Giuliani pop

DVD Nupen Segovia 600x891The Christopher Nupen Films
Andrés Segovia in Portrait | Segovia at Los Olivos, The Song of the Guitar
Werke von Bach, Llobet, Ponce, Granados, Albéniz, Scarlatti, Rameau u.a.
Produziert 1967 (Segovia at Los Olivos) bzw. 1976 (The Song of the Guitar) [151 Minuten]
DVD, erschienen 2012, Allegro Films A15CN D, im Vertrieb von NAXOS
… üppig sinnliche Reise in die Vergangenheit …

Der Filmproduzent und Regisseur Christopher Nupen hat zwei Filme über Andrés Seogvia herausgebracht, beide zusammen sind jetzt (wieder einmal) auf DVD erhältlich. Sie gehören zu den zahlreichen Dokumentationen zu musikalischen Themen, die unter Nupens Regie entstanden sind. Als Letztes besprochen wurde hier im August 2012 sein Film über Niccolò Paganini.

Natürlich sind beide Segovia-Filme ältere Produktionen, schließlich ist der Maestro schon 1987 gestorben. Am 2. Juni 1987, um genau zu sein. Segovia war bei der ersten Produktion 75 Jahre alt, bei der zweiten schon 84 … und doch neige ich zu der Behauptung, er sei auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft gewesen, mindestens, was die ältere DVD angeht.
Los Olivos war Segovias Haus an der Costa Brava, das Haus, in dem er nach eigenen Angaben wegen seiner Konzertreisen viel zu wenig Zeit verbringen konnte. Man erlebt den Musiker live und privat … ein, sagen wir, ausgedehntes Interview mit zahlreichen musikalischen Einschüben. Alle Gespräche und Kommentare der Filme sind in englischer Sprache geführt, Untertitel gibt es ferner auf Deutsch, Spanisch, Französisch und Italienisch.Natürlich hat Segovia dabei seine Favourites gespielt, Stücke, die er wahrscheinlich hunderte Male in Konzerten dargeboten hatte und deren Wirkung auf das Publikum er definitiv kannte. Und er hat auch die Legenden erzählt, die er sicher ebenso oft in Interviews und Vorträgen verbreitet hatte. Einige davon haben sich im Laufe der Jahrzehnte, die Segovia als internationaler Künstler aktiv war, und in den Jahren danach als Un- oder Halbwahrheiten herausgestellt, aber sie gehören zu dem „Phänomen Segovia“ wie sein unnachahmlicher Ton, seine Freizügigkeit im Umgang mit dem Notentext und sein großzügiges Nutzen agogischer Freiheiten. Segovia war ein Kind des 19. Jahrhunderts und er ist im Bewusstsein der künstlerischen Revolution, die zu seiner Jugendzeit stattfand, groß geworden.

Nicht alle Ergebnisse dieser epochalen Umwälzung hat er sich zueigen gemacht und einige nicht einmal goutiert oder geduldet, aber gerade das macht das künstlerische Erbe Segovias so interessant. Viele Werke des heute noch aktiven Repertoires für Gitarre, seien es nun originale Kompositionen für das Instrument oder Transkriptionen, gehen auf Maestro Segovia zurück und wir erleben heute, wenn wir Aufnahmen von ihm hören, so etwas wie Interpretationen „aus erster Hand“, und die weichen naturgemäß konzeptionell von „modernen“ Darstellungen ab. Aber sie sind und bleiben Dokumente einer sensationellen künstlerischen Karriere. Segovia war der Erste, der als „klassischer Gitarrist“ die großen Konzertsäle der Welt eroberte und er war auch der Gitarrist, der namhafte Komponisten für das Instrument interessierte – natürlich nur solche, deren Tonsprache an seinem musikalischen Horizonts orientiert war … und der war eher von der Musik des neunzehnten als der des zwanzigsten Jahrhunderts geprägt. Andere Werke, solche, die Segovia schlicht zu modern waren, ignorierte er. So verhinderte er unter Umständen wichtige Werke, gleichzeitig müssen wir aber das Œuvre anerkennen, das Andrés Segovia initiiert und verbreitet hat. Er war der Gitarrist des 20. Jahrhunderts und dazu war er der Motivator für das Instrument.

 

Der zweite Film, „The Song of the Guitar“, ist neun Jahre später entstanden und man merkt dem Maestro deutlich das Alter an. Ihm zuzuhören ist immer noch faszinierend … aber man hört’s! Immerhin war er 84 Jahre alt.

Die Aufnahmen zu „The Song of the Guitar“ sind in der Alhambra in Granada entstanden. Prachtvolle Bilder, gemacht in prachtvoller Umgebung, und das mit Segovias Spiel machen den Film zu einer üppig sinnlichen Reise in die Vergangenheit, und zwar zu einer, deren Aufzeichnung eigentlich in das Portefeuille jedes Gitarrefreunds gehört.