Giuliani pop

Hegel CDMartin Hegel: Bach Solo
Lautenwerke und Transkriptionen für Gitarre
Aufgenommen im Februar 2012
Acoustic Music Records 319.1492.2
… unser Respekt! …

Bach for Guitar
27 Transkriptionen für Gitarre
herausgegeben von Martin Hegel
Mainz u.a., Schott, ED 21601, € 14,99

Werke von Johann Sebastian Bach auf der Gitarre zu spielen, ist nichts Ungewöhnliches … obwohl Bach selbst bekanntlich kein einziges Stück für das Instrument geschrieben hat. Bach galt vor einiger Zeit sogar als der meistgespielte Komponist von Gitarrenwerken überhaupt – vielleicht ist er es heute noch!

ED 21601 Hegel Bach for guitarZunächst waren es die Lautenwerke, die von Gitarristen annektiert wurden, dann Teile von Suiten oder Sonaten für andere Soloinstrumente. Die mächtige Chaconne aus BWV 1004 war darunter, später diverse andere Einzelsätze und schließlich komplette Zyklen wie die Cellosuiten oder Sonaten und Partiten für Violine. Dass Bachs Lautenwerke auf der Gitarre gespielt wurden, hielt man dabei für eine Art Selbstverständlichkeit, schließlich gehöre die Gitarre „zur Familie der Lauteninstrumente“, wie Martin Hegel noch im Booklet seiner Bach-CD meint.

Tatsächlich ist die Gitarre eine Laute – allerdings nur im organologischen Sinn. Diese Definition geht zurück auf Curt Sachs und Erich von Hornbostel, die 1914 zusammen den Versuch einer „Systematik der Musikinstrumente“ vorgelegt haben, die heute noch Geltung hat: „Laute nennt die Organologie im weitesten Sinn ein jedes aus einem Hals und einem bauchigen Schallkörper bestehendes Saiteninstrument“ [Sachs, Reallexikon, Berlin 1913]. Demnach sind also Gitarren Lauten … im organologischen Sinn! Entwicklungsgeschichtlich sind Gitarren und Lauten unterschiedliche Klangkörper, die nicht einmal einer gemeinsamen „Familie“ angehören. Ausgaben von Lautenmusik für Gitarre sind also Transkriptionen … aber dies nur am Rande!

 

Martin Hegel spielt zunächst „Präludium, Fuge und Allegro“ BWV 998 (PFA), dann zehn „Transkriptionen“, die sich alle in seiner Ausgabe bei Schott wiederfinden. Die Auswahl der Transkriptionen ist so etwas wie eine Best-of-Produktion mit Teilen des Schönsten und Bekanntesten, was der Thomaskantor hinterlassen hat.

Die Badinerie aus der Ouvertüre h-Moll für Traversflöte mit Orchester BWV 1067 zum Beispiel ist dabei; die Toccata BWV 565, das vermutlich bekannteste Orgelwerk überhaupt und der Choral „Jesus bleibet meine Freude“ aus der Kantate BWV 147. Nur Beispiele!

Die originalen Kompositionen mussten natürlich auf das Gitarrenformat reduziert werden und das ist Martin Hegel gut gelungen. Mit dem Prélude aus der ersten Cello-Suite beginnt er die Programmgruppe „Transkriptionen“, einem eher problemlosen Stück also. Cellowerke können quasi 1:1 übertragen werden. Auch das nächste Stück, die Aria aus den Goldberg-Variationen, hat sich problemlos übertragen lassen. Die unglaubliche Gelassenheit und Schlichtheit aber, die sie – auf dem Klavier gespielt, eher noch als auf dem Cembalo übrigens – ausstrahlt, die kann Martin Hegel als Gitarrist nicht einmal annäherungsweise erreichen. Wenn man je Glenn Gould oder Grete Sultan mit den Goldberg-Variationen gehört hat, wird man jeden Versuch, das Stück auf der Gitarre zu spielen, als missglückt bezeichnen müssen.

Jetzt geht’s los: „Jesus bleibet meine Freude“ aus BWV 147, der Inbegriff einer gelungenen Choral-Harmonisierung, deren Begleitsatz es in seiner ausgewogen pastoralen Grundhaltung sogar in die Popmusik geschafft hat. Aber auch hier: Die unaufdringliche Heiterkeit, das Gelassene und Ausgewogene, das eine der „originalen“ Versionen ausstrahlt, ist auf der Gitarre nicht zu erreichen!

Und so geht es weiter: Bei vielen Transkriptionen fehlt etwas, aber das ist das Schicksal von Transkriptionen! Geht nicht anders … von ein paar Ausnahmen abgesehen, wo aus der Transkription ein neues, eigenständiges Kunstwerk geworden ist und keine Adaption. Gleichwohl gebührt Martin Hegel unser Respekt! Er hat ein „rundes“ Programm vorgelegt mit anspruchsvollen Werken und einer überzeugenden Darstellung.

Am Schluss gibt der Interpret Suite BWV 1006a und ich bin ihm mehr als dankbar, dass er nicht wieder seine Bearbeitung damit rechtfertigt, dass Bach schließlich bei eigenen Werken auch Uminstrumentierungen vorgenommen hat. Die Suite hat schließlich als Vorlage Bachs eigene Partita BWV 1006 für Violine solo. Aber darüber muss jetzt nicht gestritten werden. Hegel spielt die Suite eloquent und sicher … wenngleich ich mir in fast jedem Satz stringentere Phrasierungsmuster vorstelle, ein straffer organisiertes Layout, das eher der rationalen Seite von Bachs Musikempfinden entspricht.

Martin Hegels Ausgabe bei Schott wird sicher Liebhaber finden. Sie enthält die auf der CD eingespielten Stücke und 17 weitere Goodies von Johann Sebastian Bach, von denen viele aus dem Gitarrenrepertoire bekannt sind. Alles ist mundgerecht präpariert und makellos präsentiert.