Boccherini-Edition

Luigi Boccherini im Alter von 21—24 Jahren; Liotard, ca. 1764—1767; Privatbesitz Gerhard Christmann, Budenheim

Boccherini Edition
Diverse Künstler
aufgenommen zwischen 1991 und 2008
37 CDs, BRILLIANT CLASSICS 94386
… Das Niveau ist sehr hoch, die Werkauswahl angemessen, das Preis-Leistungs-Verhältnis sensationell! …

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Wäre Mrs. Wilberforce nicht gewesen, wer weiß, ob sich heute noch jemand an Luigi Boccherini erinnerte! Sie nämlich, Mrs. Wilberforce, eine ältere, etwas schrullige Lady, war die Besitzerin eines Hauses, in das sich ein gewisser Professor Marcus eingemietet hat, um sich dort regelmäßig mit Kollegen für Proben zu treffen. Die Herren, ein Streichquintett, spielten immer das gleiche Stück, ein Menuett, das tatsächlich aber von einer Grammophon-Platte kam, die immer wieder aufs Neue aufgelegt wurde, um Mrs. Wilberforce von dem eigentlichen Zweck der Zusammenkünfte abzulenken: Die Gentlemen planten einen Überfall.

Die angesprochene Story ist die eines berühmten und hoch dekorierten Films: Ladykillers von 1955 mit Alec Guiness, Cecil Parker, Herbert Lom, Danny Green und Peter Sellers … und natürlich mit Katie Johnson als Mrs. Wilberforce, die in der deutschen Synchronfassung seltsamerweise Wimmerforce hieß. Das Menuett ist durch den Film zu weltweiter Popularität gelangt, allerdings hat der Komponist keinen Oscar für die beste Filmmusik mehr in Empfang nehmen können. Er war schon hundertfünfzig Jahre tot: Luigi Boccherini (1743—1805). Das Menuett stammt aus seinem Streichquintett E-Dur (G 275).

Aber nicht nur Cineasten kennen Boccherini, auch Gitarristen … aber das ist eine eigene Geschichte. Die sieben Gitarrenquintette, die in der Boccherini-Edition eingespielt sind, beschäftigen seit etlichen Jahren Forscher und ausübende Musiker. Matanya Ophee war es schließlich, der 1981 mit seiner Schrift „Luigi Boccherini’s Guitar Quintets: New Evidence“ (Boston 1981) weitgehend biographische und bibliographische Klarheit schuf. Im Booklet vorliegender Boccherini-Edition wird noch behauptet: „The quintets for string quartet plus guitar are mainly transcriptions by the composer of his own string quintets, piano quintets and various other quintets, made in the late 1790s specifically for his latter-day patron in Madrid, the guitar playing Duke of Benavente-Osuna“ (S. 10), dabei ist seit Ophees Studie bekannt, dass der Gitarrist François de Fossa (1775—1849) für die Bearbeitungen verantwortlich ist und nicht Boccherini selbst.

Das Ensemble, das die Gitarrenquintette spielt, heißt La Magnifica Comunità, der Gitarrist ist Eros Roselli … und damit wird ein Problem, was diese Werke angeht, schon beim Namen genannt. Warum wird auf Einspielungen dieser Werke immer der Gitarrist herausgestellt und dann erst das Streicherensemble? Dies sind keine kleinen Solokonzerte für Gitarre und Streicher, auch, wenn die Besetzung de facto so aussieht. Das ist Kammermusik! Man hätte unter dem Ensemblenamen La Magnifica Comunità einfach alle fünf Musiker gleichberechtigt nennen können, zumal auf „period instruments“ gespielt wird, auf zeitgenössischen Instrumenten. Wenn darauf speziell hingewiesen wird, ist es Musikern und Produzenten wichtig kundzutun, dass sie sich an historischen Vorbildern orientieren und da müsste der Kammermusikgedanke respektiert werden.

Eros Roselli und La Magnifica Comunità spielen alle Gitarrenquintette von Luigi Boccherini

Aber ganz abgesehen von diesen Marginalien, wirken die Aufnahmen der Gitarrenquintette erfreulich schlank und unaufgeregt. Die Gitarre ist auch nicht am Mischpult zum Soloinstrument gemacht worden, wie man das immer wieder hört. Nein, die Magnifica Comunità hält, was ihr Name verspricht!

Das gleiche Ensemble ist auch für die sechzehn CDs mit Streichquintetten verantwortlich, den mit Abstand größten Werkzusammenhang im Œuvre von Luigi Boccherini und hier finden wir auch das berühmt-berüchtigte Menuett wieder, das sich den Zuschauern von Ladykillers eingeprägt hat. Eingespielt sind immerhin 51 meist viersätzige Quintette von übrigens insgesamt 125 Stücken dieses Genres, wie Christian Speck in MGG2 weiß (Personenteil Bd. II, Sp. 160). Die Boccherini-Edition bei Brilliant Classics ist also weitaus keine „Gesamteinspielung“ … aber das wird auch nirgends behauptet.

Den Anfang der Edition machen traditionsgemäß Symphonien: sieben von insgesamt dreißig (CD 1—2). Entstanden sind sie zu einer Zeit, als Haydn und Mozart den Wiener Stil prägten, von dem Boccherini ziemlich weit entfernt war. Nicht, dass er mit den Kompositionen seiner Kollegen nicht vertraut gewesen wäre, keineswegs! Boccherini war ein weitgereister Musiker und hat schon 1758, gerade einmal fünfzehn Jahre alt, in Wien konzertiert, 1760/61 wieder und 1763/64 noch einmal. In London war er, in Madrid, Paris … da hat er mitbekommen, wie sich das Komponieren veränderte. Aber Luigi Boccherini hielt an seinem eleganten, kantablen Stil fest, glaubte an eine Musik, die das Herz berühren soll, „fatta per parlare al cuore dell’huomo“, die aber gleichzeitig ungezwungen und natürlich wirkt. Dramatische Elemente, wie sie die Werke der „Wiener Klassiker“ kennzeichnen, findet man in den Symphonien von Boccherini eher nicht. Diese sind den Idealen des galanten Stils verpflichtet, dem Gebot der Kantabilität und der Absage an die deutsche „affectierte bauertoltze gravität“, wie Christian Thomasius schon 1687 in seiner Schrift „Von der Nachahmung der Franzosen“ meinte.

Aber Boccherinis Werke haben nicht nur Befürworter gefunden. Es gab Zeitgenossen, die ihnen Langatmigkeit vorwarfen und dass sie nicht dem ‚gout’ der Zeit entsprächen … der sich speziell zu dieser Zeit in einem ständigen Wechsel befand. Von „Sturm und Drang“ war da die Rede, von „Vorklassik“, „galantem,“ oder „empfindsamem“ Stil. Sie alle hatten viele Gemeinsamkeiten, waren aber – vor allem für die Zeitgenossen – weit voneinander entfernt.

Die Aufnahmen der Symphonien sind die ältesten der Boccherini-Edition. Entstanden sind sie im Juni 1992, also vor rund zwanzig Jahren. Es spielt das Neue Berliner Kammerorchester unter Michael Erxleben, der auch als Solist (Violine) in den konzertant angelegten Symphonien agiert. Für meine Begriffe könnte der Orchesterklang spitzer sein, offener; der Gesamtklang weniger kompakt, weniger gedeckelt; die Gesamtanlage weniger konfliktscheu, eher vom „Sturm und Drang“ beherrscht.

Es folgen zwölf Cello-Konzerte (CD 4—5), alle, die Boccherini geschrieben hat. Der Komponist selbst hatte als Cello-Virtuose seine musikalische Karriere begonnen … und aus dieser Zeit, als er noch als „Wunderkind“ durch Europa tingelte, um Geld zu verdienen, stammen auch die Konzerte.

Die Cello-Konzerte sind keine Bravour-Piècen, wie man das vielleicht von einem komponierenden Virtuosen erwartet hätte. Die jeweils dritten Sätze der traditionell dreisätzigen Konzerte, sind zwar, was spieltechnischen Anforderungen an den Solisten angeht, durchaus anspruchsvoll, sie haben aber nichts geheimnisvoll „Diabolisches“, wie es zum Beispiel die Violinwerke Paganinis für das Publikum hatten. Nein, Luigi Boccherini war kein reisender Virtuose, der sein Publikum nur durch Fingerfertigkeit, durch rasend übersteigerte Tempi und dazu bunte Programme für sich einnahm … jedenfalls wird uns von seinen Zeitgenossen nichts dergleichen berichtet.

Boccherini war einer der letzten „absolutistischen Komponisten“, die noch von einem Hof zum anderen zogen und von der Gnade der Begnadeten abhängig waren. Und bei den hohen Herrschaften war das Lechzen nach Tempo und Tonschönheit noch nicht so ausgeprägt, wie es später in der neuen bourgeoisen Gesellschaft werden sollte. Die in Mode kommenden Virtuosen-Konzerte beschrieb Johann Nikolaus Forkel, der erste Biograph Johann Sebastian Bachs, so: „Hier ist der Künstler wie ein Kaufmann zu betrachten, der solche Waaren zeigt, wonach am meisten gefragt wird.

Enrico Broni spielt die Cello-Konzerte und er dirigiert auch das Orchester namens Academia i Filamonica di Verona. Die Aufnahmen stammen aus dem Jahr 2005 und sind frisch und brillant. Der Solist und Kapellmeister bevorzugt eine recht zügige, frische Gangart, ohne das Virtuose in den Konzerten des jugendlichen Komponisten Boccherini allerdings zu plakativ in den Vordergrund zu rücken. Im Rondo des Konzerts D-Dur (G478) zeigen Solist und Ensemble dann aber die ganze Bandbreite dessen, was von einem Solokonzert erwartet wird.

Was nach CD 5 in der Edition folgt, ist Kammermusik. Mit ihr hat sich Luigi Boccherini seinen Platz in der Musikgeschichte gesichert: 6 Streichsextette (4 sind eingespielt), 125 Streichquintette (51), 91 Streichquartette (4) und 42 Streichtrios , zahlreich Cello-Sonaten, 6 Violinsonaten. Dass für die Cellosonaten nur „zahlreich“ als Mengenangabe vorliegt, hängt damit zusammen, dass sie zu Lebzeiten Boccherinis nicht in gedruckter Form erschienen sind. Außerdem hat sie der Komponist nicht in das eigene Werkverzeichnis aufgenommen. Dazu kommen diverse Werke für Streicher mit jeweils einem Fremdinstrument: Klavier, Oboe, Flöte.

Boccherini war Instrumentalist, hat aber auch Vokalmusik geschrieben: Messen, Psalmen-Vertonungen, Oratorien, Kantaten und Konzertarien. Einige Bühnenwerke liegen vor, darunter eine Zarzuela und zwei Ballettmusiken. In die Edition ist, als Beleg sozusagen, dass sich Boccherini auch auf sakrale Vokalmusik verstand, lediglich das Stabat Mater f-Moll für Sopran und Streicher von 1781 aufgenommen worden.

Die 37 CD der Boccherini-Edition bieten einen weitgespannten Überblick über das Œuvre des Komponisten Luigi Boccherini, der wegen seiner Kammermusik in Erinnerung ist. Die Streichquintette stellen dabei den größten Werkzusammenhang dar. Den vielleicht aber intimsten Eindruck von den Eigenheiten, Eitelkeiten und Visionen des Komponisten bieten die Cello-Sonaten. 24 von ihnen finden wir auf CD 33—36, dargeboten von dem ebenso virtuosen wie schwelgerischen Luigi Puxeddu (und wechselnden Basso Continuo-Partnern). Vielleicht ist die Tatsache, dass Boccherini viel Persönliches in diesen Werken preisgegeben hat, der Grund dafür, dass er nicht so recht zu ihnen stehen wollte. Er hat sie keinem Verleger anvertraut, er hat sie nicht wie seine anderen Werke aufgelistet und bei einigen hat er sich auch nicht für eine Version entscheiden können und mehrere handschriftlich hinterlassen. Vielleicht hat er aber auch so etwas wie Jugendsünden geheim halten wollen … tatsächlich hat er die Cello-Sonaten in seiner Sturm-und-Drang-Zeit komponiert. Programmatische Sätze wie das „Allegro militare“ in der Cello-Sonate G-Dur (G 5) finden sich auch in anderen Werken gelegentlich … etwa im „Minuetto die ciechi“ (Menuett der Blinden), das nicht in der Edition zu finden ist, oder dem „Allegro – Li pastori e li cacciatori“ (Die Hirten und die Jäger) im Quintett „L’Uccelliera“ (G 276), aber nie so unverhohlen und so plakativ. Und Virtuosität hat er auch nie so ostentativ zur Schau gestellt wir hier, in Solowerken für sein Instrument, das Cello.

Natürlich ist der interpretatorische Standard der 37 CD nicht völlig einheitlich. Immerhin sind sie nicht nur von unterschiedlichen Musikern eingespielt, sie sind auch in einem Zeitraum von über zwanzig Jahren entstanden und von jeweils anderen Produzenten betreut worden. Aber die Aufnahmen sind erstaunlich eng beieinander, was die klangliche Ausrichtung angeht, ebenso in Bezug auf ihre interpretatorischen Grundsätze. Das Niveau ist sehr hoch, die Werkauswahl angemessen, das Preis-Leistungs-Verhältnis sensationell!

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