Enjott Schneider und Stefan Barcsay

Stefan Barcsay: Nocturnes
Werke von Dušan Bogdanovic, Richard Heller, Ross Edwards, Enjott Scheider, Heitor Villa-Lobos
Aufgenommen im Sommer 2011
RACCANTO RC014, in Deutschland bei Klassik Center Kassel
… professionelle Distanz …

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Mit „Mysterious Habitats“ von Dušan Bogdanovic beginnt Stefan Barcsay sein Programm … „seltsame Lebensräume“? Das Stück von insgesamt drei Minuten Dauer könnte einem Zyklus von Konzertetüden entnommen sein, es ist ein Perpetuum mobile, ein Teufelskreis, der, wenn man sich einmal auf die Bewegung eingelassen hat, unentrinnbar ist. Dabei steht nicht etwa virtuoses Blenden im Vordergrund. Auch nimmt Dušan bei diesem Stück nicht auf musikalisches Material Bezug, das ethnisch beeinflusst wäre, wie man das sonst von ihm kennt. Umso weniger erklärlich ist der Titel „Mysterious Habitats“.

Gleich danach gibt es als Ersteinspielung „2 Impromptus für Gitarre op. 52“ von Richard Heller. Mit „Tranquillo“ ist das erste überschrieben, mit „Mosso“ das zweite, das irgendwie auch Ruhelosigkeit zum Thema hat. Sehr „tranquillo“ ist das erste der Impromptus. Sehr ruhig und, was das Material angeht, fast minimalistisch. Es sind Klangverschiebungen, Akkordfolgen, die das Stück bestimmen.

„Blackwattle Caprices“ heißen die beiden Stücke des Australiers Ross Edwards. Martin Wilkening informiert im Booklet, dass der Komponist an der Blackwattle Bay in der Nähe von Sidney lebt und im Titel der Stücke auf diese malerische Bucht Bezug nimmt.

Capricen waren im 19. Jahrhundert (und vorher) oft zyklisch gruppierte kurze Charakterstücke, für die weder formale noch metrisch-rhythmische Vorgaben – im Sinne von Tanzformen oder ähnlichem – bestanden. Oft wurden „witzige“ Kommentare oder Anmerkungen in Capricen gemacht und meist haftete ihnen der Charakter des „Nicht-Werkes“ an, des irgendwie Beiläufigen, Unfertigen.
Ross Edwards’ erstes Capriccio ist „Andantino molto flessibile“ überschrieben, und auch das ist wieder charakteristisch für die Form, die keine ist … sie ist sehr flexibel und wird auch so behandelt. In unserem Wortschatz befindet sich heute noch die Vokabel „kapriziös“. Sie ist zwar aus der Mode gekommen, beschreibt aber ziemlich genau das, was eine (musikalische) Caprice ausmacht.

Die beiden Capricen von Ross Edwards sind ziemlich unterschiedlich, bedingen sich gegenseitig sogar. Edwards soll sie heimlich als Paar aus „Lied“ und Tanz“ bezeichnen, was ihrem Capriccio-Charakter eigentlich widerspricht … und ihn gleichzeitig unterstreicht.

Am Schluss des Programms stehen die „Cinq Préludes“ von  Heitor Villa-Lobos, ein Klassiker der neueren Musik für Gitarre, über den hier nicht weiter geredet werden muss, der sich aber als Messlatte für die Arbeit des Interpreten anbietet. Stefan Barcsay spielt die Stücke uneitel, werkdienlich und kompromisslos … wobei letzteres Adverb einer Erklärung bedarf: Die Gitarre ist – wie andere Musikinstrumente auch – ein unperfektes Werkzeug. Jeder Vorzug muss mit einem immanenten Nachteil erkauft werden und es gilt abzuwägen, welche davon man in Kauf nimmt. Beispiel: Jeder, der einmal Stücke von Villa-Lobos gespielt hat weiß, dass das Quietschen auf umsponnenen Saiten gerade bei dieser Musik zu einem Problem werden kann. Der Komponist hat gern komplette Akkorde auf dem Griffbrett verschoben und bei diesen Lagenwechseln sind Nebengeräusche kaum zu vermeiden. Nun kann man Techniken anwenden, die solche Geräusche reduzieren, die haben aber klangliche Einbußen zur Folge – zum Beispiel können Melodien nicht mehr in gleichem Maß legato gespielt werden. Man kann sich für den schönen Schein entscheiden, also für das Vermeiden von Nebengeräuschen — und man kann die Geräusche akzeptieren und sich für die musikalische Struktur entscheiden. Stefan Barcsay entscheidet sich für die Struktur! Insgesamt hält er professionelle Distanz zum Werk, gerät nicht ins Schwärmen oder Schwelgen, behält Kontrolle.

Das Motto der CD von Stafan Barcsay, „Nocturnes“, geht auf eine neue Komposition zurück, die Enjott Schneider für den Interpreten geschrieben und die dieser am 25. Januar 2010 in Regensburg uraufgeführt hat. Bei Schott ist die Notenausgabe erschienen:

Enjott Schneider: 3 Nocturnes für Gitarre
herausgegeben von Stefan Barcsay
Mainz u.a., Schott Music, 2012, GA 588, ISMN 979-0-001-17965-2
€ 11,99

Schneider gehört zu den bekanntesten deutschen Komponisten unserer Zeit, nicht nur wegen der mehr als 500 Filmpartituren, die er für Kino und Fernsehen geschrieben hat. Er ist Vorsitzender des Aufsichtsrats der GEMA und bewegt sich kompositorisch virtuos zwischen den Polen Avantgarde und Pop [so heißt es in seiner Bio auf seiner eigenen HP]. Für Gitarre hat er bisher nicht geschrieben.

Den 3 Nocturnes ist jeweils ein lateinisches Motto vorangestellt, das erste heißt: SOMNUS EST IMAGO MORTIS und stammt von Cicero. „Der Schlaf ist das Bild des Todes“ deutet auf ein kontemplatives Stück Musik in langsamem Tempo, das dann tatsächlich mit „Lento/Quasi Sarabande“ überschrieben ist. Akkordfolgen in eigentümlich harmonischer Glätte und Konsequenz, die jambisch zueinander geordnet sind, wechseln sich ab mit Sextolengruppen unterschiedlicher Art aber gleicher harmonischer Abfolge, die mit „Con anima“ überschrieben sind, dann aber auch mit „Gespenstisch fahl“.

„TEMPUS FUGIT, AMOR MANET“ heißt das zweite Nocturne: „Die Zeit vergeht, die Liebe bleibt“. Unruhige, mit „Animato“ überschriebene Akkordbrechungen stehen längeratmigen eher melodischen Passagen gegenüber, über denen „Danzante (non ritardare)“ steht … und die münden schließlich in ein „Amoroso“.

Dann „GUTTA CAVAT LAPIDEM NON VI SED SAEPE CADENDO“: „Der Tropfen höhlt den Stein nicht durch Kraft, sondern durch stetiges Fallen“: Eine ständig sich wiederholende Begleitfigur, die sich fast durch das ganze Stück zieht, ein minimalistisches Element, das lautmalerisch wirkt, wird von Melodieelementen umrankt. „Mit magischer Einfachheit“ steht über dem Satz und sie, die magische Einfachheit, macht ihn so anziehend.

Enjott Schneiders „3 Nocturnes“ werden sicherlich Einzug ins Gitarrenrepertoire halten. Es ist ein Stück von magischer Kraft, es stammt von einem namhaften Komponisten und: Es liegen bereits eine Referenzeinspielung und eine Notenausgabe vor.

Die Ausgabe ist großzügig dimensioniert, bietet Platz und Raum … enthält allerdings Fehler, die ich bei einem großen, in Gitarrensachen erfahrenen Verlag wie Schott nicht erwartet hätte. Zum Beispiel sind alle Skordaturangaben vor dem jeweiligen Notentext falsch. Nocturne Nº 1 beginnt mit: „1/E=(D)“, was keinen Sinn macht. Dann sind alle Angaben bezüglich der zu spielenden Saiten falsch. Notiert werden normalerweise umkreiste arabische Ziffern (1-6) – in vorliegender Ausgabe stehen umkreiste Notennamen, also (h) oder (E) und zwar selbst dann, wenn Skordaturen für die jeweilige Saite vorgeschrieben sind. Außerdem müssen englischsprachige Musiker den Notennamen „h“ erst stillschweigend übersetzen. Das ist natürlich kein Problem, wäre aber bei Verwendung der international gebräuchlichen Schreibweise ncht der Rede wert gewesen. Zusätzlich sind Flageoletttöne falsch und uneinheitlich notiert. Eigenartig, da hat offenbar kein Gitarrenkundiger mehr Korrektur gelesen.

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