3 x Heinrich Albert?

Heinrich Albert, Foto vom 30.7.1921. Mit freundlicher Genehmigung von Andreas Stevens

Dass sich einmal ein Gitarrist der deutschen Gitarrenmusik der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts annehmen sollte, ist oft gefordert … oder mindestens doch angeregt worden – unter anderem von Matanya Ophee, mit dem ich oft über dieses Versäumnis in der deutscher Musikpflege gesprochen habe. Nun hat sich Volker Höh der Sache erbarmt … das ist löblich, aber der Erste ist er freilich nicht. Und er ist auch nicht der Einzige, den es hier im Zusammenhang mit Heinrich Albert zu würdigen gilt. Ein Gitarrenduo hat sich sogar nach dem Gitarristen und Gitarrenpädagogen benannt.

Heinrich Albert: Ausgewählte Werke für Gitarre solo
Andreas Stevens, Gitarre
Aufgenommen im Juli 2006
AUREA VOX 2009-4
… ein Vergnügen! …

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Andreas Stevens ist seit vielen Jahren in Sachen Heinrich Albert tätig. Zu Alberts Biographie und Œuvre hat er Forschungen unternommen; Neuausgaben seiner Werke hat er vorbereitet; die Instrumente Alberts hat er wiederentdeckt und er spielt sie auch; schließlich ist Stevens’ Internetauftritt weitgehend dem „Kammervirtuosen“ Heinrich Albert (1870—1950) gewidmet, von dem Josef Zuth in seinem „Handbuch der Laute und Gitarre“ schrieb: „Von 1894 beschäftigte sich A. [ … ] mit der Gitarre und nimmt gegenwärtig unter den Solisten Deutschlands wohl den höchsten Rang ein.“ [S. 12] „Gegenwärtig“ hieß „Mitte der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts“ – das Handbuch von Zuth ist 1926—1928 in Wien erschienen.

2006 hat Andreas Stevens eine CD mit Originalstücken von Heinrich Albert eingespielt: rund 76 Minuten Musik, insgesamt 22 Stücke, alles Erstaufnahmen, wie es scheint. Dies ist die erste größere Albert-Einspielung überhaupt, wenngleich sich ein paar einzelne Stücke in älteren Anthologien finden. Zum Beispiel hat der Münchner Gitarrist Gerd Hans Blum „Suite Nº 1“ und „Sonate Nº 1“ gespielt, Edgard Zaldua, Arnaud Dumond, Phlippe Lemaigre und Jovan Jovicic haben Stücke in Sammelprogramme eingebracht, mehr hat es aber nicht gegeben.

Die Stücke auf Andreas Stevens’ CD sind zwischen zwei und vier Minuten lang … nur „Mondnacht“ ist länger: knapp sieben Minuten. Es sind Charakterstücke unterschiedlicher Art … irgendwo zwischen einer „Elegischen Mazurka“, die nach Tárrega klingt, und einem „Altwiener Walzer Idyll“, das auch Lanner oder Strauss geschrieben haben könnten. Gemein haben sie die Vielfalt und die ausgewogene Schönheit des melodischen Materials, das ihnen zugrunde liegt und von dem sie leben. Wenn ich da zum Beispiel das „Altspanische Lied Albert/Sancho“ höre oder die „Legende/Herrn Lucien Gelas in Paris zugeeignet“ dann staune ich immer wieder aufs Neue über Alberts Einfallskraft, was Melodien angeht, und über die Überraschungen, die er bereithält, wenn es um deren Weiterführung und vor allem um deren Einbettung in ein harmonisches Ganzes geht. Da ist manche Wendung kühner, als man es von einem komponierenden Gitarristen vielleicht erwartet hätte.

Stevens weist in seinem Booklet auf das Stück „Am Springbrunnen“ hin, das so etwas wie Heinrich Alberts Erkennungsmelodie gewesen ist … „ein Stück, das eine Sonderstellung in der Gitarrengeschichte hat“. Es ist in Alberts Schule erschienen und sollte, so Stevens, den Schülern zeigen, „was ein fleißiger Schüler erreichen konnte.“ Den Springbrunnen gibt es auf der CD zweimal: einmal „normal“, das heißt, in der gleichen Technik aufgenommen wie alle anderen Stücke, und einmal mit Knacken und Rauschen, eine alte Schellackplatte simulierend … die freilich nicht existiert: „Leider scheint es keine Originaleinspielungen von Albert zu geben, hätte er eine Aufnahme gemacht, wäre seine Wahl auf den „Springbrunnen“ gefallen“. Sicher!

Andreas Stevens spielt mit Bedacht und viel Ruhe, er nimmt sich Zeit, keine Nuance zu überspielen … und daran tut er gut, denn Virtuositäten sind nicht unbedingt sein Ding. Wenn es mal in raschere Arpeggien geht oder gar ans Tremolo, dann zeigen sich schnell seine spieltechnischen Grenzen … aber das hier zu erwähnen, ist unangemessen! Die vorliegende CD mit Werken von Heinrich Albert ist ein Vergnügen!

Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass Andreas Stevens für seine CD eine originale, sehr wohlklingende Gitarre von Lucien Gelas spielt, dem Heinrich Albert seine „Legende“ gewidmet hat, die auf vorliegender CD zu hören ist. Die Gelas-Gitarre ist 1913 gebaut.

 

Heinrich Albert Duo: Italia
Werke von Scarlatti, Cimarosa, Carulli, Giuliani und Paganini
Aufgenommen im Mai 2011
MDG 603 1710-2, in Deutschland bei CODAEX
… bemühen sich durchgehend um Differenzierung und um „nachhaltiges“ Spiel …

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  • Vienna
    Werke von Haydn, Beethoven, Giuliani und Diabelli
    Aufgenommen im Oktober 2003
    MDG 603 1235-2, in Deutschland bei CODAEX
  • Prestilagoyana
    Werke von Petit, Presti, Castelnuovo-Tedesco, Lesur, Wissmer, Rodrigo
    Aufgenommen im Oktober 2004
    MDG 603 1348-2, in Deutschland bei CODAEX
  • Spain
    Werke von Albéniz, Boccherini, Esplá, Turina, Ibert, Tárrega, Moreno-Torroba, Giménez y Bellido
    Aufgenommen im Dezmeber 2006 und September 2007
    MDG 603 1535-2, in Deutschland bei CODAEX

Das Heinrich-Albert-Duo ist im Jahr 2002 gegründet worden: „Die Begeisterung für Kammermusik und insbesondere für die Duos von Heinrich Albert (1870—1950) war ausschlaggebend für die Beschäftigung mit der Literatur für zwei Gitarren.“ Und doch hat das Duo, bestehend aus Jan Erler und Joachim Schrader, bisher keine Komposition von Albert aufgenommen.

Die neueste von bisher vier CDs des Duos heißt „Italia“, erwartungsgemäß enthält sie auch italienische Musik. Wer fällt einem da an Komponisten von Gitarrenduos ein? Giuliani natürlich und Carulli. Und diese Namen findet man natürlich im Programm der CD … allerdings auch Domenico Cimarosa (1749—1801) und vor allem Domenico Scarlatti (1685—1757). Letztere beiden waren Cembalisten – die eingespielten Sonaten sind für zwei Gitarren transkribiert worden. Sogar die beiden Sätze von Niccolò Paganini („Cantabile“ und „Tarantella“) sind nicht original für zwei Gitarren komponiert, sondern für Violine und Gitarre … obwohl der „Teufelsgeiger“ bekanntlich ein ebenso guter Gitarrist wie Geiger gewesen sein soll und viele Stücke für Gitarre hinterlassen hat. Gitarrenduos gibt es von ihm keine.

Das Heinrich-Albert-Duo spielt auf modernen Gitarren mit moderner Mensur … und es spielt auch auf moderne Art. Dies, die moderne Spielweise, umfasst Manieren wie „moderne“ Akzentuierungsmuster, die aus dem 20. Jahrhundert stammen und von Musikern wie Segovia „erfunden“ worden sind, ferner Portamenti und Legati, die de facto Giuliani und Carulli auch schon gekannt haben, die heute aber, auf modernen Gitarren gespielt, mit einer neuen Klarheit und Schärfe hervortreten und die Musik anders erscheinen lassen: forscher, aggressiver, fordernder. Insgesamt ist das Spiel heute, zweihundert Jahre nach Giuliani und Carulli kraftvoller geworden, kraftvoller, schneller und lauter – und das auf Kosten klanglicher Differenzierung und fein abgestimmter und konsequenter Akzentuierung. Wenn es an zartere Sätze wie die c-Moll-Sonate von Scarlatti geht (K 11), merkt man, wie die beiden Musiker sich treffen und wie die Musik die Anspannung verliert, die sie sonst oft umgibt.

Freilich kann man auf einer modernen, größeren Gitarre mit höherer Saitenlage und größerer Saitenspannung nicht mit der gleichen Leichtigkeit und Nonchalance spielen wie auf einer Gitarre, wie sie Giuliani und seine Zeitgenossen zur Verfügung hatten. Jan Erler und Joachim Schrader bemühen sich durchgehend um Differenzierung und um „nachhaltiges“ Spiel. Nicht immer gelingt ihnen das, aber dieses Schicksal teilen sie mit vielen Virtuosen-Kollegen.

Vienna: Die älteste der vier CDs des Heinrich-Albert-Duos gefällt mir eigentlich am besten. Die Transkription der Haydn-Sinfonie Nº 104 (Hob I:104), die wir dort zu hören bekommen, ist von Ferdinando Carulli angefertigt und veröffentlicht worden und trägt bei ihm, dem Bearbeiter, die Opus-Nummer 152. Es ist eine der „Londoner“ Sinfonien, gelegentlich „Salomon“ genannt.

In der Reduktion für zwei Gitarren ist sie ein Stück lebendiger Kulturgeschichte, ein sehr attraktives zumal. So, in einer Version für eine Hausmusikbesetzung, wurde Musik tradiert. Klangkonserven gab es natürlich noch nicht und die Partitur allein war freilich ein intellektueller, aber auch ziemlich unsinnlicher Musikgenuss. Später standen den Musikfreunden Klavierauszüge zur Verfügung, um ihre musikalischen Eindrücke oder ihren musikalischen Genuss zu erneuern – in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfüllten die gleiche Funktion Transkriptionen für Gitarre oder für Ensembles, in denen die Gitarre eine Rolle spielte. Eine Gitarre gehörte halt in jeden bürgerlichen Haushalt.

Das Repertoire der CD „Vienna“ lebt von großen Werken der „Wiener Klassik“ in zeitgenössischen Transkriptionen und sie profitiert von der Qualität dieser Musik in hohem Maß. Am Schluss zum Beispiel steht der erste Satz der Klaviersonate op. 26 von Ludwig van Beethoven, auch er von Carulli für Gitarre eingerichtet. Dies ist ein wundervolles Stück Musik – auch in der Transkription!

In der Mitte des Programms der Vienna-CD steht das Streichquartett Hob III/8 von Joseph Haydn und zwar in der Bearbeitung durch François de Fossa – ein „Klassiker“ des Repertoires! Schrader und Erler spielen ihn mit Distanz zwar, aber doch mit unverhohlen Eigenem, was Akzentuierung und Phrasierung angeht und auch in Bezug auf Tempi. Aber die Darstellung ist insgesamt überzeugend … wie eigentlich die ganze Vienna-CD.

Mit ihrer zweiten CD, Prestilagoyana, konnte das Duo aus dem Vollen schöpfen, was die Möglichkeiten der Gitarre angeht und auch in Bezug auf Spielwitz und Virtuosität. Es sind alles Originalwerke, die da auf dem Programm stehen, und die sind dazu für wahre Meister ihres Fachs geschrieben (und vermutlich von ihnen beeinflusst) worden. Ida Presti und Alexandre Lagoya waren so etwas wie die Begründer des modernen Gitarrenduos und sie waren für lange Zeit die unerreichten Superstars dieser neuen Ensembleform. Bei der CD von Schrader & Erler hört man förmlich den Spaß, den die beiden Musiker bei der Aufnahme hatten. Meine Favoriten sind „Prestilagoyana“ von Pierre Wissmer (1915—1992) und die Toccata von Pierre Petit.

Die CD Spain enthält, wenn man sie mit „Prestilagoyana“ vergleicht, auch konventionelles Material, darunter „Recuerdos de la Alhambra“ von Tárrega/Sagreras – im Gegensatz dazu aber auch die „Cinco piezas gitanas“ op. 55 von Joaquín Turina und die selten gehörte Suite „Levante“ von Oscar Esplá. Geschicktes Programm-Management kann man dem Duo also schon einmal attestieren!

Aber auch die musikalische Darstellung ist hörenswert! Die Dauerbrenner von Albéniz und Moreno-Torroba sind aufgefrischt und weniger pathetisch, als sie auf älteren Aufnahmen wirkten … beispielsweise auf der vor vierzig Jahren mehr als aufsehenerregenden LP von Julian Bream und John Williams („together“ bei RCA, aufgenommen 1971).

„Levante“ von Oscar Esplá ist ein eher monochromes, wenn auch niemals monotones Stück. Es besteht aus Miniaturen, die, in nuce sozusagen, das Spanische in sich tragen, ohne es lauthals hinausposaunen zu müssen. Auch auf diese musikalische Kompaktform ist das Heinrich-Albert-Duo bestens eingestellt.

 

SoloDuoTrioQuartett
Deutsche Gitarrenmusik von Heinrich Albert, Bruno Henze & Simon Schneider
Volker Höh, Gitarre und Quintbassgitrre, Cantomano Quartett
Aufgenommen im März 2011, erschienen 2012
NAXOS 8.551291
… ohne technischen Firlefanz …

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Eine Zeitreise habe ich förmlich unternommen, als ich Volker Höhs Platte mit deutscher Gitarrenmusik der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufgelegt habe. Da hörte ich eine Musik, die mir unbekannt war und die irgendwie antiquiert wirkte. Allerdings nicht antiquiert, wie es Alte Musik – beispielsweise, sagen wir, aus dem Trecento – gewesen wäre. Nein, diese Musik war einfach altmodisch. Und sie klang anders, als heutzutage Gitarrenmusik meistens klingt. Runder, klarer … leichter, natürlicher. Die CD begann mit der „Konzertanten Spielmusik fis-Moll op. 106“ von Bruno Henze und das Spiel, das mir da entgegenkam, war auf eine ganz feine Art unperfekt. Aber was machte diese Aufnahme so anders?

Der Klang der verwendeten Gitarren war anders. Höh hat ausnahmslos Weißgerber-Gitarren benutzt und die haben, wie das Modell „Große Konzert Solo“ „eine außergewöhnlich tiefe Abstimmung der Grundresonanz […] einen grundtönig singenden Bass, einen klaren silbrigen Diskant sowie Ausgeglichenheit und eine ausgeprägte Trennschärfe“ [Booklet S. 27]. Für ein paar Solostücke hat Volker Höh die Quintbassgitarre eingesetzt „um den wunderbar voluminösen Klang einmal in aller Reinheit zu präsentieren” [S. 9]. Ich hätte ihm auch hier allerdings eine Primgitarre empfohlen, weil mir der große Klang des eine Quinte tiefer gestimmten Instruments zu schwammig vorkommt.

Natürlich war die Musik anders als das, was in der Gitarrenszene gespielt wird. Die Komponisten der Werke dieser CD, Bruno Henze (1900—1978), Heinrich Albert (1870—1950) und Simon Schneider (1886—1971), waren laut Booklet-Text von Rainer Stelle „Gitarre spielende Komponisten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts“ [S. 5] … aber waren es nicht vielleicht doch eher komponierende Gitarristen? Alle Stücke dieser CD sind handwerklich gut gemacht aber  selbst Stelle muss eingestehen: „Was die Kompositionstechnik anbetrifft, ist eine Entwicklung von Albert über Schneider zu Henze nachvollziehbar. Sind bei Albert noch die gitarrentypischen Kompositionsmuster erkennbar, die im Zeitraum Ende des 19. Jahrhunderts bis Anfang 20. Jahrhundert verbreitet waren, klingen bei Schneider schon gemäßigt moderne Klänge an …“ Die Stücke von Simon Schneider sind vielleicht, die von Bruno Henze sicher nach dem Zweiten Weltkrieg, also nach bis deutlich nach 1945, entstanden, was das Urteil „gemäßigt modern“ durchaus in anderes Licht stellt. Das war ncht mehr die Zeit, als sich eine Gitarrenszene formierte, als entschlossene Eroberer mit Instrumenten, die aussahen wie Lauten aber wie Gitarren gespielt wurden, musikalische terra incognita eroberten. Es gab durchaus schon Vorbilder und in Bruno Henzes „Konzertanter Spielmusik“ op. 106 hört man auch deutlich, wie die hießen.

Und gespielt wurde auch anders, nämlich „auf eine ganz feine Art unperfekt”. Oder sollte ich sagen „unprätentiös”? Oder gar „un-manieriert“ … nein, diese Wortkonstruktion klänge zu manieriert! Diese leichte, flüssige Musik wird von Volker Höh ebenso gespielt, ohne technischen Firlefanz, ohne Anstrengung und Leistungsdruck.

Höhepunkte des Programms sind am Schluss die beiden Kammermusikwerke von Bruno Henze und Heinrich Albert, für Terz-, Prim- und Quintbassgitarre das erste und für zwei Terz-, eine Prim- und eine Quintbassgitarre das zweite. Christopher Esch, Stefan Gymsa, Sebastian Schubert, Absolventen der Gitarrenklasse am Landesmusikgymnasium Rheinland-Pfalz spielen zusammen mit dem Leiter der Klasse, Volker Höh. Das Quartett am Schluss ist das älteste Stück des Programms. Es wurde 1913 für das „Münchener Gitarrenquartett” geschrieben und es enthält alles, was Heinrich Albert für die Darstellung seines Ensembles aufbieten konnte. Volker Höh und seinem Ensemble aus Montabaur kann ich nur zu der Aufnahme gratulieren. Sie wirkt klanglich und qualitativ wie aus einem Guss mit den anderen Darbietungen der CD!

Link auf YouTube: 1. Heinrich Albert-Duo spielt Andante Varié aus der Sonate op. 26 von Ludwig van Beethoven, gespielt am29.8.2004 (Upload 28.4.2011; 2. Cantomano spielt Allegro aus dem Quartett Nº 2, c-Moll, Upload am 5.4.2011

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