Giuliani pop

Heute haben wir sie zu Grabe getragen, die Pianistin und Musikologin, die Querdenkerin, Kölnerin und Weltenbürgerin Grete Wehmeyer. Mit Büchern über Eric Satie und Edgar Varèse hat sie sich in den siebziger Jahren einen Namen gemacht, danach hat sie die „Entschleunigung von klassischer Musik“ betrieben bzw., um genau zu sein, hat sie sich zunehmend mit der wissenschaftlichen Erforschung von Tempo und Geschwindigkeit in der Aufführung klassischer Musik befasst. „Bach zügig, Mozart äußerst frisch, Beethoven geduckt dahinsausend, Chopin und Liszt rasant – so muss klassische Musik sein, so entspricht sie unserem Lebensgefühl, so klingt sie von Schallplatten, aus dem Radio, im Konzertsaal und im Opernhaus. Schnell muss Musik gespielt werden, wie Autos und Züge schnell fahren müssen, damit wir nicht nervös werden.“ [Grete Wehmeyer, prestißißimo: Die Wiederentdeckung der Langsamkeit in der Musik, Hamburg 1989 und Reinbek 1993]

Das Thema „Tempo und Geschwindigkeit“ hatte sie aus Japan mitgebracht, wo sie zwischen 1982 und 1984 eine Gastprofessur für Klavier an der Musashino-Akademie ausgefüllt hatte. Aber auch vorher waren ihr Themen aus diesem Bereich nicht fremd. In „ARS MUSICA—MUSICA SCIENTIA“ [Festschrift Heinrich Hüschen zum fünfundsechzigsten Geburtstag, Köln 1980], schrieb sie zum Thema: „Die Kunst der Fingerfertigkeit und die kapitalistische Arbeitsideologie“: „Die heutigen Höchstleistungen auf allen Musikinstrumenten und im Gesang sind ebenso das Produkt kapitalistischen Geistes wie der gegenwärtige Höchststand von Industrialisierung und Technisierung. Die Basis ist hier wie dort die Ideologie der Arbeit, die als Preis Askese fordert. Der »Prozess der Zivilisation« hat hier wie dort zu erheblichen Restriktionen der ungezwungenen menschlichen Äußerungen im Täglichen wie auch in der Kunst geführt.“

Noch vor Japan hat sie sehr pointiert ihr Buch „Carl Czerny und die Einzelhaft am Klavier oder die Kunst der Fingerfertigkeit und die industrielle Arbeitsideologie“ [Kassel u.a. 1983] geschrieben, als aber 1988 die Arbeit „Wiedergeburt der Klassiker: Anleitung zur Entmechanisierung der Musik“ von Willem Retze Talsma erschien, wuchs die „Initiative Wehmeyer“ rasch. Ich erinnere mich an einen Abend in der Geibelstraße, als die Forderung, klassische Musik nur noch im halben Tempo zu spielen, von einem prominenten Kölner Vertreter der Schallplattenindustrie beklatscht wurde … schließlich könne man, so meinte er, auf diese Weise doppelt so viele LPs verkaufen. 1990 erschien Grete Wehmeyers Buch „Zu Hilfe! Zu Hilfe! Sonst bin ich verloren: Mozart und die Geschwindigkeit“.

Die Abende in der Geibelstraße (Koordinaten 50° 55’ 42’’—06° 55’ 05’’). Konzerte, Vernissagen, Gesprächskonzerte, Vorträge … all das wurde gepflegt und es kam vor, dass zwei Tage später in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung eine Besprechung des Events zu finden war. Immer gab es anregende, belebende und oft auch kontroverse Gespräche über das Dargebotene … und über Gott und die Welt. Grete Wehmeyer unterhielt einen Salon.

Einmal hat sie mir angeboten, ein Buch in Verlag zu nehmen: „Die erlauchte Pflaume“ … aus diesem Projekt ist leider nichts geworden, aber ich erinnere mich sehr gerne an den Abend, als sie ein paar Freunden und mir den Text vorgelesen hat. Der Buchtitel war so entstanden: Grete Wehmeyer war nach 1965 vom Goethe-Institut als Botschafterin deutscher Kultur durch die Welt geschickt worden. Sie gab Konzerte und Gesprächskonzerte. Nach vielen Jahren sichtete sie ihre Trophäen: Konzertprogramme, Fotos und Plakate in allen möglichen Sprachen. Dann ließ sie sich eines der Plakate von einem asiatischen Freund, dessen Muttersprache da gedruckt war, übersetzen: Klavierabend | Werke von Beethoven und Brahms | Am Klavier: | Erlauchte Pflaume. Ihr Name war phonetisch übersetzt worden und das Ergebnis war diese köstliche Verdrehung. Köstlich? Grete verstand es so, schließlich war sie keine Primadonna!

Der Grabredner begann heute seine kurze Ansprache mit „Grete ist tot – es lebe Grete!“ Und tatsächlich: Sie lebt nicht mehr unter uns, aber in allen, die sie gekannt haben, wird sie weiterleben … als die Pianistin und Musikologin, die Querdenkerin, Kölnerin und Weltenbürgerin … und als die Freundin, die sie war!