Just listen to the bloody music!
A Tribute to Malcolm Arnold

WRO (WDR Rundfunkorchester) am Sonntagmorgen: A Tribute to Malcolm Arnold (1921—2006). 16. September 2012, elf Uhr: Ein unerwartet warmer Spätsommertag, auf dem Roncalli-Platz, vor dem südlichen Querhaus des Doms, wurde die Städtepartnerschaft von Köln und Peking gefeiert. Der Klaus von Bismarck-Saal des WDR am Wallrafplatz, auch Großer Sendesaal genannt, war nur spärlich besetzt, dabei sollte es ein vergnügliches Konzert werden.

Will man sich über Malcolm Arnold informieren und konsultiert dafür Lexika, erhält man unterschiedlich zu bewertende Informationen. WIKIPEDIA weiß, dass er ein „englischer Komponist“ war und „Oscar-Preisträger“, und dass er „ein vergleichsweise konservativer und zugleich fruchtbarer und erfolgreicher Komponist tonaler Werke“ war, die „besonders bei Jugend- und Liebhaberorchestern erfolgreich“ sind. Was sein Œuvre angeht, wird unter anderem ein Konzert für Gitarre und Orchester erwähnt, geschrieben für Julian Bream, gleichzeitig eines für Mundharmonika. Dazu Sinfonien, Werke für Blasorchester, und natürlich seine Filmmusik – Wikipedia meint, es seien 132 Filmpartituren gewesen.

Der Artikel in MGG2 ist erwartungsgemäß umfangreicher und liefert ein ausführliches Werkverzeichnis: Neun Symphonien, zahlreiche Konzerte für Soloinstrumente und Orchester, mehrere große Ballettmusiken, jede Menge Kammermusik und schließlich: „insgesamt […] über 80 Filmmusiken“, darunter eine für „The Bridge on the River Kwai“ von 1957, für die der Komponist mit einem Academy Award ausgezeichnet wurde, einem Oscar.

GROVE DICTIONARY beschreibt – wie die anderen Nachschlagewerke auch – Arnolds Karriere als Orchestermusiker und Dirigent und geht dann auf seine kompositorische Arbeit ein, sein Verarbeiten schöner Melodien in tonalem Rahmen, seine intime Kenntnis des Orchesters und seiner Instrumente und, als Resultat davon, seine hohe Instrumentierungskunst. Auch dieser Artikel mündet in Bemerkungen zu den Filmmusiken Malcolm Arnolds. Auch hier wird behauptet, es seien „more than 80“ gewesen … aber das war 1980!

Elisabeth Hartmann und Reinhard Becker, die Moderatoren des Konzerts am 16. September, haben Arnold und seine Musik natürlich anders beschrieben, als es die Lexikon-Autoren getan haben. Schließlich hatten sie Publikum vor und das WDR Rundfunkorchester hinter sich und zusammen wollten sie nicht nur informieren und belehren, sondern auch unterhalten … und das ist ihnen zweifelsfrei geglückt!

Mit einem Paukenschlag begann das Konzert, mit einem Paukenschlag, der die „Anniversary Overture“ op. 99 auf den Weg brachte: Großes Kino! Die Overture ist keine Filmmusik, aber dieses Stück ist so dramatisch, dass man es sich kaum anderswo vorstellen kann, als vor einer Leinwand. Und es ist eine Ouvertüre, die Spannung erzeugt, die zunächst nicht aufgelöst wird. Die „Anniversary Overture“ hat das Publikum neugierig gemacht …

Peter Päffgen und Craig Ogden am 16. September 2012 im Foyer des WDR-Saals in Köln, Foto: © 2012 by Dorothea Päffgen | mailto:redaktion@Gitarre-und-Laute.de

Es folgte das Konzert für Gitarre und Orchester op. 67 – Solist war der in Australien geborene und in England lebende Craig Ogden. Das Werk hat Arnold 1959 für Julian Bream komponiert und ist dafür gefeiert worden. Das gesangliche zweite Thema des ersten Satzes gehört sicher zum Schönsten, was für Gitarre und Orchester geschrieben worden ist. Und es passt, was das Zusammenspiel angeht. Die Gitarre ist Chef im Ring und das ohne elektronische Unterstützung!

Craig Ogden ist kein Schwelger oder Romantiker, dabei stünde dem Arnold-Konzert ein solcher hie und dort durchaus gut zu Gesicht. Nein, Craig ist ein zuverlässiger Virtuose … auch, wenn das wie eine contradictio in adjecto klingt. Aber er arbeitet sich mühelos durch die anspruchsvolle Partitur, kompetent und tonschön, lässt aber Chancen für große Auftritte liegen. Gut, das Arnold-Konzert ist das Erste, was ich von ihm höre und Solokonzerte sind nicht unbedingt Gelegenheiten, Solisten in ihren instrumentalen Fähigkeiten zu beurteilen. Schau’n mer mal!

Nach dem Konzert die „Grand Grand Overture“ op. 57. Dieses mehr als außergewöhnliche Stück hat Malcolm Arnold für seinen Freund Gerard Hoffnung (1925—1959) geschrieben, der es auch anlässlich eines seiner Konzerte in der Royal Festival Hall in London uraufgeführt hat. Die Besetzung: Drei Staubsauger, ein elektrisches Poliergerät, vier Gewehre und Orchester.

Gerard Hoffnungs „Interplanetary Music Festivals“ in der Royal Festival Hall waren Höhepunkte des Londoner Konzerlebens. Leider hat es sie nur dreimal gegeben, das letzte Mal 1961, nach Hoffnungs Tod. Auf dem Programm stand zum Beispiel ein Konzert von Leopold Mozart für Wasserschlauch (eigentlich Horn) und Orchester. Das wäre schon witzig genug gewesen, wenn nicht zusätzlich Dennis Brain (1921—1957), der berühmteste Hornist der Welt, am Wasserschlauch aufgetreten wäre! Oder ein Nocturne von Frédéric Chopin wurde auf vier Tuben aufgeführt. Hoffnung selbst, aber das nur nebenbei, war Tubist auch nebenbei).

In Köln jedenfalls ist die „Grand Grand Overture“ von Malcolm Arnold gespielt worden, die es immerhin auch in die „Last Night of the Proms“ geschafft hat. Ein herrlicher Jokus, bei dem zwischendurch auf der Bühne geputzt und gestaubsaugt wird bis man die Putzkolonne deswegen erschießt … mit vier Gewehren! Natürlich ist dieses Werk Herbert Hoover (1874—1964) gewidmt, dem 31. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika.

Nach der Pause wurden „Four Scottish Dances“ op. 59 gegeben, stimmungsvolle Bilder, welche „die Schönheit eines Sommermorgens auf den äußeren Hebriden“ zum Thema haben – danach Filmmusik. Rhapsodie „The Sound Barrier“ und „The Bridge on the River Kwai“. Der Marsch, den die meisten mit dem Namen „River Kwai“ auf den Lippen haben, pfeifend – nicht singend, ist dabei nicht aus der Filmmusik und folglich auch nicht von Malcolm Arnold. Es ist der „Colonel Bogey March“ von Frank Joseph Ricketts und schon 1914 geschrieben worden, also über vierzig Jahre vor Arnolds Partitur. Arnold hat auch einen River-Kwai-March geschrieben, der für die Schluss-Szene des Films mit dem „Colonel Bogey March“ zu einem Medley arrangiert wurde … und weltweit Karriere machte. Beide Märsche wurden am 16. September gespielt.

Einen Besucher gab es noch auf der Bühne des „Großen Sendesaals“: Tobias van de Locht, den Freund, Assistenten und Mitarbeiter Malcolm Arnolds. Er beantwortete ein paar Fragen über den Komponisten selbst, seine Arbeitswut und seine Ansichten über Musik. Arnold war höchst unprätentiös, wenn es um eigene Kompositionen ging. Wenn ihn jemand nach musikalischen Eigenheiten fragte, antwortete er knapp: „Just listen to the bloody music!“ Und vielleicht war das tatsächlich ein guter Tipp: Hinhören! Die Stücke von Malcolm Arnold erklären sich weitgehend selbst! Auch die Filmmusik ohne Bilder.

Es war tatsächlich ein vergnügliches und streckenweise höchst dramatisches Konzert, bei dem sich das WRO wieder einmal als professionelles Ensemble von enormer Vielseitigkeit erwiesen hat. Eine der musikalischen Leidenschaften von Rumon Gamba, dem Gastdirigenten des Tages, sind Klassiker der britischen Filmmusik von Komponisten wie Ralph Vaughan Williams, Alan Rawsthorne und natürlich Malcolm Arnold. Wie er diese Leidenschaft umsetzt, davon können Sie sich selbst am 27. Oktober 2012 überzeugen. Sollten Sie nämlich das Konzert am 16. September verpasst haben, wird an diesem Tag auf WDR4 die Aufzeichnung  gesendet (20:05 Uhr).

Das Konzert hat auf das sinfonische Werk von Malcolm Arnold neugierig gemacht, das Tobias van de Locht gepriesen hat und auf das der Komponist offenbar besonders stolz war. Am 16. September stand eher das Amüsement im Vordergrund … und amüsiert haben sich nicht nur die Akteure auf der Bühne!

Link auf YouTube: Malcolm Arnold: A Grand, Grand Overture in den “Last Night of the Proms” 2009. Upload: 13. September 2009

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