Giuliani pop

Milos CD LatinoMiloš Karadaglic, Mediterráneno (mit dem English Chamber Orchestra)
Werke von Albéniz, Tárrega, Domeniconi, Llobet und Granados
Aufgenommen im Oktober und Dezember 2010
DEUTSCHE GRAMMOPHON 477 9825

Miloš Karadaglic, Latino (mit dem Studioorchester der Europäischen FilmPhilharmonie)
Werke von Piazzolla, Morel, Villa-Lobos, Dyens, Gardel, Cardoso, Barrios, Brouwer, Farrés, Sávio, Ponce, Rodríguez
Aufgenommen November 2011 und Februar 2012
DEUTSCHE GRAMMOPHON 4979 0063
… Schau'n mer mal …

Milos CD MediterraneoDie Deutsche Grammophon Gesellschaft, 1898 von Emil Berliner in Hannover gegründet, gehört noch heute zu den prominentesten Plattengesellschaften der Welt, was klassische Musik angeht. Immer schon haben sich große Musiker glücklich geschätzt, wenn ihre Aufnahmen bei der DGG aufgelegt wurden – auch übrigens Gitarristen! Die Langspielplatten von Andrés Segovia sind zwar nicht bei der DGG produziert worden, kamen aber in Deutschland bei dem gelben Label heraus. Siegfried Behrend war ein DGG-Künstler, später Narciso Yepes, Göran Söllscher und andere. Bei der Archiv-Produktion, dem Sub-Label der DGG für Alte Musik, erschienen Platten von Thomas Binkley, Konrad Ragossnig und anderen Lautenisten. Miloš Karadaglic ist also bei der DGG in bester Gesellschaft!

Aber hat schon jemand von Miloš Karadaglic gehört? Wo kommt er her und hat er Wettbewerbe gewonnen? Welche … Alessandria vielleicht, oder GFA? Bei welchem kleinen Label hat er seine Debüt-CD herausgebracht?

Miloš Karadaglic ist 1983 in Titograd in Jugoslawien (heute Montenegro) geboren und hat als kleiner Junge angefangen, Gitarre zu spielen. Mit neun Jahren [Booklet!] hat er sein erstes Konzert gegeben, mit elf hat er seinen ersten nationalen Wettbewerb gewonnen [!] und am gleichen Tag auch noch einen Gesangswettbewerb. „Miloš avancierte zum Fernseh- und Rundfunkstar und besuchte Gitarren-Meisterklassen in Belgrad“ [auch Booklet!]. Danach bewarb er sich am Royal College of Music in London und wurde angenommen. Also wanderte er nach England aus. John Williams war sein Vorbild – später Julian Bream. Und dann kam die Deutsche Grammophon.

 

Im Oktober 2010 wurde das Debüt-Album (bei der DGG!) aufgenommen … mit „Recuerdos de la Alhambra“, der spanischen Romanze und „Koyunbaba“ und mit diesem Album wurde Miloš dann auch Nachwuchskünstler des Jahres in der Sparte „Gitarre“ bei der Echo-Verleihung 2012.

Auf der Debüt-CD mit dem Titel „Mediterráneo“ ist alles untergebracht, was Debüt-CDs so bereithalten und zur Sicherheit hat die Deutsche Grammophon noch eine DVD beigelegt, auf der Miloš die Stücke in einer Fabrikhalle für alle sichtbar spielt.

Miloš spielt alle Stücke flüssig und virtuos … zu flüssig und zu virtuos, wenn Sie mich fragen. Technik, Tempo und Virtuosität sind Miloš’ Vokabeln, aber er präsentiert nicht diese Art von Virtuosität, für die beispielsweise (und ganz besonders) Paganini berühmt war oder Franz Liszt. Bei deren Darbietungen hielten die Zuhörer den Atem an. Sie bangten um ihre Idole wie Zirkusbesucher um Artisten am Trapez bangen oder Zuschauer am Nürburgring um die Rennfahrer. Das Risiko, mit dem da gespielt wird, fasziniert die Leute … auch bei Musikern, aber dieses Risiko hört man bei Miloš nicht. Der spielt einfach nur schnell, schneller als andere und schneller auch, als es die Musik verlangt.

Die CD „Mediterráneo“ beginnt mit „Asturias“. Und wie fast immer, wenn ein Gitarrist schneller spielt, als er eigentlich soll und will, spielt Miloš dann lauter als andere und deutlich weniger dynamisch kontrolliert, als er es sonst tut. Und ja, er spielt phasenweise extrem kontrolliert, was Dynamik und Akzentuierung angeht, und das versöhnt mich fast mit seinem Geschwindigkeitswahn. Den mittleren Teil von „Asturias“ zum Beispiel spielt er sehr gut. Da differenziert er sehr fein und da hat er fast alle Parameter der musikalischen Interpretationskunst unter Kontrolle. Aber wenn es um schnellere Passagen geht, überschreitet er Grenzen, die er beachten sollte.

Milos 2012 Latino 4 CMS Source 266 1000Übrigens überschreitet er auch eine Grenze, wenn er die „Spanische Romanze“ auf einem hinzuinstrumentierten Orchesterteppich spielt. Die Grenze des guten Geschmacks nämlich! Das ist Kitsch, nur ist Miloš vermutlich nicht dafür verantwortlich!

Auch „Koyunbaba“ spielt er insgesamt viel zu schnell und auch hier: Im vierten Satz (Presto) hat der Interpret kaum noch Kontrolle über Lautstärke und Nuancen … bis er schließlich in die Schlusskurve kommt und hinreißend schön spielt und differenziert. Danach gibt er zwei „Epitáphios“ von Mikis Theodorakis: Miloš kann’s! Er kann hinreißend schön spielen und hinreißend schön auf seinem Instrument singen. Aber wenn’s um Tempo geht, vergisst er sich.

Und die zweite CD? Nun, Miloš Karadaglic ist immer noch Miloš Karadaglic, immer noch vom Tempo besessen. Villa-Lobos’ Prélude Nº 1 ist im A-Teil sehr schön gesungen, im B-Teil sind dafür ein paar kuriose Schnellschüsse nicht herausgeschnitten worden, die nur noch lächerlich sind, weil sie seltsame Klangmuster ergeben. Die Canción „Un día de Noviembre“ von Leo Brouwer spielt Miloš atemberaubend schön, ebenso den „Scherzino mexicano“ von Ponce. Und den „Tango en skaï“ von Roland Dyens? Nun, da hat er sich an der einen und anderen Stelle verstolpert. „Por un cabeza“ von Carlos Gardel folgt und dieses Stück beherrscht wieder das Salonorchester mit Vibrato und Schmalz.

Mein Problem ist, dass ich diese Musik, auch die schmalzige, durchaus mag, dass ich aber hier eine völlig andere Vorstellung erwartet habe. Ich habe gedacht, Miloš Karadaglic sei ein „klassischer Gitarrist“, der auch ein klassisches Programm spielt und zwar auf klassische Art. Aber was heißt das schon? Ist denn ein Tango von Piazzolla „klassische Musik“? Oder gar die „Spanische Romanze“ (egal, ob mit oder ohne Orchester)? Diese Stücke werden ständig in „klassischen Konzerten“ gespielt und niemand stört sich daran.

Müssen wir also Miloš Karadaglic in eine andere Schublade einräumen als unsere klassischen Gitarristen? Ist er der André Rieu der Gitarrenszene? Einer, der zwar ein klassisches Instrument benutzt und auch eine Art klassischer Musik spielt, die aber so vervolkstümelt, dass er zwar noch im ZDF-Fernsehgarten auftreten kann, für die Salzburger Festspiele aber für immer verloren ist? Wer würde schon Rieu als Solisten im Beethoven-Violinkonzert hören wollen … obwohl: Eine Stradivari hat er.

Ich befürchte, Miloš Karadaglic hat, als er nach London gegangen ist und erst John Williams und dann Julian Bream als Vorbilder gewählt hat, eine andere Karriere angestrebt, als die, die sich jetzt für ihn abzeichnet. Aber der Markt für Klassik-Schallplatten ist extrem schwerfällig geworden – so jedenfalls klagen die großen Labels und versuchen, neue Wege zu gehen. Es gibt einen Markt für klassische Gitarrenmusik, das wissen wir, aber eine Gesellschaft wie die Deutsche Grammophon setzt eher auf Popularisierung, auf Massentauglichmachung und das geht Hand in Hand mit Eingriffen in die musikalische Substanz der Werke.

Miloš ist ein talentierter Musiker mit spieltechnischen und musikalischen Möglichkeiten. Seine ersten CDs haben allerdings zu Irritationen geführt. Aber bald haben wir die Möglichkeit, ihn live zu hören, er tourt Ende 2012 durch die Niederlande, die Schweiz und durch Deutschland. Nur erste Säle! Schau'n mer mal, wie der Kaiser sagen würde!

Link auf YouTube: Miloš Karadaglic spielt "Granada" von Isaac Albéniz (Upload: 22.6.2011)