Yo soy la locura

Pierre Pilzl, © by Pitzl

WDR-Funkhauskonzert Alte Musik |26. Oktober 2012 | 18:00h | „Yo soy la locura“: Musik im Spanien des 17. Jahrhunderts | Raquel Andueza, Sopran; La Galanía | Sendung: 24. November 2012 | 18:05h | WDR3  Vesper

Barockgitarre ist die Gitarre mit fünf Saitenpaaren (Chören) erst genannt worden, als sie schon lange nicht mehr in Benutz war.

Nachdem gegen 1600 jemand auf die Idee gekommen war, das bis dahin vierchörige Instrument um einen Chor zu erweitern, war man sich in Spanien und in Italien einig, dass dies in Spanien geschehen sein musste, nannte man doch das neue Instrument „guitarra española“ oder „chitarra spagnuola“. In Frankreich wurde die fünfchörige Gitarre erst später bekannt, danach war sie aber auch dort beliebt und sogar in höfischen Kreisen hoch geschätzt.

Weiter im Norden hat das Instrument sich dagegen nie wirklich etablieren können. In Deutschland bedachte man es sogar mit abfälligen Bemerkungen. Michael Praetorius meinte 1619, die Gitarre würde in Italien nur von ‚Comœdianten und Possenreissern’ benutzt und Johann Mattheson schrieb rund hundert Jahre später sogar, er wolle „die platten Guitarren mit ihrem Strump Strump den Spaniern gern beim Knoblauch-Schmauß überlassen“.

Raquel Andueza; © by Andueza

Tatsächlich ist mit der fünfchörigen Gitarre eine Spielweise populär geworden, die Rasgueado genannt wurde, und auf diese Spielweise passte Matthesons Wort vom „Strump Strump“. Beim Rasgueado wurden nämlich die Saiten der Gitarre durchgestrichen – entweder von oben nach unten mit dem Zeigefinger oder Ringfinger – oder von unten nach oben mit dem Daumen. Mehr ging nicht! Gespielt wurde nach Akkordsymbolen und für die gab es Tabellen.

Neben dieser volkstümlichen Art, Gitarre zu spielen, gab es auch feinere, künstlerische, bei denen nicht akkordische Begleitungen, sondern Melodielinien nach Tabulatur gespielt wurden und mit denen waren polyphone Strukturen darstellbar.

Pierre Pitzl hat die fünfchörige Gitarre mit all ihren Möglichkeiten vorgeführt und damit dem Publikum die Chance gegeben, diese immer noch eher selten gespielte frühe Form der Gitarre zu erleben. Das Repertoire für Barockgitarre wird heute noch vornehmlich auf modernen, sechssaitigen Gitarren gespielt und dabei auf deren größeren Tonumfang erweitert … dabei liegt gerade im Umgang mit den engen klanglichen Grenzen der Barockgitarre ein besonderer Reiz. Auch die aus unserer Sicht andersartige Anschlagskultur eröffnet fremde klangliche Sphären. Rasgueado kann auf modernen Gitarren nicht wirklich überzeugen, wird zu schwer und laut, zu sehr Flamenco – Punteado, so nannte man das Einzeltonspiel, verliert auf Instrumenten mit hohen Saitenspannungen, wie sie heute benutzt werden, viel an Leichtigkeit und Eleganz.

Grifftabelle bei Gaspar Sanz 1697

Und dann der Umgang mit musikalischen Vorlagen. Pierre Pitzl hat beispielsweise Marizapalos, Folias und Canarios aus der Tabulatur von Gaspar Sanz oder irgendeinem anderen spanischen Gitarristen der Zeit gespielt. Und er hat zu dem, was er in dem Buch gefunden hat, improvisiert und fabuliert, ausgeschmückt und erweitert … so wie es die Menschen im 17. Jahrhunderts getan haben. Denn jeder, der aus den Tabulaturbüchern spielte, kannte die Stücke, die er da gedruckt vor sich fand: die Españoletas, Zarabandas usw. Viele waren Ostinato-Formen, die zum Improvisieren einluden; andere waren Gassenhauer, die Allgemeingut waren. Die Tabulaturen wurden von denen benutzt, die das, was sie da sangen und tanzten, auch auf dem populärsten Musikinstrument ihrer Zeit spielen wollten … deshalb waren in den Tabulaturbüchern auch meistens Spielanweisungen enthalten. Das berühmte Buch von Gaspar Sanz, Sammlung der zu seiner Zeit gängigen Tänze und Lieder, heißt sogar „Instrucción de Musica sobre la Guitarra Española“ und sollte die Leser „sin maestro“, also ohne Lehrer, in die Lage versetzen, eine Vielzahl von „Sones y Danças de Rasgueado y Punteado“ zu begleiten. Offenbar hat es diesen Zweck erfüllt … es ist mehrmals neu aufgelegt worden.

Pierre Pitzls Vortrag hat demonstriert, dass viele Gitarristen, die heute glauben, die Musik von Sanz und Guerau oder auch von de Visée oder Roncalli auf modernen Gitarren angemessen darstellen zu können, ihrem Publikum etwas Wesentliches vorenthalten: elegante Leichtigkeit, rauschende Klanglichkeit und schließlich virtuosen Zauber, der nichts Zirzensisches oder Sportives hat. Und auch das freie Spielen dieser Stücke, auch das Herumexperimentieren und Scherzen, auch das bringen sie ihren Zuhörern nicht nah. Sie lassen sie nicht wirklich teilhaben am Leben … höchsten an einem Kondensat dessen, was sie für Musik halten. Und das ist nicht genug!

Nun stand Gitarrenmusik keineswegs im Mittelpunkt des Funkhaus-Konzerts. Im Gegenteil eher … aber eine Zeitschrift namens Gitarre & Laute neigt dazu, parteiisch zu sein und die hinreißend agierende Sopranistin Raquel Andueza zunächst unerwähnt zu lassen. Pardon! Dabei gab sie das wirklich bezaubernde Wiegenlied „Figlio dormi“ von Kapsberger oder am Schluss „Si dolce e’l tormento“ von Claudio Monteverdi, um nur zwei Nummern zu nennen. Raquel Andueza ist eine Große der Alten Musik, eine Sängerin, die sich vornehm zurücknimmt und ihre Musik doch ebenso strahlend wie wortgewaltig herüberbringt.

Und Jesús Fernández Baena, der Theorbist? Natürlich lieferte er für fast alle Programmpunkte das musikalische Fundament. Das war nun mal das tägliche Brot für Instrumentalisten, wenn sie sich einem Instrument wie der Theorbe verschrieben hatten. Aber er gab auch eine ‚Toccata arpeggiata’ von Giovanni Girolamo (oder Johann Hieronymus) Kapsberger, dem ‚Nobile Alemano’ oder dem ‚Tedesco della Tiorba’. Dieses Stück ist ein Beispiel für Kapsbergers hohe instrumentale Kunst, für seinen Mut und sein innovatives Denken, was rhythmische und harmonische Verläufe angeht … Baena präsentierte diese Toccata als großes, weites Stück Musik; als elegante und gleichzeitig provozierende Komposition … so jedenfalls mussten Kapsbergers Zeitgenossen auf das Stück reagieren. Und sein Publikum waren nicht die Leute auf der Straße, sein Publikum waren Adel und Klerus.

Dies war ein außerordentlich anregender Konzertabend, dem das Motto „Yo soy la locura“ mitgegeben worden war, Titel einer spanischen Aria, die Pierre Ballard 1614 in Paris herausgegeben hat. Sie war dann auch der erste Programmpunkt des Abends, mit ihr stellte Raquel Andueza sich vor: „Ich bin die Wahnsinnige!“.

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