Xuefei Yang auf CD

Si Ji Dean KameiXuefei Yang: Si Ji
Werke von Wang Huiran, He Luting, Dietmar Ungerank, Evan Hirschelman, Stephen Goss, Carlo Domeniconi, Stephen Funk Pearson und Thierry Rougier
Erschienen 2005
GSP  Recordings GSP 1028CD
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EMI Xuefei RomanzeXuefei Yang: Romance de Amor
Werke von Albéniz, Tárrega, Rodrigo Myers, Sagreras, Jorge Milchberg, Barrios, Deng Li u.a.
Erschienen 2006
EMI 0946 3 70714 2 7
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Xuefei Yang: 40 Degrees North
Werke von Albéniz, Goss, Tárrega, He Zhanhao, Granados, Wang Huiran, Huang Zi, Wang Luobin
Aufgenommen im Januar 2008
EMI 50999 2 06322 2 9
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Xuefei Yang/Rodrigo: Concierteo de Aranjuez
mit Orquesta Simfónica de Barcelona I Nacional de Catalunya; Eiji Oue
Aufgenomen im Juli 2010
EMI 50999 6 98361 2 1
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EMI Xuefei 40 DegreesEMI Xuefei RodrigoEMI Xuefei Bach

Xuefei Yang: Bach Concertos
mit: Elias String Quartet
BWV 1052, 846, 1042, 1001, 1041
Aufgenommen im Oktober 2011, erschienen 2012
EMI 50999 6 79018 2 1
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Xuefei Yang gehört zu den erfolgreichsten Gitarristinnen der Welt“ – so heißt es im Booklet ihrer neuen Bach-CD. In Peking hat sie studiert und dort sind ein paar Leute auf sie aufmerksam geworden. Der spanische Botschafter in China zum Beispiel, der ihr nach einem Konzert „spontan eine Konzertgitarre“ geschenkt hat. Und John Williams, der, als er sie erstmalig gehört hatte, dem Zentralkonservatorium in Peking zwei seiner eigenen Instrumente geschenkt hat. Heute noch (zum Beispiel auf der Bach-CD) spielt sie eine Gitarre von Greg Smallman, dem John Williams, wie wir wissen, durchaus nahesteht. Aber sie spielt auch Gitarren von Karl-Heinz Roemmich und Paul Fischer. Schließlich hat Xuefei Yang noch als erste Chinesin ein Postgraduierten-Stipendium an die Royal Academy of Music in London bekommen, wo sie seitdem lebt.

Ihre erste CD (oder mindestens ihre erste im Westen produzierte CD) hat Dean Kamei von Guitar Solo in San Francsico produziert und herausgegeben. Sie enthält zu einem Teil chinesische Musik … oder, sagen wir, Musik, die auf uns chinesisch wirkt. Aber was heißt schon „chinesisch“? So, wie in Hamburg selten Schuhplattler getanzt und in München selten Shantys gesungen werden – und zwischen diesen beiden deutschen Städten liegen nicht einmal achthundert Kilometer – klingt China, das Land, das mehr als sechsundzwanzig mal so groß wie Deutschland ist und knapp siebzehn mal so viele Einwohner hat, nicht überall gleich. Trotzdem meinen wir, chinesische Musik zu hören, wenn wir chinesische Musik hören … oder koreanische und vielleicht auch vietnamesische. „Wir“, damit ist natürlich der musikalische Normalverbraucher gemeint, nicht der Ethnologe oder Weltreisende.

Also: Xuefei Yangs CD „Si Ji“ klingt chinesisch. Sogar die Stücke, die keineswegs von Chinesen geschrieben sind … wie beispielsweise „Intonation und 4 Sound-and-Image Compositions“ von Dietmar Ungerank. Natürlich, der Komponist hat Klischees ausgeschlachtet, klangliche Elemente kopiert, wie er sie im Ohr hatte. Aber immerhin: Es klingt chinesisch! Und Dietmar Ungerank hat weder in China Komposition studiert noch hat er in Ethnomusikologie promoviert bevor er seine „chinesischen“ Stücke geschrieben hat … und Xuefei Yang, die Interpretin der CD, ist Chinesin! Würde sie die Stücke des Tirolers Dietmar Ungerank spielen, wenn sie nichts als billige Abziehbildchen mit chinesischen Motiven wären? Vermutlich nicht! Und auch für mich klingt die Musik ausreichend chinesisch.

Auch „I Ching“ von Carlo Domeniconi übrigens! Obwohl gerade in diesem Stück deutlich weniger mit touristischen Chinoiserien gearbeitet worden ist, als in dem von Ungerank. Aber was erwarten wir eigentlich? Wollen wir ein Kondensat alles Chinesischen, von der Großen Mauer bis zum Glückskeks, in einem einzigen europäischen Werk wiederfinden? So wie wir alles Spanische im „Capriccio Espagnol“ von Rimski-Korsakow hören, einem russischen Komponisten, der niemals in Spanien gewesen ist? Oder wie in „Carmen“, der spanischsten aller Opern von dem Franzosen Georges Bizet, der ebenfalls niemals spanischen Boden betreten hat?

Die erste CD, die Xuefei Yang bei EMI aufgenommen hat, stellt ihre Konsumenten vor eine völlig veränderte Situation. Jetzt hat sie klassische Gitarrenmusik aufgenommen … oder sagen wir besser: „Gitarrenklassik für Jedermann“ … von Albéniz bis Barrios, von Rodrigo bis John Lennon. „Koyunbaba“ fehlt, aber dafür ist die „Spanische Romanze“, die eigentlich seit Jahren auf dem Index steht, Motto des ganzen CD-Programms.

In der Pole-Position steht „Asturias“ von Isaac Albéniz. Hier protzt die Gitarristin mit fließenden Läufen, mit Tempo und Technik. Jede Note ist gleich laut, gleich schnell und gleich artikuliert – und damit wird ihr Spiel zu leerem Geklappere. Dann aber, im langsamen Mittelteil des Stücks, wird Xuefei elegisch, romantisch, spielt und ziert Melodien genüsslich aus, verweilt auch gelegentlich, um ihre Zuhörer auf das Eine oder Andere hinzuweisen … allerdings nur bis zum nächsten Zwischenspurt. Aber sie kann’s. Sie kann schwelgerisch werden und sich in Melodien verlieren und wiederfinden, sieht sich aber bei jeder Steilkurve gemüßigt, ihre stupende (nicht stupide!) Technik vor ihren Käufern unter Beweis zu stellen.

Auch die nächste CD, „40 Degrees North“, ist eine Mischung aus Sportivem und Elegischem. Wir hören Tárregas Variationen über den „Karneval in Venedig“ und, gleich zu Anfang, „Sevilla“ und danach „Córdoba“, diese wunderbar stimmige, auch für heutige Betrachter noch lebendige Beschreibung der geheimnisvollsten arabischen Stadt nördlich des Mittelmeers. Die Atmosphäre, die einen dort, in Córdoba, gefangen nimmt, vermag sie allerdings nicht überzeugend zu vermitteln. Sie spielt brillant und virtuos, sie lädt ihre Zuhörer auch ein, einen Blick in die verwinkelten, engen Gassen, um die Mesquita zu werfen … aber irgendwie fehlt immer etwas. Etwas Geheimnisvolles vielleicht? Oder ein Schuss Distanz und Ironie?

Und das „Concierto de Aranjuez“! Da geht Xuefei mit Verve ins Geschäft … überlässt das Kulinarische im ersten Satz allerdings dem Solo-Cellisten des Orquesta Simfónica de Barcelona und im zweiten natürlich dem Englisch-Horn-Spieler. Sie treibt, sie forciert, und das hat man bei diesem Konzert und eigentlich bei allen anderen Solokonzerten mit Gitarre, selten. Meistens retardieren Gitarristen eher, wenn sie mit Orchester spielen. Aber hier: Xuefei Yang will mehr und im ersten Satz gibt sie bekanntlich das Tempo vor. Aber der Kapellmeister Eiji Oue bleibt „Chef im Ring“ und sichert sein Tempo.

Ein nagelneues „Albéniz-Concerto“ von Stephen Goss wird danach gespielt. Dieses Werk ist mehr als die vermutlich von Vielen erwartete Orchestrierung von Charakterstücken von Isaac Albéniz. Gut, die Sätze des Konzerts (El Albacín, Cataluña, Evocación, Cadenza, Aragón) sind mit Titeln aus Albéniz-Klavierwerken überschrieben und sie findet man auch in ihnen wieder … und doch ist in der Zwischenzeit mehr mit ihnen geschehen, als pures Uminstrumentieren … mindestens, was den ersten Satz angeht. Da hat Stephen Goss mit dem Material, das er von Albéniz übernommen hat, eine Art symphonischer Dichtung geschrieben, ein Stück, in dem er zwar mit Themen von Albéniz spielt, sonst aber ein sehr eigenes Spanienbild entwirft. Natürlich sind Flamenco und Corrida auf diesem Bild, Städte und Regionen, Grandezza und Stolz. Das Werk ist üppig instrumentiert, in mediterranen Farben glänzend. Als „Pendant zu dem Rodrigo-Konzert“ war es in Auftrag gegeben und aufgeführt worden, Konkurrent wird es allerdings eher nicht werden.

Die neueste CD von Xuefei Yang enthält Bach-Concertos, wie es auf dem Cover schlicht heißt. Es sind dies BWV 1052 (Gitarre und Orchester, eigentlich Cembalokonzert), Präludium BWV 846 (Gitarre solo, eigentlich für Cembalo, aus dem Wohltemperierten Klavier), BWV 1042 (Gitarre und Orchester, eigentlich Violinkonzert), BWV 1001 (Gitarre solo, eigentlich Sonate für Violine solo, darin enthalten die Fuge BWV 1001), BWV 1041 (Gitarre und Orchester, eigentlich Violinkonzert) und schließlich „Air on the G String“ (Gitarre solo, eigentlich Air aus der Orchestersuite BWV 1068).

Bei der „Air“, dem letzten Stück der CD, fällt mir auf, was mir an Xuefei Yangs Spiel fehlt, nein, was mich völlig irritiert. Es ist ja bei Gitarristen nicht unüblich, mehrere Töne von Mehrklängen nicht synchron, sondern zeitlich verschoben zu spielen, also, übertrieben dargestellt, zu arpeggieren. Das ist ein probates Mittel, in sehr langsamen Melodiefolgen zu überbrücken, also so etwas wie Sustain zu erzeugen oder vorzugeben. Bei Xuefei Yang ist es aber eine fixe Idee, ein offenbar zwanghaftes Zerreißen jeder Melodie … und gerade bei der Air aus der Orchestersuite von Johann Sebastian Bach tut das besonders weh. Langsame Sätze sind nicht Xuefeis Ding, sie strahlt immer dann, wenn es um fließende, schnelle und virtuose Umspielungen geht, um Passagen, in denen sie vorführen kann, was sie gelernt hat … und das ist, wenn man es in messbaren Dimensionen ausdrücken will, Geschwindigkeit und Virtuosität.

Leider ist man, was Xuefei Yang angeht, geneigt, eines der Klischees zu bemühen, die immer dann vorgetragen werden, wenn es um Musikerinnen und Musiker aus dem Reich der Mitte geht. Dass sie nämlich auf spieltechnische Eloquenz getrimmt worden sind, sonst aber nicht verbergen können, dass die klassische europäische Musik für sie eine Fremdsprache ist.

Und dann finde ich in ihrem Spiel außerdem vergessene Gitarristen-Gewohnheiten und Unarten wieder, von denen ich eigentlich längst Abschied genommen habe: Sie ist mit dem Orchester (und auch Streichquartett) nie auf den Punkt genau synchron – einen Grund dafür habe ich eben schon genannt, ihre Manie nämlich, Mehrklänge prinzipiell aufzubrechen und in ihre Bestandteile zu zerlegen. Es gibt andere … ihr insgesamt eher kreativer Umgang mit Takt und Metrum zum Beispiel.

Schade, Xuefei Yang ist eine außergewöhnliche Musikerin. Als chinesisches Wunderkind geht sie jetzt nicht mehr durch, auch zählt nicht mehr, dass sie sich ihre Karriere erkämpfen musste oder dass sie als Erste ein Stipendium für London bekommen hat. Jetzt muss sie für ein Major-Label, das in ihre Karriere investiert hat, liefern. Wer weiß, was als Nächstes kommt? Mutige innovative Programme vielleicht? Vermutlich nicht, denn in Zeiten, wo allgemein über einen rasant rückläufigen Verkauf von CDs geklagt wird, werden Risiken gerade von Major-Labels gemieden, denn die haben mit gewaltigen Overheadkosten zu kämpfen.

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