelegenen Kathedrale Notre Dame. Verdiers Haus war der Treffpunkt für „Les Amis de la Guitare“. Viele, die ihre Schallplatten gehört hatten, gingen dorthin, um vielleicht Ida Presti zu sehen und spielen zu hören. Dorthin kam auch ein neuer Bewunderer, eben jener Alexandre Lagoya, den sie später heiratete und mit dem sie das Gitarrenduo gründete.

Ida Presti war nicht nur ein Wunderkind, das bereits in frühen Jahren eine Technik besaß, die auch heute noch beneidenswert ist. In ihren Zwanzigern erstaunte die „Weibliche Mozart“, wie Kritiker sie genannt hatten, das Publikum laufend durch ihr fabelhaftes Spiel und ihre jugendliche Ausstrahlung. Sie spielte nicht nur in den großen Konzersälen, sondern führte die Gitarre auch in kleine Kreise ein, kleine Provinzstädte, vornehmlich in Frankreich. Sie besuchte aber auch Italien, Holland, Deutschland, Marokko, Indonesien und England, wo sie nicht nur ihre eigenen Transkriptionen spielte (Bach, Albéniz, Scarlatti), sondern auch Komponisten vorstellte, die im Segovia-Repertoire nicht oder nur sehr selten vorkamen: Emilio Pujol, de Falla, J. Rousseau, Presti, Corelli, Tessarech, nicht zu vergessen ihren Ehemann Alexandre Lagoya, und einige dieser Stücke nahm sie auch für die Schallplatte auf. Sie wurde für die erste Aufführung des „Concierto de Aranjuez“ in Frankreich ausgesucht und diese Aufführung wurde live im Radio übertragen. Durch die Rundfunksendung „Notes sur la Guitare“ stellte sie die Gitarre einer großen Schar Interessenten vor. Ida Presti lebte das Leben einer brillanten Solistin. Trotzdem entschied sie sich in ihren ganz frühen dreißiger Jahren, nachdem sie Alexandre Lagoya geheiratet und ihr zweites Kind Sylvain bekommen hatte, ihre Solokarriere an den Nagel zu hängen, um mit ihrem Mann zusammen als Duo aufzutreten. Das Opfer wurde im Sinne und Geiste der Musik gebracht. Ihre Arbeit mit Lagoya brachte das größte Gitarrenduo in der Geschichte des Instruments hervor. Sie bildeten ein Fundament, auf dem andere Duos aufbauen konnte. Die Brüder Assad gaben zu, dass sie ihr Repertoire ursprünglich auf dem von Preti/Lagoya aufgebaut haben. Was die heute existierenden Duos angeht, die ähnlich verfahren sind, ist die Liste zu lang, um sie hier anzuführen.

Eines der frühesten Duo-Konzerte fand am 24. Juli 1956 beim Musikfestival in Aix-en-Provence statt. Es war ein enormer Erfolg und wurde im Rundfunk ausgestrahlt und in verschiedenen Ländern Westeuropas gehört. Eben in diesem Jahr fällte Ida Presti die Entscheidung, nur noch zusammen mit ihrem Mann im Duo zu spielen. Zusammen reisten sie auf Konzertreisen um die Welt. Die Möglichkeiten ihrer Duoarbeit waren bei weitem noch nicht ausgereizt, als Ida so tragisch ums Leben kam.

In etwa zehn Jahren wurde ihr vierzehn neue Konzerte geschrieben – nicht zu erwähnen die zahlreichen anderen Kompositionen für zwei Gitarren von Rodrigo, Pierre Petit, André Jolivet, Daniel Lesur, Moreno-Torroba, Castelnuovo-Tedesco, Tomasi, Duarte, Jouvin, Somonot und anderen. Das Presti-Lagoya-Duo eroberte die Welt, führte neue Spieltechniken vor und hatte eine riesige Gefolgschaft von Schülern und natürlich Fans. Die Presse war in ihrem Lob einmütig: „Bemerkenswert“ (Washington Post), „Dynamisch“ (New York Times), „Ein Schock“ (San Francisco Chronicle), „Eines der Weltwunder“ (Le Combat, Paris).

Als Ida Presti jung war, mochte sie nicht unterrichten. Nachdem sie aber an der Schola Cantorum in Paris unterrichtet hatte, begann sie 1960 zusammen mit ihrem Mann ihre Tätigkeit an der Academie International d’Été in Nizza und bewies sich als hervorragende Lehrerin. Es geht einem nah’, wenn man die Rektionen ihrer Schüler liest und die Erinnerungen, nachdem sie so unbegreiflich aus dem Leben geschieden war. Ida fand sogar während Konzertreisen die Zeit, sich um ihre Schüler zu kümmern. Ihr Unterricht war, wie eine Quelle es ausdrückt, imaginativ; das heißt, sie wusste im Voraus, was klappen würde und was nicht. Das Erste, was bei einem Stück untersucht und beachtet wurde, waren die Fingersätze und die Phrasierung: „Sie entdeckte die geringfügigsten Unregelmäßigkeiten und erfand technische Übungen aus der Hand …, sagt Alice Artzt. „Sie verband Vornehmheit und Grazie bei der trivialsten Etüde“, schreibt Henry Dorigny. Presti wurde nicht nur bewundert, sondern geliebt. Evangelos und Liza sagen: „Je mehr man sie kannte, desto mehr bewunderte und liebte man sie“ … und weiter: „Von Natur aus war sie zart und großzügig. Immer versuchte sie, Mut und Hilfe zu geben und anderen zu helfen. Mit Schwierigkeiten fertig zu werden.“ Von Ida Presti beeindruckt sagte Timothy Walker: „Mit guten Argumenten vertrat sie Fingersätze und Interpretationen, und immer erklärte sie warum. Sie akzeptierte jeden überzeugenden Weg und war niemals diktatorisch. Sie versuchte nicht, jedem ihre „J’attaque à droite“ einzureden, sondern erklärte sie nur – zusammen mit anderen Details ihrer Spieltechnik wie Triller, Tonleitern mit drei Fingern etc. Den „einzigen korrekten Weg“ gab es für sie nicht.“

Warum war sie ein großer Lehrer? Aaron Skitri gibt einen Grund: „Immer, wenn sie einen begabten Schüler mit ausgeprägter musikalischer Persönlichkeit unterrichtete, hat sie ihn das machen lassen, was er wollte und ihn nur in seinen eigenen musikalischen Ideen gleitet.“ Wunderbar! Und ihrer Zeit voraus! Presti war nicht „von der alten Schule“; den maître nachzumachen, passte ihr gar nicht. Sie war glücklich, wenn sie assistieren und empfehlen konnte.

Ida Prestis unerwarteter Tod schockierte die Musikliebhaber und betäubte die Gitarrenwelt mehr als irgendein anderes Ereignis in der Geschichte des Instruments. Die Seele des Gitarrenduos Presti/Lagoya hatte unerwartet die Bühne verlassen: „Sie hat mich gelehrt, dass die Gitarre Musik ausdrücken kann, nur Musik“ (Pierre Petit, Juni 1967); „Große, reine, wunderbare Künstlerin“ (Daniel Lesur, Juni 1967); „Auch mit diesem zeitlichen Abstand bleibt Ida Presti für viele von uns die größte Gitarristin unseres Jahrhunderts“ (Ako Ito, 1984); „Für kurze Zeit haben wir ein Genie unter uns gehabt und es ist beinahe unmöglich, während unseres Lebens noch eines dieser Art zu treffen“ (John W. Duarte, Juni 1967). Und Alexandre Lagoya sagte: „Empfindsam, gefühlvoll, leidenschaftlich, mit extremer Ernsthaftigkeit – sie war ein Genie. Mich hat in meinem ganzen Leben keine Gitarristin und kein Gitarrist so bewegt wie sie. Sie war die Musik in persona. Ich glaube daran, dass sie der beste Gitarrist unseres Jahrhunderts gewesen ist. Sie war etwas Unerklärliches.“

Unerklärlich ist auch die Tatsache, wie sehr wir sie vergessen haben. Sicher, sie war bescheiden und diskret und liebte das Oberflächliche und Mondäne überhaupt nicht. Käme sie aber wieder auf die Welt, und sei es nur für eine Minute – wäre sie dann glücklich, wie schnell wir sie vergessen haben? Wie viele junge Spieler haben nicht einmal von ihr gehört? Wie wenig ist über sie geschrieben worden! Sie gab der Gitarre ihr Leben. Ich glaube auch, dass sie der größte Gitarrist unseres Jahrhunderts war. Von ihren insgesamt 43 Lebensjahren verbrachte sie 33 als professionelle Gitarristin. Ihre Kompositionen wie auch ihre Soloplatten (neben den Solo-Platten für Grammophon und RCA gibt es Stunden von Musikaufzeichnungen, die für den Rundfunk angefertigt worden sind) sollten im Besitz jedes Musik- und Gitarrenfreunds sein. Das Werk eines Musikers kann nur durch die, die zurückbleiben, am Leben erhalten werden. Müssen wir sie ein zweites Mal beerdigen?

Ida Presti war eine phänomenale Musikerin, ein legendärer Virtuose, eine großzügige, liebenswürdige Frau, ein Genie. Ist es möglich, dass ich eine Hommage an sie schreibe? Sicher nicht! Ich will nur sagen: I wish you were here!

Dieser Artikel erschien in geringfügig anderer Form in Classical Guitar, Ausgabe Mai 1992. Die deutsche Übersetzung erschien in Gitarre & Laute XIV/1992, Nº 5, S. 12—16. © 1992 by Eleftheria Kotzia/Gitarre & Laute, Verlag Dr. Peter Päffgen