Stauffer & Co.

Erik Pierre Hofmann, Pascal Mougin, Stefan Hackl: Staufffer & Co. – Die Wiener Gitarre des 19. Jahrhunderts (in drei Sprachen: Französisch, Deutsch, Englisch) Germolles-sur-Grosne 2011 [2012], Éditions des Robins, ISBN 978-2-9538868-0-1, € 195,–

Buch bei AMAZON kaufen?

Das „Buch der Bücher“ würde ich diesen Folianten nennen … wäre der Begriff nicht längst für ein anderes literarisches Werk in Benutz! Und vielleicht wäre er auch etwas arg vollmundig … wo er doch für “Stauffer & Co.” nur Gitarrenaffinen aus dem Herzen spräche und Bibliophilen.

Für Bibliophile? Stauffer & Co ist in vielerlei Hinsicht ein Superlativ. Es hat noch nie ein größeres, schwereres und üppiger ausgestattetes Buch über einen Aspekt der Gitarrenforschung gegeben. Um das zu behaupten, muss ich nicht erst meine Bibliothek konsultieren, es ist einfach das erste Buch, das hier erstens auf kein Regalbrett passt, das zweitens wegen Übergewichts nicht mehr als Büchersendung versendet werden könnte und das drittens so durchgehend mit Farbabbildungen ausgestattet ist wie ein Kochbuch von Jamie Oliver, das in Zigtausenden hergestellt und verkauft wird. Von „Stauffer & Co“ sind gerade einmal 1200 Exemplare gemacht worden, davon zweihundert signiert von allen Autoren. Und dies, die limitierte Auflage und die Tatsache, dass eine nummerierte Teilauflage handsigniert (oder muss man sagen „händesigniert“?) angeboten wird, zeigt, dass die Autoren, die in einer Person Verleger, Setzer, Gestalter usw. usw. sind, in keiner Weise ein Industrieprodukt namens Buch in den Handel gegeben haben, sondern ein Kunstwerk! Eine Subskribentenliste, in der all diejenigen vielleicht gern ihre Namen gefunden hätten, die im Voraus ein Exemplar bestellt, bezahlt und damit das verlegerische Risiko mitgetragen haben, wird nicht geliefert. Aber natürlich hat es Subskribenten gegeben, nur haben die in vornehmer Bescheidenheit ungenannt ihre Scherflein zum Gelingen des Buches beigetragen.

Dabei könnten Sie stolz sein! Es ist ein wunderbares Buch geworden. Und für das, was es ist, kann man nicht einmal von einem überteuerten Produkt reden, keineswegs! „Stauffer & Co.“ ist in feines Linnen gehüllt, fadengeheftet und auf schweres Kunstdruckpapier durchgehend vierfarbig gedruckt. Alle Fotos sind in professioneller Qualität für das Buch angefertigt, schriftliche Dokumente (Notenausgaben, Handschriften, standesamtliche Urkunden usw.) im Original gescannt (oder fotografiert und gescannt) und schließlich ebenso vierfarbig gedruckt worden. Es ist an nichts gespart worden!

Und was steht drin, in dem Prachtband? Das Autoren-Triumvirat hat sich den Job so aufgeteilt: Erik Paul Hofmann war der Ideengeber; derjenige, der verrückt genug war, das eigentlich „undenkbare“ Projekt in Angriff zu nehmen. Und er war als Autor für den größten Teil des Buches verantwortlich. Pascal Mougin hat die Bilder geliefert. Er ist Fotograf und hat für die Fotos in diesem Band unterschiedlichen Anforderungen gerecht werden müssen: ästhetischen und wissenschaftlichen. Aber das galt für das ganze Projekt und Erik Pierre Hofmann hat es geschrieben: „Ich wollte ein Kunstbuch produzieren, bei dem eine ebenso schöne wie wissenschaftlich aussagekräftige Darstellung der Instrumente im Zentrum stehen würde.“ [S. 16] Für den Fotografen hieß das: Seine Fotos mussten nicht nur perfekt ausgeleuchtet sein, keine falschen Schatten aufweisen, keine Farbverfälschungen – nein, sie mussten außerdem alle im gleichen Maßstab abbilden und vor allem musste die Kameraoptik immer im rechten Winkel zur Instrumentenoberfläche ausgerichtet sein, um perspektivische Verkürzungen zu vermeiden. Das Ganze fand zudem an verschiedenen Orten statt: in privaten Sammlungen, in Museen und Archiven. „Zu diesem Zweck ist speziell ein mobiles Studio konzipiert worden, das eine von einer Aufnahme zur nächsten konstante Beleuchtung gewährleistete, ebenso wie eine präzise Positionierung der Gitarren.“ [S. 16] Schließlich war Stefan Hackl beteiligt. Er war „als Spezialist des gitarristischen Lebens in Österreich und Sammler von Instrumenten und historischen Musikeditionen […] die Idealbesetzung“ und hat schließlich das dritte große Kapitel des Buches verfasst: Die Wiener Gitarre: ein Jahrhundert Musik.

Der Reihe nach: Das erste Kapitel heißt Der Gitarrenbau in Wien von der Romantik bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Von Giovanni-Battista Fabricatore ist da die Rede, von Ferdinando Gagliano und anderen, die in Neapel die ersten Gitarren mit Einzelsaiten angefertigt haben. Zuerst mit fünf und dann mit sechs Einzelsaiten. Hofmann nennt diese neue Gitarre „vorromantisch“ „um den fundamentalen Unterschied zur Barockgitarre herauszustellen. Die Entwicklung von der vorromantischen zur romantischen Gitarre hingegen findet graduell statt.“ [S. 34]

Vor der „vorromantischen Gitarre“ hat es, laut Hofmann, noch eine „postbarocke Gitarre“ gegeben, die „eine spezifisch französische Variante“ der fünfchörigen Barockgitarre war. Sie soll in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts „in relativ großer Zahl hergestellt“ worden sein [S. 30], danach hat es in Frankreich „eine der ersten Gitarren mit Einzelsaiten“ gegeben [S. 32], die Lyra-Gitarre, die als „dekoratives Utensil für junge Damen aus gutem Hause“ [S. 32] beliebt gewesen ist.

Warum es zu dieser Zeit, in den letzten Dezennien des 18. Jahrhunderts, bei Instrumentenmachern den so übereinstimmenden Wunsch gegeben hat, die Gitarre nicht mehr doppelt, sondern mit einzelnen Saiten zu bespannen, dafür finde ich in Stauffer & Co. keine mich überzeugende Erklärung. Auch nicht dafür, welche technologischen Fortschritte oder Erkenntnisse diese grundlegende instrumentenbauliche Veränderung möglich gemacht haben. Gleichzeitig weist sich der Autor, der im Brotberuf Gitarrenbauer und Restaurator ist, als jemand aus, der viele Instrumente dieser Zeit seziert, repariert und restauriert hat, ihr Innenleben also bestens kennt. Er gibt viel von seinem Wissen und von seiner Erfahrung preis, überfrachtet seine Leser aber nicht mit zu viel bautechnischen Details, auch nicht mit erklärungsbedürftiger fachspezifischer Terminologie.

Eine „Wiener Gitarre“ kommt ins Gespräch im Zusammenhang mit Georg Stauffer (1778—1853). „Sein größtes Verdienst liegt in der Synthese aus der reichen Tradition der französischen Schule und den Neuerungen der italienischen Kollegen“ [S. 36]. Der Zeitpunkt, zu dem er sich in Wien als „Lauten- und Geigenmacher“ niederließ, hätte günstiger nicht sein können: Die Gitarre begann einen ungeahnten Siegeszug, bekannte Komponisten und Gitarristen, unter ihnen Mauro Giuliani, ließen sich in Wien nieder. „1811, nach zehn Jahren der Selbständigkeit, hatte Georg Stauffer fünf Gesellen und mehrere Lehrjungen in Anstellung“, das Geschäft blühte [S. 38]. Stauffer entwickelte neue Gitarrenmodelle, er verbesserte die schon erfundene erste mechanische Stimmvorrichtung, brachte sie „zur Serienreife“ und prägte so den unverkennbaren Stauffer-Gitarrenkopf, an dem viele Jahre später auch die Fender-Stratocaster zu erkennen war. Und er baute die ersten Terzgitarren, die in Wien sehr bliebt wurden.

1819 verließ Mauro Giuliani Wien und die Gitarrenbegeisterung sollte kurz danach erste Ermüdungszeichen zeigen. Luigi Legnani kam nach Wien und auch er verstand es, das Publikum für sich einzunehmen. Auch mit Legnani knüpfte Stauffer Kontakte … mit dem Erfolg, dass er schließlich ein „Modell Legnani” herausbrachte, das nicht nur ästhetisch eine Weiterentwicklung  darstellte, sondern auch in  Bezug auf konstruktive Details.

Eine technische Neuerung sollte die Werkstatt Stauffer schließlich ganz nach vorne bringen: der verstellbare Hals. „Die Neuerung ist der Inbegriff gitarristischer Modernität, und unter der Schirmherrschaft des ausschließenden Privilegiums dürfen nur Stauffer und Ertl [Johann Ertl, ehemaliger Geselle von Stauffer] der rasch zunehmenden Nachfrage Folge leisten“ [S. 56].

Weiter geht die Firmengeschichte mit Anton Stauffer (1805—nach 1851), dem jüngeren Sohn Georgs, und einigen kaufmännischen Rückschlägen. Beispielsweise war das Arpeggione, auch „Bogengitarre“ genannt, wirtschaftlich ein Misserfolg, außerdem wurde Georg Stauffer diese Erfindung durch seinen Pester Kollegen Peter Teufelsdorfer streitig gemacht (s. hierzu Eszter Gát in Gitarre & Laute XIII/1991/Nº 2, S. 15—19).

Georg Stauffer hat Wien 1939 verlassen, Anton hat darauf das Geschäft übernommen, aber schon 1848 sein Gewerbe  aufgegeben. Sein ehemaliger Geselle Johann Gottfried Scherzer hat die letzten Aufträge für ihn ausgeführt. Georg ist schließlich als genialer Erfinder ohne geschäftliche Fortune in die Geschichte des Gitarrenbaus eingegangen, sein Sohn als Erbe einer berühmten Handwerkertradition, die er in den wirtschaftlich schwierigen Jahren nach der der 1848er März-Revolution nicht weiterführen konnte.

Dies alles, jeder Entwicklungsschritt, ist durch Dokumente, durch handschriftliche Belege, Zeichnungen, Zeitungs-Annoncen oder Briefe dokumentiert. Alles in Farbe, alles gut lesbar und schön anzuschauen. Vielleicht hätte man dem Betrachter Hinweise geben können, wie groß die jeweiligen Dokumente im Original sind, auf eventuelle Verkleinerungen oder Vergrößerungen wird nicht hingewiesen.

Das folgende Kapitel 2: Sechzig Gitarren von Stauffer bis Reisinger (im Maßstab 1:4): Jede der sechzig Gitarren ist von vorne, von der Seite und von hinten fotografiert. Dazu kommen Fotos des eingeklebten Zettels und eventueller Reparaturzettel, die in das Instrument eingeklebt sind. Alle Gitarren befinden sich in originalem oder restauriertem Zustand, das heißt, sie sind unbeschädigt, besaitet und spielbereit.

Zu jeder Gitarre wird ein erklärender Text mitgeliefert, in dem die Historie des jeweiligen Instruments beschrieben wird, Besonderheiten und vor allem seine Einordnung in die vorher beschriebene Entwicklungsgeschichte der „Wiener Gitarre“ … also: In welcher Phase des Schaffens von Georg Stauffer (oder eines andere Gitarrenbauers) ist sie entstanden? Welche vorher beschriebenen Besonderheiten der Konstruktion kann man erkennen? Ferner wird mitgeteilt, wer das jeweilige Instrument restauriert hat: Der Kölner Bernhard Kresse wird oft genannt, aber auch Erik Pierre Hofmann, der Autor des Buches, Urs Langenbacher, Pepe Toldo … seltsamerweise nicht ein einziges Mal Gary Southwell! Anschließend werden die Messverfahren erklärt und anschließend alle Maße in einer Tabelle mitgeteilt. Natürlich folgt eine Liste derer, die Instrumente ihrer Sammlung für die Veröffentlichung zur Verfügung gestellt haben: Erik Pierre Hofmann, der Autor höchstselbst, hat gleich 17 Gitarren beigesteuert, Stefan Hackl, sein Co-Autor, 6 und Brigitte Zaczek, die bezeichnenderweise gleich im ersten Satz des Buches von Hoffman erwähnt wird, 9.

Und nun, Kapitel 3: Die Wiener Gitarre: ein Jahrhundert Musik. Stefan Hackl beschreibt den Nährboden, auf dem die Kultur des Gitarrenbaus in Wien gediehen ist. Wer anders als er könnte dieses Kapitel beisteuern, wer anders als der Autor des aktuellen Buches über die „Gitarre in Österreich“ (Innsbruck 2011)? Wer anders allerdings muss sich so vorsehen, nicht den Inhalt seines eigenen Standardwerks zum Thema erneut vor seinen Lesern auszubreiten?

Aber die Geschichte von Gitarre und Gitarrenmusik im Wien des 19. Jahrhunderts bietet genug Erzählenswertes, um nicht ins Wiederholen eigener Sentenzen zu verfallen, zumal in vorliegendem Buch eine Gewichtung gewisser Teilaspekte des Themas vorgegeben ist. Stefan Hackl hinterleuchtet den soziokulturellen Wandel der die Gitarrenhochblüte möglich gemacht hat und schließlich auch deren Niedergang mit besonderer Sorgfalt. Er schildert die unterschiedlichen Verwendungsgebiete des Instruments und dessen damit zusammenhängende Wandlung.

Auch Stefan Hackl breitet opulentes Bildmaterial vor seinen Lesern aus, opulent in Auswahl und Farbenpracht. Nur sind es keine Instrumente mehr, es sind Notenseiten, Titelblätter, alte Fotos, Seiten aus Autographen und auch Szenebilder der Zeit. Und sie, die Szenebilder, halten Interessantes bereit. Auf Seite 246 sieht man den „Prasser“ von Josef Danhauser (1805—1845), eine Salonszene, die einen wollüstigen Gourmand darstellt – in einer Hand ein Champagnerglas, in der anderen eine Gabel mit Braten – und vor ihm eine Dame, die mit der linken Hand ihr Dekolleté geschlossen hält. Eine andere ist dabei, vor der ein junger Beau einhändig Gitarre spielt und sie höchst interessiert betrachtet. Alles ist gehüllt in teure Teppiche, in feine Gewänder, in Samt und Seide. Der Beau mit Gitarre ist Grund dafür, dass die Szenerie hier abgebildet wird … natürlich nicht der barfüßige Bettler, der rechts um Almosen fleht und dafür vom Haushund angebleckt wird, und auch nicht der livrierte Neger – ja, er wäre damals politisch völlig unkorrekt so bezeichnet worden –, der servil eine frische Flasche Champagner bereithält und öffnet. Hatte die biedermeierliche Idylle etwa Kritiker?

Natürlich hatte sie! Und auch Gitarrenleidenschaft und Virtuosenkult fanden nicht nur Claqueure! Das Großbürgerliche hatte seit der Französischen Revolution und dem Wiener Kongress, die beide  es hervorgebracht hatten, ihre Widersacher. Tatsächlich blühte die Wiener Idylle nicht lange … auch das schildert das Buch. Aber sie feiert, in anderes Gewand gekleidet, heute noch jährlich eine Renaissance … am ersten Tag des jeweils neuen Jahres.

Ein großes Buch ist es geworden. Und seine opulente Ausstattung überblendet keineswegs eventuelle Mängel inhaltlicher Art. Gustav Adolf Erich Bogeng (1881—1960) hat erkannt, dass für einen Bibliophilen inhaltliche Werte eines Buches mit seinem äußeren Erscheinungsbild übereinstimmen müssen. Hier passt es!

Print Friendly

Leave a Reply