Cecilio Perera & Srdjan Bulat gewinnen Alessandria und Benicàssim

Auch hier: Bei den folgenden CDs von Gewinnern internationaler Gitarrenwettbewerbe muss eines vorweg gesagt werden: Es wird nicht beabsichtigt, hier eine Champions-League der Gitarrenszene zu etablieren. Daher sind die Bewertungen nur deskriptiv und deshalb werden auch keine „Sternchen“ vergeben (über deren Sinn hier redaktionell ohnehin diskutiert wird und auf die vielleicht bald ganz verzichtet wird).

Laureate Series Guitar
Cecilio Pereira: First Prize 2011 Michele Pittaluga Guitar Competition, Alessandria
Werke von Ponce, Brouwer, Oliva, Sojo
Aufgenommen im Februar 2012
NAXOS 8.573025
… Cecilio Pereras Spiel fasziniert! …

Laureate Series Guitar
Srdjan Bulat: First Prize 2011 Tárrega International Guitar Competition, Benicàssim
Werke von Rodrigo, Regondi, Tárrega, Sulek, Albéniz, Britten
Aufgenommen im Februar 2012
NAXOS 8.573026
… nicht von Schüchternheit geprägt …

Mit drei Stücken seines Landsmanns Manuel Ponce beginnt Cecilio Perera sein Programm, mit drei Stücken, die bis vor einigen Jahren als Stücke von Silvius Leopold Weiss gehandelt wurden: Prélude, Ballet[t]o und Gigue. Sie sind von Andrés Segovia als Werke des barocken Lautenisten und Komponisten Weiss bekannt gemacht worden und es sollte Jahrzehnte dauern, bis Musiker und Wissenschaftler die Hintergründe dieser „Pasticcio-Affaire“ aufdeckten.

Srdjan Bulat 2011 in Benicàssim

Dem Vernehmen nach hatte Segovia in den späten zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts bei Ponce „Stücke im Stil von Johann Sebastian Bach“ in Auftrag gegeben – er wusste um die stilistische Vielseitigkeit des Komponisten. Ponce schien es zu gefährlich zu sein, seine Stilkopie ausgerechnet mit dem Namen des berühmtesten Barockkomponisten überhaupt zu überschreiben und wählte stattdessen den weitaus weniger bekannten Silvius Leopold Weiss, dessen Œuvre zudem noch weitgehend unerforscht war. Es entstand die „Suite a-Moll“ von Silvius Leopold Weiss … die seitdem in diversen modernen Editionen – natürlich mit S. L. Weiss als Komponist – herausgekommen ist (s. Editionen von José de Azpiazu, Ablóniz [der sich sogar beschwerte, Azpiazu habe von ihm abgeschrieben – welche Ironie!], Almeida und anderen). Alle Herausgeber gaben vor, das Stück sei schließlich public domain und bedauerten, keine originalen Tabulaturen gefunden zu haben, man sei also gezwungen gewesen, die jeweiligen Ausgaben nach der akustischen Vorlage Segovias aufzuschreiben!

Von den drei Stücken am Anfang des Programms von Cecilio Perera sind Preludio und Giga aus der besagten Suite, der Ballet[t]o ist ein kleines Einzelstück, das Ponce wohl zur gleichen Zeit wie die Suite geschrieben hat.

Cecilio Perera spielt “Son de la Negra” von Blas Galindo am 22. Mai 2011 [Upload am 29.6.2011]

Weder die Suite noch Ballet[t]o riechen nach echter Barockmusik – im Gegenteil … und das haben natürlich alle Gitarro-Musikologen von eigenen Gnaden lange vorher gewusst. Längst werden die Stücke als vom wirklichen Komponisten verkauft … der allerdings nie in den finanziellen Genuss seiner Werke gekommen ist. Ponce starb 1948 und da glaubte man noch an Weiss.

Cecilio Perera präsentiert für Ponce/Weiss einen runden, warmen und variablen Gitarrenton, der mich, auch in Pereras freiem Umgang mit Legati und Portamenti übrigens, an den großen Segovia erinnert. Nicht, dass er den Maestro kopierte, wie es dessen zahllose Epigonen des letzten Jahrhunderts getan haben, nein, aber die Klangwelt, in die er seine Zuhörer führt, weckt Erinnerungen an die große Zeit des damaligen Doyen der klassischen Gitarre. Und bei aller Kritik: Die Gitarrenwerke von Ponce oder Moreno-Torroba wären nie geschrieben worden, mindestens nicht für Gitarre, und auch die von Rodrigo oder Brouwer nicht, wenn er, Andrés Segovia, nicht den Boden dafür bereitet hätte.

Und natürlich sind die Stücke von Ponce Segovia-Repertoire pur! Den drei Einzelsätzen auf Pereras CD folgt die Sonate Nº 1 (Sonata Mexicana), das erste Werk, das Ponce für Segovia geschrieben hat, der es 1923 in Paris uraufführte. Hier höre ich noch mehr Segovia: Es sind die Betonungsmuster, in denen das Vorbild durchschimmert, es sind die manchmal völlig unmotivierten Verweilpunkte und wieder sind es Portamenti, die Perera gern und vor allem an prominenten Stellen benutzt.

Srdjan Bulat spielt im Abschlusskonzert des “XLV CERTAMEN INTERNACIONAL DE GUITARRA FRANCISCO TÁRREGA 2011″ in Benicàssim

Aber wie geht Perera mit Stücken um, von denen er keine „Segovia-Vorlage“ im Ohr haben kann? Auf seiner CD spielt er direkt nach der mexikanischen Sonate die Sonate von Leo Brouwer, die Julian Bream im Januar 1991 uraufgeführt hat … da war Segovia schon etliche Jahre tot. Nun, auch dieses zentrale Gitarrenwerk des späten 20. Jahrhunderts spielt er, sie werden’s nicht glauben, wie Segovia! Geht nicht? Natürlich nicht, aber das unterstreicht noch einmal, dass Perera Segovia keineswegs kopiert, seinen Stil vielleicht … aber nicht einmal das tut er! Was mich an Maestro Segovia erinnert, sind die vielleicht hie und dort überbetonten und doch wieder ins Bild passenden Schwelgereien, sinnlich bis schwulstig, umarmend und doch hie und dort zurückstoßend … wo doch die Zeit für solche Eigenheiten eigentlich vorüber ist.

Weiter gibt es „Tangomania“ von Julio César Oliva und die „Five Pieces from Venezuela“ von dem großen Venezolanischen Musiker und Musikologen Vicente Emilio Sojo (1887—1974) … beide Zyklen hätten in Segovias musikalisches Beuteschema gepasst, aber er hat sie nie gespielt … und das, obwohl Alírio Diaz, sein Nachfolger als Leiter der Meisterkurse in Santiago de Compostela und Siena, die venezolanischen Stücke gitarrentauglich gemacht hat.

Cecilio Pereras Spiel fasziniert! Mit den abschließenden „Tres Canciones populares mexicanas“ beweist er es noch einmal: Die Klangwelt, in die er seine Zuhörer da führt, ist eine vielfältige und in allen Farben schillernde … und sie ist romantisch. Cecilio nimmt sich Vieles heraus, er geht mit den Stücken um, als spiele er sie schon seit Jahrzehnten, als sei  er mit ihren Komponisten per Du. Ist es vielleicht das, was seine Präsentation an die eines „Alten Hasen“ erinnert?

Srdjan Bulat ist Kroate, in Split geboren, und hat bei dem einflussreichen Gitarrenpädagogen Darko Petrinjak in Zagreb studiert. In Alessandria hat er schon einen zweiten und einen dritten Preis belegt – hic et nunc wird er aber gefeiert ob seines ersten Preises beim Tárrega-Wettbewerb in Benicàssim im Jahr 2011.

Das „große Werk“ in seinem CD-Programm ist das „Nocturnal“ von Benjamin Britten, eines der zentralen Gitarrenwerke des letzten Jahrhunderts.

Das „Nocturnal“ op. 70 ist nicht von Andrés Segovia, sondern von einem anderen Gitarristen geprägt worden: von Julian Bream. Für ihn ist es geschrieben und er hat es am 12. Juni 1964 auf dem Aldeburgh-Festival uraufgeführt und wenig später als Erster eingespielt.

Bream hat Interpretationen dieses Stücks für lange Zeit bestimmt. Sein Spiel war sehr persönlich gefärbt, so unverkennbar, dass Gitarristen der nächsten Generationen, die sich an seinem Vorbild orientierten, sofort zu erkennen waren und sind … und orientiert haben sich viele! Nun ist die Entdeckung des Stücks aber fast fünfzig Jahre her!

Srdjan Bulat ist ein junger Spieler, gerade Mitte zwanzig, von dem man kaum eine dezidiert eigene Meinung zu komplexen musikalischen Werken erwartet. Und doch ist seine Interpretation des Nocturnal nicht von Schüchternheit geprägt! Er bildet das innere Drängen in dem Stück, das schließlich in dem abschließenden Dowland-Lied „Come heavy sleep“ seine Erfüllung findet, sein erlösendes Ende, überzeugend ab, kann die enorme Spannung, die das ganze Stück durchzieht, wiedergeben und halten. Ein Wenig der ungeheuren Ruhe und Gelassenheit, der Sinn für Gliederungen und Proportionen, die man für die Präsentation so großflächiger musikalischer Kunstwerke braucht, fehlt ihm vielleicht noch, auch die Detailversessenheit, die große Interpreten auszeichnet … aber seine Zeit im internationalen Musikgeschäft beginnt gerade, er stellt sich gerade erst vor!

Was spielt Srdjan Bulat noch? Eine Etüde von Regondi, ein paar Sätze von Tárrega, für deren Interpretation er in Benicàssim einen Sonderpreis bekommen hat, dann „Mallorca“ von Albéniz und „The Troubadours Three“ des kroatischen Komponisten Stjepan Šulek (1914—1986). Dieses Stück von 1982 ist Srdjans Lehrer, Darko Petrinjak, gewidmet, und bewegt sich im stilistischen Umfeld neo-neoromantischer Gitarrenmusik, wie sie das letzte Jahrhundert beherrscht hat. Einen markanten slawischen Akzent hat Šulek leider nicht gesetzt, aber es ist ein gutes Stück Musik, ein attraktives für Gitarristen, weil es ihnen viele Möglichkeiten der Entfaltung gibt. Und Bulat spielt es überzeugend. Er fabuliert vor sich hin, er singt und tanzt, er verliert sich in Klangwolken, wenn es denn sein soll, und er trumpft in virtuosen Passagen auf, behauptet sich. Bravo!

Von beiden Wettbewerbsgewinnern, von Cecilio Perera und hoffentlich auch von Srdjan Bulat werden wir noch hören! Perera hat mit dieser NAXOS-Produktion nicht seine Debüt-CD vorgelegt, keineswegs, dafür steht Bulat tatsächlich am Anfang seiner Karriere … und dafür hat er eine mehr als überzeugende CD-Produktion vorgelegt.

Print Friendly

Leave a Reply