Early Music America 2012/Nº 3
… from the Time of Cervantes

Von:Redaktion [Redaktion@Gitarre-und-Laute.de]

Die neueste Ausgabe von EARLY MUSIC AMERICA enthält an Gitarrenspezifischem einen Artikel von Grant Herreid mit dem Titel „Reconstructing Spanish Songs from the Time of Cervantes“ (S. 29—34).

Die Gitarre ist im Spanien des 17. Jahrhunderts enorm populär gewesen und bei allen möglichen Aktivitäten des täglichen Lebens eingesetzt worden. Darüber geben uns literarische Zeugnisse Auskunft, außerdem zahlreiche Bilddarstellungen, auf denen Gitarre gespielt wird. Leider ist aber nicht präzise überliefert, welche Musik bei den unterschiedlichen Gelegenheiten gespielt worden ist und, vor allem, wie sie dargeboten wurde.

Es sind zwar zahlreiche gedruckte Ausgaben und auch handschriftliche Aufzeichnungen mit Instrumentalstücken aus dem 17. Jahrhundert überliefert, leider liegen sie aber in einer für unsere Begriffe eher kryptischen Notationsform vor: dem alfabeto. Herreid meint, man müsse heute die Detektivarbeit eines Musikwissenschaftlers mit der Kreativität eines improvisierenden Musikers verbinden, um spanische Volkslieder so zu rekonstruieren, wie sie damals gesungen und gespielt worden sind.

Die Quellen, die uns heute zur Verfügung stehen, sind meist nichts als Akkordfolgen ohne Texte. Sie stehen in spanischen, italienischen und französischen Tabulaturbüchern. Lieder finden sich da neben Tanzformen wie Villano, Chacona, Españoleta und Folia und populären italienischen Melodien. Da diese Musiken überall, in Theatern, Tavernen und auf den Straßen, gespielt und gesungen wurden, ist man allgemein davon ausgegangen, dass sie in Gitarristenkreisen bekannt waren und hat auf einen Abdruck von Melodie und Rhythmus verzichtet.

Grant Herreid vergleicht im folgenden die verschiedenen möglichen und vor vierhundert Jahren durchaus auch bekannten Notationsarten für Gitarrenmusik. Das alfabeto ist schon erwähnt – diese Schreibweise ist hauptsächlich für das Notieren von harmonischen Verläufen einsetzbar. Außerdem werden einige spieltechnische Details festgelegt – zum Beispiel, ob die Akkorde von oben nach unten oder von unten nach oben angeschlagen werden sollen.

Es gab weiter eine Notation, in der über der notierten Gesangstimme einzelne Buchstaben aus dem alfabeto eingedruckt (oder handschriftlich eingetragen) wurden. Eine ähnlich knappe und lange nicht verstandene Form der Notation ist auch unter Benutzung der deutschen Lautentabulatur verwendet worden – darauf weist Herreid nicht hin. In diesem Fall wurden über Gesangstexten Buchstaben geschrieben, die schließlich als Ziffern aus einer deutschen Lautentabulatur erkannt wurden.

Als nächstes erwähnt Herreid die gemischte Tabulatur, in der Punteado-Tabulaturen mit alfabeto-Symbolen kombiniert worden sind. Sie findet sich zum Beispiel bei Gaspar Sanz.

Der Artikel in EARLY MUSIC AMERICA bringt eine ganze Reihe anschaulicher Beispiele, einige Übertragungen und am Schluss eine komplette Rekonstruktion der Folias „Venteçillo mormurador“ aus dem Buch „Metodo mui facilissimo“ von Luiz de Briçeño von 1626.

Natürlich ist das Umfeld „Laute/historische Gitarren“ in einer Zeitschrift, die sich mit historischer Aufführungspraxis und deren Umfeld befasst, ständig präsent. Beiträge, die sich konkret mit einem Thema aus diesem Fachbereich beschäftigen, sich naturgemäß seltener. Die Zeitschrift ist insgesamt eher praxisorientiert als ihre ältere Verwandte, die englische EARLY MUSIC, die seit 1973 erscheint und sich der Pflege Alter Musik eher vom wissenschaftlich-historischen Ausgangspunkt ausgehend nähert.

Am Anfang seines Artikels zitiert Grant Herreid Sebatián de Covarrubias y Orozco bzw. dessen Buch „Tesoro de la lengua castellana, o española“ (Madrid 1611) … allerdings auf Englisch und zwar ohne das Spanische im Original zu zitieren.

Die englische Übersetzung bei Herreid:

Now the guitar is nothing more
than a cowbell; so easy to play,
especially in strumming,
that there is no stable boy
who is not a musician of the guitar.

Im Spanischen heißt diese Stelle, für die bei Herreid nicht einmal der genaue Fundort angegeben wird (wo genau, Seitenzahl etc.):

Y aora la guitarra no es mas
Que un cencerro, tan facil de tañer
specialmente en lo rasgado,
que no ay moço de cavallos
que no sea musico de guitarra

Heute, wo beinahe alle Literatur digital verfügbar ist, kann man natürlich einen  Klassiker wie Sebatián de Covarrubias y Orozco im Internet aufrufen. Nein, mehr als das: Man kann große enzyklopädische Werke wie dieses nach Wörtern durchsuchen … was bisher natürlich nicht möglich war! Das Zitat findet sich auf Seite 74.

EARLY MUSIC AMERICA erreichen Sie über: earlymusic.org

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