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Alexandr Kamillowitsch Frauči in memoriam

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Foto: Alexandr Kamillowitsch Frauči 1990 in Pasadena/Cal. Foto: © 1990 by Peter Päffgen

Als ich Sascha Frauči (1.4.1954—2.6.2008) kennenlernte, das war 1988, gab es sie noch, die Sowjetunion. Für uns Westeuropäer war es damals mit ein paar Unbillen versehen, sich irgendwo im Osten dieser Gitarrenwelt zu treffen … aber für ihn! Ich musste mich für mein Visum an der sowjetischen Botschaft, die sich zu der Zeit noch im rheinromantischen Bonn befand, ein paar Stunden in eine Schlange Wartender stellen – für ihn standen Anträge an und immer wieder ermüdendes Warten und Bangen auf dem Programm. Und das, um in einen sozialistischen Bruderstaat reisen zu dürfen, nicht nach Westdeutschland oder in die USA! Für Fraučis, Sascha reiste meistens zusammen mit seiner Ehefrau Mascha, war es schon schwierig, die Pässe ausgehändigt zu bekommen … aber die entsprechenden Devisen zu besorgen, war eine schier unüberwindliche Hürde.

Dafür gab es die Festivals und Wettbewerbe in sozialistischen Staaten. Esztergom war berühmt als Treffpunkt von Ossis und Wessis. Hier ging es! Hier traten westliche Musiker auf und als Gage gab es Kost und Logis und vielleicht ein paar Forint oder Złoty, die man jeweils im Land ausgeben musste. Musiker aus den Ostblockstaaten kamen, weil ihre sozialistischen Brüder ihnen Sonderkonditionen einräumten und so eine Teilnahme ermöglichten.

Na ja, in Tychy bin ich dann 1988 Sascha zum ersten Mal begegnet. Beim Śląnska Jesień Gitarowa, beim Schlesischen Gitarrenherbst war’s, bei diesem wunderbaren Festival, das damals noch von Edmund Jurkowski geleitet wurde, dem visionären Gründer dieser Veranstaltungsreihe. Tychy war ein Ost-West-Treffpunkt, wenngleich echte Treffen mit offenen Gesprächen und Diskussionen nur bedingt möglich waren. Viele Teilnehmer aus Ländern östlich des Eisernen Vorhangs hatten gelernt, sich abzukapseln und lieber den Mund zu halten. Aber es ging. Die nächtlichen Treffen im Hotel Tychy nach den Konzerten waren legendär. Hier traf man sich und teilte, was man aus Duty-Free-Shops mitgebracht oder in den polnischen PEWEX-Läden gekauft hatte. Hier kamen auch Meinungen und Erzählungen auf den Tisch, die man sonst nicht weiterzugeben gewagt hätte … und natürlich war alles von Musik begleitet. Sascha Frauči sang russische Balladen, Štěpán Rak verblüffte durch seine neuen Tremolo-Techniken und die achtzehnjährige Nicola Hall, Gewinnerin des ersten Wettbewerbs in Tychy zwei Jahre vorher, brillierte mit ihrem naiv-kindlichen Spaß an Virtuositäten. Das alles nachts bis in den frühen Morgen.

Das war die große Zeit für Gitarrenfestivals, als es noch spannend war, Musiker aus der UdSSR oder Polen kennenzulernen. Man bedenke, dass man nicht einmal problemlos von West nach Ost telefonieren konnte. Ein Gespräch von Köln nach Markneukirchen in der DDR zum Beispiel musste Stunden vorher angemeldet werden, ganz zu schweigen von Köln—Warschau oder Köln—Moskau. Und Briefe oder Drucksachen zu schicken war auch ein Risiko. Die Schnüffler von der StaSi – oder wie die Institutionen in anderen Ländern hießen – interessierten sich bekanntlich für alles. Um meine Zeitschrift Gitarre & Laute an die Deutsche Bücherei in Leipzig zu schicken, die ein kostenloses Abonnement gern entgegengenommen hatte, musste jeder Sendung ein von der Bibliothek gelieferter offizieller Zettel „Erlaubte Drucksache“ beigelegt werden … jegliche Art von Kommunikation wurde erschwert, bis es einem lästig wurde und man die Idee aufgab. Das jedenfalls war der Plan!

Und Sascha gab ein Konzert in Tychy. Ich schwärmte danach von der „russischen Seele“, von seinem einfühlsamen Spiel …

Die Zeit zwischen 1988 und 1990 war eine Zeit des Aufbruchs. Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umgestaltung) waren die Schlagworte, die Michail Sergejewitsch Gorbatschow, von 1985 bis 1991 Generalsekretär der KPdSU, in Umlauf brachte. Die UdSSR war, wie die meisten ihrer Vasallenstaaten, pleite und so wurden schnell Kontakte zu den prosperierenden Klassenfeinden im Westen angestrebt. Dinge veränderten sich … aber ganz langsam! Schließlich fiel der „antimperialistische Schutzwall“.

1990 erhielt ich eine Einladung nach Moskau, wo ein erstes russisches Gitarrenfestival stattfinden sollte: „Alexander Frauchi invites to Russia“. Als ich auf dem Roten Platz stand, dachte ich, die Welt stünde kopf. Ich kannte diesen Ort vornehmlich von Fernsehbildern und da mit einem ARD-Korrespondenten im Vordergrund, der gewohnheitsgemäß bedrohliche Meldungen verbreitete. Jetzt stand ich auf diesem Platz vor dem Lenin-Mausoleum und niemand störte sich an mir. Nach der Oktober-Revolution von 1917 war man jetzt dabei, erneut die Verhältnisse umzukehren.

Das Festival war zur Überraschung aller nicht in Moskau, sondern in Pushchino, einem Örtchen 120 Kilometer südlich der Stadt, am Fluss Oka gelegen. Sascha Frauči zeigte sich hier als Hochschullehrer und ich konnte seine Studenten kennenlernen, viele hochbegabte junge Musiker, die mit ihrem Lehrer offenbar sehr glücklich waren. Einige von Ihnen haben sich später international einen Namen gemacht. Das Festival in Pushchino präsentierte Konzerte, hatte wenige internationale Gäste (dafür umso interessantere) und stellte einen Anfang dar, den ersten Versuch, ein veritables Gitarrenfestival mit Alexandr Kamillowitsch Frauèi als Hauptperson zu organisieren. Organisationsstrukturen, die im Westen längst gang und gäbe waren, mussten in Russland erst entwickelt werden. Wie, muss man sich fragen, konnten sich Russen, die über fünfzig Jahre in absoluter Isolation gelebt hatten, an internationale Kooperationen gewöhnen? Joint Venture war das Zauberwort der Zeit … und westliche Kooperationspartner fanden sich schnell, denn Russland war ein quasi neuer Millionen-Markt.

Nicht nur das Reisen nach Russland wurde vereinfacht, auch Russen konnten sich plötzlich frei bewegen … wenn sie das dazu nötige Kleingeld hatten. Das nächste Mal jedenfalls, dass ich Frauči traf, war im gleichen Jahr (1990) und zwar in Pasadena/CA. Dort fand zwischen dem 14. und dem 18. August das jährliche Festival der Guitar Foundation of America statt. Frauči war die Sensation!

Matanya Ophee hatte sein Ticket bezahlt und er hatte ihm auch Tips gegeben, wie er sein Konzertprogramm gestalten sollte, um dem vornehmlich amerikanischen Publikum das zu bieten, was es erwartete.  Auf dem Programm standen hauptsächlich russische Kompositionen, darunter Koshkins „Prince’s Toys“ und Stücke von Vyssotsky … als er auf der Bühne saß, änderte Frauči spontan das Programm und spielte Stücke, die jeder Zuhörer mehr als gut kannte. Die Chaconne zum Beispiel oder „La Frescobalda“, dazu Petitessen, die normaliter als Zugaben gegeben werden. Das Publikum applaudierte artig, aber man hatte anderes erwartet. Nach fast fünfzig Jahren Kaltem Krieg und nach vielem Gemunkel und vielen Gerüchten hatte man einen Innovator erwartet, einen Musiker, der zeigt und hören lässt, welche Musik man denn am anderen Ende der Welt spielt. Im unbekannten, gefürchteten, kalten Russland. Die Los Angeles Times verriss Frauči – man war enttäuscht. Was er gespielt hatte, war „secure and charming“ … aber belanglos.

Was geschehen war? Sascha hatte Angst vor der eigenen Courage bekommen. Schließlich entschied er sich, den vermeintlich sicheren Weg zu gehen und auf die „old favorites“ zu setzen, mit denen er bisher jedes Konzert gerettet hatte … und damit tat er genau das Falsche. Die Amerikaner hatten einen völlig anderen Musiker erwartet. Das charmante Zugaben-Programme zwischen „Tango en skai“ und dem „Usher Waltz“ kannte man schon von Cotsiolis. Aber wie hätte Frauči das einschätzen können?

Im gleichen Jahr sahen wir und noch einmal, und zwar in Köln. Mein vierzigster Geburtstag stand am 18. November an. Sascha war ein paar Tage da und einige unserer Kollegen. Wir feierten, wieder mit russischen Balladen und wieder mit Koshkin. Ein paar Monate später, im April 1991, sahen wir uns alle in Moskau wieder: meine Frau und ich, Mascha und Sascha. Fraučis haben uns ihr Moskau gezeigt und wir haben die neue Freiheit miteinander gefeiert. Die neue Freiheit für uns alle, die offene Welt ohne Stasi und KGB, ohne Mauer und Kaltem Krieg.

Warum ich Ihnen das schildere? Menschen, die beruflich miteinander tun haben, verstehen sich nicht immer gut – aus professioneller Notwendigkeit arrangieren Sie sich aber meistens, weil der eine vom anderen profitiert und umgekehrt. Aber mit Sascha war es anders. Mit ihm haben wir nicht nur einen Musiker verloren, der ständig mit Überraschungen aufwarten konnte; einen hilfsbereiten und loyalen Kollegen; einen Vollblutmusiker mit sehr vielseitigen Interessen und Fähigkeiten. Ich habe einen Freund verloren!