Hans Werner Henze
(1.7.1926—27.10.2012)

Von Christiane Krautscheid

Hans Werner Henze, © Schott Promotion/Peter Andersen

„Sehnsucht nach dem vollen, wilden Wohlklang
Zum Tod des Komponisten Hans Werner Henze

Mit Hans Werner Henze ist einer der vielseitigsten und wirkungsvollsten Komponisten unserer Zeit gestorben. Henzes grenzenlose musikalische Phantasie hat während seiner langen künstlerischen Laufbahn in der Komposition von über vierzig Bühnenwerken und zehn Symphonien, in Konzerten, Kammermusik, Oratorien, Liederzyklen und einem aus neun Konzerten bestehenden Requiem Ausdruck gefunden. In unvergleichlicher Weise verbinden sich in seinem Werk zeitlose Schönheit und zeitgebundenes Engagement. In seiner selbst gewählten mediterranen Lebenswelt in der Nähe von Rom fand er gemeinsam mit seinem langjährigen Lebensbegleiter Fausto Moroni die harmonische Balance von Kunst und Leben; Anteil nehmend an den Ereignissen der Welt, immer wieder eintauchend in die Welt der Töne und Klänge.

War er in erster Linie Opernkomponist oder doch vor allem, wie immer wieder geschrieben wird, der letzte große Sinfoniker? Hans Werner Henze hat das Musikdrama ebenso wie die Vielfalt instrumentaler Gattungen zu allen Zeiten seiner Laufbahn gepflegt und in wechselseitiger Befruchtung zur vollen ästhetischen Entfaltung gebracht. “Vieles wandert aus dem Konzertsaal auf die Bühne und umgekehrt”, befand er über seinen Kompositionsstil. Die kongeniale Zusammenarbeit mit der Dichterin Ingeborg Bachmann bei den Opern Der Prinz von Homburg (1958/59), und Der junge Lord (1964) zählt ebenso zu den Höhepunkten seines Schaffens wie die Musikdramen Elegie für junge Liebende (1959-61) und Die Bassariden (1964-65).

Geprägt durch seine Kindheit im Deutschland des Nationalsozialismus und die Erfahrungen in der Kriegsgefangenschaft nahm Henzes politisches Engagement ab Mitte der 60er Jahre starken Einfluss auf seine Kompositionen, die Wahl der Texte und Sujets und sogar die Syntax seiner Musik. Er wollte zu den politischen Fragen seiner Zeit in einer neuen Musiksprache Stellung beziehen. Der fragende Rückblick auf das faschistische Deutschland, die Ereignisse von 1968 und die Revolution in Kuba sind nur einige historische Augenblicke, die ihn tief bewegten. Die spektakulär gescheiterte Uraufführung seines Oratoriums Das Floß der Medusa (1968) in Hamburg schrieb einen der größten Skandale der neueren Musikgeschichte. Besonders manifestierte sich Henzes politisches Engagement in den Handlungen für Musik We come to the River (1974/76), die er mit dem Dichter Edward Bond erarbeitete. Mit seiner Sinfonia N. 9 (1995/97), einer siebenteiligen Chorsinfonie nach dem Roman von Anna Seghers “Das siebte Kreuz”, schuf er ein Mahnmal gegen Faschismus und Krieg.

Entgegen dem Diktum Arnold Schönbergs “Es scheint, die Neunte ist eine Grenze…” hat Hans Werner Henze eine zehnte Sinfonie geschrieben und dazu gesagt, er habe sie geschrieben, um diesen “romantischen Aberglauben zu widerlegen”. Leichtfüßig überschritt er die vermeintliche Grenze und legte mit der Zehnten ein farbenreiches Gemälde des Lebens, aber auch des Komponisten selbst vor. Im Rückblick drängen jugendliche Klänge, werden mit dunkel grundierter Harmonik lastende Stimmungen heraufbeschworen, wechseln sich lebensvolle Klang-Opulenz und hintersinnige Altersweisheit ab. Am Ende bleibt fragende Ungewissheit, ein elegisch verhallendes Decrescendo. “Damit”, so Henze, “ist mein Beitrag zur Symphonie abgeschlossen”. Symphonische Werke sollten gleichwohl noch folgen, darunter das rauschhafte Konzertstück Adagio, Fuge und Mänadentanz (2004), in dem er drei Passagen aus der Oper Die Bassariden zusammenfasste.

L’Upupa aus dem Jahr 2002 ist die einzige Oper, zu der Henze das Libretto selbst verfasst hat. Seine Fähigkeit, Sprache ebenso kunstvoll wie Musik zu formen, hat er zeitlebens unter Beweis gestellt. Seine autobiographischen Schriften wie Die englische Katze – Ein Arbeitstagebuch und Reiselieder mit böhmischen Quinten, seine theoretischen Werke wie etwa Musik und Politik und seine ungezählten, oft literarisch ambitionierten Briefe offenbaren ihn als sprachmächtigen Autor und scharfsinnigen Denker. Weitere eigene Dichtungen zu Kompositionen – darunter die Sechs Gesänge aus dem Arabischen (1997/98) und Aristaeus (1997/2003) – vereinen genial Sprache und Musik.

1976 gründete Hans Werner Henze den Cantiere d’Arte in Montepulciano und 1988 die Münchener Biennale, deren künstlerischer Leiter er bis einschließlich 1994 war. Hier wie auch in dem von ihm gegründeten steiermärkischen Deutschlandsberger Jugendmusikfest gab er seinen reichen Erfahrungsschatz an den Nachwuchs, an Laien, Lehrende und junge Komponisten weiter. “Denn Komponieren ist Handwerk und Handwerk lebt von der Lebenserfahrung”. Wie kein zweiter deutscher Komponist hat Henze eine ganze Generation von Komponisten beeinflusst, geprägt, persönlich angeleitet und ermutigt.

Mit seinem ungebrochenen Mut zum Einspruch, aber auch seiner überbordenden Lust am Leben, seiner Freude an schönen Dingen und an der Natur hinterlässt Henzes rastloser Geist das Bild eines Mannes, der allen historischen Gefahren und persönlich erlittenen Verletzungen zum Trotz das Glück als Lebensziel nicht aus den Augen lassen mochte. Bis zuletzt nahm er mitfühlend Anteil am Leiden in der Welt, schuf zugleich Musik von zukunftsgewisser Schönheit. Das Komponieren war ihm ethischer Anspruch und Ausdruck des Persönlichen zugleich. Er musste schreiben, auch um in oft mühsam errungener Arbeitsdisziplin einen Anker zu werfen, der ihn aus dunklen Gedanken zu retten vermochte.

Hans Werner Henze sagte einmal, für ihn sei Musik “das Gegenteil von Sünde – sie ist Erlösung, das versprochene Land”. Der Schott-Verlag hat sein Schaffen über fünf Jahrzehnte exklusiv publiziert und sein Wirken in der musikalischen Welt von den ersten Anfängen bis heute mit großer Bewunderung verfolgt. In tiefer Dankbarkeit nehmen wir Abschied von Hans Werner Henze, der am 27.10.2012 in Dresden verstorben ist.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Schott-Music

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