Albert-Duo spielt Alberts Duos

Albert Duo spielt Albert Duos CD Cover

Albert-Duo mit Alberts Duos
Heinrich Albert: 8 Duos for Guitars
Heinrich Albert-Duo (Joachim Schrader & Jan Erler)
Aufgenommen im Januar 2006
MDG 603 1429-02, im Vertrieb von CODAEX
… Dem Heinrich-Albert-Duo kann man nur gratulieren zu dieser Aufnahme …
*****

CD bei AMAZON kaufen?

Heinrich Albert: Duette für zwei Primgitarren (alle in Stimmen, keine Partitur)
Duo Nº 1 C-Dur (leicht bis mittelschwer), Frankfurt 1919/Nachdruck hrsg. v. Andreas Stevens, Frankfurt 2012, Zimmermann ZM 11330, € 6,50
Ders., Duo Nº 2 a-Moll (leicht bis mittelschwer), Frankfurt o.J., Zimmermann ZM11340, € 6,50
Ders., Duo Nº 3 C-Dur (mittelschwer), Frankfurt o.J., Zimmermann ZM 11350, € 6,50
Ders., Duo Nº 4 G-Dur (mittelschwer), Frankfurt o.J., Zimmermann ZM 11360, € 6,50
Notenausgabe Zimmermann Ders., Duo Nº 5 e-Moll (mittelschwer), Frankfurt o.J., Zimmermann ZM 11370, € 6,50
Ders., Duo Nº 6 D-Dur (mittelschwer), Frankfurt, o.J., Zimmermann ZM  11380, € 6,50
Ders., Duo Nº 7 A-Dur (mittel bis schwer), Frankfurt, o.J., Zimmermann ZM 11390, € 6,50
Ders. Duo Nº 8, E-Dur (schwer), Frankfurt, o.J., Zimmermann ZM 11400, € 6,50

Nein, natürlich – möchte ich fast sagen – hat das Heinrich Albert-Duo Stücke von Heinrich Albert eingespielt! Ich habe in meiner Besprechung der anderen CDs des Duos behauptet, es habe den Namen des Gitarristen, Komponisten und Gitarren-Pädagogen als Ensemble-Namen gewählt, allerdings „bisher keine Komposition von Albert aufgenommen“. Ich bin von verschiedenen Lesern auf diesen Fehler aufmerksam gemacht worden und das Label, MDG, hat mir sofort die Albert-CD des Albert-Duos geschickt. Danke!

Alle acht Duos sind auf der CD. „Alle“ heißt, dass er mehr nicht geschrieben hat oder mindestens, dass nicht mehr als diese acht Duos überliefert oder bekannt sind. Und diese acht Stücke sind Alberts „zentrales Werk“, wie es im Booklet heißt. „Die Vorteile, die das Duo (zwei Gitarren) gegenüber dem Solostück in musikalischer Hinsicht bietet, liegen auf der Hand; viele Beschränkungen, die beim Solo in Kauf genommen werden mussten, soll eine Komposition spielbar bleiben, fallen fort, und eine Menge neuer harmonischer und melodischer Möglichkeiten erschließt sich“ liest man vom Komponisten höchstselbst in der Österreichischen Gitarre-Zeitschrift von 1929.

Heinrich Albert (1870—1950) hat selbst konzertiert, das wissen wir freilich. Sein letztes Auftreten ist für den 27. Juni 1943 notiert und zwar war das beim Mozart-Fest in seiner Heimatstadt Würzburg. Ob er je mit einem Partner als Gitarrenduo aufgetreten ist, wird (im Booklet mindestens) nicht berichtet, zusammen mit Erwin Schwarz-Reiflingen (1891—1964) soll er aber in Berlin die eine oder andere seiner Kompositionen (sogar ur-) aufgeführt haben. Andreas Stevens, der Heinrich-Albert-Kenner überhaupt, konnte mir dieses Ondit bestätigen und hat mir dazu den beiliegenden schriftlichen Beleg und weitere Informationen zukommen lassen. Heinrich Albert hat also gelegentlich seine eigenen Duos öffentlich gespielt, nicht in einer festen Duo-Besetzung, sondern mit wechselnden Partnern. Einer war Erwin Schwarz-Reiflingen (ESR), ein anderer Alberts Schüler Heinrich Jordan.

Albert Uraufführung Kopie

Ankündigung des Konzerts am 6. Oktober 1923 mit der Erstauführung des Duos 7 in A-Dur

Die Duos sind, so Joachim Schrader im Booklet der Albert-CD, „in den Jahren 1915 bis 1917“ entstanden, Uraufführungen sind erst später gespielt worden … mindestens im Fall des Duos Nº 7, dessen „Erstaufführung“ mit Heinrich Albert und Erwin Schwarz-Reiflingen für den 6. Oktober 1923 angekündigt worden ist (s. Abbildung), können wir das auch belegen. Die Jahre 1915 bis 1917 waren Kriegsjahre – das kulturelle Leben war mindestens stark eingeschränkt. Erst danach sind dann die Duos im Druck erschienen und auch aufgeführt worden. Noch heute erscheinen sie im Frankfurter Musikverlag Zimmermann.

Als die „Duette für zwei Primgitarren“ von Heinrich Albert entstanden, war eine „Gitarrenkultur“ in Deutschland erst (wieder) im Entstehen. Um die Jahrhundertwende waren Vereine entstanden, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, das „viel verachtete Guitarrespiel“ wieder hof- und salonfähig zu machen und Interessenten zusammenzubringen. Allgemein beklagt wurde der Mangel an gutem Repertoire.

Heinrich Albert hatte nach einer Ausbildung zum Geiger und dann Hornisten als Orchestermusiker gearbeitet, dann aber, noch vor 1900, seine Liebe zu Mandoline und Gitarre entdeckt. 1909 wurde er zum „Kammervirtuosen“ ernannt, zwei Jahre später veröffentlichte er seine ersten Lehrwerke für Gitarre und Mandoline … wenig später schrieb er die „Duette für zwei Primgitarren“. Die ersten davon sind noch formal, harmonisch und auch, was die spieltechnischen Ansprüche angeht, dem Repertoire verpflichtet, das hundert Jahre vorher von Komponisten wie Giuliani oder Carulli geschrieben worden war. Aber Heinrich Albert hat mit den Stücken nicht nur künstlerische, sondern auch pädagogische Ziele verfolgt, sie sind nämlich musikalisch und technisch von progressiver Schwierigkeit. In dem weitgehend einstimmig angelegten „Duo Nº 1“ ist den Spielern sogar freigestellt, 32 Takte, in denen akkordisches Spiel vorausgesetzt wird, wegzulassen (von „H“ bis „K“: „von hier bis K eventueller Sprung“). Schon „Duo Nº 2“, immer noch als „leicht bis mittelschwer“ bewertet, ist anspruchsvoller. Die „späten“ Duos aber haben nur noch wenige Gemeinsamkeiten mit ihren Vorgängerinnen. In ihnen hat der Komponist eine weitaus weiter entwickelte und mutigere harmonische Sprache gesprochen, hat sich von kleinteiligen Formen gelöst und schließlich sein Instrument, die Gitarre, als Klangfarbe eingesetzt und nicht mehr „nur“ strukturell. Das Rondo des siebten und der erste Satz des achten Duos sind dafür Beispiele. Joachim Schrader zitiert dazu Erwin Schwarz-Reiflingen: „Fast scheint es, als sei hier ein Orchesterwerk auf den Partiturauszug von zwei Gitarren gebracht.“ Das klingt zwar sehr euphorisch, beschreibt aber den grundsätzlichen Wandel, den Gitarre und Gitarrenmusik im 19. Jahrhundert mitgemacht hatten. Außerdem wird Heinrich Alberts Bedeutung unterstrichen, denn viel neue Musik für zwei Gitarren hat es zu seiner Zeit nicht gegeben: „Leider gibt es außer »Heinrich Albert« keinen einzigen, neuzeitlichen Komponisten, der wirklich gute Duomusik schreibt“ (Hans Schwanda: 1931 in „Der Gitarrefreund“).

Dem Heinrich-Albert-Duo kann man nur gratulieren zu dieser Aufnahme. Nicht nur haben sie sich einer Musik angenommen, um die man sich gefälligst bemühen sollte, damit sie nicht völlig in Vergessenheit gerät, sie haben auch eine Referenzeinspielung vorgelegt, an der sich Nachfolger erst einmal messen lassen müssen. Man spürt den Spaß, den die beiden Musiker bei der Einspielung gehabt haben und man merkt, dass sie dieser Musik ihren Respekt erweisen, sie ernstnehmen und nicht als Salonmusik diskreditieren. Und so geschieht es dann, dass unversehens „große Musik“ neu entsteht … ein Attribut, das ich den „späten“ Duos von Heinrich Albert durchaus zubillige! Und übrigens: Es ist für jeden was dabei – zwischen „leicht“ und „schwer“. Die Ausgaben sind seit fast hundert Jahren bei Zimmermann für kleines Geld erhältlich! Was kann also noch im Weg stehen?

Print Friendly

Leave a Reply