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rossini922Gioachino Rossini: Serimamide, Melodramma tragico in zwei Akten
in Bearbeitung für Gitarre solo von Mauro Giulini
Izhar Elias, Gitarre
Aufgenommen im Oktober 2008
BRILLIANT CLASSICS (2 CD) 93902
… Zu wenig Oper! …

Semiramis (im Italienischen Semiramide) ist am 3. Februar 1823 im Teatro La Fenice in Venedig uraufgeführt und danach ebendort 28 mal am Stück gegeben worden. Die Oper war ein glänzender Erfolg und blieb es für viele Jahren – obwohl es eine opera seria ist und Rossini eigentlich für seine opere buffe bekannt und beliebt war. Aber schon nach der dritten Aufführung berichtete die „Gazzetta privilegiata di Venezia“, Rossini habe ein neues Meisterwerk, eine neue Perle, geschaffen. Schon im Jahr der Uraufführung, 1823, erschien bei Artaria in Wien ein Klavierauszug, wenig später im gleichen Verlag eine Bearbeitung der Ouvertüre für Gitarre, angefertigt durch Mauro Giuliani. Ein paar Jahre nach dem Erscheinen der Ouvertüre begannen verschiedene Verleger, darunter vor allem Ricordi in Mailand, mit der Herausgabe von Auszügen aus Semiramis, alle bearbeitet von Mauro Giuliani für Gitarre solo … einige davon erschienen allerdings erst nach Giulianis Tod am 8. Mai 1829. Giuliani hatte die Manuskripte zu Lebzeiten seinem Verleger Giovanni Ricordi anvertraut, der sie nun herausbrachte.

Elias SemiramisDie Auszüge aus Semiramis hat Izhar Elias wieder zu einem Ganzen zusammengefügt. Natürlich ist aus den Fragmenten nicht wieder eine zusammenhängende Oper geworden, die wichtigsten Nummern sind aber berücksichtigt worden. Fast zwei Stunden Musik von Gioachino Rossini in der Bearbeitung von Mauro Giuliani.

Ich könnte nun einige Nummern nennen, die ich für besonders gelungen halte: Die Cavatina „Bel raggio lusinghier“ aus dem ersten Akt zum Beispiel oder den zweiten Marsch. Das Quartett „Di tanti regi e populi“ wirkt in der Bearbeitung außerordentlich dynamisch und opernhaft … aber!

 

Man stelle sich vor, man sitzt in der Oper. Die Ouvertüre wird gespielt, im Publikum kehrt Ruhe ein. Am Ende des Vorspiels hebt sich wie von Geisterhand der Vorhang und der Blick auf die Bühne wird frei. Erstes Bild. Das Publikum schaut in einen Tempel. Ein Fest wird vorbereitet. Eine Hauptfigur der Oper nach der anderen wird vorgestellt und eine Geschichte entwickelt sich … in die das Publikum einbezogen wird. Die Zuschauer und Zuhörer werden von den Figuren des Spiels zum Lachen gebracht oder zum Weinen, sie nehmen an ihrem Schicksal teil. Dabei übersteigert magische Musik die Dramatik. Vier Stunden, so lange dauert die Oper in ihrer originalen Fassung, wird das Publikum nach Babylonien entführt … und das soll jetzt ein einzelner Musiker übernehmen, der eine Gitarre in der Hand hat? Mehr nicht! Kein Bühnenbild, kein Gesang, kein Text, keine Handlung, kein Orchester. Nur eine Gitarre?

Nun, Mauro Giuliani wollte die Oper nicht durch seine Bearbeitung ersetzen. Er wollte seinen Zeitgenossen die Möglichkeit geben, die neue Oper von Gioachino Rossini kennen zu lernen – immerhin sind der Klavierauszug und Giulianis Bearbeitungen in Wien schon herausgekommen, bevor Semiramis dort gespielt worden war. Nein, Giuliani wollte die Oper nicht ersetzen … und natürlich konnte er das auch nicht.

Izhar Elias spielt Semiramis auf einer wunderschönen originalen Gitarre von Carlo Guadagnini (1768—1816) von 1812. Diese Gitarre hat ein vergleichsweise hohes Timbre, das, wie ich vermute, durch eine für diese Gitarre hohe Saitenspannung erkauft wird. Izhar spielt auch nicht wirklich in der Technik, die zu Giulianis Zeit bei Gitarristen in Gebrauch war, sondern er bedient sich einer ziemlich modernen Spielweise und die entspricht offenbar auch seiner interpretatorischen Grundhaltung. Izhar Elias hat eine moderne Gitarre gegen eine von Guadagnini ausgetauscht, damit hat er aber nur einen Schritt in Richtung Aufführungspraxis getan, und zwar einen bequemen und nicht wirklich entscheidenden.

Dies ist die erste Einspielung des umfangreichen Semiramis-Zyklus von Rossini/Giuliani und ich vermute, es wird auch die letzte sein. Die Musik eignet sich nicht wirklich für eine zyklische Darstellung. Zu wenig Oper!

Izhar Elias: Omaggio a Guadagnini
Werke von Giuliani, Sor, Mertz und Castelnuovo-Tedesco
Aufgenommen 2003, erschienen 2004
FineLine FL 72401, in Deutschland bei Challenge/Sunny Moon
… Powerplay …

Guadagnini EliasIzhar Elias’ erste CD! Im Booklet heißt es, er sei Spezialist für die Aufführungspraxis von Musik des frühen 19. Jahrhunderts und dass er regelmäßiger Gast auf Spezialfestivals für Alte Musik in aller Welt ist. Die Gitarre von Carlo Guadagnini, die er auf der CD spielt, ist ein klangliches Prachtstück und … ein robustes Werkzeug. Izhar traktiert es wie eine moderne Gitarre und er spielt – vermutlich nur, aber der Klang des Instruments legt diese Annahme nah' – Saiten mit „normaler“, hoher Spannung … obwohl expressis verbis a=430 Hz gestimmt ist.

Er gibt die „Grand Ouverture“ op. 61 und die Händel-Variationen von Giuliani, die „Fantaisie Élégiaque“ von Fernando Sor, „Fantaisie Hongroise“ und „Elegie“ von Mertz und schließlich das „Capriccio Diabolico“ von Mario Castelnuovo-Tedesco, letzteres Stück natürlich auf einer modernen Gitarre gespielt.

Es ist nicht verboten, auf einer historischen Gitarre mit moderner Technik und modernen interpretatorischen Ansätzen folgend zu spielen, keineswegs, aber auf der CD von Izhar Elias ist die Gitarre von Carlo Guadagnini so ins Zentrum des Interesses gerückt worden, dass man nur annehmen kann, es handle sich um eine Aufnahme, bei der besonderer Wert darauf gelegt worden ist, die Musik so zum Klingen zu bringen, wie sie zu ihrer Entstehungszeit geklungen hat. Dazu kommt, dass Izhar Elias Niederländer ist und dass Alte Musik dort, in den Niederlanden, immer schon besondere Bedeutung hatte. Wenn ich die CD „Omaggio a Guadagnini” höre, finde ich meine Annahmen allerdings nicht bestätigt. Ich höre Powerplay mit den für heute üblichen Eigenarten und Eigenwilligkeiten.