Alirio Díaz (Musiker zwischen Folk
und klassischer Musik)

Stefano Picciano: Alirio Díaz through Folk and Classical Music, Translation by Enrico Selleri, Bologna 2011, Ut Oprheus, LB 10, ISBN 978-88-8109-471-4, € 19,95
— dass. italienische Ausgabe, Alirio Díaz tra musica popolare e musica colta, LB 09, € 19,95
— dass. französische Ausgabe, Alirio Díaz entre musique populaire et musique cultivée, LB 11, € 19,95
— dass. spanische Ausgabe,
Alirio Díaz entre la música popular y la música culta, LB 12, € 19,95

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Alirio Díaz wird im nächsten Jahr – am 12. November, um genau zu sein – neunzig Jahre alt. Grund genug, dieser wichtigen Persönlichkeit der internationalen Gitarrenszene einen Moment Aufmerksamkeit zu schenken!

In La Candelaria, ungefähr dreißig Kilometer von Carora in Venezuela entfernt, wurde Alirio Díaz geboren. Die wirtschaftlichen Verhältnisse im Land waren in den zwanziger Jahren katastrophal und so blieb Alirio wie seinen zehn Brüdern nichts anderes, als mit Feldarbeit ihre Familie zu unterstützen. Mais und Kartoffeln wurden angebaut, eine Schule gab es nicht. Bei Verwandten lernte der Junge Lesen und Schreiben, er erwies sich als neugierig und wollte lernen.

In den venezolanischen Dörfern und kleineren Städten gehörte es zur Tradition, dass man sich von der harten Arbeit erholte, indem man Lieder sang und tanzte. Irgendjemand nahm eine Gitarre und spielte … nach Gehör natürlich, denn Musikunterricht gab es nicht und niemand konnte Noten lesen. Auf jeden Fall wurde so irgendwie eine Renaissance venezolanischer Folklore und Kunst vorbereitet. Unter der rigiden Führung von General Gómez, der Venezuela von 1908 bis 1935 regierte, war das Land isoliert von allen künstlerischen Kontakten, aber eine Änderung der Verhältnisse zeichnete sich ab. Personen wie der Musiker Vicente Emilio Sojo (1887—1974), der das Orquesta Sinfónica Venezuela gegründet hat und der sich für eine Dokumentation venezolanischer Folklore einsetzte, bewirkten den gewünschten kulturellen Umschwung. Sojo harmonisierte mehr als 250 Volksmelodien, die Alirio Díaz später für Gitarre bearbeitete.

Alirio Díaz und Peter Päffgen im Jahr 2000 in Carora

Gleichzeitig initiierte Sojo Interesse an europäischer Musik. Ihn selbst hatten „la técnica modulatoria de Franck, la fineza expresiva de Fauré, la intensidad poética de Debussy y la suma impieza de ‚Ma mère l’oye’ de Ravel“ besonders beeindruckt. Diese Eindrücke, zusammen mit dem Willen zur Revitalisierung einer eigenen Folklore, machten Sojo zu einem der produktivsten und kreativsten venezolanischen Komponisten seiner Zeit.

Alirio Díaz hat von dem Aufblühen einer neuen volkstümlichen Musikkultur profitiert. Cuatro oder Gitarre zu spielen, gehörte immer mehr zum täglichen Leben und Alirio machte seine ersten Versuche mit dem Cuatro seines Vaters, als er sieben oder acht Jahre alt war. Und Mandoline spielte er auch … und verdiente mit diesem Instrument sein erstes Geld, um seine Familie zu unterstützen: „tocando en bailes y fiestas con un bandolín que nunca supe cómo pude aprender a tocar“.

Aber jede musikalische Tätigkeit, der sich Alirio Díaz hingab, war ausschließlich privater Art und beruhte auf autodidaktischen Studien. Einige Musiker seiner Zeit haben ihn fasziniert und beeindruckt, einige haben ihm auch den einen oder anderen Tipp gegeben, aber einen irgendwie regelmäßigen Unterricht hat es nicht gegeben. Ein entscheidendes Ereignis für Alirio war, dass im Jahr 1930 Agustín Barrios Mangoré in Carora gespielt hat. Mehr wissen wir darüber nicht, nicht einmal, ob Díaz das Konzert wirklich besucht hat … er sagt heute, er sei dort gewesen und werde dieses Erlebnis nie vergessen.

Ein paar Jahre später stellte sich für Alirio Díaz eine existenzielle Frage, die seiner beruflichen Zukunft nämlich. Die meisten seiner Altersgenossen begnügten sich damit, in ihrer Heimat als Bauern zu arbeiten. Andere verließen das Land und verdienten auf den Ölfeldern von Zulia ihr Geld. Aber Alirio wollte zur Schule gehen und lernen. Sein Vater Pompilio unterstützte ihn zwar nicht, schließlich las Alirio aber in der Zeitung, es gebe ein Stipendium, das speziell an Kinder aus armen Familien gegeben werde. Alirio begab sich auf den Weg nach Barquisimeto, dem Sitz einer Bezirksregierung, und nahm, fest entschlossen, in einem Karton seine Habseligkeiten mit. Er wollte ein Stipendium beantragen, das er schließlich aber nie in Anspruch genommen hat, denn wohlwollende Berater haben ihm empfohlen, nicht Philosophie und Literatur zu studieren – daran war die Vergabe des Stipendiums gebunden –, sondern Musik. Also ging der junge Mann nicht nach Barquisimeto, sondern nach Trujillo, um dort eine Ausbildung in klassischer Musik zu beginnen. Neben „seinen“ Instrumenten Cuatro und Gitarre wurde er dort in Harmonielehre, Theorie, Musikgeschichte und Gehörbildung ausgebildet, außerdem lernte er Klarinette und Saxophon. Díaz spielte in einer lokalen Band, lernte Englisch und hatte erste Engagements beim Rundfunk. Bei Raúl Borges, dem Schöpfer der venezolanischen Gitarrenkultur, erhielt er schließlich in Caracas Unterricht … und damit begann seine akademische Ausbildung zum Gitarristen. Im November 1950 zog er nach Madrid.

Andrés Segovia hatte vorher in Venezuela konzertiert, einmal 1945 und einmal 1948, und Díaz hat beide Konzerte in Caracas gesehen, was wesentlichen Einfluss auf seinen weiteren Lebensweg hatte. Alirio war so begeistert, dass er Segovias Schüler in Siena wurde und wenig später sein Assistent und schließlich Nachfolger. Spätestens damit war Alirio Díaz’ internationale Karriere besiegelt … und spätestens damit beginnt auch die Lebensgeschichte des Gitarristen Alirio Díaz, die allgemein – aus zahllosen Interviews zum Beispiel, aus Zeitschriftenartikeln und Liner Notes – bekannt ist. Genau hier endet allerdings Stefano Piccianos detaillierte Schilderung seines Lebenswegs. Kein Wort über Alirios lange Lebenszeit in Italien, kein Wort über den Wettbewerb in Alessandria beispielsweise, dem er vorgestanden hat. Man liest auch nichts über die Position, die Alirio Díaz heute in Carora einnimmt. Dort gibt es eine Fundación Alirio Díaz mit einem Museum und auch das städtische Theater trägt seinen Namen.

Was ich auch nicht finde, sind Bemerkungen darüber, wie sich Díaz schließlich mit Segovia verständigt hat, was lateinamerikanische Musik angeht. Wir wissen, dass Andrés Segovia niemals Barrios oder Lauro gespielt hat – wäre es nicht interessant gewesen herauszufinden, warum das so war … bzw. wie Maestro Segovia das erklärt hat? Außerdem muss Díaz, der so engagiert und stolz die Folklore Venezuelas und überhaupt Südamerikas gefördert hat, mit Segovia in einem ständigen Ringen gelegen haben, denn dieser, der zu seiner Zeit berühmteste und einflussreichste Gitarrist der Welt, hätte viel bewegen können. Aber Segovia hat nicht nur viel bewirkt … er hat auch viel verhindert!

Solche Fragen werden leider nicht angesprochen, dafür finden wir eine leider ziemlich unvollständige Diskographie; eine Erörterung der Frage, ob das Komponieren bei Heranziehung folkloristischen Themenmaterials höher- oder minderwertig im Vergleich mit dem ist, was als „absolute Musik“ durchgeht; und schließlich ein Interview, in dem Díaz Gedanken, die im Buchtext erörtert werden, noch einmal aufgreift. Das Interview ist amüsant zu lesen und jeder, der Díaz einmal erlebt hat, findet den kleinen, bescheidenen und immer freundlichen gentilhombre in seinen Worten wieder. Wesentliche neue Erkenntnisse kommen in dem Gesprächsprotokoll allerdings nicht zutage.

Und auch in dem abschließenden Anhang II mit der Überschrift „Ein Meisterkurs mit Alirio Díaz“ wird ein Satz zitiert, in dem ich Maestro Díaz wiedererkenne. Er wird zitiert mit der Aussage, man müsse jedes Stück so spielen, als wäre es ein Meisterwerk. Bliebe diese Aussage bei möglichst vielen Lesern als Essenz in Erinnerung, wäre viel gewonnen!

Das Buch von Stefano Picciano sollten Gitarren kennen. Immerhin geht es darin um einen großen Gitarristen, und zwar einen der Letzten der Generation, deren Angehörige dafür verantwortlich sind, dass die Gitarre wieder eine gesellschaftliche und künstlerische Rolle im 20. Jahrhunderts gespielt hat und spielt. Barrios hat er noch live gehört, bei Andrés Segovia und Regino Sáinz-de-la-Maza hat er studiert. Joaquín Rodrigo hat ihm sein Stück „Invocación y Danza“ gewidmet, eines der bedeutendsten Stücke, das im 20. Jahrhundert für Gitarre geschrieben worden ist, und er hat auch die Uraufführung gespielt.

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