Ich habe gemerkt, wie viele gitarristische Marotten man hatte …
Interview mit Thorsten Drücker

Das vorliegende Interview  wurde geführt am 26. April 2012 vor dem Hohen Dom zu Köln. Es war ein angenehm warmer Frühlingstag und wir, das heißt Thorsten Drücker und Peter Päffgen, der die Fragen stellte, saßen auf der Terrasse des Café Reichard

PPn: Heute Abend spielen Sie in der Kölner Philharmonie Rockgitarre. Auf dem Programm steht ein Konzert mit dem WDR-Orchester und gegeben werden Klassiker der Rockmusik. Im März habe ich eine CD besprochen, auf der Sie als Solist mit dem gleichen Orchester drei „klassische” Konzerte für Gitarre und Orchester gespielt haben. Ist diese Vielseitigkeit ungewöhnlich?

Peter Päffgen, Thorsten Drücker und Rasmus Baumann am 26. April 2012 in der Kölner Philharmonie. Foto: © 2012 by Dorothea Päffgen

TDr: Rockgitarre habe ich eigentlich immer gespielt, aber eher nebenher. Aber als ich so zwischen sechzehn und Mitte zwanzig war, war das ja auch das, womit man sich so beschäftigte. Ich habe Gitarre gespielt, weil es mir Spaß machte. Und dann war ich plötzlich sehr ehrgeizig auf dem Konzertgitarrengebiet. Ich habe ja bei Ulrich Müller in Osnabrück studiert und dann bei MichaelTröster. Dann habe ich sehr viele Wettbewerb gespielt und auch hie und dort Preise gewonnen. Ich weiß ja mittlerweile, dass Kollegen die große Tour durch die internationalen Wettbewerbe machen … mir fällt da Marcin Dylla ein … und dann doch nicht die Garantie für eine Karriere wie John Williams in der Taschen haben.

PPn: Na ja, viele Gitarristen haben die Wettbewerbe aber wegen der Knete gespielt. Die haben mit den Preisgeldern ihr Studium finanziert.

TDr: Sicher! Aber das Spielen in Wettbewerben ist ein Nervenspiel. Es gibt Kollegen, die spielen in Wettbewerben so, wie zuhause im Wohnzimmer. Das kann nicht jeder.

Aber als ich das eine Zeit beobachtet hatte, war ich irgendwie frustriert. Das Spielen in Wettbewerben war irgendwie wichtiger, als die Musik. Als ich später zu Sonja Prunnbauer kam und dann zu Oscar Ghiglia, wurde ich zur Musik zurückgeführt. Bei Oscar gehörte ich zu einem der letzten Jahrgänge, die er unterrichtet hat, bevor er pensioniert wurde. Und er machte prinzipiell nur Forumsunterricht.

PPn: Und da kamen alle Studenten?

TDr: Ja, das hat er vorausgesetzt. Und es konnte passieren, dass er einen nachmittags um fünf aufrief und man musste die Chaconne spielen. Und es gab Unterrichtstage, an denen er die Gitarre überhaupt nicht angefasst hat. Aber er hat viele kluge Dinge über Musik im Allgemeinen gesagt.

Und während ich bei Oscar studiert habe, habe ich wieder angefangen, E-Gitarre zu spielen. Aber professioneller als vorher. Da habe ich Schlagersänger begleitet und so. Was das Geldverdienen angeht, war das ganz gut für mich. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass da auch musikalisch für mich etwas war. Diese Musik hat mich zwar immer begleitet, aber ich konnte vermutlich nie zugeben, dass diese Musik gleichwertig mit der klassischen war, wenn sie gut gemacht wurde. Am Ende des Studiums, als es in Basel vorbei war, habe ich ein paar Jahre gebraucht, damit sich das alles setzten konnte. Ich habe klassische Gitarre zum Teil überhaupt nicht mehr gespielt, weil ich im Bereich E-Gitarre so viele Engagements hatte. Jetzt wurde irgendwie die klassische Gitarre zum Hobby.

Und plötzlich habe ich auch den Eindruck gehabt, dass diese Hopf-Gitarre, die ich spielte, nicht das war, was ich eigentlich brauchte. Eine ganze Reihe solcher Dinge passierte und ich habe irgendwie zu mir selbst gefunden. Das klingt jetzt vielleicht zu philosophisch, aber so habe ich das in Erinnerung. So bin ich dann also wieder zur klassischen Gitarre zurückgekommen. Und jetzt läuft das parallel.

PPn: Sind Sie damit der Prototyp des Gitarristen des 21, Jahrhunderts? Muss ein Gitarrist heute auf mehreren Hochzeiten tanzen können? Muss ein Gitarrist heute das „Concierto de Aranjuez“ und einen Tag später „Smoke on the Water“ spielen können?

TDr: Das kommt sicher darauf an, was man beruflich machen will.

PPn: … aber, wenn ja, muss dann auch die Ausbildung an unseren Hochschulen schon in diese Richtung laufen?

TDr: Ja, davon bin ich überzeugt. Das klassische Gitarrenstudium, wie ich das noch gemacht habe, ist zu einseitig für das, was man später machen muss. Nicht jeder Gitarrist hat das Glück, vom Konzertieren leben zu können. Und für den Brotberuf der meisten Gitarristen, der Unterricht, ist das ja auch schon zu einseitig. Ich auch habe zwanzig Jahre Gitarrenunterricht gegeben und da waren drei Leute dabei, die ich auf eine Aufnahmeprüfung vorbereitet habe und die dann auch in diese Richtung gegangen sind. Und das ist schon viel! Die Allermeisten sind eigentlich nur an E-Gitarre interessiert.

PPn: Aber war das nicht zu meiner Zeit auch schon so, dass die wenigsten Carcassi und Giuliani spielen wollten? Ich war einer, der sich überzeugen ließ, dass das auch schön sein kann.

TDr: Und ich wundere mich heute noch über Kollegen, die mir sagen, dass sie mit der E-Gitarre nichts zu tun haben wollen. Mir ist Vielseitigkeit wichtig und sie war auch schon immer da. Ich habe zum Beispiel viele Schülerbands betreut und ihnen geholfen.

Und vielleicht ist das tatsächlich richtig: Ein Gitarrist des 21. Jahrhunderts muss das alles können. Ich spiele heute viele Musicals, ich spiele solche Konzerte, wo die Gitarre eine Rolle spielt wie Jazz-Crossover-Dinge und so. Ich spiele Operetten, wo ein Banjo verlangt wird oder eine Hawaii-Gitarre … je vielseitiger man ist, desto besser! Ich wurde neulich auch schon einmal gefragt, ob ich Buzuki spielen kann, dieses griechische Instrument. Dann habe ich mir das Instrument angeschaut, wie es gestimmt ist usw. Und dann habe ich gesagt: „Klar, das geht“. Ich glaube, das ist eine ganz gute Überlebensstrategie!

PPn: Kam es dann auch zum Buzuki-Spielen?

TDr: Klar! Das war übrigens auch hier im WDR-Orchester. Da wurde eine Matinee zum Thema Alexis Sorbas gegeben und da brauchte man natürlich griechische Klänge. Die habe ich dann geliefert. Es war eine tolle Aufnahme!

PPn: Ich habe auch gehört, dass die deutschen Hochschulen bei der Einstellung neuer Professoren nach Leuten suchen, die vielseitiger sind.

TDr: Ich habe ja nach wie vor einen ganz guten Kontakt zu Wolfgang Lendle und Michael Tröster, weil ich ja auch in Kassel lebe. Aber ich spiele alles, was Gitarre angeht im Kasseler Theater und an anderen Bühnen. Und wenn ich mal partout nicht kann, rufe ich Wolfgang oder Michael an und frage, ob die vielleicht einen Studenten haben, der aushelfen kann. Aber meistens müssen die absagen, weil die Stundenten das nicht können. Ich weiß nicht, wie die das machen wollen, aber die Musikakademie in Kassel will auch ausbauen in Richtung Jazz oder Popmusik. In Freiburg ist auch gerade eine Professur ausgeschrieben … also, das geht auf die Dauer nicht mehr. Gerade im Gitarrenbereich gibt es so viele Möglichkeiten und so viele Musiker, die außer Klassik nichts können.

PPn: Und liegt nicht Tragik zusätzlich darin, dass die Gitarristen, die sich auf Klassik eingeschworen haben, ihr Publikum mit einem Standard-Repertoire abspeisen?

TDr: Es ist grauenhaft! Das fängt ja bei den Wettbewerben schon an, wo überall das gleiche Pflichtprogramm gefordert wird. Beim Kür-Programm wird danach auch das Gleiche gespielt. Eine Zeitlang war das die „Libra Sonatina“ von Roland Dyens usw. Leider ziemlich uniform!

PPn: Na ja, da gibt es natürlich noch ein paar lokale Unterschiede. In Alessandria wird immer gern italienische Musik gespielt, in Tychy, in Polen, haben polnische Stücke gute Chancen. Aber das ist ja auch normal!

TDr.: Das sind ja auch alles gute und interessante Stücke, aber es gibt so viel mehr gute Musik. Und die Gitarristen sind ohnehin schon Eigenbrödler. Wenn die dann auch noch unter der eigenen Käseglocke bleiben und das spielen, was ohnehin schon überall gespielt wird, dann wird die Gitarre auf Dauer nicht weiterkommen.

PPn: Ich war glücklich, als ich Ihre CD mit Gitarrenkonzerten gehört habe. Und ich habe auch geschrieben, dass ich mit Freude gesehen habe, dass kein Konzert von Rodrigo eingespielt worden war und keines von Castelnuovo-Tedesco.

Vor etlichen Jahren habe ich in Wuppertal ein Gespräch mit Sharon Isbin geführt. Sie war dort, weil sie das „Concierto de Aranjuez“ mit den Bergischen Sinfonikern aufgeführt hat und ich habe sie gefragt, warum es ausgerechnet dieses Konzert sein musste. Sharon sagte: »Peter, du hast das Konzert sehr oft gehört und du hörst es immer wieder aufs Neue. Aber beim normalen Publikum in sinfonischen Konzerten ist das ganz anders. Das gibt es ganz sicher viele, die das „Concierto de Aranjuez“ zum ersten Mal hören. Und diese Leute freuen sich!« Es ist ja ein schönes Stück!

TDr: Das stimmt und ist doch nicht richtig. Es ist ein schönes Stück, aber doch recht schmalbrüstig. Wenn man das mit dem Bernstein-Konzert vergleicht, das ich gespielt habe, oder auch mit dem Malcolm Arnold-Konzert, dann gibt es da doch große Qualitätsunterschiede! Aber als ich das Programm für meine CD zusammenstellte, ist gesagt worden: „Auf keinen Fall das Aranjuez-Konzert!“

Das Bernstein-Konzert war ohnehin gesetzt, weil Michael Breugst, der neue Orchester-Manager beim WDR, das Konzert kannte. Es gab dieses Stück nur in einer einzigen Aufnahme mit Christopher Parkening und die hatte Breugst, aber sie war vergriffen und schwer zu finden. Und das Konzert für E-Gitarre und Orchester von Michael Daugherty hatte ihn auch interessiert. Und dann kam Rasmus Baumann, der Dirigent, und hat beim WDR gesagt: „Ich kenne einen Gitarristen, der spielt beides.“ So ist die Aufnahme zustande gekommen. Aber der WDR hat die Katze im Sack gekauft, denn ich war ja überhupt nicht bekannt.

PPn: Sind die Konzerte denn hier auch aufgeführt worden?

TDr: Nein, bisher nicht, aber das ist geplant.

PPn: Drei Konzerte an einem Abend?

TDr: Nein, nicht alle drei. Aber das Daugherty-Konzert ist geplant und das von Bernstein. Aber hier beim WDR muss so langfristig im Voraus geplant werden, dass das bestimmt erst 2014 oder 2015 sein wird.

Aber das Arnold-Konzert habe ich schließlich für die CD selbst vorgeschlagen. Es gab, glaube ich, nur eine Aufnahme von John Williams und zwei weitere, aber mehr nicht.

PPn: Und natürlich eine von Julian Bream.

TDr: ja klar! Aber mehr nicht. Aber ich habe hinterher geflucht, dieses Konzert vorgeschlagen zu haben, denn da gibt es Laufpassagen, die unglaublich sind. Spätestens beim Üben wusste ich, warum es so selten eingespielt worden war. Es gibt wirklich unglaublich schwere Stellen!

PPn: Übrigens, was die Häufigkeit der Einspielungen angeht: Vom „Concierto de Aranjuez“  gibt es ja wirklich unglaublich viele Aufnahmen!

TDr: Ja eben! Und wir haben uns damals gesagt: „Noch ein Aranjuez braucht wirklich kein Mensch!“

Ich spiele das Konzert im kommenden Sommer mit den Nürnberger Sinfonikern bei verschiedenen Serenadenkonzerten. Die haben sich das gewünscht … und es ist ja auch schön. Aber eine Aufnahme brauche ich davon nicht!

PPn: Jetzt haben die New Yorker es auch gemacht und auch die Berliner … fehlen eigentlich nur noch die Wiener Philharmoniker.

TDr: Die Berliner?

PPn: Ja, da ist eine DVD herausgekommen. Sir Simon Rattle stand am Pult und der Solist war Juan Manuel Cañizares. In den sechziger Jahren hat das Orchester schon einmal das „Concierto de Aranjuez“  aufgenommen. Mit Siegfried Behrend!

TDr: Ich habe Ausschnitte aus der Aufnahme mit Cañizares in YouTube gesehen. War schlimm! Orchester war natürlich Spitze, aber der Solist war gewöhnungsbedürftig.

PPn: Aber noch mal zurück zur klassischen Gitarre. Ich habe den Eindruck, dass selbst bei Leuten, die zu Festivals und solchen Events fahren, das Interesse nachlässt. Glauben Sie das auch? Und ich habe auch, wenn es denn so ist, eine Erklärung für das schwindende Interesse. Die Gitarristen öffnen sich nicht. Sie öffnen sich in Richtung  Koyunbaba … aber in Richtung „Große Musik“ öffnen sie sich nicht.

TDr: Und das hat auch einen anderen Grund. Ich finde, dass sich viele Kollegen nicht öffnen, was neue Sachen angeht. Aber es wird auch wenig ausprobiert, was etablierte Komponisten angeht. Nehmen Sie zum Beispiel Mario Castelnuovo-Tedesco, den ich sehr schätze. Da gibt es eine Menge Einspielungen, aber nur sehr wenige Stücke, dabei hat der massenhaft für Gitarre geschrieben. Es gibt viele Stücke darunter, die bisher niemals öffentlich gespielt worden sind.

PPn: Und die sind niemals von Segovia oder Siggi Behrend gepusht worden? Behrend nahm doch für sich in Anspruch, Castelnuovo-Tedesco nach vorne gebracht zu haben.

TDr: Aber was ich meine ist, dass alle Kollegen, die eine CD herausbringen und da ist ein Stück von Castelnuovo-Tedesco dabei, dann ist das immer das „Capricho Diabolico“ oder die Sonate. Aber es gibt so viele andere interessante Sachen in seinem Œuvre! Er hat ja zum Beispiel viele Grußstückchen geschrieben. Stücke wie Postkarten, die man aus dem Urlaub schreibt. Es gibt da diese „Tonadilla“ für Segovia …

PPn: … aber die ist schon länger, als eine Postkarte. Das ist schon eher ein Brief!

TDr: Ja, vollkommen richtig! Aber solche Grußbotschaften gibt es für viele andere. Eine für Oscar Ghiglia, eine Romanze, die sehr schön ist, eine für Chiesa und viele andere.

Aber was ich meine ist, dass die Gitarristen nicht nur um neue Musik einen Bogen machen, sondern auch um längst bekannte Werke aus der Vergangenheit des Repertoires.

Und, das finde ich auch ziemlich wichtig, die Gitarrenszene ist eine Geschlossene Gesellschaft. Es ist sehr schwierig, da Zugang zu finden. Man ist irgendwie isoliert, weil Gitarristen mit den Mitgliedern der Orchesterzunft, zum Beispiel, überhaupt nichts zu tun haben. Beide Szenen haben ihr ganz eigenes Publikum und sind ohnehin weit voneinander entfernt. Und wenn man die Gitarrenfestivals und Meisterkurse etc. betrachtet, dann spielen da immer wieder die gleichen Leute. Entweder man gehört dazu oder man gehört nicht dazu.

Ich habe dieser Tage das Interview mit Maximilian Mangold gelesen, das ja auch hier erschienen ist. Der hat hervorragende Einspeliungen gemacht und ist ein hervorragender Gitarrist. Aber in der Gitarrenszene kommt er nicht wirklich vor. Ich hab mir neulich noch einmal seine Einspielung des „Nocturnal“ von Benjamin Britten angehört, weil ich das Stück selbst in mein Programm aufnehmen möchte, und ich war begeistert. Ich habe gedacht: „Das kann man eigentlich nicht besser machen.“

PPn: Aber die großen Leute damals, wie Segovia, Bream und Williams, die haben es ja geschafft. Die spielten in großen Sälen, die auch noch ausverkauft waren. Aber das schafft heute kein Gitarrist mehr, oder? Ich habe hier in Köln im Gürzenich noch Segovia gehört und den musste man regelrecht auf die Bühne tragen. Aber der Saal war voll. Man ging dahin, um dem Maestro seine Referenz zu erweisen. Gibt es denn weltweit derartig anerkannte Gitarrenstars heute nicht mehr?

TDr: Damals gab es den abgekapselten, elitären Kreis noch nicht so. Diese Gitarristen waren wirklich Einzelkämpfer. Und die hatten sehr viel Kontakt zu Musikern anderer Instrumente und die hatten Kontakte zu Komponisten ersten Ranges.

PPn: Und heute treten Gitarristen hauptsächlich bei Gitarrenfestivals auf. Da sitzen Gitarristen auf der Bühne … und im Publikum auch! Die Zuschauer kennen die Stücke auswendig. Aber kann das befriedigen? Und kann einen das weiterbringen? Ist das Konzertieren auf Gitarrenfestivals nicht sogar die schlechtere der möglichen Alternativen für Gitarristen? Ziele müssen doch Carnegie-Hall oder Kölner Philharmonie sein und nicht geheimbündlerische Vorführungen in der sauerländischen Provinz!

TDr: Ich habe 2005 angefangen für das Theater in Kassel zu arbeiten und dabei mit verschiedenen Dirigenten zusammengearbeitet. Einer davon ist Rasmus Baumann. Ich bin sehr froh über diese Zusammenarbeit, weil da ganz anders, ungitarristisch nämlich, gedacht wird. Ich habe gemerkt, wie viele gitarristische Marotten man hatte. Diese Angewohnheiten hatten mit dem natürlichen musikalischen Fluss nichts zu tun, sondern waren Gitarreneigenheiten. Ich habe viele Dinge entdeckt, die bei allen Gitarristen gemacht werden, für die andere Musiker aber kein Verständnis haben. Im „Concierto de Aranjuez“  zum Beispiel gibt es Passagen, die von sehr vielen Gitarristen anders gespielt werden, als sie im Notentext stehen. Ich habe die Partitur noch einmal sehr genau studiert, weil ich das Konzert ja im Sommer ein paar mal spiele. Ich habe mich natürlich gefragt, warum das so ist. Und ich habe mit Kollegen darüber gesprochen. Mit einigen Dirigenten zum Beispiel.

Mit Rasmus Baumann habe ich darüber gesprochen und der hatte das Konzert schon mehrmals dirigiert, einmal mit Manuel Barrueco. Er hat mir das auch bestätigt. Wir sind zu dem Ergebnis gekommen, dass Gitarristen das, einer vom anderen, abhört. Einer hat das Konzert so eingespielt und alle anderen machen es nach. Die haben nicht die Partitur zur Hand genommen und sich gefragt „Wie ist das eigentlich gemeint?“

Natürlich finden sich solche Veränderungen auch in anderen Werken. Bei der Aufnahme des Bernstein-Konzerts von Christopher Parkening wird da plötzlich aus einer Triolenfigur eine Sechzehntelfigur … und keiner weiß, warum!

Im Aranjuez-Konzert ist das ganz extrem. Da gibt es im zweiten Satz eine Stelle …

PPn: … aber das Konzert fängt ja oft schon mit eigenwilligen Veränderungen an. Das Kopfthema in D-Dur steht in der Partitur als Rasgueado, aber drei völlig unterschiedliche Versionen werden auf Schallplatten angeboten.

Werkeln denn Pianisten auch an Klavierkonzerten herum?

TDr: Na ja, das machen die schon auch. Zumindest, wenn man ältere Aufnahmen hört. Aber das hat sich im Laufe der Zeit geändert. Heute wird eigentlich ganz genau in die Partituren geschaut. Und bei den Aufnahmen der drei Gitarrenkonzerte haben wir auch darauf geachtet, sehr präzise den Notentext wiederzugeben.

Übrigens ist ein Problem bei Gitarristen auch noch das Zusammenspiel mit Orchestern. Das können die wenigsten. Gitarristen sind immer zu früh! Der Klassiker: Wenn der Taktstock heruntergeht, spielen die Gitarristen, während das Orchester immer ganz spät kommt, dann, wenn der Taktstock unten ist. Je besser ein Orchester ist, desto später wird gespielt. Aber Gitarristen sind „à la Bundeszupforchester“ daran gewöhnt zu spielen, wenn der Taktstock in Richtung „unten“ in Bewegung gesetzt wird.

PPn: Na ja, aber haben denn Instrumente mit einem punktuellen Ton eine andere Chance?

TDr: Sicher, das ist das Problem. Aber deshalb ist es so schwer, mit dem Orchester zusammen zu kommen. Da braucht man schon viel Erfahrung, und die haben Gitarristen selten. Wann haben die schon mal die Chance, mit Orchester zu spielen?

Aber ich höre das auch von bekannten, renommierten Solisten wie Christopher Parkening. Fast immer zu früh! Man hört den Gitarrenton und dann erst kommt das Orchester. Das geht ja eigentlich nicht!

PPn: Aber ganz abgesehen von den Problemen im Zusammenspiel: Gibt es denn überhaupt noch Superstars der Gitarre. Da war Segovia, dann kamen Bream, Williams, Pepe Romero und die jüngeren David Russell, Barrueco und Fisk und ein paar mehr.

TDr: … und ich bezweifle, dass es so etwas noch mal gibt. Das waren wirkliche Stars und da wächst eigentlich nichts nach.

PPn: Aber wenn ich mir die CDs von Pepe Romero anhöre … spielt der nicht eigentlich auch immer das Selbe?

TDr: Ja, aber noch erschütternder fand ich ja die Aufnahme von Miloš Karadaglic bei der Deutschen Grammophon. Ich habe die Platte noch nicht gehört aber ich habe das Repertoire gesehen und habe gestaunt. Da bekommt der einen Plattenvertrag bei der Deutschen Grammophon und er spielt Kram zwischen „Capricho Arabe“ und „Koyunbaba“. Das kann doch nicht wahr sein!

Und dann habe ich gedacht, dass Miloš Karadaglic vielleicht jemand war wie Zoran Dukic oder Marcin Dylla, Wettbewerbsabräumer, die wenigstens in der Gitarreszene bekannt waren. Aber nein, der Mann war ein unbeschriebenes Blatt.

PPn: Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Spaß an der Arbeit!

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