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Bartolotti Tabulatur 1Rome – Paris – Madrid: European Baroque Guitar Music
Pierre Pitzl, Gitarre
Werke von Bartolotti, Granata, Corbett, de Visée, Sanz und Guerau
Aufgenommen im April 2013, erschienen 2014
ACCENT ACC24287, im Vertrieb von Note-1
… sie so eloquent, so natürlich und elegant vorgetragen werden, wie es Pierre Pitzl auf seiner CD tut …


Pitzl CDPierre Pitzl spielt barocke Gitarrenmusik. Er spielt sie – natürlich, möchte man fast sagen – auf einem Instrument der Zeit, in der sie entstanden ist, auf einer fünfchörigen „Barockgitarre“ … bzw., um genau zu sein, auf der Kopie einer barocken fünfchörigen Gitarre.
Natürlich? Nun, „moderne Gitarristen“ – oder sagen wir besser Spieler von modernen, sechssaitigen Konzertgitarren – haben selten ein Händchen für diese Art von Musik. Das hängt beispielsweise mit den zahlreichen Arpeggien zusammen, die diese Musik ausmachen und die auf orchestral klingenden, sechssaitigen Gitarren nicht mit der nötigen Leichtigkeit und Eleganz darzubieten sind. Die meisten Bearbeitungen, die für moderne Gitarre angeboten werden, nehmen zudem keine Rücksicht darauf, dass die klangliche Eigenart der Barockgitarre mit ihrem engen, geringen Tonumfang zusammenhängt. So lange man dies als ihren Nachteil auffasst und in Bearbeitungen für sechssaitige Gitarre deren Bässe als Basis nutzt, erhält man zwar einen volleren Gesamtklang, man entfernt sich aber immer weiter von dem zarten, spielerischen und keineswegs lauten Spiel der Gitarre, das Robert de Visée seinem Herren und König Louis XIV. in dessen Privatgemächern liefern musste. Keine Fußballstadien, auch keine Konzertsäle … nicht einmal Salons mit einer Handvoll Zuhörern hatten die Gitarristen dieser Zeit zu unterhalten. Es waren private und oft sehr private Gelegenheiten, an denen Gitarristen aufzuspielen hatten.
Wir haben heute das fürstliche wenn nicht königliche Privileg, Gitarristen der obersten Liga [man verzeihe mir die Terminologie, aber es ist Fußball-WM!] für uns spielen zu lassen, und zwar „auf Knopfdruck“ sozusagen und in der Lautstärke, die wir anordnen – und in der Schwerelosigkeit, die wir uns von barocker Gitarrenmusik wünschen. Und mit der CD von Pierre Pitzl, haben wir zudem die Chance, Gitarrenmusik der unterschiedlichen europäischen Schulen nebeneinander zu hören … aber das hatte Louis XIV. auch! Gitarristen waren begehrt und wanderten von einem Land und von einem Hof zum anderen. Francisque Corbette war einer von ihnen. In Italien, seinem Geburtsland, hatte er Francesco Corbetta geheißen. Dann ging er nach London und später nach Paris. Gaspar Sanz (1640—1710) hat in Italien seine Kunst verfeinert, ist aber, was seine Stücke angeht, immer Spanier geblieben. Pitzl spielt nicht seine populären Stücke wie „Españoletas“ oder „Canarios“, die heute allenthalben – mindestens unter Gitarristen – bekannt sind. Er spielt „Preludio o Capricho arpeado por la X“ und „Passacagles por la X“ aus Sanz‘ „Instrucción de musica“ von 1674. Mit Stücken von Sanz‘ Landsmann und Zeitgenossen Francisco Guerau (1649—1717 oder 1727) schließt er schließlich sein Programm, von ihm sind „Canario“ und „Marionas“ dabei, auch zwei Passacaglias.


Aber Pitzl stellt die Vielfalt der europäischen Gitarrenmusik des 17. und frühen 18. Jahrhunderts dar, beginnt mit Stücken von Michelangelo Bartolotti (ca. 1615—ca. 1682), dem genialen Künstler, dem Visionär, der den Wechsel zwischen von der Rasgueado- zum Punteado-Spielweise in Italien initiierte und damit die Gitarre von einem Makel befreite … dem nämlich, das Instrument sei zu nichts anderem fähig als zu einem „Strump Strump“, wie der große Johann Mattheson noch fast hundert Jahre später scharfzüngig meinte: „Wir wollen […] die platten Guitarren aber mit ihrem Strump Strump den Spaniern gerne beym Knoblauch-Schmauß überlassen/(so lange nur ein gewisser Liebhaber und grosser Maitre, der auch wol aus einem Bret ein charmantes Instrument machen möchte / bey uns bleibet ;)“
Spätestens die Suiten von Francisque Corbett (ca. 1615—1681) und Robert de Visée (ca. 1660—1732) strafen Mattheson Lügen … mindestens, wenn sie so eloquent, so natürlich und elegant vorgetragen werden, wie es Pierre Pitzl auf seiner CD tut. Wir bekommen eine Ahnung von der Vielfalt barocker Gitarrenmusik, wie sie in Rom, Paris und Madrid gepflegt worden ist, von der Entwicklung auch, die sie genommen hat. Vom viel mit durchgestrichenen Akkorden durchwobenen Satz, wie wir ihn noch bei den Italienern hören, über den fast nur aus Einzeltönen wie etwa in der wunderbaren Bourée aus der Suite von Robert de Visée, zum reinen punteado bei den Spaniern.
Aber natürlich ist die CD von Pierre Pitzl weit mehr als ein Lehrstück in Sachen Musikgeschichte! Sie lässt uns teilhaben an dem Vergnügen, das Fürsten und Könige sich gönnten, als sie Gitarristen in ihre Dienste nahmen und für sich spielen ließen … bei privaten und oft sehr private Gelegenheiten … wie dem „Coucher“ von König Louis XIV, für das er mit Vorliebe Robert de Visée spielen ließ. Das „Lever“ war die Aufstehe-Zeremonie am Hof, bei dem der König erste Audienz hielt. Das „Coucher“ war das Ins-Bett-Gehen und selbst das hatte am Hof fast etwas Öffentliches.